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KLACK-KLACK-KLACK!

Wieder liegen drei am Boden. Wieder krümmt niemand seinen Rücken um die E-Scooter aufzuheben.

„SXSW-Domino“, kommentiert nüchtern der geschätzt Richard Gutjahr.

Wer eine neue Runde davon sehen will, muss nur an eine der vielen Ecken in Austin gehen, an denen eine Gruppe Tretroller mit Elektroantrieb steht. Um sie zu Fall zu bringen braucht es nicht mal einen vandalismusfreudigen Extatiker – es reicht der Fallwind der Hochhäuser.

KLACK-KLACK-KLACK-KLACK – hey, diesmal hat es vier erwischt!

Die Woche der SXSW, der wichtigsten Digitalkonferenz der Welt, liefert Domino im Minutentakt – es waren ja genug Scooter in der Stadt. 10 Anbieter hatte die Stadt Austin lizenziert, insgesamt kamen sie auf fast 18.000 Roller. Unter den Scooter-Verleihern fanden sich Startups, aber genauso die Ridesharing-Größen Uber und Lyft. Gerade bei diesen beiden war die Nutzung besonders einfach: Die Roller tauchten in der ohnehin schon bei vielen genutzten App ohne weitere Anmeldung auf. Wer noch kein Kunde war, der wurde mit kostenlosen Fahrradhelmen oder anderen Goodies bei Anmeldung beschenkt.

Der Verlockung erlagen viele – auch deutsche Journalisten. Von einem „Milliardengeschäft“ fantasierte das „Handelsblatt“ und schrieb: „Dieses Jahr leuchtet die 7th Street vielleicht noch ein wenig greller als sonst.“

Ich dagegen haben eine Wette laufen: Bei der SXSW 2020 werden wir keinen E-Scooter mehr sehen. Woher meine Skepsis rührt?

1. E-Scooter sind gefährlich

Das Mitzählen von Gefahrensituationen wurde in den Tagen von Texas zum Sport. Die schnellen Roller ermutigen dazu, mal eben schnell bei Gelb über ein Ampel zu huschen oder wie Alberto Tomba zwischen Fußgängern hin- und herzuwedeln.

Eigentlich sollten Scooter-Fahrer einen Helm tragen – interessierte aber keine Sau. Selbst dem Jugendalter Entwachsene legten sich bei Skateboard-artigen Kunststücke auf die Fresse. Kinder wurden gern als zweite Person auf das Trittbrett gestellt, auch sie ohne Helm. Wer mit Ride-Sharing-Fahrern sprach (Taxis nutzen SXSW-Besucher nur im Notfall), hörte genervte Worte über zu mutige Scooter-Fahrer. Seit September gab es US-weit bereits 4 Tote bei Roller-Unfällen, einen davon in Austin. Die Verbraucher-Seite Consumer Reports recherchierte 1.500 Unfälle seit Ende 2017.

Immerhin handelt die Stadt Austin nicht voreilig. Sie beauftragte eine Studie zur Sicherheit von E-Rollern. Und auf dem Jogging- und Radpfad entlang des zentralen Lady Bird Lake untersagte sie zwar die Roller – aber nur, um die Folgen von E-Fahrrädern besser untersuchen zu können.

2. E-Scooter verleiten zum Vandalismus

In Austin wird viel getrunken und gefeiert. Schon in Amsterdam landen Leihfahrräder gern in den Grachten, auch in Deutschland passiert ähnliches. Scooter lassen sich noch einfacher um- und wegwerfen. Hinzu kommt das oben beschriebene Windproblem. Und außerdem sorgen Promille im Blut auch nicht gerade für einen zuverlässigeren Fahrstil oder mehr Liebe zu physischen Gegenständen im torkelnd beschrittenen Weg.

Das werden sich Städte nicht lang bieten lassen. Vielleicht werden sie Scooter-Systeme auf solche Anbieter beschränken, die Abholen und Abgeben nur an Ladestationen erlauben – dies würde das Problem ein wenig eindämmen. Gleichzeitig würde es aber die Freiheit der Nutzer einschränken und dies hätte dann Folgen für das Geschäftsmodell. Gerade in Wohngebieten werden die Abgabestellen einiges auseinander liegen.

3. E-Scooter sind nicht voll alltagstauglich

Wenn das „Handelsblatt“ von einer „leuchtenden“ 7th Street schreibt, ist das gleich zweimal falsch. Zum einen ist die 7th Street eine der langweiligsten Straßen in Downtown Austin – keine Kneipen, keine Geschäfte, vor allem Büros.

Dass sich hier keine Unterhaltung angesiedelt hat, hat einen Grund. Die 7. liegt einen Tacken höher als die 6. Straße und dieser Anstieg ist einigermaßen steil. Allein schon so etwas macht eine Gastronomielage halt unattraktiv.

Deshalb ist es doppelt falsch, wenn das „Handelsblatt“ etwas leuchten gesehen hat. Denn auf der 7th Street leuchtete auch nur selten ein Scooter – der Anstieg ist für sie schlicht nicht machbar. E-Scooter verreckten schon bei kleineren Höhenänderungen.

