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Weil der Journalist sich ändern muss

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Krisen sind keine schöne Sache. Doch sie sind auch ein Moment der Besinnung. Eine Chance zu hinterfragen, warum es so weit gekommen ist. Das gilt auch für die Medien – und gerade für uns Journalisten. Erst jetzt – und damit viel zu spät – wacht mancher Berufsstandskollege auf und wundert sich ob des Sturms, der ihn umtost.

Da gibt es jene, die versuchen, sich neu zu orientieren. Und andere, die sich weiterhin beständig dem Sturm entgegenstellen. Letztere sind die, die scheitern werden. Denn die Welt dreht sich nun mal weiter und Fortschritt ließ sich immer nur temporär aufhalten. Meist waren selbst dafür Mittel nötig, die das Zerschlagen von Körperteilen oder ähnlich unappetitliche Handlungen beinhalteten – und somit in der westlichen Welt nur noch gedämpfte Popularität genießen.

Die Haltung vieler Journalisten hat Harald Staun in einem sehr lesenswerten Stück in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beschrieben:
„Die Erkenntnis, dass die Zukunft des Journalismus im Internet liegt, ist nicht besonders originell, und trotzdem finden sich noch immer Kollegen, die all jene für Ketzer halten, die sich auf diese Zukunft einstellen – als handle es sich um eine Frage des persönlichen Geschmacks.“

Seine Kollegen demonstrierten ihre Internet-Kompetenz leider damit, dass sie das Stück online nicht freischalteten, obwohl es dort sicherlich ordentlich diskutiert werden würde.

***Nachtrag: Das stimmt nicht, der Artikel ist hier online. Nur die Suche von FAZ.net endet auf einem kostenpflichtigen Artikel.***

„Ich habe ja nichts dagegen, für online zuschreiben“, sagt denn mancher Kollege. Allein: Unserem Beruf wird künftig mehr abgefordert, als die alte Tätigkeit einfach in ein anderes Redaktionssystem zu verlagern. Wer heute Journalist ist – und nicht gerade in baldiger Zeit gen Rente manövriert – steht vor der größten Herausforderung, die unser Beruf vielleicht jemals gesehen hat. Früher war alles ganz einfach. Der Journalist an sich hatte einen begrenzten Kanon an Quellen, aus denen er schöpfte. Selbst das Feld jener, zu denen er noch keinen Kontakt hatte, die aber interessant zu sein schienen, war überschaubar.

Ebenso klar abgesteckt waren die Zeiten und Orte in denen seine journalistischen Werke veröffentlicht wurden. Und abgesehen von den wichtigsten Meldungen gab es auch ein gewisses Laissez-faire in Sachen Aktualität: „Das nehmen wir dann morgen mit“, war ein üblicher Satz in den Redaktionen, die damals noch mit dem Anhang „Stuben“ versehen wurden.

Das war 1995, als ich beim Handelsblatt anfing, noch so ungefähr das Weltbild. Und das ist nicht böse gemeint: Es war überall so und es war gut. Damals interessierten Indien und China eher am Rande, BRIC war noch das falsch geschriebene, englische Wort für Ziegel – und Anglizismen waren grundsätzlich zu vermeiden.

Es ist verständlich, dass sich mancher Kollege entwurzelt fühlt in diesen Tagen. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es damals war. Und nicht mal dem eigenen Arbeitgeber scheint man vertrauen zu können, brachiales Vorgehen des Managements gegenüber Redaktionen sind nicht Ausnahme, sondern Regel geworden. Und um es klar zu sagen: So springt man nicht mit Menschen um.

