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„MS 2000“ lautete ein jährlicher Höhepunkte meines Lebens als Kind im westfälischen Örtchen Senden. So hieß die „Verbraucherausstellung“, die, wenn ich es recht entsinne, jeden Herbst in der Halle Münsterland stattfand.

2000, da waberte in der Ländlichkeit der 70er ein Hauch Futurismus durch die Luft, das hatte was von Jetsons und „Mondbasis Alpha 1“, jener von mir geliebten Science-Fiction-Serie, deren Handlung im Jahr 1999 ihren Lauf nahm.

Ganz so zukünftig ging es nicht zu in der Halle, in der ansonsten Reitturniere, Viehauktionen, Konzerte und die Landjugendparty „Bullys Supersause“ abgehalten wurden. Da gab es Probierstände von Lebensmittelherstellern, Autohändler präsentierten neue Modelle, Verbände und Gewerkschaften warben für ihre Sache. Es gibt ein Foto von mir, mit einem Babylöwen im Arm, für das meine Mutter viel Geld zahlte und natürlich war dies Tierquälerei. Und hier sehen Sie mich auf einem Polizeimotorrad bei einem Stand, den man heute dem „Employer Branding“ zurechnen würde, der mich aber nicht von einer entsprechenden Karriere überzeugen konnte.

Vor allem aber gab es fliegende Händler mit teils obskuren Produkten. Eines davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: eine Gemüsereibe.

Der zugehörige Verkäufer hatte seinen Stand in eine aus Gemüsescheiben bestehende Landschaft verwandelt, dahinter er mit einem Mikro. Begeistert berichtete er, wie seine Reibe das hausfräuliche Kochhandwerk verändere, irgendwann strich er Gurken mit einer solchen Vehemenz über die im 90-Grad-Winkel noch oben gehaltene Reibe, dass gescheibtes Gemüse in hohem Bogen auf die Auslage flog und den Paradiesgarten um eine neue Schicht erhöhte. Dieses Ensemble aus Mensch, Gemüse und Maschine sollte unerschütterliche Kompetenz ausstrahlen, niemals, so dachte man, würde jemand unanstrengender Salatbestandteile filettieren, als er, jetzt, hier, auf der „MS2000“.

Genau so, wie jener Gemüsereibenstand arbeitet heute die chinesische Wirtschaft.

Von außen betrachtet sieht sie aus wie ein im Stundentakt Innovationen ausstoßendes Technikparadies. Hier tanzen Roboter zur Erbauung des Volkes, dort liefern Drohnen das Mittagessen aus, bestellt über eine Super-App während einer fahrerlosen Taxitour im E-Auto einer lokalen Marke.

Doch es gibt nicht nur die Anmutigkeit der Gemüselandschaft, es gibt auch die Gurkenhobelbediener.  Nur, dass sie statt eines Mikros um den Hals LinkedIn haben. Bezahlt werden manche von ihnen auch nicht von den Hobelkaufenden, sondern vom chinesischen Staat. Ihr Ziel ist aber decklungsgleich mit jenen der fliegenden Händler: Kompetenzvortäuschung. Auf keinen Fall, so soll man denken, kann westliche Technik das Leben so schön machen, wie jene aus dem Reich der Mitte. Und wer da nicht mitspielt, wer den Hobel nicht in seiner Heimstatt willkommen heißt, der bleibt zurück im Staub der Geschichte.

Bei der „MS2000“ fragte meine Mutter nicht, ob der Hobel auch am zweiten Tag noch so gut hobeln würde, wie am ersten (natürlich wählte der Verkäufer an jedem Morgen ein frisches Gerät) oder ob sie als ungelernte Gelegenheitshoblerin zu solcher Eleganz gelangen könne.

Und genauso stellen sehr viele Menschen derzeit sehr wenig Fragen, wenn es um Technologie aus China geht.

Weshalb sie, wie meine Mutter in der Halle Münsterland dem Hobelverkäufer, nepperschlepperbauernfängerischen Versprechungen aus China erliegen.