Und wo wir beim Verrecken sind: Da die Roller nicht an Ladestationen abgegeben werden konnten, ging gern mal während der Fahrt der Saft aus. Und dann blieben die Gefährte da liegen, wo der letzte Strom entschwand.

4. E-Scooter haben kein tragbares Business-Modell

Die Roller sind wahnsinnig günstig. Weniger als zwei Dollar kostete ein 2,5 Kilometer langer Weg, die meisten Fahrten wurden nach meinem nicht-repräsentativen Umherfragen mit weniger als einem Dollar abgerechnet. Die Abrechnung solcher Winzbeträge ist zwar keine so hohe Hürde mehr wie früher, ist aber immer noch ein Thema in Sachen Wirtschaftlichkeit.

Hinzu kamen die nicht vorhandenen Ladestationen als Abgabepunkte. Jeden Abend sammelten Hilfskräfte mit Vans die Roller ein. Dafür bekamen sie 4 bis 10 Dollar – pro Scooter.

Und dann kommt da noch eine sehr amerikanische Business-Herausforderung hinzu, wie die Mitarbeiterin eines Roller-Anbieters erklärte: Die Scooter gehen schneller kaputt als erwartet – weil sie nicht auf US-Körpergewichte ausgerichtet sind.

Wie so ein Hype entsteht, kann man sehr gut dem „Handelsblatt“-Artikel entnehmen. Dieser zitiert eine McKinsey-Studie, die dem Markt für Mikromobilität in Europa bis zum Jahr 2030 Umsätze von bis zu 140 Milliarden Dollar prophezeit. Nur: McKinsey bezieht sich auf das gesamte Umfeld von Leihfahrrädern bis zu elektrischen Motorrollern. Und auch die dort verwendeten Zahlen für E-Scooter wecken Skepsis: So kalkuliert McKinsey mit durchschnittlichen Einnahmen pro E-Scooter-Miete von 3,65$. Rückholkosten sind in dem Modell überhaupt nicht eingerechnet.

Angesichts dieser Gemengelage ist meine steile Vorhersage: Bei der nächsten SXSW werden die Tretroller schon Geschichte sein für die Stadt Austin.

Nachtrag vom 20.3.19: In den Kommentaren unten wies mich Titus von Unhold auf einen Instagram-Account hin, der Bilder von Lime-Scootern sammelt. Hier eines von der SXSW:

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Cop voguing

Ein Beitrag geteilt von Bird Graveyard (@birdgraveyard) am


Kommentare


Titus von Unhold 20. März 2019 um 14:31

Beweisstück A: https://www.instagram.com/birdgraveyard/

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Thomas Knüwer 20. März 2019 um 15:32

@Titus von Unhold: Oh, sehr schön – vielen Dank dafür!

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Anderer Max 20. März 2019 um 16:45

Ich glaube dieses Interwebz wird sich auch nicht durchsetzen, viel zu wenig Papier und Energieverschwendung.

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Jan 21. März 2019 um 12:29

Yo, dann steig mal wieder auf deinen City-Roller. Die waren auch mal der heiße Scheiß…..

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Joe 20. März 2019 um 16:50

Und was bedeutet dies für Deutschland, we die im Sommer auf die Straße gelassen werden und Uber, Bird, Lime & Co schon in den Startlöchern stehen?

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teekay 21. März 2019 um 16:20

Der SPIEGEL+ Artikel letzte Woche war recht interessant wo Barcelona & Göteborg verglichen wurden: In Barcelona funktioniert das System eher nicht, in Göteborg wo es vorallem eine gute Rad(wege)infrastruktur gibt funktioniert es ganz gut. Es kommt also auf Städte, urbane Kultur etc. an, aber mein Tip ist auch, dass sich stationslose Angebote nicht durchsetzen werden. Ich lebe in Malmö und hier funktioniert das stationsbasierte Fahrradleihsystem sehr gut. Auch E-Roller werden gut angenommen, aber auch hier breite Radwege, Respekt vor Eigentum usw. Aber mehr als Ergänzungen werden das nicht werden, denn es gibt ja schon sehr guten ÖPNV, ‚alle‘ fahren Fahrrad und viele Wege ist fussläufig.

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Elias 21. März 2019 um 17:34

So als Fahrradfahrer erschließt sich mir ja nicht, welches Problem von diesen Rollern gelöst werden soll. Eine Strecke zurücklegen kann ich nämlich ebenfalls sehr preiswert, im Sitzen, mit größerer Stabilität und sogar begrenzter Kapazität, etwas mitzunehmen. Ein Fahrrad mit Hilfsmotor kommt mir unter dem Aspekt urbaner Mobilität sehr natürlich vor, ein… ähm… Kinderroller mit Motor nicht so. Und nein, ich habe noch keinen Motor und betanke mein Rad vor allem mit Nudeln. 😉

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Michael Baur 24. März 2019 um 9:28

Die Rückholkosten sind in der Studie unter Charging eingerechnet, oder verstehe ich das falsch. Das macht die 3,65 $ Umsatz natürlich nicht realistischer.

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