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Kürzlich hörte ich „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mal wieder von der Großartigkeit seines Wochenblattes salbadern. Zitieren darf ich ihn nicht, die Veranstaltung unterlag den „Chatham House Rules“ die besagen, dass ZuhörerInnen nicht zitieren dürfen – ein derzeit gern gewähltes Mittel von Menschen, die nicht zu dem stehen wollen, was sie von sich geben. Das ist bei di Lorenzo natürlich schade, denn seine an Satire grenzenden Elogen würden viel Stoff hergeben für unterhaltsame Texte.

Die „Zeit“, pardon, „Die Zeit“jedenfalls behauptet von sich, grandioser Journalismus zu sein.

Wo das Problem bei dieser Behauptung liegt, zeigt eine „Glosse“ von Yasmine M’Barek, die heute erschien. Die Glosse, so haben wir in der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten gelernt, ist die schwerste Stilform des Journalismus, sie sollte mit leichter Klinge geschrieben werden, um dann auf eine Pointe hinzuleiten. Vielleicht wird das anderswo anders gelehrt, zum Beispiel, dass statt eines Floretts ein mit Stacheldraht bewehrter Baseball-Schläger vom Sperrmüll gewählt werden sollte.

Eigentlich wäre dieser Text keiner Erwähnung wert, doch steht er für mich sinnbildlich für das, was im deutschen Journalismus derzeit schief läuft.

Überschrieben ist das Machwerk mit „Warum zur Hölle Düsseldorf?“ und bei dieser Frage bin ich ja irgendwo noch bei ihr. Ich lebe seit 1995 hier, bin aber definitiv kein Lokalpatriot. Hätte es die Liebe nicht ergeben, wäre ich Anfang der Nuller Jahre nach Köln gezogen.

Der Vorspann lautet:

„Harry und Meghan besuchen Düsseldorf. Vor der betongrauen Kulisse dieser Möchtegernstadt tritt die zunehmende Irrelevanz des Paares allzu deutlich zum Vorschein.“

Wir kommen noch darauf zurück, wissen aber nun worum es gehen soll. Der erste Satz:

„Zu Beginn eine kurze, objektive Beschreibung von Düsseldorf: Düsseldorf ist ein zusammengewürfelter Betonkrater inmitten von Nordrhein-Westfalen.“

Äh… Nein. Man könnte diese Beschreibung für Teile von Gelsenkirchen, Duisburg oder Bochum wählen. Aber Düsseldorf? Das ist schlicht Schwachfug.

Wir merken aber, worauf es M’Barek ankommt. Nicht auf irgendwas wie Journalismus, sondern auf das, was sie witzig findet. Fakten? Völlig überschätzt, wie der nächste Satz zeigt:

„Zu den Sehenswürdigkeiten gehören die Königsallee, eine Art billiger Berliner Kurfürstendamm, und der Landtag, der einem öden Versicherungsgebäude gleicht…“

Keine Ahnung, wann die Reisekosten der „Zeit“ das letzte Mal für einen Besuch des leider heruntergekommenen Ku-Damms gereicht haben. Die Kö aber war über lange Zeit die dichteste Konzentration von Luxusmarken in Europa. Derzeit stehen dort, sollte der Opernstandort gehalten werden, Bauinvestitionen von drei Milliarden Euro an, hier findet sich die einzige Deutschland-Filiale des Juweliers Harry Winston, der „Breidenbacher Hof“ zählt zu den besten Hotels Deutschlands.

Und der Landtag? Ist wirklich nicht schön – jedoch niemand würde ihn auswärtigen Besuchern als Sehenswürdigkeit anpreisen.

Aber Düsseldorf darf in diesem Text nicht auch nur einen Hauch OK werden, denn es geht ja darum noch zwei Menschen niederzumachen: „Harry und Meghan“ – ja, die Zeit, da „Die Zeit“ so viel Respekt vor Menschen hatte, dass sie deren Namen wenigstens einmal vollständig schrieb, sind definitiv überwunden. „Harry und Meghan“, also, die kommen doch, manfasstesnichtesistunglaublich, in „dieses Dorf, wie ja schon der Name verrät, das glaubt, es sei für Größeres bestimmt, und sich deshalb zur Großstadt hochgelogen hat.“

Witze mit Namen sind bei Städten genauso humorvoll wie bei Personen. Dieses Dorf wächst übrigens kontinuierlich und zeichnet sich durch die größte asiatische Community in Deutschland aus. Teenager aus ganz NRW kommen Samstags in dieses unbedeutende Dorf um Ramen, Banh Mi oder Sushi zu konsumieren die es hier, so viel kulinarischer Sachverstand sei mir angesichts meiner Hobbys in diesem Feld gestattet, in einer Qualität gibt, die in Deutschland ihresgleichen sucht.