Gurkenhobelverkäufer aus dem Reich der Mitte

Dieser Artikel wird lang und deshalb erlauben Sie mir jetzt schon einen Einschub, denn viele Menschen sind heute überfordert mit Texten, die das Volumen einer Spiegel-Eil-Meldung überschreiten. Also:

Im Folgenden werde ich nicht behaupten, dass China nicht innovativ wäre. Ich werde auch nicht sagen,  dass die chinesischen Tech-Anbieter nicht in gewissen Feldern führend seien. Aber: Sie sind nicht uneinholbar weit weg, manchmal sind sie auf Augenhöhe, oft sogar hinter der westlichen Welt zurück. Und vor allem ist das Meiste, was in China passiert, erkauft mit Schulden der öffentlichen Hand und nicht nachhaltig finanzierbar.

Diese Dellen in der grandiosen China-Story werden selten erzählt, gerade deutsche Medien tuten ins Hype-Horn aus Asien. Und so verfallen selbst kluge und vorausschauende Menschen in Panik.

Ein Beispiel: Kürzlich geriet ich eine Debatte mit einem von mir hoch geschätzten Buchautor und Vortragsreisenden, dessen Name ich lieber verschweigen möchte. Ich mag viele seiner Bücher, ich liebe seine Vorträge. Jene Diskussion begann mit einem Posting des B2B-Sales-Experten Matthias Hartmann. Er berichtete von einem Deal im Bereich teilhumanoider Roboter, bei dem die deutschen Konzerne Schaeffler und Bosch mit einem britischen Startup kooperieren:

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Jener Autor warf ein, das China doch so viel weiter sei. 100.000 humanoide Roboter würde das Land in diesem Jahr bauen.

Quelle? Diese hier. 

Das 100.000er-Versprechen machte Gan Xiaobin, der stellvertretende Direktor der Abteilung für Wissenschaft und Technologie im Ministerium für Industrie und Informationstechnologie der Volksrepublik China bei einer „Pressekonferenz zur Weltkonferenz für Künstliche Intelligenz 2026 (WAIC)“. Die Pressemitteilung erschien am 7. Juli, jene Konferenz mit Messe fand erst 10 Tage später in Shanghai statt. Und trotz des Begriffs „Weltkonferenz“ bestand der Kreis der Sprechenden weitestgehend aus Menschen chinesischer Staatsbürgerschaft, während die Sponsoren des Events zu 100 Prozent dem Ausrichterland entstammten.

Aussender jener Pressemitteilung war Xinhua News, eine Institution, die Wikipedia so beschreibt:

„Xinhua stellt den Massenmedien des Landes die Nachrichten im Sinne der Kommunistischen Partei Chinas und der chinesischen Zentralregierung (Staatsrat) bereit. Sie ist der Nachrichtenmonopolist der Volksrepublik und kann allen Zeitungen und Rundfunkstationen vorschreiben, welche Nachrichten veröffentlicht werden dürfen und welche nicht. Ihr Vorstand ist Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, sie ist direkt dem Staatsrat untergeordnet.“

Wann war nochmal der Moment, da wir begannen, der Propganda totalitärer Regime Glauben zu schenken?

Nun wäre das ja trotzdem eine beunruhigende Meldung, würden diese Roboter, egal wie groß ihre Zahl ist, signifikant besser funktionieren, als jene aus europäischer Produktion.

Spoiler: Tun sie nicht.

Denn solche Videos wie die hier, spiegeln nicht den Alltag wider:

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Diese Robbies haben sich nicht zum Tanzen verabredet, weil sie ein neues Hobby brauchten. Jede ihrer Bewegungen wurde vorab programmiert, wir können davon ausgehen, dass der Ort der Aufführung zuvor detailliert vermessen wurde.

Warum? Weil es nicht anders geht.

Die Realität sieht dagegen so aus wie ein Video der World Robotics Conference in Peking. Und bevor wie bei der World AI Conference der Eindruck entsteht, es handele sich um ein globales Treffen von Experten, hier ein Auszug aus der Homepage: „The World Robot Conference (WRC) 2025 will follow the guiding principles of President Xi’s congratulatory message and Premier Li Qiang’s important instructions.“ Einen englischen Text für die jüngste 26er-Ausgabe zu entwerfen, hielt man nicht für nötig.

