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Die vergangenen zwei Wochen verbrachte ich in Argentinien. Es war mein erster Besuch in diesem Land, sicher aber nicht mein letzter. Argentinien ist wundervoll, Buenos Aires die grünste Millionenstadt, die ich kenne, das Land lässt sich recht entspannt bereisen und die Menschen sind bodenständig-freundlich.

Von solchen Reisen machte ich bisher immer „Field Notes“ in Form von Instagram Storys. Die aber sind doch etwas flüchtig und deshalb hier der Versuch, jene Beobachtungen rund um Digitalität, Technik, Marketing und Medien in einem Blog-Post zusammenzufassen – Kommentare zum Format sind gern gesehen.

Ein Land auf Whatsapp

Argentinien tickt auf Whatsapp – und das weit öffentlicher als Deutschland. Ein Beispiel: In Iguazú, wo  nahe der brasilianischen Grenze sich irrwitzige Wassermassen über Klippen stürzen, fuhr uns eine gut gelaunte Taxerin vom Hotel zum Restaurant. Sie gab uns ihre Karte mit der Frage, ob wir auch eine Rückfahrt benötigten. Diese konnten wir dann über Whatsapp und Google Translate ordern.

Und so geht es weiter: Immobilienmakler verbreiten ihre Whatsapp-Nummer auf Plakaten, Handyshops bieten persönliche Beratung, wer zu einem Argentinier Kontakt halten möchte, der erhält dessen Whatsapp-Nummer.

Social Network Nummer zwei ist eindeutig Instagram, Facebook konnte ich nirgends sichten, ebensowenig Twitter.

Und wo wir über Instagram reden: Auf einen der bemerkenswertesten Accounts, die ich je sah, wurde ich durch ein Plakat an einer Ampel in Buenos Aires aufmerksam.

Es gehört dem Künstler Fernando Salimbene und es ist fantastisch gut durch orchestriert – jedem Freund digitaler Kunst oder Ästhetik sei der Klick hier empfohlen.

Daten und Wifi

Freie Wlan-Netze, also solche ganz ohne Anmeldung, finden sich in Argentinien reichlich. Vielleicht zwei oder drei Mal in zwei Wochen stießen wir auf ein Netz, bei dem ein Account eröffnet oder ein Social Login genutzt werden musste. Selbst an den Wasserfällen von Iguazú kann kostenlos gesurft werden.

Die Geschwindigkeit ist dabei nicht überragend – aber ordentlich. Auch die LTE-Abdeckung ist zufriedenstellend. Generell ein Tip für alle Fernreisenden, deren Handys virtuelle SIM-Karten unterstützen: Gigsky bietet zuverlässig erfreulich kostengünstige Datenpakete an. In Argentinien zahlte ich für 5 GB 50 Euro.

Geklonte Ponys

Der Herr auf diesem Bild ist Adolfo Cambiaso, der seit langen Jahren beste Polo-Spieler der Welt. Wir hatten das Glück, ihn und sein Team La Dolphina in Buenos Aires beim bestbesetzten Turnier der Welt spielen zu sehen. Und obwohl wir blutiger Laie waren, konnten wir sehen, warum Cambiaso so heraussticht: seine Bewegungen, seine Reaktionsgeschwindigkeit, seine Eleganz.

Das unter ihm ist sein bestes Pferd Cuartetera. Oder besser: Einer von neun Klonen Cuarteteras.

Ja, Polo-Pferde-Klonen is a thing – und das schon seit ein paar Jahren. Und dass Cambiaso mit geklonten Pferden weiterhin die Nummer 1 ist, deutet darauf hin, dass diese geklonten Pferde einen Spieler zumindest nicht schlechter machen.

Sign of the times: Wework

Wework ist einer der Sponsoren jenes Polo-Turniers und belegt eines der größten Hochhäuser im Herzen von Buenos Aires. Das Leucht-K aber ist schon abgefallen – ein schönes Zeichen der Zeit.

Non-Binary-Gender-Werbung

Noch nie habe ich in Geschäften einen so offenen Umgang mit dem Thema non-binary Gender gesehen.

Mal kleidete ein Damenmodelabel eine männliche Schaufensterpuppe mit seinen Produkten, dann warb die Designerin Vanessa Krongold mit einem Netz-Schlauchkleid, dass Frauen wie Männern tänzerische Freiheit im Club-Leben ermöglichen soll.

Digitale Taxis

Auch in Argentinien gibt es einige Taxi-Apps, auch in Buenos Aires tobt ein Streit um Uber. E-Scooter gibt es in der Hauptstadt, doch werden sie selten genutzt: Sie gelten als zu teuer und, um ehrlich zu sein, so wie Argentinier fahren, sollte man wohl auch besser die Finger von den Rollern lassen.

