Dieser Tage, da der Westen stirbt

by Thomas Knüwer on 11. Dezember 2009

Am Dienstag Nachmittag starb eine Unternehmenskultur. Die in der Redaktion von Der Westen, dem Online-Auftritte der Waz-Mediengruppe. Lang gezogen ist der Newsroom, davon abgehen zwei Büros mit Glaskästen – es sind die von Chefredakteurin/Geschäftsführerin Katharina Borchert und Co-Geschäftsführer Arndt Salzburg. Immer waren diese Räume einsehbar, galten die Vorgesetzten als unkompliziert ansprechbar  – bis zum Dienstag. Da verstellte Salzburg die Sicht mit Whiteboards, verhängte den Blick in sein Reich.

Kurz darauf kamen die Vertreter der Unternehmensberatung Schickler.

So zumindest erzählen es Beobachter. Was die Schickler-Leute zu erläutern hatten, ist nicht bekannt. Doch scheint es ein offenes Geheimnis, dass jenes mit viel Schwung und großen Worten begonnene Projekt Der Westen vor dunklen Zeiten steht. Davon zeugt auch, dass nun einer Chefredakteur wird, der in Sachen Online so viel Kompetenz hat wie Rot-Weiß Essen liquide Mittel: “Waz”-Print-Chefredakteur Ulrich Reitz.

Seine Haltung zu digitalen Kommunikationsmethoden, erzählen Menschen, die dabei waren, habe er im Frühjahr bei einer WDR-Party bekundet. Dort habe er sinngemäß gesagt, es sei für ihn ein Statussymbol, auf seinem Smartphone keine E-Mails empfangen zu können – die lasse er von seinem Vorzimmer ausdrucken.

Dass Reitz die Online-Redaktion übernimmt hatte schon so mancher befürchtet, nachdem jüngst auf einer Betriebsversammlung die Frage nach der Nachfolge Borcherts laut Teilnehmern so beantwortet wurde: Auf absehbare Zeit gebe es niemand, erst müsse die Waz New Media (jene Gesellschaft, die das Dach des Westens bildet) neu am Markt positioniert werden. So mancher tippt auf einen Kahlschlag: Die New Media solle wieder auf ein Winzmaß zurückgefahren werden.

Der Grund dürfte auch klar sein: Die Verluste sind zu hoch. “Betriebswirtschaftliche Zahlen des Westens veröffentlichen und kommentieren wir nicht, da bitte ich um Verständnis. Wir betrachten den Westen als Investment und sehen die aufgelaufenen Verluste als zu hoch”, beschreibt es Konzernsprecher Paul Binder. Jüngst, berichten andere Angestellte aus Essen, soll Reitz im mittelgroßen Kreis von sieben Millionen Euro Verlust in diesem Jahr gesprochen haben. Es ist wohl eine Petitesse, dass es immer wieder Streit gab, ob der Westen die nach Meinung vieler überteuerte IT des Konzern nutzen müsse. So sollen die Kosten für Datenspeicherung und -durchleitung weit über den Marktpreisen liegen, sagen Mitarbeiter. Diese Situation treibt viele Online-Redaktionen um: Profit Center is killiing online journalism (dazu hatte ich vor kurzem etwas geschrieben).

Die Personalie Reitz wird die “Waz” heute wohl lancieren. Es ist ein Horrorszenario für die Westen-Redaktion. Schon kürzlich, berichten Mitarbeiter die dabei waren, hat Reitz in einer Redaktionskonferenz verkündet, Online-Videos hätten keine Zukunft. Konzernsprecher Paul Binder sagt dagegen auf Anfrage: “Der Bereich Bewegtbild ist für uns ein wesentlicher Teil der Zukunft des Westens.”

Man beachte: “Bewegtbild”. Denn was die “Waz” künftig machen wird ist Fernsehen. Lokalfernsehen.