Jenes Video zeigt einen Roboter des chinesischen Herstellers Unitree mit dem Produktnamen H1. Sein Verhalten weicht nur einen Hauch von der Erwartungshaltung der Betrachtenden ab:

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Was war da los?

Niemand sagt es offiziell – China, halt. Doch sprechen mehrere Quellen von einem Ausfall der Fernbedienungsverbindung. Das kann ja schon mal pass…

Moment. WAS?

Ja. Der Verbindung zur Fernbedienung.

Denn es gibt ein schmutziges Geheimnis der Robotics-Branche: Mechanisch ist heute immens viel möglich. Was aber fehlt ist KI, die Autonomie ermöglicht, man nennt sie Spatial oder Physical AI – und die ist weit entfernt. Europa hat hier sogar den vielleicht spannendsten Experten weltweit zu bieten, Yann LeCun ist Franzose und hat mit seinem Startup AMILabs gerade die höchste Seed-Investition der europäischen Geschichte hingelegt: Er sammelte 1 Milliarde Euro bei einer Bewertung von 3,5 Milliarden ein.

Komm, einen haben wir noch:

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Ein Einzelfall?

Catherine Thorbecke, Asien-Korrespondentin von Bloomberg schrieb jüngst:

„Ich habe den Einsatz von Humanoiden in fast jeder erdenklichen Umgebung beobachtet. Der buddhistische Mönchsroboter war ein PR-Gag. Begieler, die ich in Altenpflegeheimen in Tokio im Einsatz gesehen habe, konnten mich kaum davon überzeugen, dass diese Zukunft unmittelbar bevorsteht. Tanzen, Bier servieren oder Wäsche zusammenlegen in kontrollierten Konferenzumgebungen sorgen für eine gute Show. Die echte Chance ist weit weniger glamourös: die schmutzigen, gefährlichen und monotonen Aufgaben, die Menschen nicht erledigen wollen. Genau dort müssen sich Unitree und seine Konkurrenten beweisen – und das nicht nur, indem sie die Arbeit ausführen, sondern indem sie dies sicher, dauerhaft und kostengünstig tun. Ein Jahrzehnt reicht dafür möglicherweise nicht aus.“

Auch „Fortune“ hat das ganze Elend jüngst analysiert. 2025 gab es 140 Roboterhersteller mit 330 Modellen in China. Doch die Nachfrage ist so gering, dass selbst die chinesische Regierung vor einer Angebotsblasenbildung warnte. Dieses chinesische Muster der hohen Zahl von Anbietern mit sehr vielen Produkten, aber ohne Nachfrage, dafür gepaart mit warnenden Stimmen – das merken wir uns mal kurz.

Ohne Spatial/Physical AI sind die Dinger zu wenig mehr zu gebrauchen, als in der Fußgängerzone Werbung für Neueröffnungen zu machen. Samm Sacks, Senior Fellow beim Think Tank New America, sagte „Fortune“: „Humanoide Roboter bleiben teuer in der Herstellung, anfällig im Betrieb und sind auf stark strukturierte Umgebungen angewiesen, um zu funktionieren.“

Auch bei der Recherche für unser Buch „20 Trends für 35“ haben wir einiges zu dem Thema gelernt. Es gibt Einsatzmöglichkeiten für humanoide Roboter in Fabriken. Doch die Fabrikhallen müssen dafür intensiv vermessen werden und ihre innere Aufstellung darf sich nicht ändern – ansonsten muss wieder von vorn gemessen werden.

Tut man dies, dann ist der Einsatz von Robotern längst Alltag. Und diese Geräte kommen eben nicht nur aus China, sondern zu einem gehörigen Anteil aus Europa. Zum Sounding Board unsere Buches gehört zum Beispiel Madlen Nicolaus, die CMO des schwedischen Anbieters Hexagon. Dessen humanoide Roboter sind bereits in BMW-Werken zu finden, Schaeffler wird 1.000 von ihnen abnehmen und Hexagon ist vorne dran beim Thema Vermessung, das zentral ist für den Aufbau von Spatial AI und Physical AI.

