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Ich habe eine Informationen, die Sie überraschen wird: ich bin Ökonom.

Ja, mich überrascht das doch auch.

Aber, hey, so spielt das Leben. Da lieste Dich ein wenig gelangweilt durch das Internet und – zack – biste Ökonom. What a time to be alive.

Zum Ökonom gemacht hat mich der Business Insider – und zwar in diesem Artikel:

Eine, nun ja, fordernde Schlag-Zeile. Aber das ist man gewöhnt, der Business Insider gehört zu Axel Springer, ist somit eher dem Bodensatz dessen zuzuordnen, was man mit viel Wohlwollen noch als „Journalismus“ titulieren könnte. Und während er in der angelsächsischen Welt eine zwar boulevardeske aber durchaus brauchbare Quelle für Wirtschaftsjournalismus darstellt, ist er in Deutschland eher Clickbait mit Aktien.

Trotzdem ist dieser Artikel ein schönes Beispiel für eine Stilform, die sich derzeit immer weiter im deutschen Journalismus verbreitet: dem Behauptungsjournalismus.

Dieser funktioniert so: Ich spreche einer Person oder einem Ding eine Funktion oder Eigenschaft hat, die sie nicht besitzt – und hoffe, dass die Leser doof genug sind, dies nicht zu bemerken.

Zum Beispiel jener crashvorhersagende Ökonom. Es handelt sich hierbei Marc Friedrich. Er ist Autor von sich, aus meiner Sicht, traurigerweise gut verkaufenden Büchern, deren Inhalt sich aggregieren lässt mit den Worten: „AAAAHH, DAS ENDE IST NAH, WIR WERDEN ALLE VERHUNGERN UND VERARMEN, aber ich sag euch, wie ihr von der Apokalypse profitiert!“

Sie finden diese Beschreibung zu negativ? Nun, hier die Publikationsliste aus Wikipedia: 

Außerdem ist Friedrich Professor für Ökonomie an der…

Oh, Moment…

also, Friedrich ist außerdem Dozent für Volkswirtschaft in…

Äh…

Ne, auch nicht.

Tatsächlich war Marc Friedrich zu keinem Zeitpunkt das, was gemeinhin mit der Berufsbezeichnung „Ökonom“ verbinden würde. Er hat zwar Internationale Betriebswirtschaft an der Hochschule Aalen studiert, eine kleine Einrichtung mit Fachhochschul-Status. Doch war er nie wissenschaftlich tätig, sondern hat in internationalen Unternehmen gearbeitet und 2009 eine Beratung für Vermögensverwaltung eröffnet – und er schreibt Bücher und hält Vorträge.

Wenn dies also reicht, um Ökonom genannt zu werden, dann bin ich das wohl auch. Ich habe an der Universität Münster Betriebswirtschaft mit den Schwerpunkten Marketing und Umweltmanagement studiert und habe anschließend 14 Jahre lang publizistisch zu Wirtschaftsthemen gearbeitet.

Call me Ökonom, suckers.

Doch ist die ganze Sache ein wenig ernster.

Hätte der Business Insider statt Ökonom „Bestseller-Autor“ geschrieben, würde dies die Überschrift sofort entwerten. „Ökonom“ ist ein aus der Wissenschaft stammender Begriff, er vermittelt Unvoreingenommenheit und Fundierung. Einem Ökonom sollte man zuhören, einem Bestseller-Autor kann man zuhören.

Wer so arbeitet, der setzt zunächst mal auf Clickbaiting-Prinzipien. Der Leser wird mit dem Versprechen jener Unvoreingenommenheit und Fundierung in den Artikelkonsum gelockt. Danach hofft der Autor auf die Dummheit seines Kunden: Der Leser soll vergessen, dass ihm ein Ökonom versprochen und ein Dystopie-Bestseller-Autor geboten wird.

Leider ist diese Nepper-Schlepper-Bauernklicker-Methode immer weiter verbreitet. Hier ein Beispiel aus dem Düsseldorfer „Express“ :

Wäre es eine Imbissbude, die 20 bis 30 Prozent weniger Gäste verzeichnen würde, die Meldung wäre nur halb so interessant. Aber ein Top-Restaurant? Das ist was ganz Anderes. Hier speist doch die Elite, jene, die wissen, wie die Welt läuft. Und natürlich sind die Rechnungen viel höher.