Gemeinsam mit anderen Verlagen, darunter gerüchteweise Aschendorff aus Münster (“Westfälische Nachrichten”) und die “Rheinische Post”, wird die “Waz” die Herrschaft über TV NRW übernehmen. So sagen es unternehmensnahe Quellen. Das könnte auch noch eine politische Dimension bekommen. Denn jüngst erst änderte das Land Nordrhein-Westfalen sein Medienfusionsrecht: Künftig können Zeitungsverlage private Fernsehsender komplett übernehmen. Derzeit gehören dem Waz-Konzern 24,9 Prozent an NRW TV, wenn ich das recht sehe. Käme es zu einer Gesellschafteränderung so müsste man sagen: Der Landtag NRW ist willfähriger Lakai der Zeitungskonzerne.

Jeden Morgen soll es bald eine Live-Schaltung in den Newsroom der Objekte geben, wo möglichst hochrangige Journalisten die örtliche Nachrichtenlage einordnen. Binder dementiert das nicht – im Gegenteil: “Live-Schaltungen der WAZ auf NRW.TV halten wir für eine gute Idee.” Zur Frage, ob eine entsprechende Datenleitung, die mehrere tausend Euro im Monat an Miete kosten würde, bereits gelegt wird, nahm er keine Stellung.

Wenn gleich mehrere Verlage an Bord sind, ist dies als Frontalangriff auf den WDR zu werten. Und auf Center TV, den angeblich profitablen Billig-TV-Anbieter. Nur: Der arbeitet tatsächlich billig, mit wenig teuren Live-Übertragungen und ohne TV-Teams. Die “Waz” jedoch will allen Ernstes Zwei-Mann-Reporter-Teams losschicken, sagen Eingeweihte. Binder bestätigt, dass eine eigene TV-Redaktion aufgebaut wird: “Ja, die Bewerbungsgespräche laufen bereits.”

Eine teure TV-Redaktion. An Geld also scheint es derzeit in der grauen Zentrale mit der skurrilen Kantine nicht zu mangeln. Das betrifft auch die üppige Bezahlung von Beratern. Die von Schickler, so berichten es Konkurrenten, würden schon mit Tagessätzen honoriert, die McKinsey neidisch machten. Nun aber ist noch jemand im Spiel: die Boston Consulting Group (BCG).

“Wir haben mit der Boston Consulting Group einen Strategiedialog über unsere eigene Zukunft und die Zukunft der Medien begonnen”, erklärt Binder in einer E-Mail. Zwei Strategieberatungen? Das ist teuer. Und selten produktiv. Noch dazu da, Wazler berichten, auch die BCG solle das gesamte Unternehmen – inklusive Waz New Media – durchforsten. So ähnlich soll der Auftrag an Schickler einst auch gelautet haben.

Das Auftauchen der Flanelltuchträger steigert nur die Frustration der Mitarbeiter. Die Print-Redaktion, heißt es bei Mitgliedern derselben, flucht jeden Tag über die Bürokratie. So müssten Redakteure, die einen Termin haben, diesen zunächst in eine Excel-Tabelle für den Regio-Desk eintragen, dann in eine Tabelle für den Zentral-Desk, dann in eine für den Westen und schließlich müssten sie sich einen Fotografen organisieren. Als Berater sag ich mal: Das ließe sich auch effizienter organisieren. Der Konzern selbst mag dazu keine Stellung nehmen.

Auch der geplante Relaunch des Westens scheint nicht glatt zu laufen. So berichten Mitarbeiter von reichlich Streitereien mit der Technik. Ruhiger oder gar angenehmer wird es nun kaum werden. Während die Westler heute erfahren, dass künftig Ulrich Reitz ihr Vorgesetzter sein wird, lässt sich dieser wohl erst am Montag blicken. So vermuten es unternehmensnahe Kreise. Er wolle ganz bewusst ohne seine Vorgängerin Borchert auftreten.

Vielleicht bringt er ja Ergebnisse einer der beiden Unternehmensberatungen mit. Er hat ja die Auswahl.

Nachtrag: Der Westen hat via Twitter die Reitz-Chefsache bestätigt.

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