Ohnehin ist das ja so eine Sache mit den humanoiden Robotern. In unserem Buch finden Sie auch den Trend der Robot Diversity. Denn wir haben zwar unsere Umwelt für uns Menschen optimiert. Aber wir Menschen haben nicht den perfekten Körperbau für jede Aufgabe, Hashtag: #SaugenuntermSofa. Und deshalb wird der größere Teil der Roboter, so prognostizieren wir, bestenfalls teilhumanoid sein oder gar nicht aussehen wie ein Homo Sapiens. Das sehen wir jetzt schon, denn viele Modelle, die in Fabriken eingesetzt werden, bewegen sich auf Rollen fort, weshalb die tanzenden Robbis aus China eine schöne PR-Nummer sind – aber nicht die Zukunft.

Humanoide Züge nicht nötig: Die Feuerwehren Dortmund und Soest setzen Löschroboter ein in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rettungsrobotik-Zentrum. Foto: Stadt Dortmund.

Solche Informationen werden gerne ignoriert, besser noch: Sie werden nicht recherchiert. Stattdessen sehen wir gerade auf LinkedIn Männer (es sind erstaunlicherweise oder wenig erstaunlich, dass dürfen Sie entscheiden, IMMER Männer), die jedes Video mit technischen Gerätschaften aus China zum Sargnagel der westlichen Welt erklären.

Im Sommer 2025 war es ein Traktor mit E-Motor. Niemals könne Deutschland da aufholen, war die jammernde Klage. Dann meldeten sich Landwirte und stellten einiges klar. Zum Beispiel, dass jener Traktor maximal sechs Stunden laufen könne, was im Ernteeinsatz viel zu wenig sei. Oder, dass längst ein autonomer Hybrid-Traktor in Deutschland im Probebetrieb sei. Autonome Dieseltrecker sind dagegen schon Alltag.

Warum nicht mit Strom? Weil Landmaschinen Kraft haben müssen. Je mehr Kraft man braucht, desto mehr Batterien bräuchte man und die sind schwer, was nochmal mehr Batterien benötigen würde, um das Gewicht zu befördern. Je weiter eine Nutzfläche von der Ladestation entfernt ist, desto mehr wird das zum Problem: Denn der Traktor muss ja einen weiten Weg zurücklegen, um zu laden – und je mehr Leistung er hat, desto länger dauert das. Somit ist Reichweite ein wichtiger Faktor, will man das versprechen einlösen, das solche Traktoren machen: Arbeiten ohne Pause, selbst in der Nacht.

Damals erfand ich einen Begriff: Sinotech-Bias – eine Voreingenommenheit gegenüber chinesischer Technik. Inzwischen würde ich diesen Trend anders benamen:

Sinotech-Phobie

Sinotech-Phobie, die: krankhaft anmutende Furcht vor jeder technologischen Gerätschaft, die in China entworfen wurde. Die Sinotech-Phobie führt zum manischen Ausblenden anderer Technologien, bei gleichzeitiger Unfähigkeit, gelernte Kulturtechniken wie Googlen anzuwenden. Vor allem Männer mittleren Alters und aus Berufsständen wie Vertrieb oder Unternehmensberatung sind für die Sinotech-Phobie anfällig. Heilungsversuche mit Medikamenten wie „Fakten“ sind bisher erfolglos geblieben. 

Die Phobie ist überall zu beobachten. Zum Beispiel beim Thema Generative KI.

Denn: Kennen Sie Soofi S?

Es handelt sich um ein Generative-KI-Sprachmodell. Und Sie dürfen ruhig zugeben, dass Ihnen Soofi S  nichts sagt, ich konnte kaum eine große Medienmarke in Deutschland finden, die über jenes Sprachmodell berichtet hat (hier ein Artikel des Bayerischen Rundfunks). Soofi schneidet bei Benchmark-Tests, die für die Bewertung von Modellen genutzt werden, sehr gut ab.

Verdammte Chinesen?

Nein. Soofi ist das erste Modell, das „komplett auf der Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom in München trainiert wurde. Das offene 30B-Modell setzt auf eine sparsame Hybridarchitektur und einen bewusst deutschsprachigen Trainingsmix“.

