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Stellen Sie, liebe LeserInnen sich vor, einer der, vielleicht gar DER größte Wirtschaftsbetrug der Geschichte fand statt, Anleger wurden um 15 Milliarden, vielleicht gar 19 Milliarden Dollar geprellt.

Stellen Sie sich weiter vor, dass dieser Betrug zwar zu einer Verhaftung geführt hat, doch dass jene angeklagte Organisation weiterhin Menschen betrügt – nur eben dort, wo Westler seltener hinschauen, zum Beispiel in Uganda.

Noch dazu hat dieser Betrug mehrere Anknüpfungspunkte nach Deutschland, ja möglicherweise wohnt der Kopf des Betrugs sogar in der Nähe von Frankfurt.

Und nun stellen Sie sich vor, dass die Medienwelt der Bundesrepublik dieses Thema weitgehend verschlafen hat und weiter verschläft.

In der vergangenen Woche habe ich einen Podcast gebingehört, der mich sprachlos gemacht hat. Einerseits, weil seine Produktionsqualität herausragend ist, andererseits, weil das oben Geschilderte keine Übertreibung ist.

Jener Podcast kommt von der BBC und heißt „The Missing Cryptoqueen“. Er behandelt die scheinbare Cryptowährung Onecoin, die von der Bulgarin Ruja Ignatova gestartet wurde. Tatsächlich war Onecoin zu keinem Zeitpunkt eine Blockchain-basierte Währung, sondern ein mit der Hilfe von Multilevel-Marketing-Experten aufgezogenes Schneeballsystem. Dieses System soll Menschen weltweit seit 2014 um jene irrwitzige Summe gebracht haben, in Ländern wie Uganda sind noch immer Onecoin-Vertriebler unterwegs.

Ignatova ist seit 2017 verschwunden. Ihr Bruder und Nachfolger Konstantin Ignatov ist 2019 von den US-Behörden verhaftet und der Geldwäsche sowie des Betrugs angeklagt worden – er hat gestanden. 

Ich bin erstaunt, dass diese irre Story in deutschen Medien, sagen wir, sublim auftaucht. Nur kleine Artikelchen sind zu finden, keine lange, packende Reportage – nicht mal in Wirtschaftsmedien. Das ist deshalb erstaunlich, weil die Onecoin-Story sehr viele deutsche Anknüpfungspunkte hat.

So wuchs das Ignatov-Geschwisterpaar in Schramberg auf, weshalb skurrilerweise der „Schwarzwälder Bote“ mehr über den Betrug schreibt als die „FAZ“. Ignatova studierte in Konstanz, machte dort ihren Doktor und übernahm später einen Metallbetrieb im Schwarzwald. Knall auf Fall verschwand sie auch dort und wurde später wegen Betrugs verurteilt. Sie war, recherchierte die BBC, verheiratet mit einem deutschen Anwalt der Großkanzlei Linklaters in Frankfurt. Eine wichtige Vertriebsfirma für Onecoin hatte ihren Sitz im münsterländischen Greven.

Vor allem aber, das ergab die Nachforschung des Podcast-Teams, besteht eine ordentliche Wahrscheinlichkeit, dass die von den US-Behörden gesucht Ignatova heute in Bad Homburg im Taunus lebt.

Trotz alldem spielt der vielleicht größte Betrug der Geschichte kaum eine Rolle in deutschen Medien. Erst durch die BBC-Recherchen ist zumindest „Capital“ aufgewacht und veröffentlichte jüngst eine Recherche. Ansonsten aber hat sich erstaunlicherweise nur der Anlegerdienst „Gerlach-Report“ in einer fünfteiligen Serie intensiver mit Onecoin beschäftigt.

Deshalb, liebe Leserinnen und Leser, inhalieren Sie bitte „The Missing Cryptoqueen“, einen der besten investigativen Podcasts, die ich je hörte. Und fragen Sie sich dann, weshalb deutsche Redaktionen das Thema derart verpennt haben.


Kommentare


Christoph 3. März 2020 um 16:36

Tippies im ersten und vierten Absatz. Wollte nur nachweisen, dass ich wirklich alles gelesen habe 😉

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Gerold 3. März 2020 um 18:30

Wenn sich ein "Journalist" auf den Gerlach Report bezieht, ist dessen Professionalität in Frage zu stellen.
Gerlach Report, Betreiber Rainer von Holst. Per Haftbefehl von Deutschland gesucht. Beide Kinder 2019 zu Haftstrafen in Deutschland verurteilt. Arte brachte über diese kriminelle Familie und deren Betrugsnetzwerk eine Reportage.