Allein: Das „Asia 5 Sterne“ hat seine Himmelskörper nicht aus Händen des Guide Michelin. Auf seiner Homepage sehen wir Bilder wie dieses:

Der Restaurantkundige erblickt auf der linken Seite etwas, was die Besucher von Top-Restaurants eher abschrecken dürfte: ein Buffet. Tatsächlich ist das Hauptgeschäft des Oberkasseler Gastronomen „All you can eat“ zu Preisen zwischen 9,50 und 18,50€. Und warm gehaltene Ware, die bei diesem Konzept Rendite bringen muss, ist eher selten das, was man mit einem „Top-Restaurant“ verbindet (was selbstverständlich nicht heißt, dass es hier kein leckeres Essen geben würde).

Behauptungsjournalismus ist deshalb so gefährlich, weil er mit der menschlichen Regung spielt, Dinge aus dem Augenwinkel wahrzunehmen. Wir mögen uns noch so sehr einbilden, die Nachrichtenlage zu durchdringen. Doch selbst die Medienkompetentesten neigen dazu, jene Themen, die sie nur am Rand interessieren, oberflächlich zu observieren.

Ich glaube nicht, dass diese Art zu lesen neu ist oder mit dem Internet zusammenhängt. Noch nie lasen Menschen zum Beispiel eine Zeitung vollständig durch. Bei vielen der Artikel registrierten sie nur die Überschriften und vielleicht noch die Vorspänne. Dafür gab es zwei mögliche Gründe: Das Thema interessierte den individuellen Leser nicht – oder er/sie glaubte, durch die Kurzlektüre genügend Informationen zu diesem Thema erhalten zu haben.

Das hat uns Menschen aber auch noch nie davon abgehalten trotzdem das Gefühl zu entwickeln, uns auszukennen. Der Dunning-Kruger-Effekt behauptet ja sogar, dass Menschen besonders überzeugt von einer Meinung sein können, wenn sie wenig wissen.

Und deshalb sollten Journalisten vorsichtig sein, Personen oder Institutionen auf Podeste zu stellen, auf die sie nicht gehören. Oder aber Handlungen en passant eine Bedeutung zu verleihen, die diese nicht haben.

In dieser Disziplin gibt es einen besonders aktiven Behauptungsjournalisten: Gabor Steingart. Fast jeden Tag deutet er ein Geschehen so um, dass es seinen Thesen entspricht. Hier ein Beispiel: 

Wollte die Linken-Landeschefin Susanne Hennig Wellsow den Liberalismus als Denkrichtung diffamieren? Sie selbst sagte im Interview mit der „Welt“:

„Es war insofern spontan, dass ich nicht vorher darüber nachgedacht habe. Aber mir war klar, dass ich Thomas Kemmerich nicht gratulieren werde, ihm nicht die Hand reichen und ihm keinen Blumenstrauß überreichen werde. Und ich hatte das starke Bedürfnis, meinen Widerstand auszudrücken. So kam es dann dazu.“

Wirklich niemand käme wohl auf die Idee, dass diese Geste der Diffamierung einer Denkrichtung gilt. So gut wie jeder aber dürfte es als Geste interpretiert haben, dass die Tricksereien der FDP und deren Annäherung an die AFD genau das Gegenteil von Liberalismus sind und deshalb von Hennig-Wellsow verurteilt wurden.

Nicht aber Behauptungsjournalisten. Nur mit dem schwungvoll hinbehaupteten Diffamieren einer Denkrichtung wird die Szene für Steingart zur Untermauerung seiner These, der er weite Teile seines Newsletters widmet, dass eine konstruktive Debatte nicht möglich sei.

