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Trotz und Abendblatt

Trotizige Kinder können süß sein. Da stehen sie dann, die Arme verschränkt, die Mundwinkel nach unten gezogen und stampfen mit dem Fuß auf. „Nein, nein, nein“, grummeln sie und verkünden dann, was sie nicht wollen. Suppe essen, zum Beispiel, in die Bahn einsteigen oder den Weihnachtsmarkt ohne eine weitere Runde auf dem Karrussel verlassen.

Trotzige Erwachsene können mitleidserregend sein. Da sitzen sie dann, den Geist vor allen Alternativen verschlossen, die Mundwinkel nach unten gezogen und hauen mit der Faust auf den Tisch. „Nein, nein, nein“, brüllen sie und verkünden, was sie nicht wollen. Oft hat das dann mit der Anpassung an eine veränderte Umwelt zu tun.

Solche trotzigen Erwachsenen dürfen wir in diesen Tagen in der Zeitungswelt beobachten.

Zum Beispiel Alfred Neven DuMont. Einen seniorer Herr, der vieles, vieles erreicht hat und vor dessen Lebenswerk man Respekt haben möchte. Wenn, ja wenn, er sich nicht gebärden würde, wie ein trotziger alter Mann. Und trotzige alte Männer sind noch viel, viel trauriger anzuschauen als trotzige Erwachsene.

Allen bitteren Ernstes schrieb DuMont jüngst ein einer Art Tirade in all seinen Blättern:
„Die zum Teil dramatische Zeitungskrise in der westlichen Welt, die vor allem in Amerika wie ein Orkan gewütet hat, wurde hervorgerufen durch die Jugend, die sich der Elektronik zugewandt hat und sich vom gedruckten Wort abwendet.“

Ganz schrecklich. Die Jugend will ihr Wort nicht mehr gedruckt, sie will es elektronisch. Sie will Fortschritt. Schlimm. Fortschritt und Deutschland, das mag für ihn nicht mehr zusammen gehen. DuMont gibt ein jämmerliches Bild ab.

Bald wird vielleicht Claus Strunz, der Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“ in dieses Klagen einstimmen. Die Zeitung hat heute, so wie auch die Axel-Springer-Schwester „Berliner Morgenpost“ Teile ihrer Inhalte kostenpflichtig gemacht. Ohne Ankündigung für den Leser – der muss das halt mal schlucken.

Untermalt wird dies mit einem dumontnesken Text des Strunz-Stellvertreters (Warum schreibt der Chef eigentlich nicht selbst? Oder unterzeichnet zumindest mit?) Matthias Iken. Er enthält die übliche Mythen von der Gratiskultur und der Behauptung, es gebe keine andere Möglichkeit, als zu zahlen.

Viel zu verlieren haben die Blätter erstmal nicht. Man darf davon ausgehen, dass die Anzeigenakquise nicht zu irrwitzig hohen Erträgen in diesem Bereich geführt hat. Und somit gehen die Online-Anzeigeneinnahmen zunächst nur prozentual rasant nach unten. Doch natürlich wird die Maßnahme auch dazu führen, dass sich im Verlag das Gefühl entwickelt, man müsse sich nicht mehr viel Gedanken um Innovationen in der Online-Werbung kümmern.

Noch dazu, da diese Abo-Wand eine für Weicheier ist. Carta zeigt sehr schön, dass jeder die Bezahlung umgehen kann – weil das Abendblatt auf die Leser aus dem Reiche Google nicht verzichten wollte. Ob das „Abendblatt“ sich dem First-Click-free-Programm Googles angeschlossen hat, oder die Seite einfach so programmiert hat, ist egal. Fakt ist: Es zahlen die Dummen und Bequemen – was nicht so bös gemeint ist, wie es klingt. Jeder von uns zahlt für Bequemlichkeiten.

Bemerkenswert aber ist, dass Springer umsetzt, wovor viele warnen: Den alleinigen Zugang über ein Monatsabo. Das wird alle abschrecken, die nur mal eben einen Artikel lesen wollen. Warum kein Micropayment eingesetzt wird, obwohl es schon funktionierende Systeme für Zeitungen gibt – unklar, wie Turi2 gern schreibt.

Zunächst können wir uns aber sicher auf Jubelmeldungen einstellen. „Online-Abo ein voller Erfolg“ wird das Abendblatt bald schreiben ohne genaue Zahlen zu nennen. So ist das halt in der Verlagswelt. Und tatsächlich werden die Zahlungsbereitesten natürlich ein Abo abschließen. Und dann, nach einigen Wochen, wird niemand mehr hinzukommen.

So ähnlich verhält es sich mit einem anderen Paid-Content-Versuch des Mutterhauses: den Iphone-Apps.

