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In den fast 15 Jahren, die ich in Düsseldorf lebe, ist zweimal bei mir eingebrochen worden. Beim ersten Mal lebte ich in einem Normalo-Viertel namens Pempelfort, das zweite Mal im Zooviertel, einem spießigen Hort des Wirtschaftswundergeldes und dessen Erben.

Wenn solch ein Einbruch passiert, ensteht natürlicherweise beim Opfer des Verbrechens ein erhöhter Informationsbedarf. Wer bricht da überhaupt ein in Wohnungen und Häuser, die nicht unbedingt nach Juwelen und Rolex riechen? Wie kann man das verhindern? Und wie oft wird eigentlich eingebrochen in so einer Stadt wie Düsseldorf?

Die herbeigerufenen Polizeibeamten beantworten solche Fragen mit ausgesprochener Ruhe. Sie wissen ohnehin: Dem Opfer ist nicht mehr zu helfen. Die wenigsten Einbrüche werden aufgeklärt. Mehr noch: Es gibt absurde Geschichten rund um Einbrecher. Beim letzten Mal, zum Beispiel, machte ein besonders frecher Dieb die Runde in der Stadt. Er sei sehr kletterfreudig, berichtete der Polizist, „der kommt jede Dachrinne hoch“. Und er sei sehr selbstbewusst. So habe er einmal anderthalb Stunden probiert eine Balkontür zu öffnen, von der er wusste, dass über ihr eine Überwachungskamera hing. Mehr noch: Er kam in die Wohnung rein, verließ sie wieder – und winkte in die Kamera.

Die Angst vor Einbrüchen ist gerechtfertigt, weshalb zunächst einmal das Argument, Diebe könnten Google Streetview nutzen glaubwürdig erscheint – bis man fünf Minuten drüber nachdenkt. Obwohl: 30 Sekunden reichen auch.

Tatsächlich gibt es nämlich vor allem zwei Sorten von Einbrechern, so berichtete mir die Polizei in Düsseldorf bei diesen unschönen Gelegenheiten.

Die ersten sind die Beschaffungskriminellen. Sie wollen vor allem schnell rein in eine Wohnung oder ein Haus – und schnell wieder raus. Ihnen geht es dabei um Bargeld, Schmuck und Uhren. Unterhaltungselektronik oder ähnlich sperriges, beziehungsweise vom Mediamarkt-Preisverfall betroffenes Gut interessiert sie nicht. Diese Diebe suchen keine großen Villen auf – sie wissen, dass die besser gesichert sind. Sie treiben sich durch jene Normalo-Viertel und entscheiden teilweise spontan, wo etwas gehen könnte.

Die zweite Gruppe sind jene, die es auf besonders große Beute abgesehen haben. Es sind die, die das ausgeklügelte Warnsystem einer Millionärsvilla ausschalten können.

Keine dieser Gruppen aber hilft Streetview weiter. Denn die einen suchen nicht bestimmte, tolle Objekte – für sie ist wichtiger, dass niemand daheim ist. Oder wie die geschätzte Frau Feli es twitterte:

„“Man kann online sehen welches Haus man ausrauben will?“

„Ja, aber um zu wissen, dass die Bewohner nicht da sind, brauchst Du 4square.““

Nein, das Einbrecher-Argument bei Google Streetview ist hanebüchen. Dazu reicht es, sich selbst vorzustellen, wie es wäre, so als Einbrecher. Würden Sie sich auf Fotos unbekannten Datums, die theoretisch drei Jahre alt sein könnten, verlassen, um ihre Freiheit zu riskieren.

Wer glaubt, Google Streetview sei eine Einbrecherhilfe, der glaubt auch dass Einbrecher als Dienstkleidung rote Rollkragenpullover mit Nummer vorne drauf zur blauen Kappe tragen.

