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Im Vorfeld der digitalen re:publica 2021 bat mich das Team, einen Fragebogen zu beantworten. Eine dieser Fragen lautete, was mich in der Zeit der Pandemie am meisten geärgert hatte. Ich antwortete, dass es mich sorge, wie viele Menschen, denen ich zuvor folgte, weil sie eine andere Meinung als ich hatten, diese aber rational und pointiert vortrugen, dies nicht mehr tun – weshalb ich ihnen auch nicht mehr folgen mag.

In diesen Tagen löse ich mich wieder von ein paar Accounts. Der Grund: die Übernahme von Twitter durch Elon Musk.

Die unerbittliche Eindeutigkeit mit der scheinbar vernünftige Personen nur wenige Stunden nach Bekanntgabe des Deals (und bevor dieser überhaupt final durch ist) den Untergang des Zwitscherlandes prognostizieren, ist intellektuell unterfordernd, wenig inspiriert und noch weniger inspririerend.

Musk steht für eine Ambivalenz, die ein zu großer Teil der Gesellschaft nicht mehr ertragen kann oder ertragen mag. Denn wären E-Autos heute schon Alltag, hätte er nicht Tesla gegen alle Widerstände derart vorangetrieben? Und war es nicht Musk, der mit Starlink mit dafür sorgte, dass die Ukraine beim russischen Angriff weiterhin mit dem Internet verbunden blieb? Auch macht er die internationale Raumfahrt günstiger und unterstützt damit Forschungsprojekte.

Im Gegenzug ist er ein manisch getriebener, der mehrfach demokratische Institutionen verbal attackierte, ökologisch fragwürdigen Raumfahrttourismus betreiben möchte und nicht gerade als Freund von Arbeitnehmerrechten gilt. Seine politische Grundhaltung ist libertär, was häufig rechtsextremen Positionen die Tür öffnet.

Trotz dieser Zwiespältigkeit ist die Einschätzung der Übernahme Twitters durch Musk bei sehr vielen Menschen, die für sich reklamieren würden, nachdenkende Persönlichkeiten zu sein, eindeutig. Ich fasse sie mal zusammen: „STEINIGT DAS ARSCHLOCH!“ Gepaart wird sie mit zumindest der Ankündigung, Twitter nun verlassen zu wollen, was natürlich eine alberne Geste der Hilflosigkeit ist, wenn man ehrlich ist.

Doch ist es eine lineare Reaktion auf ein komplexes Problem und fällt damit in eine Entwicklung, die ungut ist und mir Angst bereitet.

Denn wir alle, egal welcher politischen Richtung wir anhängen, sind immer süchtiger nach diesen linearen Lösungen und Erklärungen. Und dies sorgt dafür, dass jedwede Debatte getrieben wird von kurzfristigem Denken und der Ignoranz gegenüber langfristigen und vernetzten Folgen einer Entscheidung.

Ein plakatives Beispiel dafür: die Forderung, nicht mehr zu fliegen um die Umwelt zu schonen.

Wer diese Meinung vertritt, möge dann eine Lösung für Thailand erarbeiten. Rund ein Fünftel der Wirtschaft des Landes und seiner Arbeitskräfte ist abhängig vom Tourismus, dieser Tourismus findet nur über das Einfliegen statt. Was würde in Deutschland passieren, würde ein Fünftel der Menschen arbeitslos?

Denn Menschen haben ja diese dumme Angewohnheit, sich nicht einfach zum Sterben in die Ecke zu legen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass rechte Parteien nach oben gespült würden, die auf weniger umweltfreundliche Produktionsmethoden setzen um Arbeitsplätze zu schaffen. Auch die Finanzierung des Naturschutzes dürfte leiden, wie sich in Afrika bereits zeigte: Die wegbleibenden Tourismus-Einnahmen förderten dort einerseits Wilderei durch Menschen, die sich ernähren wollten, andererseits konnten weniger Wildhüter bezahlt werden.

Auch bei meinen kritischen Artikeln gegenüber der Arbeit im Home Office war lineares Denken oft zu beobachten. Denn Befürworter der Fernarbeit führten an, dass sie umweltfreundlicher sei, weil ja das Pendeln entfalle. Nur: Studien in Großbritannien sagen, dass dies nur für den Sommer gilt.

Bei der Radikalisierung an den Rändern der Gesellschaft klingt es auch ganz einfach: Die Radikalisierten gingen auf Youtube, Youtube zeigte ihnen immer mehr radikale Videos an – zack: radikalisiert durch das „Youtube Rabbit Hole“.

Allein: Die Wissenschaft stützt das nicht. So untersuchte eine ganz frische Studie von Chen et al. das tatsächliche Nutzerverhalten und die Videos, die Nutzern tatsächlich individuell angezeigt wurden. Ergebnis: Ein solches Rabbit Hole ist nicht nachweisbar. Das heißt nicht, dass es keine Radikalinskis gibt, nur sind sie dies ohnehin schon und schauen bevorzugt Videos, die ihre Interessen bedienen – so wie wir alle dies tun.