Auch die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ lieferte jüngst ein Beispiel für Behauptungsjournalismus:

Ein Facility Management Operator ist also ein „Hausmeister mit besonderen Aufgaben“. Schon sieht der Leser einen graukittelbekleideten Herrn mit Alu-Leiter an sich vorbeihuschen, während im Hintergrund die Bläck Föös ihr Lied vom „Huusmester Kaczmarek“ anstimmen:

„Decke Schruve, dönne Schruve, Dübbele für enzemuure,
Säjeblädder, Winkelieser,
Bohrmaschine, Schliefmaschine,
Röllche für Jadingeschiene,
Ratschekaste, Pinselquaste,
alles an d\’r Werkzeuchkess.“

Weniger reißerisch wird die Passage, wenn zum Ergreifen jenes Postens ein Studium nötig wäre, oder? Dann wären 2534 Euro im Monat ja vielleicht sogar zu wenig, angesichts der Finanzkraft der EZB.

Facility Management ist übrigens laut Wikipedia „eine eigene Wissenschaftsdisziplin und wird als Studiengang an 22 Hochschulen angeboten. Gebäude, Liegenschaften und betriebliche Abläufe werden im FM ganzheitlich betrachtet. Ziel der koordinierten Abwicklung von Prozessen ist dabei, der rechtssichere Betrieb von Anlagen und Gebäuden, die Betriebs- und Bewirtschaftungskosten dauerhaft zu senken, Fixkosten zu flexibilisieren, die technische Verfügbarkeit der Anlagen zu sichern sowie den Wert von Gebäuden und Anlagen langfristig zu erhalten oder gar zu steigern.“

Gegen Behauptungsjournalismus dieser geschilderten Arten hilft leider nur Denken beim Lesen – und das ist, ganz ernsthaft gemeint, nicht immer einfach. Man müsste realisieren, dass Marc Friedrich kein Ökonom im eigentlich Sinne ist, dass ein Top-Restaurant mit dem Namen „Asia 5 Sterne“ irgendwie merkwürdig wäre oder dass jener Blumenwurf nichts mit einem Contra zum Liberalismus zu tun hat.

Es ist traurig, dass solche Warnungen im Jahr 2020 ausgesprochen werden müssen, aber es geht halt nicht anders: Lassen Sie sich also keinen Bauernfänger für einen Ökonomen vormachen.

Nachtrag vom 26.2.2020:


Kommentare


Titus von Unhold 25. Februar 2020 um 23:07

Das darf natürlich nicht sein, geht aber noch, immerhin ist es Trivialjournalismus. Schlimm wird es erst wenn "Expertenmeinungen" auf falschen Tatsachen beruhen, aber ungeprüft von Journalisten übernommen werden und politische Meinungsbildung darauf beruht. *grusel* Letztens begegenete mir in einer Diskussion über Adipositas das Argument ein leichtes Übergewicht würde zu einem längeren Leben verhelfen. Und das Stand tatsächlich so in einem Artikel einer Zeitschrift die vornhemlich boulevardesk Frauenthemen anspricht. Richtig war aber – und das wusste ich aus Spektrum der Wissenschaft – dass mit zunehmendem BMI die Lebenserwartung schrumpft, außer bei Menschen die im letzten Lebensdrittel sind und operiert werden. Da hilft steigt die Überlebensrate deutlich wenn der BMI bei über 25 bis 30 liegt.

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con2art 26. Februar 2020 um 10:05

Es darf nicht sein, geht aber noch, weil Wirtschaft und Coronavirus Trivialjournalismus sind. Und wenn aufgrund solchen "Trivialjournalismus" Umsätze einbrechen, Menschen Geld verlieren oder gleich zur Pistole greifen, ist das noch nicht schlimm. So weit habe ich das jetzt verstanden, aber eine Frage habe ich noch:

Sie meinen, schlimm wäre es erst, wenn eine Meinung von Experten auf falschen Tatsachen beruhe.
Beim "Behauptungsjournalismus" werden (auch) tatsächliche Aussagen nicht vorhandenen Experten zugeordnet.

Was kommt jetzt häufiger vor? Dass Experten tatsächlich falsch liegen oder dass Artikelschreiber Experten erfinden?
Zweiteres kommt täglich dutzendfach vor, Ersteres vielleicht einmal im Jahr (aus 2019 ist mir jedenfalls kein Fall bekannt).

