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Die zufälligen Samstagabend-Passanten wirkten schwer irritiert. Da haben sich auf dem Schadow-Platz in Düsseldorf hunderte weiß Gekleideter versammelt, sie tragen Körbe und Kühlboxen, Stühle und Tische. Mit einem Mal geht ein Ruck durch die Menge, die Menschen greifen ihre Utensilien und strömtn 50 Meter weiter zum Corneliusplatz, wie ein in die Freiheit entlassener Ärztekongress, der nun seine mitgebrachten zu einem Picknick arrangiert.

Diese Szene spiegelt sich durch ganz Europa in vielen Städten. Das Diner en Blanc ist ein nicht angemeldetes Guerilla-Picknick, das seinen Ursprungin Paris hat. In Düsseldorf organisiert sich der Abend allein über Facebook. Auf einer Page geben die Ausrichter Termin und Treffpunkt bekannt, erst am Abend selbst wird der genaue Ort verraten.

Für die Geheimniskrämerei gibt es einen Grund: Die Veranstaltung ist nicht angemeldet. Würde sie das, müssten Toiletten bereitgestellt, Gebühren bezahlt und Versicherungen abgeschlossen werden. All dies passiert nicht, das Diner en Blanc ist ein echtes Guerilla-Event und keines, das eine Agentur als Guerilla bezeichnet.

600 Düsseldorfer kamen in diesem Jahr und den Neulingen war die Verwunderung anzumerken, dass so etwas geht. Dass man einfach machen kann, wenn man will und niemand dabei stört.

Erzählt man anderen, die nicht dabei gewesen sind, davon, wird deren Blick verträumt. Es scheint, da gibt es eine Sehnsucht nach dem Unerwarteten, nach dem Ausbrechen aus dem Gewohnten.

Vielleicht erklärt sich so der Erfolg von Escape Rooms, Popup-Restaurants und AIrbnb: In unserer Welt erscheint alles möglich. Gleichzeitig aber wird immer mehr (zumindest gefühlt) geregelt und reglementiert. Zum Beispiel müssen seit Jahren exstierende Außengastronomien früh oder ganz schließen, weil sich oft nur einzelne Anwohner gestört fühlen; beim Besuch von Web-Seiten müssen Cookie-Hinweise geklickt oder Adblocker ausgeschaltet werden; Kaufverträge werden immer länger und aufwendiger; viele haben das Gefühl, nicht mehr frei reden zu können, weil sich die Haltung vieler Menschen in der Frage verändert, welche Art von Äußerungen über bestimmte Menschengruppen noch gesellschaftlich erwünscht sind.

ich glaube, es gibt eine Sehnsucht nach dem Regelbruch auf Zeit und mit sehr überschaubaren Konsequenzen. Menschen möchten zumindest für ein paar Stunden etwas tun, das sich verboten anfühlt. Und das Diner en Blanc ist so ein Regelbruch für Konservative.

Auf der diesjährigen Düsseldorf-Ausgabe zeichneten wir vor ein paar Wochen auch eine Ausgabe unseres Podcast „Völlerei & Leberschmerz“ auf. Wer also hören möchte, wie es bei einem Diner en Blanc zugeht, der kann dies in jeder Podcast-App oder hier:


Kommentare


Thomas Bach 18. Juli 2019 um 17:27

Es gibt eine Gefahr bei der Sache. Nicht nur Teilzeithipster können sich so zum Essen verabreden, sondern auch anders Interessierte. Im Tankstellenshop. Vor der Supermarktkassiererin. Im Jagdgewehrladen. Vor dem vereinseigenen Waffenschrank bei einem der vielen Schützenvereine im Land. Vor dem Dienstzimmer des Bürgermeisters, vor der Privatwohnung von … – die Möglichkeiten sind endlos. Die Kräfte des Rechtsstaates gegen solche punktuellen Massierungen sind endlich.

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Thomas F. 19. Juli 2019 um 10:59

Nehmen wir einmal an, ich möchte mich mit anderen zu einem Treffen vor der Supermarktkasse verabreden … dann konnte ich das doch schon immer, auch ohne Internet.

Zugegeben, ohne Internet 600 "Gleichgesinnte" in meiner Stadt zu erreichen ist sehr schwierig und so ein Treffen dann auch noch europaweit aufzuziehen und zu koordinieren ist praktisch unmöglich, aber ehrlich gesagt, möchte ich die Beute aus dem Supermarkt ja auch nicht mit 600 Leuten teilen (oder worauf haben sich die Vergleiche bezogen?).

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Lesenswerte Links – Kalenderwoche 29 in 2019 – Ein Ostwestfale im Rheinland 19. Juli 2019 um 9:39

[…] Thomas über die Sehnsucht nach Regelbruch. […]

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Thomas Bach 19. Juli 2019 um 18:44

Ich bin mir nicht sicher, ob man das weiter ausführen sollte, da wie Herr Maziere sagte: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." Aber andererseits ist es auch wichtig. Nur wer Möglichkeiten kennt, kann sie in seine Analysen einbeziehen. – Es geht nicht um die individuelle Bereicherung, es geht um Verunsicherung oder staatstragender gesagt um Destabilisierung. Hast du genug Kassiererinnen verunsichert, wird der Kassiervorgang schwierig. Hast du genug Schränke aufgebrochen, wird das Vereinswesen schwierig und es kommen harte Fragen auf den Staat zu: Wo sind die Waffen geblieben? – "Flashmob" gegen Flugverkehr. Man trifft sich überraschend auf Startbahnen in Frankfurt, Berlin, München. Oder blockieren dort die Zugänge für die Fluglotsen. – Blitztreffen gegen Lastwagendieselschleudern: 600 Personen zeitgleich auf verschiedenen Autobahnen. Jede Infrastruktur lässt sich behindern, Bahn, Trinkwasser, Elektrizität: Flashmob gegen CO2 vor allen drei zentralen Stromverteilstellen Deutschlands. Bisher wenig bekannt und daher fast ungesichert. Dort demonstrieren nun ohne Ankündigung "spontan" 600 Gutgläubige. Plus 10 Entschlossene, die ganz anderes im Schilde führen. CO2 interessiert sie wenig, sie brauchen den Schutz der Menge.

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