Die dominieren derzeit die Itunes-Hitlisten. Und prompt feierte man sich selbst. Das Dumme nur: Die Nutzer sehen das anders.

Wer heute in den Itunes-Store schaut, entdeckt bei der „Welt“-App eine Bewertung von 2,5 der 5 möglichen Sterne – mau. Die Kritik der Nutzer zieht vor allem das Abo-Modell an, das nach Meinung vieler nicht explizit ausgewiesen ist. In der Tat ist es fragwürdig, eine solche App zunächst zu verkaufen – um nach einem Monat nochmal Geld zu verlangen. Geschickter wäre es, sie zunächst kostenlos zu halten und dann auf Abo umzustellen – und dieses Vorgehen zuvor natürlich zu kommunizieren.

Erst recht wäre es wünschenswert, wenn eine solche App so unendlich langsam und fehlerbehaftet ist wie die der „Welt“.

Sie ist wirklich optisch schön und hat einige tolle Ideen. Zum Beispiel einen Wecker, der mit jedem beliebigem Song weckt. Oder eine Weltkarte, auf der die Nachrichten verortet sind. Doch stürzt die Anwendung häufig ab. Und die Push-Nachrichten – also Schlagzeilen, die auf die Startseite des Iphone gesendet werden, unabhängig davon, ob die Anwendung läuft, oder nicht – kommen mal gar nicht, dann wieder viermal hintereinander.

Ich möchte behaupten: Diese Anwendung ist nicht vollständig marktreif. Aber sie hat eben Symbolcharakter. Denn wenn schon die erste Anwendung dieser Art nicht begeistert – werden die Kunden eine zweite kaufen?

Stefan Niggemeier hat das Traktat von „Abendblatt“-Vize Iken sehr hübsch auseinandergenommen. Und was in diesem Blog-Eintrag am Ende steht, das gilt irgendwie für alle Springer-Paid-Content-Aktivitäten. Zur Frage, ob den Lesern guter Journalismus nicht ein paar Cent am Tag wert sein sollten, schreibt er:

„Iken fragt:

Ist es zu viel verlangt, in Zeiten, wo aufgeschäumter Kaffee im Pappbecher drei Euro kostet oder das Telefonvoting für sinnbefreite Casting-Shows mindestens 50 Cent, für das Produkt Qualitätsjournalismus knapp 30 Cent am Tag zu bezahlen?

Was er offensichtlich nicht verstanden hat: Die Antwort auf diese Frage gibt nicht er. Die Antwort geben die Menschen, denen vielleicht tatsächlich der „Kaffee im Pappbecher” drei Euro wert ist, aber der Artikel aus dem „Abendblatt”, und sei er noch so aufwendig recherchiert, keine drei Cent. Weil sie der Kaffee glücklich macht, und sie sich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Vize-Chefredakteur bei Springer erzählen lassen wollen, ob die Casting-Show, bei der sie mitfiebern und mitwählen, „sinnbefreit” ist.

Die einzige Chance, die der Journalismus hat, liegt darin, den Menschen etwas anzubieten, das sie lesen wollen. Das einen Wert hat für sie, weil sie sich gut informiert fühlen oder gut unterhalten oder beides. Das sie so gut und so wichtig finden, dass sie darauf nicht verzichten wollen und bereit sind, dafür etwas zu geben: Zu allererst ihre Zeit. Das ist der eigentliche Tausch, der da stattfindet: Leser belohnen Medien dadurch, dass sie ihnen Aufmerksamkeit schenken, ein rares Gut. Und vielleicht geben sie sogar Geld. Aber dazu lassen sie sich nur überzeugen durch ein Angebot, das ihnen Geld Wert ist — und vermutlich nicht durch das Gefühl, dass so Journalismus ja theoretisch wichtig ist und jemand dafür zahlen sollte. Und ganz sicher nicht durch einen Verkäufer, der ihnen Vorwürfe macht, dass sie ihr Geld für sinnlose Sachen wie „Kaffee in Pappbechern” ausgeben.“

Ach, wären die stellvertretenden Chefredakteure und Chefredakteure und Geschäftsführer und Verleger wenigstens richtige Verkäufer. Würden sie mit Begeisterung für ihr Produkt werben, man nähme ihnen vielleicht ein wenig was ab, weil man ihr Engagement belohnen will, selbst wenn es sich um Waren dreht, die man eigentlich nicht braucht.

So aber sitzen sie da wie trotzige Erwachsene und behaupten, die Welt habe so zu sein, weil sie diese so haben wollen.

Und so etwas ist mitleidserregend.

Im besten Fall.

Im schlimmeren ist es abstoßend.

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