Lesen wir weiter:

„Man mag gar nicht erst rationale Gründe für den dortigen Besuch hören wollen…“

Dass die Autorin es mit Ratio nicht so hat, ist dem Leser inzwischen auch recht klar.

„…denn schon das Bild von Meghan in Cremefarben, Harry in Slacks und Lackschuhen, inmitten dieser flach gebauten Stadt und ihrer charmelosen Kühle, schmerzt irgendwie..“

Nicht einmal für Basiswissen in Sachen Mode reicht es hier. Lackschuhe zu Hosen mit weitem Bund? Das wäre tatsächlich ein schmerzhaftes Bild.

Aber wieso eigentlich schmerzhaft? Oben war das Paar noch – ich zitiere: „irrelevant“.

Es ist ein Bild, das sich die Autorin nicht selbst angeschaut hat. Denn natürlich schreibt heute niemand mehr über etwas, zu dem er oder sie reist. Recherche? Stimmung aufnehmen? Zahlt keine Redaktionskasse mehr, nicht mal „Die Zeit“, der es laut ihres Chefredakteurs so blühend gut geht. Auch Jasmin M’Barek muss es reichen, sich aus dem Home Office oder der Großredaktionsstube (vielleicht ja auch aus einem Café) auszukotzen.

Nun gut. Aber warum sind die beiden den nun hier? Erst spät rückt M’Barek fast widerwillig erscheinend mit dem Grund heraus: 2023 werden die Invictus Games in Düsseldorf stattfinden, ein sportlicher Wettstreit versehrter Soldaten, den Harry, Duke of Sussex, mit ins Leben gerufen hat.

Wichtigster Veranstaltungsort ist dabei das Düsseldorfer Stadion – was M’Barek noch kotziger werden lässt. Die Arena sei „der Endgegner jedes Vorhabens, das sich mit Ruhm bekleckern will. Hier fließen die Tränen irrelevanter Fortuna-Fans, die graue, kastige Form lässt das Stadion wie einen verlassenen Plattenbau der 80er Jahre wirken.“

Es muss wirklich schwer sein, M’Barek irgendwas recht zu machen. Über das Äußere der Arena kann man streiten. Ist man einmal im Innenraum ist es jedoch eines der zuschauerfreundlichsten Stadien dieser Größe in Deutschland und deshalb auch EM-Spielort 2024.

Was aber soll das Giften gegen Fortuna-Fans? Laut „Kicker“ hat die Fortuna aktuell mit über 22.000 Besuchern den achthöchsten Zuschauerschnitt der zweiten Liga, nur 11 Erstligisten haben signifikant mehr. Und die Stimmung ist alle andere als tote Hose.

Obwohl Meghan Markle und Harry, Duke of Sussex, ja „irrelevant“ (Zitat Yasmine M’Barek) sind, rät Yasmine M’Barek ihnen also von Düsseldorf ab:

„Sie müssen verdammt aufpassen, denn ihre hart erarbeitete ikonische Wirkung, alles, was sie sich mühevoll außerhalb des Buckingham Palace aufgebaut haben, droht, vor den Grautönen der historisch irrelevantesten Großstadt NRWs in sich zusammenzufallen.“

Ja, was denn nun? Irrelevant oder ikonisch? Scheiß der Hund drauf, die Stringenz des Textes liegt schon seit dem ersten Satz hysterisch heulend unter dem Homeoffice-Sofa.

Nun soll das ja eine Glosse sein und der Konjunktiv ist, Sie merken es schon, angebracht. Wie also lautet die Schlusspointe?

„Im Namen aller Rheinländer kann man für die Sussexes nur hoffen, dass die Sonne heute in Düsseldorf besonders hell scheint. Aber wir haben sie ja gewarnt.“

Ja.

Gut.

Da mag es sicher den einen oder die andere geben, die da schmunzeln und nicht gleichzeitig mit Yasmine M’Barek verwandt sind. Immerhin konsequent, dass die Autorin mit einem Pluralis Majestatis schließt – schließlich trieft ihr Text vor Selbtgefälligkeit.

Mich erinnert das eine Anekdote unseres Journalistenschulleiters Prof. Ferdinand Simoneit und die geht so:

Nachts brennt noch Licht im Büro des Chefredakteurs der kleinen schwarzwälder Lokalzeitung. Energisch tippt er in die Schreibmaschine, reicht den Text weiter zum Druck. Und dann geht er heim, reibt sich dabei die Hände und sagt. „Dem Kanzler hab ich’s mal wieder richtig gezeigt.“ 

Vielleicht glaubt auch M’Barek dass sie es Düsseldorf, Harry, Meghan, der Fortuna, egal wem auch mal wieder „richtig gezeigt“ hat ohne zu realisieren, wie kleingeistig solch eine Haltung ist, wenn man Mitarbeiterin eines renommierten Organs ist?