Foto: Shutterstock


Kommentare


il principe 17. August 2010 um 19:07

hier ist ein Aufruf an die Ganoven-Ehre:
http://vossyline.blogspot.com/2010/08/verpixelt-euch-doch-selbst.html

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Karl-Heinz 17. August 2010 um 22:20

So wird ein Schuh daraus: Einbrecher werden Häuser aufsuchen, deren Fassaden auf Streetview auf Antrag der Besitzer unkenntlich gemacht wurden. Da müsste doch was zu holen sein!

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Peter 18. August 2010 um 7:17

@ Karl-Heinz: Es muss ja nicht zwingend jemand sein, der reich ist und sein Haus nicht Preis geben möchte. Was ist denn mit denen, die einfach nur ihre Privatsphäre schützen möchten und es aus diesem Grund tun?

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Andreas Wollin 18. August 2010 um 7:21

Noch nie habe ich so viel (nicht nur hier) über Einbrecherwesen mitbekommen, wie zur Zeit der Street-View-Debatte.
Das Einbrecherargument ist natürlich keines. Aber viele glauben, Google überträgt Tag und Nacht live… Sogar die Polizeigewerkschaft bzw. deren Vorsitzender Wendt: „Es ist rechtlich unklar, ob eine virtuelle Streifenfahrt möglich ist“. http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E55128C143D0F41C7908CEAECD73B14B6~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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Stoppschild für Google Street View! | Telagon Sichelputzer 18. August 2010 um 7:47

[…] nicht zeigen möchten. In der Regel wird wohl niemand Google Street View dazu nutzen, um einen Einbruch zu planen und umzusetzen. Doch das “Imperium” schreitet stetig voran, auch wenn einige lokale […]

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Armin 18. August 2010 um 10:04

Meine 80 Kilo Kampfdogge benutzt aber kein Foursquare. Und die hat auch keinen Twitter account. Und Hausverbot in allen Kneipen die ich kenne.

😉

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Jochen 18. August 2010 um 11:17

Für mich war schon zu Beginn der ganzen Debatte dieses Argument ein lächerliches. Wenn das so läuft wie bei google maps (und da ist es wesentlich einfacher und günstiger die Bilder zu aktualisieren), dann sind manche Videos mehrere Jahre alt. Kenne immer noch Luftbilder, die mind. 5 Jahre alt sind. Bei einer virtuellen Tour durch New York City hab ich auch schon Häuser gesehen, die heute ganz anders ausgesehen haben, von außen nett aussehende Restaurants bemerkt, die schon Jahre geschlossen sind. Auch sind google street view Bilder lange nicht so hochauflösend wie sie z.B. von Aigner bezeichnet werden. Da sieht man gar nichts drauf, was einem bei einer Diebstahlstour Mühen ersparen würde.
Heute ist in der FTD auf der Titelseite ein Artikel zur Debatte und bezeichnet sie als hysterisch. Selbst bei den Konkurrenten von Google Street View läuft es jetzt ähnlich ab. Hunderte melden sich entrüstet und wollen ihr Haus nicht abgelichtet haben, auch wenn ihr Haus gar nicht fotografiert wurde. Man hält es nicht für nötig sich einmal kurz selbst mit dem Dienst zu beschäftigen, den man kritisiert. Ich hoffe, dass die Bundesregierung (wobei es ja da auch Gegensätze gibt: Aigner vs de Maziere/Leutheusser-Schnarrenberger) bei ihrer Haltung bleibt und nicht diesen völlig überstürzten Gesetzesverlangen nachgibt.

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Michael 18. August 2010 um 11:59

Außerdem liefert die Vogelperspektive bei Bing-Maps viel bessere Aufnahmen für Einbrecher, da nicht nur von der Straße fotografiert wird sondern aus allen Himmelsrichtungen!

