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Jean-Remy von Matt kollerkommuniziert

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Tiiiiieeeef einatmen… Ccchhhhhhh… Tieeeef ausatmen… Puuuhhhhh…. Und jetzt, lieber Jean-Remy von Matt, überlegen wir nochmal gemeinsam, ob es eine so gute Idee war, die eigene Wut und Enttäuschung über E-Mail zu kommunizieren. Ich möchte ein Wort für mich schützen lassen:

Kollerkommunikation, die; Zwang, seine Meinung öffentlich kundzutun mit der absehbaren Folge der eigenen Bloßstellung in der Öffentlichkeit; ausgelöst durch Frustration, Ärger oder/und Wut über eine Person, die eine andere Meinung äußert als der Kollerkommunizierende; K-K tritt in vielen Formen auf, besonders verbreitet ist sie mündlich und schriftlich.

Gesten schrieb ich bereits über diese derzeit sehr häufig auftretende Geistesverwirrung. Nun kollerkommuniziert auch Star-Werber Jean-Remy von Matt (gefunden bei Wirres.net), berichtet Jens Scholz in seinem Weblog. Thema im wöchentlichen internen Agentur-Newsletter von Jung von Matt ist die von seiner Agentur mitentworfende Kampagne „Du bist Deutschland“, die zumindest einen Erfolg erzielt hat: Sie ist im Gespräch.

Von Matt schreibt:

„Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man sich für ein Geschenk bedankt, selbst wenn man damit nichts anfangen kann. Wie Recht sie hatte, ist mir gerade wieder klar geworden.
Vor zwei Wochen startete „Du bist Deutschland“, die größte gemeinnützige Kampagne aller Zeiten und ein riesiges Geschenk.“

Eidududu, Du böser Deutscher. Freust Dich nicht über die schöne Werbung. Da hat er aber auch Recht, der Jean-Remy. Also: Danke, liebe Du-bist-Deutschland-Erdenker, danke, liebe Persil-Werber, danke, liebe Ferrero-Marketer, dank, liebe Mercedes-Filmer…

„Die großen Verlage haben Zeit und Raum im Wert von 35 Millionen Euro geschenkt. 30 Promis der ersten Liga haben Zeit und ihr Gesicht geschenkt. Wir und kempertrautmann haben Zeit und Herzblut geschenkt.“

Kann ich das auch direkt bekommen? Ohne Werbung? Dann bitte eine Stunde mit Herrn von Matt und einen Liter seines Blutes. Letzteres versteigere ich bei Ebay.

„Das Ziel: Die Miesepetrigkeit bekämpfen.

Der Dank: Miesepetrigkeit.“

Mmmh… Jetzt könnte man natürlich auf die Idee kommen, dass die Kampagne vielleicht einfach nicht funktioniert. Sie also, ja, jetzt nicht direkt schlecht ist, oder so, aber doch vielleicht, eben, nicht so richtig gelungen eben. Aber das kann natürlich nicht sein bei einem Cocktails aus Jung von Matt, kempertrautmann (die sind so bescheiden, die wollen gar keine Großbuchstaben), Herzblut und Zeit.

„Glücklicherweise nur von den Gruppen, von denen man nichts besseres erwarten konnte:“

Jetzt, genau jetzt, wäre beim Schreiben der Zeitpunkt innezuhalten. Und die Mail zu löschen. Denn: Wenn nichts anderes zu erwarten war – warum dann noch einen Gedanken daran verschwenden?

„1. Von den Werbekollegen, die sich in den Branchenblättern eifrig zu Wort meldeten. Viele von ihnen finden die Kampagne nutzlos, „weil Werbung doch nicht das gegeignete Mittel sein kann, eine Nation wirtschaftlich wieder nach vorn zu bringen“. Nicht gut, wenn unsere Branche selber nicht mehr an die Kraft von Kommunikation glaubt.“

Eben, die Kraft der Kommunikation. OK, leider nicht stark genug, um die Meinung derer zu wenden, von denen nichts anderes als Miesepetrigkeit zu erwarten ist – aber doch schon ganz schön stark, diese Kommunikationskraft.

