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Groß und donnernd waren die Worte von Christian Nienhaus vergangene Woche auf dem NRW Medienforum. Journalistische Qualität siege immer, verkündete der Co-Geschäftsführer der Waz-Gruppe: Google stehle Inhalte, weshalb das Leistungsschutzrecht her müsse. Und natürlich biete sein Haus Qualität, gerade im Lokalen.

Letztlich also wiederholte Nienhaus all das Halb- und Unwahren, das Unausgegorene und Inkompetente was zahlreiche Manager von Zeitungsverlagen absondern im verzweifelten Betteln um Staatshilfe in Form des Leistungsschutzrechtes. Und immer wieder wird die journalistische Qualität der Produkte des eigenen Hauses bejubelt. (Foto: Shutterstock)

Nun ist das ja so eine Sache mit der Qualität, denn sie ist etwas sehr subjektives. Mancher kann sich berauschen an Techno-Musik – ich finde sie schrecklich. Ich liebe Austern – viele ekeln sich. Jeder einzelne von uns hat Qualitätsvorstellungen die maßgeblich beeinflusst werden von seinem persönlichen Geschmack und seinen Erfahrungen. Noch dazu gibt es auf einem Markt immer zwei Qualitätswahrnehmungen für ein Produkt: die des Herstellers oder Verkäufers – und die des möglichen Käufers. So ist es auch bei Medien: Die Redaktion kann ein Produkt noch so hyperdupergeilschön finden – wenn der Leser, Hörer oder Zuschauer das anders empfindet wird nicht kaufen oder einschalten.

Womit wir beim Problem der „Waz“ wären. Oder besser einem Teil des Konzerns in Gestalt der Online-Nachrichtenseite Der Westen. Die nämlich finden die Leser, wie eine Studie, die mir in Auszügen vorliegt, gar nicht so gut. Mehr noch: Sie finden Der Westen richtig schlecht.

Das ergab eine Studie der Mediaagentur OMS, durchgeführt von deren Partner Eresult. Vom 28.3. bis 26.4. befragte sie Leser von Der Westen online, als Anreiz für die Beantwortung der Fragen lockte – eher mickrig – eine Digitalkamera. Verglichen wurden die Ergebnisse mit Durchschnittswerten von 26 anderen Zeitungs-Homepages.

Ergebnis in Sachen Inhalte:
„Beim Content wird derwesten.de sehr schlecht beurteilt… Besonders der Schreibstil missfallt den Nutzern: Hier ist Optimierung ratsam…

Die Themenabdeckung auf derwesten.de schneidet am schlechtesten ab. Die Nutzer wünschen sich mehr tagesaktuelle Themen auf der Startseite…

An den Artikeln wird mehrfach bemängelt, dass diese oft sehr kurz und trivial seien. Die Nutzer haben das Gefühl als seien wichtige Informationen weggelassen oder gekürzt worden.

Ebenfalls wurde die teilweise einseitige Berichterstattung bemängelt. Man sollte noch starker auf eine objektive Beleuchtung von Ereignissen achten.“

Zumindest bei Teilen der Kritik scheint mir ein typische Online-Journalismus-Konflikt aufzubrechen. Zu kurz, zu schlecht geschrieben, zu flach – da kollidiert die Gier nach Klicks mit den Wünschen der Leser. Denn um reichlich Klicks zu erzeugen muss eine Seite halt schnell rotieren. Immer neue Artikel, immer neue Wendungen: Wann immer der Leser auf das Angebot kommt, soll er etwas Neues finden.

Diesem Zweck dient auch die Nachrichtenauswahl insgesamt: Ein solches Angebot spiegelt niemals den aktuellen Stand der Welt wieder – sondern platziert jene Artikel prominent, die gerade besonders häufig geklickt werden. Wer sich also einen Überblick über die Nachrichtenlage machen will, ähnlich wie die „Tagesschau“ ihn vorgibt zu liefern, der muss den ganzen Tag ständig wieder auflaufen.

Weil eben so viele Artikel produziert werden müssen stößt die Redaktion an ihre Grenzen. Für eigene, tiefe Recherchen und das textliche Feilen fehlt den meisten Web-Journalisten die Zeit. Deshalb auch das Gefühl der Einseitigkeit: Jedes neue Statement eines Würdenträgers zu einem Thema ist keine Artikelergänzung – sondern ein neuer Artikel selbst. Und weil alle schreiben und schuften und Agenturmeldungen reinhieven bleibt meist auch viel zu wenig Zeit, Artikel und Themen durchzusprechen und zu planen.

Diese Art der Arbeit erzeugt ein Maximum an Klicks – aber ein Minimum an Leserinformation.