Mir liegt es fern, Düsseldorf oder die Fortuna oder die Arena verteidigen zu wollen. Vielmehr machen mich solche Texte wütend, weil für sie Geld verlangt wird. Auch di Lorenzo weint ja in Talkshow-Kissen, geht es um die Refinanzierung des Journalismus.

Dieser Text aber hat null Recherche, null Informationen – und noch nicht mal eine Unterhaltungsfallhöhe. Er ist der wütende, blöde, hirnbefreite Text einer Autorin, der ich nicht unterstellen möchte, dass sie diesen Scheiß – und nichts anderes ist das hier – geschrieben hat, weil sie dies auf der „Zeit“-Homepage als ihre Herkunft angibt:

Nun ist Yasmine M’Barek nicht irgendwer. Das „Medium Magazin“ hat sie 2020 in die Liste der „Top 30 unter 30“ aufgenommen, womit sie eine der Nachwuchshoffnungen der Branche ist. Dafür wird es sicher Gründe geben. Und die Zeit dieser Nachwuchshoffnung wird nun verbraten mit einem sinnbefreiten, schlicht dummen Text. Selbst wenn M’Barek schnell tippt, sollte dieser Text 73 Minuten gekostet haben, dann wurde er noch von einem zu bemitleidenden Kollegen oder einer nicht minder in den Arm zu nehmenden Kollegin gegengelesen.

Solche Texte sind es auch, die Menschen verärgern. Man kann sich ja über all das lustig machen. Nur ist der Text eben so lustig wie eine eitrige Mandelentzündung. Die Autorin gibt sich keine Mühe, eine Pointe aufzubauen, kreativ mit Worten zu spielen oder den Leser auf eine Reise zu nehmen.

Sie kotzt und kotzt und kotzt.

Solch ein Werk braucht keine journalistische Ausbildung, kein Volontariat, kein Studium – so etwas kann jeder schreiben, der halbwegs sprachgewandt ist. Und natürlich liegt der Gedanke nahe: Wenn das „Top 30 unter 30“ ist – dann ist der Journalismus fucked.

Warum niemand, keine Kollegas und keine Chefs gesagt haben: „Hey, Du, Yasmine, lass man, ist nicht Dein stärkstes Stück“ – ein Rätsel.

Und das ist der Grund, warum mich solch ein Stück Jauche wütend macht. Wir brauchen Journalismus – doch die Journalisten verschwenden ihre Zeit und die ihrer Kollegen mit solch einem billigen Geschmiere. Und kein Vorgesetzter, keine Vorgesetzte nimmt Einfluss – es wird einfach rausgehauen.

Und zum Abschluss ein paar Bilder von „Harry und Megan“ im „Betonkrater“ Düsseldorf (Fotos: Invictus Games).:


Kommentare


Carmen Hillebrand 6. September 2022 um 21:04

Ich bin mehr als erschüttert, lese ich doch "die Zeit" schon ewig als treue Abonnentin. Es gibt keine Zeitung, die ein solch guten Feuilleton hat, was mir als Literaturwissenschaftlerin wichtig ist. Jedoch ist dieser von dir kommentierte Text in der Tat einfach nur schlecht, ein Exkrement…

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Hanne Zimmermann 8. September 2022 um 0:03

Jetzt bin ich tatsächlich froh, nicht Zeitabonnentin zu sein, ich würde mich in Grund und Boden schämen für so eine Schreibe. Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen und leiste mir viel Kritik und Satire als Kennerin der Stadt. Das steht uns zu.
Ich habe lange im Ausland gelebt und komme nur alle paar Monate nach Düsseldorf.
Natürlich kannte ich immer die Kölner Düsseldorf -Feindschaft, habe die allerdings nie erst genommen, konnte ich mir nie vorstellen, das die Klischees der Kölner derart blasiert bedient werden in der ZEIT.
Das war’s dann. Die einzige Entschuldigung : diese Tante ist noch verdammt jung !

