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Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ ist derzeit im Gerede. Denn auf den letzten Drücker untersagte Mit-Herausgeber Jürgen Kaube den Abdruck eines langen – und eigentlich sehr interessanten – Interview mit Jan Böhmermann.

Nach Lektüre der Ausgabe, in unserem Haushalt landet seit über 10 Jahren jeden Sonntag eine „FAS“, kann ich die Entscheidung nachvollziehen. Denn es musst ja Platz bleiben für ein, den Atem raubendes Werk aus Händen der Redaktion, das den Leser zum Mitdenken anregt und das deshalb völlig zurecht die (je nach Ansicht) prominenteste Platzierung auf der Kommentarseite erhielt.

Schon die Platzierung des Artikels zeigt elegante, augenzwinkernde Ironie der Redaktion. Denn die Lokation der Meinungsseite macht das Textstück zum Angebot an die LeserInnen: Sie können der Meinung des Autors sein, es ist aber legitim, eine ganz andere Sicht auf die dargestellten Sachverhalte zu haben.

Doch gehen wir dieses Werk in extenso durch, noch bevor es beispielsweise mit dem Richard-Schönfeld-Preis ausgezeichnet wird.

Hierzu erlaube ich mir, die Originalsentenzen kursiv zu setzen um dazwischen meine, vergleichsweise unbedeutenden Anmerkungen einzustreuen.

Schon die Überschrift ist ein Meisterstück:

„Die Sonntagszeitung wird multimedial“

Multimedial.

Wie oft haben wir diese so harmonische Vokabel nicht mehr gehört?

Multimedial.

Da schwingen für uns seniore Menschen nostalgische Sentenzen mit, multimedial, das schnuppert die Nähe von Vokabeln wie BTX, C64, ISDN oder Web 2.0.

Ja, diese Überschrift nimmt auch mit, die mit dem Brustton der Überzeugung bekennen, dass niemand eine schnellere Datenleitung als 5Mbit benötigt.

„Unser Haus erweitert sein Digitalangebot: Von diesem Wochenende an gibt es auch eine muiltimediale Ausgabe der Sonntagszeitung.“

Was für eine wundervolle Nachricht: Ein so junges Objekt, die „FAS“ existiert gerade einmal 19 Jahre, wagt den Sprung in die digitale Zeit.

„We das schon verfügbare klassische E-Paper der Tages- und der Sonntagszeitung ist die Multimedia-Ausgabe ebenfalls am Vorabend des Erscheinungstags von 20 Uhr an online abrufbar.“

Klassisch ist es, das E-Paper. Es ist Bach, es ist Mozart, es ist Wagner.

Pure Klassik.

„Auch diese Ausgabe wird bis in die Nacht hinein mehrfach aktualisiert.“

Mehrfach aktualisiert. Wie so eine richtige Internet-Seite. Der Leser ist verwundert. Und er freut sich ob der sozialen Verantwortung, derer sich der Verlag bekennt. Denn die multimediale Ausgabe wird eben nicht die ganze Nacht über aktualisiert, sondern nur in die Nacht hinein, was vermutlich die Zeit zwischen 20 Uhr (Erscheinen der Multimedia-Ausgabe) und 23.15 Uhr (Ende der „Tagesthemen“) beschreibt. Denn danach heißt es für jeden um seine Work-Life-Balance bemühten Redakteur: Ab in die Heia, Bubu machen. Und die Kolllegen in den USA haben ja ohnehin schon so viel zu tun.

„Die Darstellung der Multimedia-Ausgabe ist so übersichtlich wie das E-Paper, optisch jedoch opulenter aufbereitet.“

Ich kann des Lobes nicht müde werden. Hier hätte die „FAS“ ganz im Sinne der sich selbst so überhöhenden Influencer-Generation sich über des Klee’s Grenze hinweg bejubeln können. Sie hätte ein neues Produkt entwerfen können, dass den Beschränkungen eines papierenen Objektes, das doch weitestgehend in der Konstruktion des E-Paper abgebildet wird, entsagen können.

Aber nein, das wäre ein Affront gegenüber anderen journalistischen Medien. Es würde etwas Neues entstehen, etwas Innovatives und die „FAS“ würde einen Maßstab setzen – das aber wäre mit der hauseigenen Bescheidenheit nicht vereinbar.

