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Geht es um Essen, habe ich einen Dachschaden.

Über die Jahre hinweg hat sich dies immer stärker aufgeschaukelt, inzwischen gibt es Urlaubsreisen an einen Ort, um dort in einem bestimmten Restaurant zu essen.

Als wir einst mit unserem Foodblog Gotorio starteten, war das noch ungewöhnlich – inzwischen nicht mehr so sehr. In Deutschland hat sich etwas geändert, geht es um Essen. Immer häufiger begegnen mir Menschen wie jener Teenager, der „Chefs Table“ inhaliert hat und sich via Youtube das Kochen beibringt – obwohl es von daheim aus keine Vorprägung gibt.

Das belegen auch die Zahlen. Nehmen wir nur den Anteil der Ausgaben für Lebensmittel an den gesamten Konsumausgaben – sie steigen seit 5 Jahren.

Und das ist ja nur eine relative Betrachtung. Denn gleichzeitig stiegen die Kosumausgaben insgesamt ebenfalls:

Die Bedeutung von Essen im Leben vieler Menschen zeigt sich auch im wachsenden Anteil von Bioprodukten:

Und genauso im Umsatzanstieg der Gastronomie:

Natürlich betrifft das nicht alle Menschen, natürlich gibt es noch immer jene, die Wurst für eine Vitaminbombe halten und glauben, dass ein Butterbrot „frisch gekocht“ bedeutet. Und natürlich sehen wir Gastronomiebetriebe, die ums Überleben kämpfen, oft genug erfolglos.

Doch gleichzeitig fährt Tim Mälzers „Kitchen Impossible“ herausragende Einschaltquoten ein. Die Vox-Serie steht wie kein anderes Medienprodukt für die Veränderung in Deutschland. Die erste Pilotfolge  lief schon Ende 2014. Sie war ein Flop. Erst in einer Wiederholung lieferte sie die gewünschten Marktanteile, danach durfte sie in Serie gehen. Und in dieser stiegen die Einschaltquoten über die Staffeln hinweg, obwohl sie für gewöhnlich bei einer Show eher fallen.

Zahlen und Beobachtungen sprechen also eine deutliche Sprache: Da passiert was in Deutschland.

Dies hat auch einen Grund, der aus meiner Sicht von deutschen Medien bislang vernachlässigt wird. In einer Zeit, in der wir von Geschichten umgeben sind, faszinieren uns die Charaktere, die mit Essen zu tun haben. Und davon gibt es reichlich: Die Netflix-Serie „Chefs Table“ ist natürlich herausragend produziert – doch vor allem lebt sie von den Charakterstudien, den gebrochenen Lebensläufen, der Leidenschaft der Portraitierten.

Diese Charaktere rund um Essen werden nach meiner Meinung noch zu selten in deutschen Medien geschildert. Selbst wenn da mal ein spannender Koch auftaucht, beschränkt sich die Berichterstattung zu oft darauf, dass er ein WeihnachtsOsterMuttertags-Menü zusammenstellen darf. Substanzielle Gastrokritik wie sie in England „Observer“ und „Guardian“ betreiben ist hier zu Lande praktisch unbekannt.

Die Geschichten hinter den Tellern, Abzugshauben, Gläsern und Flaschen erzählen fast nur spezialisierte Nischenmedien wie „Effilee„, „Rolling Pin“ oder „Schluck„. Zu selten findet man sie in der „Süddeutschen“, der „Rheinischen Post“ oder dem „Spiegel“. Natürlich ist es mein böser Verdacht, dass der Grund in der Redaktionsstruktur liegt: Fest angestellte Redakteure im Bereich Lifestyle waren vor 10 Jahren schon seltener geworden, inzwischen sind sie die Ausnahme. Und freie MItarbeiter haben nicht die Hausmacht, um die Berichterstattung in einem bestimmten Feld maßgeblich zu drehen.

Immerhin hat dies einen Vorteil: Mit unserem Podcast „Völlerei & Leberschmerz“ können wir solche Menschen selbst treffen, es ist einfacher an sie heranzukommen, weil es wenig bis gar keine Presseanfragen gibt.

Ein Beispiel aus den vergangenen Monaten ist der Magdeburger Thomas Frebel, der in Tokio das fantastische Restaurant „Inua“ eröffnet hat:

Oder der Tom Franz, der als Deutscher in Israel zum TV-Koch wurde:

Auch in der aktuellen Folge haben wir wieder so einen erstaunlichen Menschen. Jörg Tatje eröffnete vor 10 Jahren in Düsseldorf-Flingern seine „Nordmanns Eisfabrik“ und die schlug ein, wie eine Bombe. Für mich ist „Nordmanns“ die mit Abstand beste Eisdiele Düsseldorfs – und mir fällt in Deutschland auch keine ein, die besseres Eis produziert.

Wie es dazu kam, gibt es hier zu hören:


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