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Der wichtigste Grund für eine schöne Vergangenheit ist ja ein schlechtes Gedächtnis. Es ist ja sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass wir Menschen saugut darin sind, miese Erinnerungen zu verdrängen und die Historie schöner im Kopf zu behalten, als sie tatsächlich war.

Kürzlich poppte eine Erinnerung auf der Kindheit in meinem Kopf auf. Ich bildete mir ein, dass neben der Metzgerei meines Heimatortes Senden im Münsterland (es gibt zwei Senden, deshalb sollte man immer die Region erwähnen) ein Frittenautomat stand. Der war weiß, man warf Geld rein und raus kam eine Tüte (so meine ich) mit heißen Pommes Frites. Irgendwie konnte dann auch noch Mayo und Ketchup ergänzt werden, wie weiß ich nicht mehr.

Das wäre ja 2020 schon nicht so ungeil, so ein Frittenautomat. Doch meine Kindheit fand in den 70er Jahren statt. Konnte es damals wirklich solch einen Automaten gegeben haben, bei dem man sich kaum vorstellen kann, wie er überhaupt funktionieren soll?

Ich funkte ein eine Bekannte in Senden an, die weiterhin im Ort lebt. Doch sie konnte sich nicht mehr erinnern, ihre Mutter bestritt ebenfalls die Existenz einer solchen Gerätschaft ab. Doch eine Bekannte aus Schultagen meinte: „Doch! Klar gab’s den!“ Also nochmal nachgefragt – und tatsächlich fand sich ein Foto:

Ein Fritomatic war es also – und der hat in der niederländischen Wikipedia sogar einen eigenen Eintrag. Laut diesem Text wurde er in den 60ern in Sluis erfunden, was ein Stück weit ironisch ist. Denn Sluis nahe der belgischen Grenze und an der Nordsee gelegen ist die Heimat des holländischen Star-Kochs Sergio Herman, der dort auch einst sein 3-Sterne-Restauren „Oud Sluis“ betrieb. Heute besitzt er mehrere Restaurants und – die Ironie des Lebens – die Frittenkette „Frites Atelier“, die zu den besten Fast Food-Konzepten gehört, die ich weltweit kenne.

Doch zurück zum Fritomatic. Der funktionierte laut Wikipedia so:

„Das kräftige, 2,05 Meter hohe Gerät bestand aus zwei Teilen und enthielt etwa hundert Portionen mit vorgebratenen Pommes, die durch einen Kettenmechanismus bewegt wurden. Nach dem Einlegen der erforderlichen Münzen begann sich die Kette zu bewegen. Das Gerät kippte über einen Behälter die Fritten in Öl, das kontinuierlich auf 180 Grad gehalten wurde. Nach 40 Sekunden oder weiteren 20 Sekunden, wenn der Kunde die Pommes knuspriger haben wollte, entfernte die Maschine die frisch gebackenen Fritten aus dem Fett und kippte sie in einen neuen Behälter. Der Kunde konnte dann seine Portion Pommes durch eine Luke aus der Maschine nehmen. Salz konnte durch Drücken des Salzknopfes hinzugefügt werden, Mayonnaise und eine Gabel wurden durch eine separate Luke geliefert.“

Und ich sag mal: Wie geil ist das denn?

Wie steil würden die Hochalkohol-Meilen der Republik gehen, stellte dort jemand Frittenautomaten auf?

Also, wenn man den Automaten verbessern würde, natürlich. Denn wie Wikipedia schreibt, gab es etliche, technische Probleme. Und auch die Qualität der Pommes ließ zu wünschen übrig, weil es sehr schwer war, das Fett ständig auf 180 Grad zu halten.

Das war der Grund, warum die Automaten schon Mitte der 70er wieder verschwunden waren. In den vergangenen Jahren gab es vereinzelte Versuche, einen Frittenautomaten zu bauen, so von der Uni Wageningen:

Doch das war 2015 – und seitdem hat man nichts mehr gehört.

Es ist also vielleicht nicht so einfach, einen Pommes-Automaten zu bauen. Und deshalb sage mich mit vollem Stolz zur Generation Z: Ihr habt vielleicht TikTok und Netflix – aber wir hatten einen Pommes-Automaten!

Nachtrag: Anscheinend kostete eine Tüte Pommes damals 50 Pfennig, wir mir jemand auf Facebook schrieb.


Kommentare


Martin Böttger 20. Oktober 2020 um 14:03

In Bonn gab es so einen Automaten auch. Da ich erst 1976 aus Essen hierher zog, muss es also in der zweiten Hälfte der 70er gewesen sein. Ich habe ihn nie benutzt. Der Standort war in Nähe von Juridicum und UB in einer Tiefgarageneinfahrt an der B9, in Bonn "Diplomatenrennbahn" genannt. Eine vierspurige Autoschneise, die die Stadt vom Rheinufer abtrennt. Zu verweilendem konsumieren von Nahrung lädt mich das heute immer noch nicht ein.
Erstklassige Süsskartoffel-Pommes hatte ich aber erst gestern im Beueler
https://www.bistro-odeon.de/,
also auf der richtigen Rheinseite, handgemachte Bioqualität von echten Menschen mmh.

