Viel Glück, Starting6
11. März 2010
Ein Angebot an Christoph Keese
12. März 2010

Wahnsinn und Einfalt beim „Tagesspiegel“

Gestern hatte ich einen diskussionsfreudigen Abend. Der Kölner Bundestagsabgeordnete Martin Dörmann (SPD, auf dem Foto) und der Landtagsparlamentarier Marc Jan Eumann hatten zu einem Gesprächsabend über Internet, Politik und Wirtschaft geladen.

Martin_Doerrmann

(Foto: Mario Sixtus)

Es war eine recht lebhafte Diskussion zu einem breiten Spektrum. Sensationell Neues kam nicht dabei herum, außer der Erkenntnis, dass die Politik langsam aufwacht in Sachen Internet. Zum Holpern und Stolpern in diesem Bereich empfehle ich auch den heutigen Artikel aus Politik Digital.

Neben mir saß ein Vertreter des Zeitungsverleger-Verbandes. Ich hatte mit ihm ein, sagen wir, hartes Gespräch. Es ging um Zeitungen und Blogs und Qualitätsjournalismus. Während er die Lage recht rosig für die Zeitungen sah und gen Blog eine eher negative Meinung hegt, klagte ich über den mangelnde Zeitungsqualität und das fehlende Geschäftsmodell. Einig wurden wir uns nicht.

Wie gerne hätte ich ihm die Geschichte des aktuellen „Merian“ erzählt.

Oder ihm jenen Kommentar aus dem „Tagesspiegel“ gereicht, der ein Musterbeispiel dafür liefert, wie sehr die Grundqualität von Tageszeitungen gesunken ist. Zum Jahrestag von Winnenden konstruiert sich der Leitende Redakteur Meinung des „Tagesspiegels“, Malte Lehming, eine „Killerspiel-Lobby“ – gerade so, als hätten Killerspiel-Hersteller einen glänzenden Leumund in der Öffentlichkeit. Wobei ja hinzugefügt werden muss, dass es in Deutschland ja keine Videospiele zu kaufen gibt. Es gibt nur Killerspiele, vielleicht ist das ein Marktversagen. Oder so.

„Tim war auch ein Fan von interaktiven gewaltlastigen Computerspielen. Dennoch war der erste Reflex nach der Tat: Bloß kein Verbot dieser Spiele!“, steht da. Gerade so, als seien die Heerscharen aufgelaufen, um die deutsche Videospielindustrie (die ja durchaus vorhanden ist und somit ein paar Arbeitsplätze schafft) vor dem wütenden Mob zu retten.

Blicken wir also mal zurück. Mit Hilfe der „Süddeutschen Zeitung“, die eines übermäßigen Hangs zur Killerspiel- oder Internet-Liebe unverdächtig sein dürfte.

In einem ausgewogenen Bericht schrieb sie am 12. März 2009:

„Es werden auch gängige Vorurteile bedient: Freunde hatte er offenbar nur wenige, einige sollen angegeben haben, dass Tim K. sie zu Videoabenden einlud und Horrofilme vorführte. Er soll ein Fan von Rockmusik gewesen sein und auch Videospiele wie „Counter Strike“ gezockt haben. Man gewinnt den Eindruck, dass sich dieses Profil auf viele Amokläufer anwenden lässt: einsam, Computerspieler, Fan von Rockmusik…
Dass Tim K. allerdings Zugang zu einer Waffe und diese offenbar auch seinen Freunden bereits gezeigt hatte, wäre laut (Kriminalpsychologe) Hoffmann eher ein Merkmal, ihn als potentiellen Täter zu identifizieren. Auch das Mobbing der Mitschüler oder eine mögliche Identifizierung mit anderen Amokläufern wären Indikatoren. Das von Hoffmann entwickelte „Dynamische Risiko-Analyse-System“ würde eher nach diesen Dingen fragen als nach dem Konsum von Videospielen.“

Dem „Tagesspiegel“ aber fällt in der Bewältigung der schrecklichen Tat kein Kommentar ein, der Mobbing an Schulen thematisiert oder eine Verschärfung des Waffenrechts. Nein, es sind natürlich Killerspiele, die all das auslösen. Das hat das Niveau von Boulevardjournalismus. Das Stück Platt-Journalismus ist unreflektiert, unkreativ und zeugt von einer eindimensionalen Weltsicht. „Wir sind wahnsinnig vorsichtig, wenn es um unsere Kinder geht“, schreibt Lehming auch – und vielleicht ist er der lebende Beweis dafür. Schließlich könnte man meinen, er halte es für möglich, Winnenden sei ohne das Mobbing der Mitschüler und den lockeren Umgang mit Schusswaffen im Haus des Täters ebenfalls passiert.

Es gab mal eine Zeit, da bezichtigte man die Berliner Lokalzeitung „Tagesspiegel“ der Recherche. Also, so ganz allgemein. Das kann man ihm angesichts solcher Artikel heute wohl nicht mehr vorwerfen.

Teile diesen Beitrag