Sprich: Soofi ist Deutsch/e/r. Praktisch zur gleichen Zeit, als der Fortschritt von Soofi S veröffentlicht wurde, berichteten germanisch Medien mit furchteinflössenden Vokabeln von chinesischen Gegenstücken wie Kimi K3. Auch diese Modelle sind nicht führend, vielmehr laufen sie den großen US-Gegenstücken ein ordentliches Stück hinterher. Was sie aber sind: effizienter, weshalb sie nicht abhängig sind von gigantischen Data Centern.

Besonders eklatant schlägt die Sinotech-Phobie zu beim größten Fetisch deutscher Wirtschaftsmänner: Autos.

Die aus Deutschland – alle Schrott.

Die aus China? Atemraubend.

Und so war ein großes Staunen um den LKW eTopas der chinesischen Marke SuperPanther. Der wird bei Steyr in Österreich endmontiert, was man als wenig gutes Zeugnis für die chinesische Produktion werten könnte, aber nicht muss.

Foto: Steyr Automotive

Flott donnerte ein Geschäftsmodelltransformator auf LinkedIn, stilistisch vermutlich unterstützt vom Chatbot seines Vertrauens:

„Während hierzulande noch über Technologieoffenheit als Allzweck-Ausrede philosophiert wird, baut ein drei Jahre altes Unternehmen aus China die Fakten, die europäische Industriepolitik seit Jahren schuldig bleibt.“

Das bleibt dann so stehen, selbst wenn das Posting solche Kommentare von Mitlesenden auslöst:

„Der Mercedes-Benz eActros 600 hat identische technische Daten und läuft seit 2024 als Serienprodukt im Daimler Truck Werk Wörth/Rhein vom Band…“

„Es ist faszinierend zu sehen, wie die Branche das Thema E-Mobilität im Schwerlastverkehr plötzlich feiert, als wäre das Rad gerade neu erfunden worden…“

Denn tatsächlich sind E-Trucks noch nicht die Regel, aber schon im Regelbetrieb.

Doch Sinotech-Phobie geht Hand in Hand mit einem ausgeprägten Dunning Kruger-Effekt. Dabei handelt es sich um, ich zitiere Wikipedia, eine „kognitive Verzerrung im Selbstverständnis inkompetenter Menschen, das eigene Wissen und Können bezüglich eines bestimmten Bereiches zu überschätzen“.

Und so kommentiert unter jenem Posting über den SuperPanther tatsächlich jemand, der laut Vita digitale Transformation acceleratet und noch nie in der Autobranche gearbeitet hat, dies:

Er markiert die hier mal, die von Daimler und Traton. Denn die haben das nicht auf dem Schirm, dass da in Österreich chinesische LKW vom Band rollen. Das wissen die nicht, die Dorfkürbisse, NIX WISSEN DIESE KLANGSCHALENRESONANSTUDENTEN! Das muss ihnen erstmal ein so gepflegter Transformationaccelerater sagen. SO ist die traurige Wahrheit. NÄMLICH!

Wenn der gemeine deutsche Haus-, Hof und Unternehmentransfomationsaccelerator aber schon was von LKW versteht, dann doch erst recht von Autos. Und so postet einer jener Spezies dies:

„Geely fährt mit 8,2 kWh auf 100 Kilometer. Die deutsche Autoindustrie fährt auf Sicht

Früher hieß es, besser als viel Hubraum ist nur noch mehr Hubraum. Das war die Leitkultur einer Industrie, die PS als Fortschritt verkaufte. Heute liegt der eigentliche Durchbruch woanders…

Die Zukunft des E-Autos liegt im intelligenteren System, nicht im nur größeren Akku und hoher Ladeleistung.

Wer das ignoriert, wird vom Weltmarkt überrollt. Die Klimakatastrophe erledigt dann den Rest.“

Seine Quelle? Eine Koryphäe in Sachen Autoberichte: SmartDroid, laut eigener Auskunft ein „Blog-Projekt über die interessantesten Themen im Internet, wozu vor allem die Themen Android, Google, Smartphones, Tablets etc. gehören. Testberichte und unsere Meinung kommen hier natürlich auch nicht zu kurz.“

UND DIE MÜSSEN DAS DOCH WOHL WISSEN. Also, vielleicht.

