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Apple verhandelt angeblich mit Zeitungshäusern über deren Teilnahme am neuen Tablet-PC, deutsche Verlage glauben derweil an das Handy als neue Cash-Cow.

Das Blöde ist: Vor dem Erfolg auf einer neuen Plattform wäre etwas nötig, was die Zeitungen seit Jahrzehnten nicht schaffen – sie müssten sich ändern. Seit 1992 habe ich als freier und fester Mitarbeiter für Zeitungen gearbeitet. Zu Beginn dieser Zeit lief die letzte große Umstellung in der Zeitungsproduktion aus Sicht eines Journalisten: die Umstellung von der Schreibmaschine auf den Computer.

Als ich anfing, tippte ich für die „Westfälischen Nachrichten“ noch meine Artikel auf gelbe Vordrucke, die eine ungefähre Zeilenlängenvorgabe machten. Die Zettel reichte ich bei der Redaktion rein, oft warf ich sie in deren Briefkasten. Dann wurden sie zur Zentrale gefaxt und dort von Schreibkräften eingetippt. Kurz darauf war es dann endlich möglich, Disketten mit den Texten einzureichen – für alle eine große Erleichterung. Irgendwann kam dann noch das digitale Foto hinzu.

Doch das waren die letzten großen Änderungen. Eigentlich werden Zeitungen und Magazinen seit rund 15 Jahren so produziert. Sicher: Es entstanden Produktionräume, Newsrooms, in denen die Seitenplaner zusammengesetzt wurden. Doch dort ersetzte einfach der Großraum den Kleinraum, denn jene, die im Newsroom saßen, hatten vorher auch keinen großartig anderen Job gemacht.

Das Internet-Zeitalter ist an der Zeitungsproduktion größtenteils vorbei gegangen. Irgendwann saßen jene Online-Redakteure mit am Tisch, später durften sie sogar etwas sagen. Gelegentlich dürfen sie in deutschen Redaktionen auch etwas schreiben, was gedruckt wird.

Doch die grundlegenden Produktionsabläufe der Zeitungsproduktion haben sich für die Redaktionen seit langen, lagen Zeiten nicht geändert.

Das ist der Grund, warum ich so skeptisch bin angesichts des jüngsten Hoffnungsträger: dem Iphone. Na gut, eigentlich dem Handy. Aber erstens klingt Iphone schöner, zweites verstehen auch Menschen außerhalb Deutschlands dieses Wort.

Schon seit locker zehn Jahren schwört die Medienbranche, dass irgendwann das digitale Papier kommt: ein hauchdünner Medienträger, der die gedruckte Zeitung ersetzt.

Bis es so weit ist, soll es der Kindle von Amazon richten. Oder nun der Apple-Tablet-PC. Nach Informationen von Engadget spricht Apple sogar mit Verlagen, um sie zur Zusammenarbeit zu überreden.

Bis es so weit ist, soll das Iphone Geld bringen, ja laut Axel-Springer-Chef Matthias Döpfner ist nur einer, der vom großen Euro träumt.

Ja, mit all dem ließe sich Geld verdienen. Wenn die Verlage bereeit wären, diese neuen Geräte als eigenständigen Kanal zu akzeptieren, der neues Denken erfordert, neue Inhalte und neue Arbeitsweisen. Doch das ist ihnen ja nicht einmal beim Internet recht gelungen.

Wo sind die multimedialen Erzählweisen, die im Web möglich wären? Die konsequente Ausnutzung von Recherche und Vermarktung in Social Media? Ja, nicht einmal untereinander vernetzen mögen sich die Verlage. Oder Online-Redakteuren ein angemessenes Gehalt zahlen.

Und nun glauben sie allen Ernstes, das Iphone sei die nächste Endlagerstätte für 08/15-Inhalte – sogar gegen Geld? Die Geschäftsführungen scheinen anzunehmen, die Restbevölkerung ist so technisch naiv und rückständig wie sie selbst. Dumm, dass das nicht so ist.

Nehmen wir nur das Beispiel Axel Springer: Der Verlag rühmt sich seiner Premium-App Mein Klub. 100.000 soll die Gratis-Version heruntergeladen worden sein. Und in der Tat ist sie gratis sehr hübsch: Man stellt sich seinen Lieblings-Bundesliga-Verein ein und bekommt dann die jüngsten Meldungen aus dem „Bild“-Reich elegent geliefert. Und für 0 Euro bin ich auch bereit zu verzeihen, dass sich keine Sau darum kümmert, ob die Meldungen dem Endgerät gerecht werden. So gibt es zum Beispiel Artikel, die von spektakulären 3D-Grafiken handeln. Oder solche, die auf das Fan-Forum von Bild.de hinweisen. Nur: Eine Verlinkung gibt es nicht.

Die Premium-App weckt deshalb Erwartungen. Denn die Defizite der Gratis-Version sind ja offensichtlich. Beseitigt werden sie aber auch mit Geld nicht. Stattdessen gibt es belanglose Videos ohne Spielszene – da mangelt es an den Rechten.

Die Premium-App schaffte es in die Itunes-Charts, weil ihr Vorgänger ganz in Ordnung war. So mancher fühlt sich nun mit der Bezahlversion über den Tisch gezogen. Er soll für lieblose und technisch schwach umgesetzte Automatismen Geld bezahlen? Das wird ihm nur einmal passieren.

Egal ob Iphone oder Tablet-PC: Neue Geräte eröffnen neue Möglichkeiten. Geld macht mit ihnen nur, wer diese Möglichkeiten auch nutzt. Vielleicht gibt es einige Nostalgiker, die auf ihrer Xbox Pong spielen wollen oder in ihren Porsche Cayman einen Trabi-Motor einbauen – ihre Zahl ist aber überschaubar. Niemand kauf einen Tablet-PC, um darauf die gleiche Zeitung zu lesen, die es auf Papier gibt. Denn in einem Umfeld der Multimedialität wirkt statischer Text garniert mit Bildern schlicht – minderwertiger. Und für Minderwertiges zahlt kaum jemand.

Google-Chef Eric Schmidt gab Search Engine Land jüngst ein Interview, das sich jeder Zeitungsmanager nicht nur durchlesen, sondern besser noch an die Bürowand tackern sollte. Schmidt mutiert zum besten Lobbyisten, den sich die Print-Branche wünschen kann.

In diesem Gespräch sagt Schmidt:

„We think that over a long enough period of time, most people will have personalized news-reading experiences on mobile-type devices that will largely replace their traditional reading of newspapers. Over a decade or something. And that that kind of news consumption will be very personal, very targeted.“

Mit Verlaub: Wer in der deutschen Verlagslandschaft kann sich überhaupt vorstellen, wie dies aussieht? Wer plant für solche eine Zeit? Und wer hat noch zehn Jahre Zeit, angesichts der üblen Zahlen?

Schmidt spricht aber auch das größte Problem im Überlebenskampf der Zeitungen an – den Unwillen zur Veränderung:

„You’re fundamentally better off building the new product that is profitable and growing – again with the news, with magazines and so forth. It’s better for everyone. Because ultimately a subsidy model is a temporary solution. It’s not a long-term solution.“

Mit dieser Halsstarrigkeit, die eigenen Abläufe zu verändern gefährden die Zeitungsverlage mehr als die Zukunft der Zeitung. Sie gefährden etwas für die Gesellschaft viel wertvolleres: den Journalismus.


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