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Von all den Konferenzen, die ich im vergangenen Jahr besuchte, war mir die Picnic im Amsterdam die liebste. Sie verband hochkarätigte Redner mit einem wundervollen Ambiente und extrem kontaktfreudigen Teilnehmern.

Entsprechend hoch waren meine Erwartungen. Vielleicht zu hoch: Die Picnic08 fiel ein wenig ab gegenüber dem Vorjahr. Doch auch diesmal hat sich der Besuch gelohnt. Und deshalb hier eine Auswahl Zitaten, Gedanken – und ein Video mit einer Innovation, die für Verlage höchst interessant sein könnte.

Mein persönliches Picnic-Gefühl ist das einer gewissen Zerrissenheit. Einerseits will ich den Rednern im großen Saal lauschen – andererseits habe ich ständig das Gefühl, draußen etwas zu verpassen. Am Donnerstag Nachmittag, zum Beispiel, erschienen vor der Haupthalle ein paar junge Leute im Studi-Alter, pusteten weiße Plastiksofas auf, und spielten merkwürdige Spiele wie Zeitlupen-Rugby ohne Ball.

Konferenz-Organisator Bas Verhaart sah das mit großer Verwunderung und fragte eine Mitarbeiterin: „Wer sind die Typen?“ Antwort: „Keine Ahnung, aber sie sind großartig.“

Irgendwo ist halt immer was los auf der Picnic. Sie erstreckt sich inzwischen quer über das Gelände der Amsterdamer Westergasfabriek – und das zieht sich. In diesem Jahr kam der riesige, runde Gasspeicher als „Club“ hinzu, in dem es Essen, Trinken, Waszugucken und den Presseraum gab. Dumm nur, dass der Speicher ein paar Fußminuten vom Hauptraum entfernt lag – somit entzerrte sich das Publikum manchmal zu sehr. Trotzdem: Das Ambiente des alten Fabrikgeländes ist schlicht großartig und wahnsinnig cool. Gäbe es doch in Deutschland nur eine Konferenz, die sich mit dem Drumherum so viel Mühe geben würde, wie die Picnic…

Das Programmm derselbigen ist angeschwollen – was aber vielen nicht auffällt. Die spannenden Kleindiskussionen verschwinden zu sehr und sind auch räumlich nicht sauber integriert. Angeblich soll es kommendes Jahr noch größer werden – was mich fragen lässt, ob die Picnic nicht langsam an ihre Grenzen stößt.

Die Qualität der Hauptredner schien mir in diesem Jahr ein wenig schwächer als 2007. Es fehlte häufig der Schwung, zu wenig war wirklich hoch überraschend. Direkt der erste große Name enttäuschte ein wenig: Charles Leadbeater begann stark, in dem er die Medienwelt verglich mit einem Steinstrand. Bisher sei der dominiert worden von Felsen, doch diese würden nun überschüttet von kleinen Kieseln. Und die kann man sammeln, neu sortieren und ordnen: „We’re all in the pebble business.“

Dann aber wurde er bemerkenswert flach in seinen Argumenten. Dabei kann er es viel besser, wie ich später bei einem persönlichen Interview erlebte. Im Eins-zu-Eins-Gespräch ist Leadbeater brillant. Zu hören gibt es ihn demnächst in unserem Podcast bel étage, so die laute Musik im Picnic-Club nicht die Aufnahme verhauen hat.

Wegen dieses Interviews und einem mit Medien-Wissenschaftler Clay Shirky verpasste ich auch den Nachmittag des Mittwochs. Für den Höhepunkt kam ich dann aber rechtzeitig: Star-Dirigent Itay Talgam analysierte mit Videos anderer Dirigenten Führungsmentalitäten. Das beschreiben zu wollen, wäre Unsinn. Man muss es gesehen haben. Vielleicht gibt es die Videos bald vom Konferenzveranstalter – inklusive der Standing Ovations des Saals.