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Tim 21. Oktober 2020 um 8:44

Im heutigen Deutschland würde es sofort Verbotsaufrufe geben. Die gefährlich anfällige Hygiene, die Wirkung auf unsere dicke Jugend, die die öffentliche Ordnung störenden langen Schlangen …

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con2epa 6. November 2020 um 17:06

Um die Jahrtausendwende stand in einem Schwimmbad in Essen auch so ein Automat. Ich war damals im Schwimmverein und als ich mich geduscht hatte. stand da dieser Automat. 29 jungs drängeltenbfür eine Portion. Ich wollte auch eine kaufen. Hatte aber kein Geld. Für das nächste Mal (eine Woche später) packte ich sicherheitshalber gleich den doppelten GeldBetrag ein. Doch der Automat war verschwunden.

Und tauchte auch nicht wieder auf in den folgenden zwei Jahren.

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Puster 3. Dezember 2020 um 19:29

Und wie war das im gestrigen Deutschland?

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k 4. November 2020 um 21:41

An der Universität Konstanz gab es Anfang der 2000er einen funktionstüchtigen Frittenautomaten, gefühlt für ein paar Semester.

Das Konzept hat sich aber scheinbar nicht durchgesetzt. Ich vermute vor allem, weil es keine Möglichkeit gab, Mayo und/oder Ketchup dazu zu kredenzen.

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Christian 7. November 2020 um 23:13

Nicht Partymeile, in die heimische Küche gehört so ein Teil

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Hans-Herbert Lorenz 2. Dezember 2020 um 13:30

Lorenz
Ich sah seinerzeit sogar eine Fernsehsendung , in der der Erbauer (der Frittenautomaten) "in der Welt herumgegondelt ist" – seine Erfindung (auch im heute nicht europä. Ausland) angeboten hat – und Probeweise auch aufgestellt hat.
MfG Lorenz

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Miller 25. Januar 2021 um 4:49

Jou, alte Erinnerungen kommen mir hoch. 🙂 Auch in Dortmund gab es mal einen solchen Automaten. Das war am Ende der 80er-Jahre, das weiß ich ganz sicher, wegen meines Alters.
Ich bin auf einem ausgedehnten Hundespaziergang mal zufällig daran vorbeigekommen, war erstaunt, fasziniert und neugierig.
Die Neugier ließ mich den Automaten dann auch ausprobieren. Münzen eingeworfen, Knöpfe gedrückt, beobachtet. Es kamen interessante Geräusche aus dem Gerät, ein leichter Duft von Frittierfett. Nach ca. 1½ Minuten fiel dann unten so eine Pappschale in den Ausgabeschacht und anschließend meine Portion Pommes dort hinein.
Die Pommes waren, naja.. nennen wir es mal "eßbar". Irgendwie war das Salz scheinbar komplett am Boden der Pappschale gelandet, unter den Pommes.
Das war meine einzige Sichtung eines Pommes-Automaten bisher in meinem Leben.

Ich denke mal, solche Automaten rentieren sich heutzutage nicht mehr. Instandhaltung, Betriebskosten, Hygienevorschriften sind ein no-go. Ich hab‘ 25 Jahre lang in Gastronomie-Küchen gearbeitet und kann mir vorstellen, welcher technische Aufwand und welche gesetzliche Vorschriften den Betrieb solcher Geräte erschweren.

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Stefan Thelemann 30. März 2021 um 23:42

Ich bin 1974 nach Handorf, einen eingemeindeten Ortsteil von Goslar, damals noch "Zonenrandgebiet" am westlichen Nordharz gezogen. In unserer Straße gab es den Landgasthof "Zur Eiche" und davor stand ein Fritomatic. Ich kann mich nicht erinnern, dass er noch funktionierte, aber an den "Duft" nach altem Fritten-Fett aus dem Inneren, wenn man die Klappe öffnete, was ich jedesmal magenknurrend tat, wenn ich davor stand. Meine appetitlichen Phantasien ließen sich auch nicht durch das unappetitliche Äußere des nicht gereinigten Gerätes verwirren. Ketschup- und Fettreste klebten an der Front. Das Ding rostete lange vor sich hin und versank im Lauf der Zeit mit seinen Füßen immer weiter im sandigen Untergrund, bis es irgenjemand irgendwann entfernte – vermutlich im Zuge des Wettbewerbes "Unser Dorf soll schöner werden" – wer weiß. Die Pommes gab es zu "meiner Zeit" immer nur im Innern der Gaststätte – mal besser, mals schlechter. Zumindest wurde der beschriebene Wettbewerb in meiner Erinnerung gewonnen. Dann könnte es sich gelohnt haben den Automaten zu "opfern".

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