„2. Von den Weblogs, den Klowänden des Internets. (Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?…“

Die Meinungsfreiheit. Ist aber überkommen. Können wir abschaffen. Ist ja nicht Deutschland, die Meinungsfreiheit.

„…Und die meisten Blogger sondern einfach nur ab. Dieser neue Tiefststand der Meinungsbildung wird deutlich, wenn man unter www.technorati.com eingibt: Du bist Deutschland.)“

Machen wir das doch mal. Und wir stellen fest: Es gibt viele Einträge, und bei weitem nicht alle haben etwas mit der Kampagne zu tun. Einige sind böse, andere platt, die nächsten lesenswert geschrieben. Und dann gibt es noch Verweise auf die Trittbrettfahrerei der IG Metall, diesen Miesepetern. Ist aber auch wirklich nicht Deutschland, einfach hinzugehen und böse Texte zu schreiben. Hat Goethe das etwa gemacht? Oder von Matt? Eben.

„3. Von den intellektuellen Journalisten von FAZ bis TAZ, die ihre Meinung zwar insofern gefragt absondern als sie eine nachweisbare Leserschaft haben, aber: „Den Höhepunkt an Zynismus gewinnt die Kampagne aber in dem Fernsehspot, der Schwule und Behinderte auf dem Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals versammelt“ (Die Zeit).“

Pressefreiheit. Auch das ist nicht Deutschland. Abschaffen. Zusammen mit der Meinungsfreihet. Ein Abwasch, so was ist echtes Marketing… äh, Polit-Controlling.

„Blöd, wenn man soviel Kopf hat, dass einem jedes Bauchgefühl verloren gegangen ist.“

Oder wenn das Bauchgefühl den Kopf ausschaltet.

„Übrigens: Sebastian Turner findet die Kampagne einfach nur falsch.“

Noch so ein Meinungsfreiheitsfetischist. Einsperren. Nicht Deutschland, der Typ.

„Falsch, was ist das?“

Das Gegenteil von richtig. Logik und so. Aber die ist auch nicht Deutschland. Nobel-Preise kriegen wir schließlich für Spieltheorie. Und ist Spielen logisch? Eben.

„Auch nach dem 50. Mal gucken, bin ich von dem TV-Spot immer noch berührt bis ergriffen – obwohl ich nicht einmal Deutschland bin.“

Schön, dass er Gefühle zeigen kann, so ist er der moderne Mann. Aber warum ist Jean-Remy von Matt nicht Deutschland? Nur, weil er Schweizer ist? Die Kampagne richtet sich doch wohl an alle in Deutschland Lebenden – und nicht nur an die Besitzer eines deutschen Passes, oder? Ist der Mit-Erfinder dieser Kampagne, jedes Mal wenn er freiwillig oder unfreiwillig eines der Plakate, einen Spot, oder eine Anzeige sieht, also der lebende Beweis des Streuverlustes?

„Kann das falsch sein?
Euer Jean-Remy“

Ja. Wenn man es per E-Mail hinausposaunt.

PS: Mal eine Frage. Sollten sich Werber nicht freuen, wenn eine Kampagne so viel kreative Energie in so kurzer freisetzt?

Nachtrag: Beim Versuch herauszufinden, ob der Text authentisch ist, verweist JvM erstmal an Fischer-Appelt, die PR-Agentur von „Du bist Deutschland“. Auf meine Zweifel, ob ein Dienstleister die Echtheit eines internen Newsletters bestätigen kann, heißt es: „Die wissen sicher schon, dass da was im Internet steht.“ Der zuständige Ansprechpartner meldet sich um kurz nach 14 Uhr und bestätigt, dass der Text authentisch ist.

Nachtrag vom 23.1.06: Von Matt hat sich entkollert…

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