Ex-Daimleraner Sascha Pallenberg kommentierte darunter:

Tatsächlich aber gibt es eines, was ich bei der deutschen Autoindustrie nicht verstehe. Warum kein einziger Entscheider diesen Satz ausspricht:

Deutschland baut die besten E-Autos der Welt

Glauben Sie nicht? Dann mal vier Fakten:

  • Derzeit gibt es zwei Hersteller, die Fahrzeuge mit der höchsten, in Europa zugelassenen Autonomiestufe haben: BMW und Mercedes.
  • Bei der CES in Las Vegas präsentierte NVIDIA ein seit Jahren laufendes Projekt zur Entwicklung von Chips, die auf schnelle Bilderkennung bei autonomem Fahren optimiert sind. NVIDIA arbeitet dabei mit nur einem Hersteller – Mercedes.
  • Der Axial-Fluss-Motor ist eine Bauweise, mit der E-Autos effizienter und stromlinienförmiger werden könnten. Doch man hielt sie nicht für serienmäßig umsetzbar. Nun gibt es den ersten Axial-Fluss-Motor in Serie – er steckt im Mercedes GT 4.
  • Dieser Axial-Fluss-Motor stellte bei einer Testfahrt mehrere Rekorde auf. Er fuhr in 7 Tagen und 13 Stunden über 40.000 Kilometer (was ungefähr dem Umfang der Erde entspricht) am Stück. Was bedeutet: Abgesehen von Boxenstopps war er beständig mit 300 km/h unterwegs.

Deutschland baut nicht die meisten E-Autos und auch nicht die günstigsten – aber die besten. Und wer auf Qualität setzt, der kann nicht direkt vorne sein, wenn es um Masse geht. Die Qualität chinesischer Autos könnte sich kein deutscher Hersteller leisten, ohne sein Image zu ramponieren.

Dabei sind die Chinesen nicht schlecht. Aber bei all dem Lob über die BYD und Geelys frage ich mich schon, ob die Lobenden mal wirklich überall geruckelt haben, wo man ruckeln kann. Auch hätte sich kein deutscher Hersteller erlauben dürfen, was Nio sich leistet. Das beginnt mit einer albernen Kugel auf der Ablage, die ständig lustig guckt und eine Sprach-KI hat – so eine Art Fuchsschwanz des Sinotech-Phobikers.

Es geht weiter mit Battery as a Service: Europaweit, so strunzte man, würden Stationen errichtet, bei denen man mit seinem Nio anfährt und dann innerhalb weniger Minuten die leere Batterie durch eine volle ersetzt würde. Ja, gut, das ist halt nie passiert. Wer heute die Batterie tauschen will, muss 10 € zahlen.

Und schließlich entstanden eindrucksvolle Showrooms in Innenstädten, die nun Stück für Stück dichtmachen. Inzwischen kann man etliche Modelle nur noch mieten, bei anderen kostet die Batterie extra Mietgebühren.

Trotzdem verzeichnen chinesische Autos steigende Zulassungszahlen. Und das hat einen schlichten Grund: Sie werden mit Billigpreisen in den Markt gedrückt. Die Hoffnung: Die europäischen Hersteller werden verdrängt und am Ende bleiben chinesische Modelle übrig. Letztlich ist dies das Konzept der New Economy: Ohne Rücksicht auf bilanzielle Verluste werden Marktanteile erobert.

Wir erinnern uns aber, wie das um die Jahrtausendwende endete, das mit der New Economy. Auf genau diesen Punkt steuert China gerade zu.

China is innovative. Its economy is a mess

Die Marktforscher von Alix Partner prophezeien, dass von 30 chinesischen Herstellern mit ungefähr 130 Marken nur sieben bis 2030 profitabel arbeiten werden. Der Rest dürfte nicht überleben.