Ihr Beispiel ist übrigens kein Beleg für falsche Aussagen von Experten. Sie haben schließlich nur die Zeitschrift zitiert und wie das mit Artikelschreibern bei Zeitschriften so ist, verstehen diese gerne die Experten falsch, vereinfachen bis zur Verfälschung oder verfälschen absichtlich um die Behauptung des Artikels nicht kaputt zu machen.

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Thomas Knüwer 26. Februar 2020 um 12:50

"Falsche" Behauptungen von Experten sind ein komplett anderes Thema. Übrigens wird das "falsch" bei zu vielen Rezipienten mit "ich habe eine andere Meinung" assoziiert. Aber wie gesagt: Das ist ein vollkommen anderes Thema.

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Chris 27. Februar 2020 um 17:52

Es gab auch eine andere Studie, die mal groß durch die medien ging bei der leichtes Übergewicht als positiver Faktor für die Lebenserwartung gewertet wurde.
Das Problem was entweder schon bei der Metastudie* oder bei dem wiedergebenen Medien untergegangen ist, das Krankheitsbedingte Gewichtsabnahme nicht rausgerechnet wurde. Das heißt der ehemals übergewichtige Krebskranke, der in der Chemo massiv an Gewicht verliert landet unter umstände als normal bis untergewichtiger Datensatz in der Auswertung.

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Daniel Nowak 26. Februar 2020 um 9:29

Ja, hätte der Business Insider "Bestsellser-Autor" geschrieben, wäre die Überschrift entwertet gewesen – denn wer will schon von Bestsellern lesen, wenn der Autor nicht mal weiß, wie man "Bestseller" schreibt? 😉

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Thomas Knüwer 26. Februar 2020 um 12:48

Das ändert ALLES!

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Tim 27. Februar 2020 um 15:09

Hier wird behauptet(!), dass "solche Warnungen im Jahr 2020 ausgesprochen werden müssen". Da fühle ich mich als Leser verarscht. Oder ist das eine bequeme Behauptung aus der beliebten Third-person-Ecke? Die da draußen sind alle doof?

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Hektor Haarkötter 3. März 2020 um 9:41

Die ersten beiden Fälle und der Steingart- bzw. FASZ-Fall scheinen mir nicht recht vergleichbar. Im ersten Fall haben wir den typischen Superlativismus vieler, vor allem aber der Boulevardmedien, mit denen die Pseudorelevanz eines Themas oder Gesprächspartners aufgepimpt werden soll. Steingart macht eben Meinungsjournalismus und bedient den rechts-liberalen Zeitgeist — aber das ist ja durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Beim Jonglieren mit Zahlen im FAS-Artikel frage ich mich, was überhaupt damit bezweckt wird. Erinnert mich ein bisschen an den berühmten Ausspruch von Wolf Schneider, dass 98% aller Zahlen in Zeitungen falsch sind.
Ein noch ganz anderer Fall, der mir bedenkenswert erscheint, ist das „Expertentum“ vor allem im öff.-rechtl. Rundfunk. Ich habe den Eindruck, es reicht, mal drei Beiträge übers Ausland gemacht zu haben, um als „Auslandsexperte“ ausgegeben zu werden. Und dann wird dieser „Experte“, der ja eigentlich nur ein Redaktionskollege ist, im eigenen Programm von einem anderen Journalisten interviewt. Mir scheint, hier wird einfach nur Recherche gespart. „Kollegengespräch“ ist ja inzwischen eine eigene Darstellungsform, die bei einigen Sendern in der internen Fortbildung schon unterrichtet wird. Ich kenne ganz ehrlich nur sehr wenige Journalist*innen, die wirklich Expert*innen in ihrem Feld sind – die meisten sind ja doch eher Generalisten, die gesundes Halbwissen über allerhand haben. Und das ist vermutlich im aktuellen und semiaktuellen Dienst auch gut so.
Mich als Leser/Zuschauer interessiert übrigens die Meinung von Journalisten überhaupt nicht – die Kommentarseite in der Zeitung überblättere ich und beim Tagesthemen-Kommentar schalte ich um. Interviews von Journalist*innen mit Journalist*innen empfinde ich darum als Unding.

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