Doch es ist auch absehbar: Mit der bisherigen Arbeitsweise kommen wir Journalisten nicht weiter. Die Welt hat sich geändert – und wir uns nicht genügend mit. An anderer Stelle habe ich schon einmal geschrieben: Wären wir Besitzer einer Autowerkstatt und käme ein neues Modell auf unseren Hof gerollt zur ersten Inspektion, wir würden antworten: „Nääää, dat iss ja der neue… Dat kann ich nich. Da müsst ich ja lernen, wie der funktioniert. Dat könnse nit von mir erwarten, isch bin schon viazich!“

Da ist zum einen das Thema Personalisierung. Wir selbst haben die Menschen daran gewöhnt, andere Menschen interessant zu finden und ihnen zu vertrauen. Eine alte Journalistenweisheit lautet: „Nichts interessiert den Menschen mehr als Menschen.“

Doch erst in den vergangenen zehn Jahren haben wir dies mit Vehemenz umgesetzt. Personalisierung siegte, egal in welchem Bereich. Stars und Sternchen wurden ebenso portraitiert, wie Manager und Sportler. Als wir gemerkt haben, dass der Kreis der Interessanten zu eng wurde, schwenkten wir um auf „normale“ Menschen. So entstanden Karriere-Geschichten von Mittzwanzigern und Reality-TV-Shows, in denen scheinbar jeder zum Pop-Star, Model oder Sterne-Koch werden kann. Jeder Artikel, jeder TV-Beitrag strotzt nur so vor Humankapital, ganze Radiosender bestehen nur noch aus Musik, unterbrochen von Straßenbefragungen.

Nur einer hat sich nicht personalisiert. Der Journalist. Abgesehen von jenen, die vor der Kamera stehen oder vor einem Mikro sitzen – die exponieren sich zwangsweise. Der Rest hält sich zurück. Vor allem im Print-Bereich. Das Abbild des eigenen Gesichtes in der Zeitung gilt als eitles Pfui-Bah, als Nachvornedrängen von Selbstdarstellern.

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“, ist eine alte Volksweisheit. In der Medienwelt findet sie nicht nur aus Ego-Marketing-Gründen neue Anwendung. Denn wenn wir all das glauben, was wir den Menschen in den vergangenen zehn Jahren erzählt haben, warum sollten sie den anonymen und sich ständig wandelnden Medienmarken Glauben schenken – wenn sie überall sonst doch Menschen vertrauen sollen?

Und noch etwas müssen wir erkennen. Wir haben das gleiche Problem wie die meisten Lehrer in diesen Tagen. Am Sonntag erzählte der 12-jährige Sohn eines Freundes, wie er auf die Drohung eines Lehrers mit Zwangsmaßnahmen reagiert: „Ich hab ein Gesetz ausgedruckt und ihm gesagt, dass er das gar nicht darf.“ Vielleicht war meine münsterländliche Jugend ja ein wenig anders: Aber wir hätten das mit 12 weder gewagt noch gekonnt noch gewusst, wo wie solch ein Gesetz finden.

Lehrer leiden massiv darunter, dass ihre Schüler sie nicht mehr ernst nehmen. Weil sie in wichtigen Teilbereichen des Lebens ihrer Schutzbefohlenen gar nicht wissen, was die dort tun. Es geht hier nicht mehr – wie in alle den Jahrzehnten zuvor – um Geschmacksfragen oder Jugend-Slang, sondern um Wissen und Kommunikationstechniken. Die meisten Schüler haben das Gefühl, ihren Lehrern weit überlegen zu sein. Und manchmal ist das nicht ganz falsch. Wer aber andere Menschen führen will, der muss ihnen voraus sein. Ansonsten bleiben ihm nur die Androhung von Zwangsmaßnahmen.

Genauso wie Lehrer sollen auch Journalisten den Menschen die Welt einordnen, ihnen erzählen warum was passiert. Doch jemand, der das Leben erklären will, der muss im Leben stehen. Und das tun viele Journalisten nicht mehr.

Sie weigern sich mit verwunderlicher Vehemenz, überhaupt nur einen Blick zu werfen in die neuen Wege der Kommunikation. Sie melden sich nicht mal unter falschem Namen bei StudiVZ, Facebook, Myspace oder Twitter an. Natürlich kann man der Meinung sein, all diese Dienste seien nur vorübergehende Mode. Doch selbst dann gehört es doch zu den journalistischen Pflichten, sich anzuschauen, was den Zeitgeist gerade umtreibt. Behauptet nicht jede Journalistenschule, „Neugier“ sei eine Berufstugend?