Erwarteterweise hörenswert war am Donnerstag Clay Shirky, dessen Buch „Here comes everybody“ ich sehr mag. Dieses breitete er nochmals auf, seine Qualität als Redner machte den Auftritt aber nicht langweilig. Auch ihn gibt es bald in der bel étage zu hören.

Es folgte die ruhige aber höchst interessante Genviève Bell aus Intels Digital Home Group. Sie warnte schon vorweg: Antworten werde sie nicht liefern, nur Fragen zum Thema „Lüge“ und wie das Internet unsere Art zu lügen verändert. Auch das zeichnet die Picnic aus: Regelmäßig gibt es Hirnfutter ohne vorgefertigte Antworten.

Klar auf den Punkt dagegen war Michael Tchao, der General Manager von Nike Techlab/Nike+. Er zeichnete den Weg nach, den Nike mit seinen Läufer-Gadgets gegangen ist. Von den klobigen Armbändern (Spitzname aus dem Mund von Phil Knight: „Tumor“) bis zur Kooperation mit Apple und seinem Ipod.

Vor allem eines sei ihnen aufgefallen, sagte Tchao: Während Anzeigen für Laufprodukte fast immer einsame Sportler auf weiten Straßen zeigten, sei der Wachstumsmarkt für Jogging der Bereich der Massenveranstaltungen – also genau das Gegenteil. Ergebnis: Nike veranstaltet selbst Läufe. Zum Beispiel einen für Frauen, der mit einer Shopping-Runde beginnt und endet mit der Übergabe eines Tiffany-Schlüsselanhängers am Ziel aus der Hand eines gut gebauten Feuerwehrmannes. Nein, das ist kein Scherz.

Interessant auch die Erkenntnisse der holländischen Band Blof, deren O skandinavisch durchgestrichen ist – ich finde das aber nicht auf der Tastatur. Seit Jahren probiert die Gruppe im Netz einiges aus. Bald wird eine Seite online gehen, die nur Käufer der neuen CD erreichen können. Auf dieser Site können sie durch die Villa gehen, in der Blof ihr Album aufgenommen haben. Dort liegen Gegenstände herum, die Zusatzinformationen aufrufen und die Band kann aus 6 Kameraperspektiven frei wählbar beobachtet werden, wie sie das gesamte Album einspielt. Das sah vielversprechend aus.

Beim lethargisch wirkenden Adam Greenfield, Design-Chef bei Nokia, gingen die Meinungen der Konferenzteilnehmer am weitesten auseinander. Er philosophierte über die vernetzte Stadt, in der auch Gegenstände digitale Signale abgeben. So die Tower Bridge in London, die ihren eigenen Twitter-Account hat und über diesen verkündet, welche Schiffe sie gerade passieren. Allerdings lesen das derzeit nur zehn Menschen mit… „Langweilig und unstrukturiert“, fanden die einen Herrn Greenfield. Andere waren fasziniert.

Die größte Enttäuschung der Picnic war wohl Bill Moggridge, der Gründer der Design-Agentur Ideo. Eigentlich sollte er aktuelle Trends beschreiben. Doch er griff sich wahllos ein paar Produkte heraus, ohne Überraschung, ohne Schwung, ohne Esprit.

Am Freitag hatte sich das Gelände schon mächtig geleert. Wer nicht dort war, verpasste das vielleicht beste Panel der Picnic. Es ging um kreative Kollaboration. Da führte Ton Rosendaal von Blender Ausschnitte eines 3D-Spiels vor, das per Open Source entsteht – und dessen grafische Qualität atemberaubend ist. Katarina Skoberne schilderte die spannende Geschichte der Open-Source-Werbeagentur OpenAd.net, Eileen Gittis von Blurb präsentierte ihr Bücher-zum-Selbermachen-Modell, über das schon 120.000 Werke erschienen sind. Und auch dass Sellaband so erfolgreich ist, hatte ich nicht im Kopf: Dort können sich Musiker ohne Plattenvertrag (lustig, immer noch Platte zu schreiben) vorstellen und um Spenden bitten. Kommen 50.000 Euro zusammen, wird das Album produziert. Schon im ersten Jahr haben das 25 Künstler geschafft.