„Denn sie wird von einer eigenen Redaktion um multimediale Inhalte wie hochauflösende Bilder, nachrichtenstarke Videos, weiterführende Links, informative Podcasts und besondere Fotoreportagen angereichert.“

Nun jauchzt er auf, der geneigt Leser. Endlich sind die wunderbaren Bilder aus der ganzen Welt nicht mehr grob verpixelt. Das 21. Jahrhundert hält in seine Wohnstube Einzug, was er erblickt ist hoch aufgelöst, schon bilden sich Polonaisen mit Social Distancing-Abständen in Einfamilienhaus-Siedlungen um diesen Fortschritt gebührend zu feiern.

Und dann noch Videos!

Aber nicht irgendwelche. Denn sie sind: NACHRICHTENSTARK!

Und Links! Jenes Manna des digitalen Zeitalters, das aus dem simplen Bürger einen mündigen macht.

Aber es sind nicht irgendwelche. Denn sie sind: WEITERFÜHREND!

Und Podcasts! Auch noch Podcasts, jene sanften, die Intellektualität bereichernden Schmeichelungen der Gehörgänge.

Aber es sind nicht irgendwelche. Denn sie sind: INFORMATIV!

Und Fotoreportagen! Jene okkasionale Lustbarkeit der Nachrichtenwelt, die so selten noch einen Hort findet in Zeiten, da ökonomische Malaise so manches papierene Zeitungsobjekt zur Fastenkur zwingt.

Aber es sind nicht irgendwelche. Denn sie sind: BESONDERS!

Die Macht dieser treulichen Adjektive straft auch den als „Sprachpapst“ beleumundeten Wolf Schneider der Misskundigkeit. Denn wir hätten wir sonst erfahren sollen, wie nachrichtenstark, weiterführend, informativ und einfach besonders, jene Multimedialität der „FAS“ sich ausprägt?

„Die Artikel lassen sich aus dieser Ausgabe heraus auch einfach per E-Mal und in den sozialen Netzwerken teilen.“

Welch wahrliche Pläsanterie offeriert uns hier die Redaktion! Endlich können wir andere leibhaftig werden lassen von der Schaffenskraft der Redaktion. Aber wir tun das nicht irgendwie: Es ist nicht kompliziert, wie bei anderen – es ist EINFACH! (Screw you, Wolf Schneider!)

„Ressortübergreifende Verknüpfungen bieten den Lesern einen raschen Zugriff auf inhaltlich benachbarte Beiträge, die eine fundierte Einordnung des Geschehens ermöglichen.“

Hier nun muss die Lobeshymne ein Momentechen pausieren. Denn die moderne Zeit bricht mit einer lieb gewonnen Tradition der „FAS“. Künftig sollen wir nicht mehr auf Artikel zum gleichen Thema in unterschiedlichen Ressorts stoßen? Wir müssen uns abhold neigen jenem süßen Gefühl des Déjà-vu, wenn wir glauben, dass genau dies doch an anderer Stelle des Blattes schon mit anderen Worten gesagt wurde? Nun, dies ist wohl ein Tribut an den Fluss der Zeit.

„Die Multimedia-Ausgabe der F.A.S. nutzt dafür dieselbe technische Plattform wie die entsprechende Ausgabe der F.A.Z…“

Geschwisterliebe. So wohllöblich.

„…ist optisch jedoch sofort als besonderes Leseangebot für den schönsten Tag der Woche erkennbar: Gestaltung und Layout zeigen deutlich, dass der Leser sich in der’Sonntagszeitung aufhält.“

Der schönste Tag der Woche. Welch en passant eingeworfene Vokabel der Titanen. Der Tag, an dem die Sorgen des Alltags sich vaporisieren. Sonntag, Du wundervoller Sonntag.

„Die Multimedia-Ausgaben haben neben den zusätzlichen Inhalten gegenüber dem klassischen E-Paper einen weiteren Vorteil: Sie sind für Tablet, Smartphone und Browser optimiert und dadurch optimal auf jede Bildschirmgröße der digitalen Endgeräte ausgerichtet.“

Geh hinfort, Du vermaledeites E-Paper, das Du nicht bereit bist, Dich den Bildschirmwünschen Deines Käufers anzupassen!

Und wie putzwunderlich mitdenkend die Redaktion die Erklärung der Optimierung anfügt für jene, die dem Vokabular der Maschinen nicht nahe sind.