Natürlich sind all die Online-Angebote mehr als nur ein zeitlicher Trend. Vielleicht werden Facebook & Co. in ein paar Jahren abgelöst durch andere Dienste. Doch die Verschiebung in der Kommunikation wird bleiben. Und damit stehen viele Journalisten vor ihren möglichen Lesern wie Menschen, die sich nach Erfindung des Telefons weigern, dieses zu benutzen, weil es das Leben so hektisch mache – Briefe würden auch reichen.

In diesen Tagen, Wochen, Monaten aber beginnen junge Menschen ihre berufliche Karriere, die so selbstverständlich über Social Networks, Blogs und Kurznachrichtendienste kommunizieren wie unsereins einst mit dem Telefon. Wie sollen wir ihnen die Welt einordnen, wenn wir uns in einer ganz anderen Galaxie bewegen?

Noch dazu brauchen wir ihre Hilfe. Denn wie sollten immer kleiner werdende Redaktionen eine immer komplizierter werdende Welt einordnen – noch dazu immer schneller? Wir Journalisten müssen erkennen: Jeder Mensch ist Experte in irgendetwas. Gelingt es uns, gemeinsam mit diesen Experten zu recherchieren, wird unsere Arbeit besser werden, als je zuvor. Nur: Dafür müssen wir deren Kommunikationswege nutzen.

Und: Mit jedem Tag wird diese Schere zwischen der Welt für den Großteil der Menschen und jener, in der Journalisten leben größer. Der journalistische Nachwuchs – und das ist eine erschreckende Erkenntnis – schließt sie nicht. Gerade bei jüngeren Kollegen ist die Abwehrhaltung gegenüber einer neuen Arbeitsweise besonders drastisch. Fast scheint es, sie hätten ein nostalgisches Heldenbild des Journalismus vor Augen, als sei ihr Traum, einmal mit einer Meldung in die Druckerei zu stürzen um persönlich mit der Hand die Druckpresse anzuhalten.

Und so sind viele Berufsstandskollegen, egal welchen Alters, wie Satelliten, die sich aus dem Orbit entfernen, die Welt auf ihren Bildern wird immer kleiner, ihr Signal schwächer – bis es verstummt.

Stirbt damit der Journalismus? Nein. Aber er wird zur Billigware. Die großen Medienhäuser werden ihre Angebote zusammenlegen und runterschrumpfen bis sie ein Niveau erreicht haben, das sich noch irgendwie über Werbung finanzieren lässt. Denn bezahlen mag ja heute schon kaum jemand für die Inhalte.

Diese neuen Redaktionen werden aufklauben, was ihnen die Nachrichtenagenturen liefern und es so zurechtstutzen, dass es in den gering bemessenen Redaktionsplatz neben Anzeigen und Werbespots passt. Uniformität siegt. Für ihre Leser, Zuschauer, Zuhörer werden diese Dienste die Informationsgrundversorgung bilden. Und den Rest? Den werden sich sich bei den wenigen Spezialisten holen, die sich als hochspezialisierte Kleinsteinheiten wunderbar ernähren können, zu finden sein werden sie vor allem im Internet. Allein: Es werden nicht viele sein.

Dieses Ineinanderfallen der medialen Meinungsvielfalt ist weder wünschenswert noch zuträglich für die Gesellschaft. Doch es droht traurige Realität zu werden. Wollen wir es verhindern, reicht es nicht, allein die Schuld auf Verlagsmanager, Werbekunden und das böse Internet zu schieben. Wir Journalisten haben uns nicht mal ansatzweise ausreichend an die neue Zeit angepasst. Soll unser Berufsstand weiterhin eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen, müssen viele, viele Kollegen eine geistige 180-Grad-Wende vollführend. Leicht wird das nicht. Und die Hoffnung, dass dies tatsächlich passiert ist leider gering.

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