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Michael Gessat 7. September 2022 um 7:30

Ich hatte den Text gestern auch im Rahmen meiner beruflichen Themenscan-Aktivitäten gesehen, angeklickt, die ersten drei Sätze gelesen – und dann mit der Schnelldiagnose: "möchtegern-lustiger, bemühter Bullshit" direkt wieder zugemacht. 🙂

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Harald Ille 7. September 2022 um 13:23

Irgendwann 2005 oder so hat die Zeit mal ein „aktuelles“ Porträt über Frankfurt am Main geschrieben, das sich wie eine historische Beschreibung las – als ob der Text aus dem Archiv der 50er Jahre genommen wurde und der Autor, der seitdem offensichtlich nicht mehr in der Stadt war, gesagt hat: Ach, was wird sich schon groß verändert haben in der Provinz? Die Zeit bleibt bei der „Zeit“ halt
manchmal stehen …

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Teekay 7. September 2022 um 9:47

Ein Problem ist doch, dass "der DIE ZEIT geht es gut" und "es werden wirklich schlechte Texte veröffentlicht" sich nicht ausschliessen. Der Text hat quasi nichts gekostet, weder an Zeit noch an Reisekosten etc. und wird sich gut klicken und in den sozialen Internet-Räumen gut verbreitet werden-entweder als "boah, wie schlecht" oder eben als "du und Dein DuesselDORF zwinkersmiley". Gerade von Dir hätte ich erwartet, dass du den starken Business-Case einer deratigen Glosse deutlicher heraus stellst: "Schlechter" Journalismus gehört zum Mix dazu, faktenfreies glossieren genauso so-gerne noch mit einer Replik aus Duesseldorf die dann ebenso einfallslos Hamburg oder Berlin "kritisieren" darf-auf der DIE ZEIT Webseite ist noch viel Platz…

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Christian Jakubetz 7. September 2022 um 18:14

Ich war dir selten so dankbar für einen Text. Ich kann diese Mimimi-Texte angeblich hochbegabter Journalisten nicht mehr ertragen. Diesen ganzen haltungsgetriebenen Befindlichkeitsjournalismus. Ich hab übrigens im Urlaub die große Abo-Kündigungswelle gemacht: Zeit (Pardon: „DIE ZEIT“) Spiegel, SZ. Alle weg. Spart nebenbei rund 1000 Euro im Jahr. Ich weiß nicht so genau, wie die überleben wollen, stelle aber dann doch erstaunt fest, dass es anscheinend immer noch genug Publikum für sowas gibt.

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Thomas Knüwer 8. September 2022 um 9:33

@Christian: Gib dem Economist mal ne Chance – ganz anderer Journalismus von hohem Wert.

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Hendrik Buhrs 22. September 2022 um 19:17

Kann @Thomas in dieem Punkt 100 % zustimmen!

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Maximilian Werkmüllet 8. September 2022 um 12:38

Die Dame wohnt, wie sie zumindest behauptet, in Köln.
Dort soll sie bitte auch bleiben, denn Köln (vulgo: „Kölle“) wird vor allem von denen geliebt, die dort wohnen. Der Artikel hat stumpfes Böhmermann-Niveau. Wenn der Winter kalt werden sollte, kann msn mit ihm zumindest noch ein Feuer entfachen.

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Tom Rich 9. September 2022 um 10:23

Werte Frau Yasmine B`Barek.
Ihr Kommentar zu Düsseldorf hätten Sie sich sparen können.
Die einzigste Antwort auf Ihre Frage, warum Prinz Harry und Maghan nach Düsseldorf kamen ist:

Das Pippiwasser Kölsch kann man mit Sicherheit nicht trinken, wobei es hier im schönen Düsseldorf mehrere gutschmeckene Altbiere gibt. Das hat sich sogar bis zum Prinz Harry und seiner ganzen Familie herum gesprochen.
Was könnt ihr aus Köln denn schon bieten?
Das einzigste was Köln und Düsseldorf verbindet ist der Rhein.
In diesem Sinne

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Christof Böhmer 9. September 2022 um 16:43

das Geschreibsel von Frau M´barek ist wirklich dämlich.

Obwohl die Düsseldorfer die Frotzeleien mit den Kölnern ebenso lieben…

… Es gibt vieles, was mir (als Düsseldorfer) an Köln ehrlich gesagt besser gefällt als an Düsseldorf. Allerdings schneidet das Stadtbild von Köln sicherlich nicht gut ab, wenn man es mit Düsseldorf vergleicht. Nicht umsonst haben es die Kölner nötig, in jedem Karnevalslied zu erwähnen, dass man dort eine große Kirche hat. Ansonsten kann man Köln wahrlich nicht als Schönheit beschreiben!

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Thomas Jungbluth 11. September 2022 um 10:30

Schade, dass sie aus Köln kommt, denn jetzt wird alles wieder auf die vermeintliche Feindfreundschaft geschoben statt auf ihr Unvermögen.

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