Erinnern Sie sich noch an den Hinweis auf die vielen Roboterhersteller und die geringe Nachfrage? Das spielt sich ganz ähnlich auf dem Automarkt ab. Nur hat es hier andere Folgen. Denn jede Marke, die von uns geht, hinterlässt Kunden, deren Autos einen Wiederverkaufswert von mehr oder weniger Null erreichen. Werden diese Kunden noch einmal ein chinesisches Auto kaufen? Wenn sie aus Asien kommen, vielleicht. Wenn sie aus Europa kommen – ganz sicher nicht. Ein massenweises Ausscheiden aus dem Markt hat also direkte Folgen für andere chinesische Firmen und indirekte für westliche Marken: Denn dass BMW, Peugeot oder Ford vollkommen ihre Arbeit einstellen müssen, ist nicht vorstellbar. In diesem Jahr feiert Mercedes 140. Geburtstag – und solch eine Botschaft gewinnt an Wert bei Käufern, deren Hersteller über den Yangtse gegangen sind. Somit werden die Autos des Westens für jene begehrlicher, die sie sich leisten können.

Diese Angebotsblasenbildung ist eine Folge des Aufbaus der chinesischen Gesellschaft, des politischen Systems und der Wirtschaft. „China is innovative. Its economy is a mess“ überschrieb der „Economist“ im Juni eine seiner vielen Analysen über den Zustand des Landes.

Denn so richtig toll sind die Wirtschaftsdaten nicht. Seit der Corona-Pandemie erlebten die Produzentenpreise eine Deflation, die erst durch die steigenden Preise im Rahmen des US-Iran-Kriegs gebremst wurde. Ein gehöriger Teil der chinesischen Industrieproduktion zielt auf den Export, weil einheimische Verbraucher außerhalb der reichen Eliten nicht genügend Kaufkraft besitzen. Zum Beispiel Autos: Im Jahresvergleich fiel der inländische Absatz im Juli um 20 Prozent.

Und natürlich ist China noch immer in weiten Teilen ein armes Land, all die bunten Bilder von rasenden Drohnen überdecken, dass es allein 300 bis 400 Millionen Wanderarbeiter gibt – 20 bis 28 Prozent der Bevölkerung.

Ihnen geht es besser als früher, dank der Produktionsaufträge ausländischer Unternehmen. Doch dieses Ökonomiemodell ist endlich in Zeiten von Handelskriegen, blockierten Schifffahrtsrouten und global grassierendem Nationalismus Die chinesische Regierung setzt nach Einschätzung des „Economist“ darauf, dass China schneller zum High-End-Exporteur wird, als das Low-End-Produzenten-Modell kollabiert.

Nur ist China noch immer eine Planwirtschaft. Wir erinnern uns an das Mission Statement der Roboter-Konferenz: „The World Robot Conference (WRC) 2025 will follow the guiding principles of President Xi’s congratulatory message and Premier Li Qiang’s important instructions.“

Die Tonalität zeugt von der politischen Kultur des Landes. Nehmen wir zum Beispiel einen jungen, ehrgeizigen Lokalpolitiker, der Karriere machen möchte. Vielleicht ist er schon Bürgermeister einer kleinen Kommune. Wie kann er weiter aufsteigen? Indem er zeigt, wie gut der die Pläne Pekings erfüllt.

Und so lockt er Gründer und bestehende Unternehmen mit schuldenfinanzierten Subventionen und anderen Wohltätigkeiten in seine Kommune. Mit einem Mal entstehen Data Center und Drohnenhersteller in der Pampa, obwohl dies ökonomisch nachteilig ist. Die übermäßig vielen Roboter- und Autoherstellerer erklären sich aus dieser Mechanik.

Wie absurd das werden kann, beschrieb der „Economist“:

„Die nordwestliche Industriestadt Lanzhou hat in kommerzielle Raumfahrt und die Drohnen-Ökonomie investiert, obwohl sie mehrere Jahre lang Schwierigkeiten hatte, ihre Busfahrer zu bezahlen (und diese sogar bat, persönliche Bankkredite aufzunehmen, um sich über Wasser zu halten). Selbst geschäftige Küstenprovinzen bleiben nicht verschont. Als lokale Reporter kürzlich KI-Parks in ganz Guangdong besuchten – der Heimat des erfolgreichen Shenzhen –, fanden sie diese leer oder von Unternehmen besetzt vor, die gar nichts mit KI zu tun haben.“

All dies kostet die Dörfer und Städte Geld. Und so liegt die Verschuldung der chinesischen Kommunen nach Meinung des „Economist“ bei 43 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: In den USA beträgt der Wert 12 Prozent, in Deutschland (so ich das richtig sehe) sieben Prozent.