Also Taxi oder Uber. Egal, wie man sich fahren lässt: Die Autos sind immer klein und rappelig, die Fahrer aber immer nett bis sehr freundlich. Wir hatten in zwei Wochen keine einzige grummelige Person am Steuer.

Zwei simple ideen fielen mir aber ins Auge. Da ist zum einen die offensive Möglichkeit der Beschwerdeeinreichung. In vielen Taxen hängt hinter dem Beifahrersitz (also sichtbar für Passagiere auf der Rückbank) ein laminiertes Schild mit dem Bild, Namen und Lizenznummer des Fahrers sowie einem QR-Code, der eine schnelle Beschwerde ermöglicht. Hilft das vielleicht in Sachen Freundlichkeit? Denn der Fahrer bekäme es ja nicht mit, reichte der Passagier eine Klage ein.

Ein paar mal hing jenes Schild auch hinter dem Fahrersitz, weil auf der anderen Seite ein anderes angebracht war: eine simple Handy-Ladestation.

Auch in diesen Bereich fällt eine bemerkenswerte Technologie, die Unfälle mit Wildtieren im Naturschutzgebiet von Iguazú verringern soll. In den Park dürfen nur Busse und Autos von Touristen-Fahrern. Diese bekommen am Eingang des Gebietes einen Peilsender, der ständig die Position – und somit auch die Geschwindigkeit – übermittelt. Fährt einer der Wagen zu schnell, erhält er automatisch und mit Sicherheit eine Strafe.

Yps lebt – die Zeitung nicht

Tageszeitungen spielen kaum eine Rolle, weder am Kiosk, noch im Stadtbild. Selbst in den Frühstücksräumen unserer Hotels habe ich nur ein einziges Mal einen älteren Herrn in „La Nacion“ blättern sehen. Das ist besonders traurig, weil Zeitungen in der bewegten Geschichte Argentiniens eine besondere Widerstands-Rolle gespielt haben – und diese bewegte Geschichte führte erst 1983 wieder in die Demokratie.

Viele Kioske führen Zeitungen gar nicht mehr. Hier dominiert vor allem eine Kategorie von Zeitschriften: „Yps“-Nachfahren, also Magazine in Plastikhüllen mit einem Gimmick drin. Das ist mal Spielzeug, mal Auto- oder Flugzeug-Miniaturen. Ein gehöriger Teil sind Sammelhefte zu bestimmten Themen (zum Beispiel die Geschichte des Flugzeugs), wie es sie in den frühen 80ern auch in Deutschland gegeben hat.

Virtualisierte Wachmänner

Sicherheit ist in jedem südamerikanischen Land ein Thema, maßgeblich bedingt durch Drogen- und Bandenkriege. So hat „La Nacion“ sogar ein eigenes Seguridad-Ressort mit Meldungen über Verbrechen, deren Bekämpfung und ihre Verhinderung.

In den besser begüterten Wohnvierteln von Buenos Aires sitzt oft eine Mischung aus Hausmeister und Wachmann an einem Tischchen im Eingangsbereich, der Vielreisende kennt das aus Städten wie New York.

Nun befindet sich Argentinien aber in einer Wirtschaftskrise mit 40prozentiger Inflation – also müssen Kosten gespart werden.

Eine Lösung: die Virtualisierung der Wachmänner. Spadseguridad ist eines der Unternehmer, die den Menschen vor Ort ersetzt durch eine Säule, „Smart Totem“ getauft, in der Bildschirm, Kamera und Mikrofon integriert sind. So wacht dann ein Mitarbeiter über mehrere Häuser indem er informiert wird, wann immer sich eine Tür öffnet oder ein Alarm ausgelöst wird. Hier das spanische Werbevideo:

Auch die Stadtpolizei von Buenos Aires setzt auf öffentliche Digitalität. Am Plaza de la República, dem Herzen des Theater- und Touri-Viertels, sitzt sie unterhalb einer Art Ausguck-Tribüne, auf der Besucher den Platz und den 67 Meter hohen Obelisken bewundern können. Die Glasfront darunter ist rund vier Meter hoch und gibt den Blick auf die Überwacher der Polizei frei: Auf großen Bildschirmen kann jedermann sehen, was die Überwachungskameras zeigen, sogar die Monitore der Polizisten sind einsehbar – eine bemerkenswerte Transparenz.

Fun Fact: Milka

Argentinier lieben Süßigkeiten – und anscheinend Milka. In Buenos Aires gibt es reichlich Kioske, die offensichtlich von Milka so gesponsort werden, wie in Deutschland Kneipen von Brauereien.

Finale Bemerkung: Reist. Nach. Argentinien.


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