„Hlnzu kommt nun auch die Möglichkeit, größere Computerbildschirme besser auszunutzen, da diese ebenfalls immer weiter verbreitet sind.“

Sogar auf größeren Bildschirmen wird unsere geliebte „FAS“ sich nun so nachrichtenstark, weiterführend, Sie wissen schon, präsentieren. Denn diese, erfahren wir, verbreiten sich immer mehr. Ganz im Nebensatz bringt die Redaktion hier eine Nachricht unter – welche schlankhändische Volte des Journalismus.

„Das Zeitungsgefühl aber bleibt in jeder gewählten Darstellungsvariante erhalten.“

Wichtig. Dies ist so wichtig. Danke.

„Alle digitalen Ausgaben der F.A.S. und F.A.Z. – das E-Paper wie auch die multimedialen Ausgaben – sind in der „F.A.Z. Kiosk-App“ und im Web unter „zeitung.faz.net“ erreichbar. Leser können dort ganz einfach zwischen der Multimedia- und E-Paper-Ausgabe wechseln.“

An welch neckischem Spielchen werden wir uns derbald delektieren. Samstags nach acht Uhr werden wir immer wieder umherspringen zwischen Multimedia- und E-Paper-Ausgabe, wie ein junges Mädchen, das vor Glück den moosigen Wald erkundet.

„Die bevorzugte Darstellungsform kann selbstverständlich voreingestellt werden.“

Oh, welch Mirakel der Technik und welch Beflissenheit des Autors, der uns auch Selbstverständliches noch einmal in das Gedächtnis ruft.

„Alle weiteren Merkmale der App wie Merkzettel, Nachtmodus oder Artikel-Sharing sind ebenfalls für die Multimedia-Ausgabe der F.A.S. verfügbar.“

Das Füllhorn der Holdseligkeit mag nicht enden. Wir, die niederen Leser, können uns Artikel merken. Wir können durch das Umschalten auf einen schwarzen Hintergrund unsere müden Augen schonen und die nochmalige Betonung der Okkasion des Teilens zeigt, von welch bedeutsamer Wocht diese Option ist.

„Was schon Nutzer der F.A.Z.-Multimediaausgabe schätzen: Im Kopf der digitalen Zeitung kann man bequem von Ausgabe zu Ausgabe wechseln. Zudem gibt es in jedem Text die Möglichkeit, die Schriftgröße zu verändern.“

Schon sehen wir vor unserem inneren Auge uns selbst, wie wir von Ausgabe zu Ausgabe wechseln, und dies ist so bequem wie die Ottomane, die wir jüngst erst haben aufpolstern lassen.

„Das Digitalabo beginnt je nach Abonnementoption bei 18,90 Euro, einschließlich eines Zugangs zu unserem Angebot F+ für FAZ.NET komplett. Wer das E-Paper schon jetzt bezieht, kann die neue digitale Ausgabe selbstverständlich ohne Aufpreis lesen – das Abonnement wird mit dem Angebot somit für die Leser kostenlos erheblich aufgewertet. Die FA.Z.-Kiosk-App selbst steht kostenfrei zum Download auf Smartphones und Tablets zur Verfügung, sowohl im Google Play Store als auch im Apple Store.“

Wie sehr doch der Verlag der „Frankfurter Allgemeine“ um unser Wohl besorgt ist. Hören wir nicht ständig ob der schröcklichen Verbreitung geistiger Umnachtung im hohen Alter? Raten uns nicht Söhne und Töchter des Aesculap unsere Hirne immer wieder zu trainieren?

Die „FAZ“ fordert uns hier ganz versteckt dazu auf. Denn sie bietet nicht ein, zwei oder drei verschiedene Varianten, ihre weiterführende Nachrichtenstärke zu beziehen – nein, es sind über 30 verschiedene Versionen. Welch eindrucksvoller Einsatz im Kampf gegen Gevatter Demenz“

Und keines davon bewegt sich in der preislichen Lauschepperigkeit von Lokalzeitungen wie der „New York Times“. Nein, eine Gütlichkeit wie die der „Frankfurter“ hat ihren Preis. Und das ist gut so.

„Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet seit dem Jahr 2001 in höchster journalistischer Qualität über vielfältige Themen aus Politik, Wirtschaft, Leben und Reisen. Das Blatt richtet den Blick sowohl auf das, was im Verlauf der Woche geschah, als auch auf das, was kommen wird.“

Dem mag der geneigte Leser nach dem Genuss dieses Stücks an so hervorgehobenen Orte nur beistimmen. Und er hat vollstes Verständnis für die Entscheidung der Redaktion einem strubbeligen Flegel wie Jan Böhmermann keinen Raum zu geben – dieses Stück war nun wirklich wertvoller für den zahlenden Leser.


Kommentare


Thomas 15. September 2020 um 12:49

FAS – Mit Vollgas auf der Datenautobahn!

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Peter 15. September 2020 um 13:02

Finde ich gut. Vor allem die wiederholte Erwähnung der Einbettungsmöglichkeiten in sozialen Medien. Links auf ein kostenpflichtiges Angebot. Wenn ich jetzt dieses multimedial-Abo abschließe und dann die eingebetteten Links in den sozialen Medien für Artikel hochlade, wie viel Werbekostenzuschuss bekomme ich pro Link von der FAS? Zahlt der Verlag typische Influenzer-Tarife?

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Frank 16. September 2020 um 21:22

Bekommt diese Website irgendwann auch mal ein eigenes Favicon? Das Standard-Wordpress-Teil ist irgendwie nicht so passend für jemanden, der sich total gut auskennt und gern andere kritisiert..

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Thomas Knüwer 17. September 2020 um 10:29

Und was könnte wichtiger sein, als ein Favicon. Ein Favicon ändert ALLES!

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Frank 17. September 2020 um 17:43

Genau diese Antwort habe ich erwartet.

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Thomas Knüwer 18. September 2020 um 10:59

Ich freue mich, dass Ich Ihren Anforderungen entsprechen durfte. Bitte beehren Sie uns bald wieder.

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Frank70 17. September 2020 um 14:03

Sich selbst aufwerten, in dem man alles andere ins Lächerliche zieht, soll das wirklich funktionieren ? Der Autor scheint daran zu glauben… Er ist damit nicht allein: Im wissenschaftlichen Bereich z.B. greift immer mehr das Phänomen um sich, dass gewisse Charaktere grundsätzlich bei Arbeiten anderer wissenschaftlichen Anspruch vermissen, im Glauben dadurch selbst einen solchen für sich zu generieren.

Wie war das nochmal mit der Eiche, die sich nicht daran stören muss, wenn sich eine Sau an ihrer Rinde schuppt…

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Gitarrenunterricht 21. September 2020 um 13:09

An Frank70…

Wenn ich es richtig verstehe, ist der Sarkasmus hier so ausgebreitet, um den "hochwertigen" Journalismus, der hier ja nur Eigenwerbung besteht, der Tatsache gegenüberstellt, dass ein Interview (und das ist ja die eigentliche journalistische Arbeit) nicht erscheint.

So von wegen Verhältnismäßigkeit und Informations- bzw. Unterhaltungswert für den Leser.

Das hätte ich in der Länge auch nicht gebraucht, aber ich finde es es auch schwer nachvollziehbar ein solches Interview nicht zu veröffentlichen.

Wobei der Grund für das nicht erscheinen des Böhmermanschen Interviews sicher nicht Platzmangel und die Platzierung von Werbung ist, oder?

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Frank70 21. September 2020 um 18:12

Ich denke, es ging Herrn Kaupe einfach nur um eine Notbremse in Richtung Aufrechterhaltung eines journalistischen Mindestniveaus. Da darf ein Herausgeber durchaus in redaktionelle Entscheidungen eingreifen und ein Interview herausnehmen. Fehler war mit Sicherheit, überhaupt ein Interview mit JB zu führen. Daraus resultierend in sarkastischer Weise die FAZ in Richtung Unseriösität zu stellen ist jedoch in der Konsekutivlogik etwa so hilflos und absurd, als versuche man einen Dirk Nowitzki in Richtung schlecher Basketballer zu rücken, weil er kein erstklassiker Bodenturner sei.

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Frank70 21. September 2020 um 18:21

Bleibt zu ergänzen, dass die vergessenen Kommata in meinem vorigen Kommentar eindeutig beweisen, dass ich selbst ein Vertreter des unseriösen "Behauptungsjournalismus" bin…

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