Gleichzeitig mangelt es an einer Gegenfinanzierung durch Steuereinnahmen. KI-Unternehmen sind auch in China hochgradig defizitär, Roboter fallen vor den Augen der Weltöffentlichkeit um und E-Autos sind nur zu Billigpreisen verkäuflich – nichts davon hebt die Hoffnung auf Steuereinnahmen. BNP Paribas analysierte, dass 32 Prozent der chinesischen Industrieunternehmen defizitär arbeitet, ein höherer Wert als während der großen, panasiatischen Krise von 1998.

Dass so etwas eher mittelmäßig, funktioniert müsste China eigentlich wissen. Mit einer ähnlichen Mechanik entstand der Immobilien-Boom, der letztlich zu einem Crash führte, an dem das Land noch heute zu knacken hat.

Natürlich sollte die westliche Welt Respekt haben vor chinesischer Technik. Doch Stand jetzt ist sie nicht nachhaltig am Markt zu halten, denn all dies ist eine große Wette nicht auf ein Mithalten chinesischer Innovationen, sondern auf eine Art Triumphzug. Yuen Yuen Ang, Professor für politische Ökonomie an der Johns Hopkins-Universität sagt dem „Economist“: „In der modernen Geschichte hat noch nie ein großes Land alles auf Investitionen in Spitzentechnologie gesetzt und gleichzeitig eine sich verlangsamende Wirtschaft sowie eine Schuldenkrise der Lokalregierungen bewältigt.“

Und derzeit droht China diese Wette zu verlieren, weder Bloomberg noch die „Financial Times“ sind da optimistisch in ihren Analysen. Es gibt also keinen Grund für die Sinotech-Phobie. Erst recht nicht, weil sich derzeit der Wind dreht.

Denn chinesische Regierungschefs hatten schon immer etwas, was vielen westlichen Politikern abgeht: ein Gespür für die Bevölkerung.

Und deshalb dreht sich gerade ein entscheidender Faktor. Die öffentlichen Subventionen für Technologie werden zurückgefahren und mit einem Mal werden Börsengänge gefeiert. Ein Beispiel: Unitree. 629 Prozent Plus verzeichnete die Aktie am ersten Handelstag. Hammer.

Sie haben diesen Firmennamen schon mal gehört, sagen Sie? Ja, genau, oben: Der umfallende Roboter ist ein Unitree.

Solch ein Börsengang würde in der westlichen Welt eher als Misserfolg gesehen, denn er zeigt, dass die Preisspanne schlecht kalkuliert war – das Unternehmen hätte angesichts dieses Anstiegs mehr Geld machen können.

In China aber scheint dies so gewollt. Denn dass es wild werden würde, kündigte sich an: Für jede erhältliche Aktie gab es 5500 Kaufaufträge. Doch vielleicht sollte das so sein? Denn Chinas wohlhabende Bevölkerung ist empfänglich für Börsen-Hypes. Und so werden mehr Tech-Unternehmen öffentliche Subventionen durch Börsengänge ersetzen.

Dieser Hype wird so lange anhalten, bis die Kurse fallen. Kursstürze dürfte aber die Regierung weniger kümmern, als ein kommunaler Schuldenkollaps. Denn Wanderarbeiter kaufen keine Aktien. Und ein Vermögensverlust der Wohlhabenden macht die ökonomischen Eliten in einem kommunistischen Land weniger mächtig.

Ja, es ist eben komplex mit dem Verhältnis von Tech, Ökonomie und Propaganda. Wer sein Weltbild nur auf bunten Hochglanzvideos aufbaut, definiert die Welt so, wie die World Robot Conference.

Und er macht den Fehler, den meine Mutter auf der „MS2000“ macht. Auch sie fragte sich nicht, ob es irgendwo anders bessere oder günstigere Gemüsehobel gibt. Denn die gab es und ihr Bezugsort  stapelte sich, wie in jedem Haushalt der 70er, auch bei uns im Zeitschriftenhalter – die Kataloge von Neckermann, Quelle und Otto. Man hätte halt nur mal genau hinschauen müssen.


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