Dieses Verhalten ist durchaus menschlich, wie auch der Verschwörungstheorieforscher Rob Brotherton in seinem Buch „Bad News“ anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse erläutert. So nähmen Menschen an, dass jede überzeugend klingende Kommunikation bei anderen einen Sinneswandel auslöse, bei ihnen selbst aber nicht. Sprich: Wenn jemand ein radikales Video sieht, glauben Menschen, er würde dadurch radikalisiert – eine simple, lineare Erklärung.

Der Journalismus-Professor w. Phillips Davison spricht vom „Third Person Effect“: Wir alle glauben uns bei den Themen, für die wir uns besonders interessieren, wissenstechnisch im Vorteil gegenüber anderen. Paaren wir dies mit dem Dunning-Kruger-Effekt (Menschen vertreten ihre Meinung umso vehementer, je weniger Kompetenz sie haben), entsteht daraus eine Welt, die nicht nur simpel ist, sondern auch komplett betonniert.

Wie sehr Menschen sich an lineare Lösungen und Erklärungen klammern, zeigt ja die Verschwörungstheorie-Szene. Ihre grundsätzliche Erklärung für einen Sachverhalt ist fundamental simpel, im Grunde geht es immer um eine allmächtige Instanz, von der nur die Eingeweihten wissen. Wer versucht, diese Theorien mit Fakten zu widerlegen, für den wird mit viel Aufwand ein komplexes Konstrukt entworfen mit dem einen Ziel: die lineare Erklärung nicht aufgeben zu müssen.

Wir alle sind also süchtig nach dieser Linearität (die Frage ist nur in welchem Umfang) – und deshalb ist sie so gefährlich.

Denn in einer vernetzten Welt können lineare Lösungen nicht funktionieren, mehr noch: Sie richten Schaden an, wie ja auch das Flugbeispiel oben zeigt. Am deutlichsten wird dies mit zunehmender Bedeutung der Vernetzung in einem Bereich, zum Beispiel der Digitalpolitik.

Die DSGVO sollte auch die Macht der großen Internetkonzerne einschränken – stattdessen gehen sie gestärkt aus der Gesetzgebung hervor (also, würden DSGVO tatsächlich flächendeckend verfolgt – aber das ist eine andere Geschichte).

Wenn eine Lösung ganz einfach erscheint, ist sie das oft nicht. Deshalb sollten wir uns am besten alle hinterfragen, hinterdenken, hinterreden, hintertun, auch wenn das anstrengend ist und intellektuell weh tun kann.

Tja… Wir sollten.

Werden wir es tun?

Wenn will ich hier was vormachen? Die Wahrscheinlichkeit, dass dies flächendeckend passiert, ist leider sehr, sehr, sehr, sehr, sehr, sehr gering.


Kommentare


Patrick Schönfeld 29. April 2022 um 15:54

Danke für den Artikel, der dazu anregt, sich selbst an der ein oder anderen Stelle zu hinterfragen.
Ich gehörte beispielsweise bei der Homeoffice-Thematik auch zu den Leuten, die den angesprochenen Klimaaspekt als mögliches Argument für die Remote-Arbeit anführten und muss dies in Anbetracht der jüngeren Erkenntnisse hinterfragen.

Allerdings muss ich anmerken, nachdem ich den neueren Artikel zum Homeoffice von Ihnen gelesen habe, dass da bei Ihnen aus meiner Sicht auch eine gewisse Neigung zu einfachen Erklärungen zu bemerken ist. So erwähnen Sie gleich zu Beginn des Artikels Zuschriften von Programmierer und es gibt keinen Zweifel daran, dass Sie sich deren Präferenz zur Remote-Arbeit vor allem mit dem gemeinhin kolportierten Einzelgängertums dieser Berufsgruppe erklären.

Nun ist es sicherlich unstrittig, dass ein Programmierer einen gewisser Anteil der Arbeit allein im stillen Kämmerchen ausführt, aber diese Darstellung der Berufsgruppe ist doch etwas arg stereotypisch. Auch unterer Programmierern ist ein Austausch mit Anderen (anderen Programmierern und auch nicht-technischen Mitarbeitern) fester Bestandteil der täglichen Arbeit. Tatsächlich geht es in den meisten Firmen auch gar nicht mehr ohne, weil sich das Berufsbild gewandelt und das damit verbundene Aufgabenfeld erweitert hat.

Die Argumentation ist aber auch deshalb etwas verkürzt, weil sie andere, mögliche Erklärungsansätze außer Acht lässt. Vielleicht könnte es ja sein, dass die Engineers in ihrer Tätigkeit einfach Möglichkeiten gefunden haben, sich auch im Homeoffice effektiv auszutauschen. Vielleicht haben sie dafür Strategien und Werkzeuge entwickelt und wenden diese in ihrer Arbeit erfolgreich an. Ganz überraschend wäre das ja nicht, wenn man bedenkt, dass jenes Berufsfeld sich quasi permanent mit Änderungen auseinander setzen und anpassen muss. Vielleicht müssten ja auch andere Berufsgruppen ihr Repertoire an Kommunikationsstrategien erweitern?

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