Mein lieber Herr Journalist, nichts wissen, sich nur auf andere beziehen. Ein Armutszeugnis.

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Thomas Knüwer 4. März 2020 um 10:02

@Gerold: Ich bin kein Journalist mehr. Es ist vollkommen egal, ob der Gerlach Report seriös oder unseriös ist. Fakt ist: Selbst er hat mehr recherchiert als die meisten Klassikmedien. Ist das nicht erschreckend?

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Manuel 3. März 2020 um 21:14

Das hat mich beim Hören auch umgehauen, dass man hier nichts davon mitbekommen hat bislang…

Ob der Gerlach-Report allerdings tatsächlich ein "Anlegerdienst" ist oder nicht viel mehr eine halbseidene Schmierengazette, wäre noch zu klären (siehe Stiftung Warentest in https://www.test.de/Gerlachreport-5281599-0/)

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Jochen 4. März 2020 um 16:16

Leute, nicht alles glauben und nach labern. Gerlachreport ist seid Jahren dafür bekannt Firmen in den Dreck zu ziehen und gegen horrende Zahlungen die Schmutzkampanie zu stoppen.
Ausserdem gibt es in unserem Land viel größere Probleme als OneCoin. Wer investieren möchte sollte es tun und wer nicht lässt es eben. Wer nicht investiert aber sich das Maul zerreißt was wäre wenn gewesen, andere über Dinge aufklären möchte der selbst nicht investiert hat, ist nicht’s anderes als ein verbreiter von halbwissen und ein mieser Stimmungsmacher.

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Thomas Knüwer 5. März 2020 um 11:37

@Jochen: Ich ahne, dass Sie in Onecoin investiert sind?

Sie müssen dem Gerlach-Report nicht glauben, aber dann doch vielleicht der BBC. Dass Onecoin ein Betrug ist, hinter dem keine Cryptowährung steht, darf als unstrittig bezeichnet werden. Wir reden hier über den vielleicht größten Wirtschaftsbetrug der Geschichte. Und, nein, darin sollte und darf niemand investieren.

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Bruno Misteli 3. März 2020 um 22:02

Vielleicht sollten Sie selber einmal recherchieren und nicht nur abschreiben. Wer lesen kann ist im Vorteil. Die Schweizer Justiz ist sehr sensibel. Die Resultate sind auch hier schon länger bekannt.

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Thomas Knüwer 4. März 2020 um 10:03

@Bruno Mistelli: Wo habe ich etwas über die Schweizer Justiz geschrieben? Ach ja: nirgends. Was hat die Schweizer Justiz mit deutscher Berichterstattung zu tun? Aus meiner Sicht – nichts. Aber Sie dürfen uns gerne aufklären.

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Bernd Knauer 3. März 2020 um 22:13

War von vornherein klar, das One Coin betrügerische Sache war und ist

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Tim 4. März 2020 um 9:29

Mit einer Milliarde lässt es sich in Bad Homburg ganz gut leben.

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Stefan 5. März 2020 um 13:56

Ich habe ehrlich gesagt den Podcast nicht mehr als 5 Minuten durchgehalten. Die ermüdende Menge an Musik und Sounds bei der man nicht kurz unachtsam sein kann ohne den Einsatz des Sprechers zu verpassen… die klischee-Phrasen der Selbstbeweihräucherung (darkest corners of the internet… but nothing could prepare me…) und dann holt er erst noch aus, was Bitcoin ist.

Ihr Blogpost kommt dagegen auf den Punkt! Von onecoin hatte ich noch nie gehört. Ich werde zusehen, darüber mehr zu lesen. Das kostet mich dann keine 8×20 Minuten Lebenszeit.

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Tim 9. März 2020 um 11:25

Ja, ich habe auch nach 2,5 Episoden abgebrochen. Jammerschade, dass ein so spannendes Thema so ermüdend und mit ständigen Wiederholungen dargestellt wird.

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Olga Murkow 5. März 2020 um 22:54

Also lieber Herr Autor .
Recherchieren Sie doch einfach mal selber wie leider heutzutage sehr wenige Blogger und Journalisten das noch tun( sollten).
BBC ist seriös ???? Aha !!!
https://uk.trustpilot.com/review/www.bbc.co.uk

Und nein ich bin nicht in Onecoin investiert!

Viele liebe Grüße
Olga

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Thomas Knüwer 6. März 2020 um 11:02

@Olga: Sie sind lustig, Ihnen zahlt Onecoin als letzte ihr Geld nicht zurück.

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