Die Leser aber sind nicht dumm. Sie haben längst gelernt, dass Online-Journalismus ein riesigen Qualitätsproblem hat. Deshalb auch sind sie so schnell wieder verschwunden von den Seiten. Bei Google geschaut, welcher Artikel die gerade gewünschte Information auswirft – weglesen – weiter. Warum sollte ich auf einer Seite bleiben, wenn ich mir nichts davon verspreche? (Foto: Shutterstock)

Auf Blogs läuft da vieles anders. Selbst Artikel von erstaunlicher Länge werden offensichtlich gelesen – das zeigen die Verweilzeiten und die Kommentare. Qualität siege, behauptete Waz-Geschäftsführer Nienhaus in Köln. Und er hat Recht. Doch ist Qualität eben nicht immer das, was einem Verlag kurzfristig am meisten Geld in die Kasse klickt.

Eine Stellungnahme der Waz-Pressestelle ist seit gestern morgen angefragt, bisher gab es aber keine Reaktion.


Kommentare


Joachim 6. Juli 2010 um 10:26

Im Wesentlichen geht es doch den meisten Websites nur noch um die Abarbeitung aktueller Keywords. Kann man zum Beispiel am Thema Lena Meyer-Landrut gut erkennen. Ob das dann wahr ist oder schlicht erfunden – stört niemanden, Hauptsache die News rankt gut in den Suchergebnissen. Deshalb kann man zum Beispiel bei laut.de nachlesen, dass es eine Telenovela über Lena geben soll, die sich am Vorbild der Grand-Prix-Teilnehmerin orientiert. Völliger Humbug und noch dazu leicht zu enttarnen über ein paar simple Googeleien. Doch schon das scheint zu viel verlangt – oder egal zu sein, wenn man eine News um jeden Preis auf der Seite haben möchte.

Zum Glück sind die Leser nicht halb so dumm, wie manche Redaktion sich das denkt. Und so bleibt es bei ein paar schnell abgefischten Klicks, die auf Dauer aber einen negativen Effekt haben.

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ahabicher 6. Juli 2010 um 11:18

So schwach ist Der Westen nicht aufgestellt, und so kurz sind die Artikel dann auch nicht. Das Problem mit der Qualität haben ja alle Onlinemedien, und zwar durch den Zwang, immer und überall der Erste sein zu müssen, gepaart mit dem Problem, dass der einzige echte Kostenfaktor bei der Herstellung eines Onlinemediums der Personalbereich ist.
Dadurch ist dann natürlich keine Zeit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob die neue Geschichte über Lena stimmt oder nicht. Sie ist da, sie ist neu, und die Menschen da draußen interessieren sich für Lena. Punkt.

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BrandNewWelt 6. Juli 2010 um 12:59

Muss da beipflichten.

Als Exil-Dortmunder habe ich dort hin und wieder geklickt,
um Lokalnews zu erfahren.

Der Stil der kurzen Schnellberichte erinnerte mich
manchmal an Bild.
Und als ich dann per mail anmerkte, dass der reisserische Inhalt
nichtmal mit einer nicht-Quelle wie Wiki abgeglichen war …..

musste ich an Praktikanten als Synonym für Journalisten denken.

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Patrick 6. Juli 2010 um 19:04

Dass ein hoher Artikeldurchlauf automatisch mehr Klicks erzeugt, ist nicht wahr, oft sind es gerade die „Dauerbrenner“, die lange stehen bleiben, die viel mehr Traffic bringen, als im gleichen Zeitraum zehn News durchzupowern.

Zudem finde ich den bemühten Schwenk zu „in Blogs sind manchmal lange Beiträge“ als vermeintlichen Kontrast pretty pointless.

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zoom » Thomas Knüwer spricht mir aus der Seele: Das Qualitätsproblem von „WAZ“ und „Westen“ « 6. Juli 2010 um 20:40

[…] in Sachen Inhalte:“ hier alles lesen. Tags » Der Westen, Thomas Knüwer, WAZ, Westfalenpost « Trackback: […]

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Links anne Ruhr (07.07.2010) » Pottblog 7. Juli 2010 um 4:39

[…] Das Qualitätsproblem von Waz und Westen (Indiskretion Ehrensache) – Thomas Knüwer über eine Qualitätsanalyse in Sachen WAZ bzw. DerWesten. […]

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Max Müller 7. Juli 2010 um 12:52

Die WAZ ist doch die Zeitung, die sich die Nachrichten nicht mehr von der dpa kommen lässt, weil sie sparen wollte, sondern die sich alles Wichtige inm Internet selbst zusammen sucht – oder so.
Oder irre ich mich?

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