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Uwe 18. August 2010 um 19:23

Also, wenn ich die Hausfassade klauen wollte, wäre GSV schon praktisch. Der Auftraggeber sucht sich eine Fassade aus, und die wird dann eines Nachts gestohlen.
Als Auftraggeber kämen schon ziemlich viele Leute in Frage: Filmstudios, Bielefeld, Potjemkin…

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links for 2010-08-19 « Where is my towel? 19. August 2010 um 8:02

[…] Google Streetview und die Einbrecher Thomas Knüwer erklärt, warum es nicht als einbruchswerkzeug taugt. (tags: google streetview *****) […]

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Oliver Gassner: Digitale Tage 19. August 2010 um 10:05

links for 2010-08-19…

Google Streetview und die Einbrecher Thomas Knüwer erklärt, warum es nicht als einbruchswerkzeug taugt. (tags: google streetview *****) Braintribe.org " Es…

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jo 20. August 2010 um 14:24

@Thomas: Das Argument ist nicht, dass Einbrecher via Street View konkrete Ziele final auskundschaften können, sondern das Street View (und ja, Bing in der Schrägperspektive z.T. auch) ortsfremden Einbrecher die Vorauswahl erleichtert, wo man mal genau hinschauen könnte.

Wenn ich als ortsfremder Einbrecher auf Gastspielreise per Web eine Vorauswahl treffen kann, ohne lokal vor Ort aufzufallen, ist das wohl durchaus eine Arbeitserleichterung, findest du nicht?

@Jochen: Bei Street View gibt es keine Videos. Da können wir aber gerne in 1 bis 5 Jahren nochmal drüber sprechen. Dito über die Integration von Livebildern/Webcams und ähnlichem Schnickschmack, zumindest was touristisch interessante Hotspots und Ballungszentren betrifft.

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Frist zum Widerspruch bei Google Street View in Deutschland verlängert | Things About Everything 20. August 2010 um 20:42

[…] befürchten, dass durch die Veröffentlichung des Hauses bei Google Street View in Deutschland Einbrecher auf den Plan gerufen werden, anderen wiederum ist es egal, wenn das eigene Haus abgebildet ist, da […]

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pjebsen 23. August 2010 um 13:13

@Jo: Die von dir befürchtete Vorauswahl könnten Einbrecher auch mit der normalen Ansicht von Google Maps und ähnlichen Diensten treffen.

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Die Kinderfresser-Bar: Privatsphäre ist tot – Es lebe die Ethik 30. August 2010 um 12:29

[…] ist gescheitert. Ein Plädoyer für einen gesamtgesellschaftlichen Ethikdiskurs. Die inhaltslose, desinformierende StreetView-"Debatte" ist ein Symbol für das Scheitern des Konzeptes Privatsphäre. Die Politik […]

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spackblog 23. Oktober 2010 um 12:25

StreetView aufgearbeitet: Entspannt Euch mal, ihr Spießer…

Wir haben es Herrn Sarrazins aufwühlenden Thesen zu verdanken, dass die leidige und von haarsträubender Ignoranz geprägte StreetView-Debatte im Medien-Sommerloch abgelöst wurde. Nun mal ein paar abschließende Worte dazu. StreetView und die Einbrecher…

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Warum Streetview empörte und Prism untergeht – Belchions Sammelsurium 10. August 2013 um 22:21

[…] mich überhaupt nicht: Bei Streetview ging es nicht um Gesetze, sondern ganz konkret darum, dass Diebe auf diese Weise ihren nächsten Bruch erkunden, Leute beim Verlassen eines Bordells oder einer Stripbar aufgenommen werden oder der Partner einem […]

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Quantified Self: Märchenstunde im Bayerischen Rundfunk | Christian Buggischs Blog 7. März 2015 um 11:04

[…] mich sehr an das Google Streetview-Märchen: Dass Google Hausfassaden abfotografiert hat, hat Einbrechern ja paradiesische Zustände beschert, so die damaligen Schwarzmaler. Sie könnten in Ruhe mit Hilfe von Streetview den Tatort […]

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