Reichlich was zu sehen gab es in den drei Tagen wieder in den Ausstellungsbereichen. Wieder wurde viel mit RFID-Funkchips experimentiert. Dazu gibt es demnächst auch noch den Test eines Gerätchens, das ich mit heim gebracht habe.

Neugierig gemacht hat mich die Software der niederländischen Firma Touching Media. Sie ermöglicht das hier:

Link: Touching Media

Verlage können ihre Blätter so aufwerten. Zum einen werden Anzeigen spielerisch zu Videos, zum anderen sind die gekauften Print-Blätter Schlüssel zu Inhalten, die sonst nicht erreichbar sind. Diese werden dann auch auf dem ganze Bildschirm abrufbar sein, „wir sind noch ein junges Unternehmen“ sagte mir eine Sprecherin von Touching Media.

Natürlich, etwas ähnliches gibt es schon mit QR-Codes, jenen kryptischen, schwarz-weißen Vierecken, die zum Beispiel „Welt kompakt“ verwendet. Doch diese Variante ist leichter, verspielter, netter. Und deshalb sollten sich deutsche Verlage nach meiner Meinung mal mit diesem Produkt beschäftigen.

Was sonst bleibt von der Picnic08?

1. Neue Freunde:

2. Die Frage, warum Holländer keinen Geschmack in ihre Brötchen bekommen.

3. Ein Fazit, das wir live per Qik sendeten:

4. Und natürlich jede Menge Zitate:

„Whenever politicians say they do something for me, I know they’ll do something at me“
Charles Leadbeater

„Die Gefahr ist nicht, dass wir zu viel vom Internet erwarten, sondern zu wenig – und das Netz reduzieren auf eine Auswahl von Instrumenten“
Tim Berners-Lee laut Charles Leadbeater

„Ein System, in dem Kinder 70 Prozent ihrer Zeit damit verbringen, einer höheren Hierarchie zuzuhören ist das falsche System“

Charles Leadbeater über Schulen

„Der Abschwung der Zeitungen, das Verschwinden von Magazinen, das neue Organisieren von Autoren in Social Networks könnten erst die ersten zehn Jahre eines Prozesses sein, der weitere 60 Jahre andauert.“
Charles Leadbeater

„In Gesprächen unterbrechen Männer häufig Frauen. In Social Networks dagegen werden Frauen nicht unterbrochen.“
Clay Shirky zum hohen Frauenanteil bei Social Networks

„Cloudy with a chance of collaboration“
Linda Stone, Autorin, über die Bedingungen die Web-2.0-Anwendungen brauchen, um Erfolg zu haben.

„Steve Jobs strategy is tasteful fashism.“
Kara Swisher, „Wall Street Journal“

„One thing cable companies do is hate consumers.“
Kara Swisher

„People will pay for value. They pay for bandwith, because it has value for them.“
Mike Fries, CEO Liberty Global

„Meine Kinder sind 7 und 10. Beide kennen kein lineares Fernsehen mehr. Sie würden den Disney Channel nicht mal finden, wenn ich ihnen einen Dollar dafür gäbe. Aber sie wissen genau, wo Disney on demand ist.“
Mike Fries


Kommentare


Christoph Salzig 30. September 2008 um 19:16

Hallo Thomas,

Du hast den Hinweis auf das Qik-Video vergessen, das Du im Pressezentrum angefertigt hast. Dafür hab ich es erwähnt: > http://www.pr-ip.de/allgemein/impressionen-von-der-picnic-08

Antworten

Thomas Knüwer 30. September 2008 um 20:57

Danke für den Hinweis – das hatte ich wirklich schon verdrängt. Habe es jetzt oben eingehängt.

Antworten

Shattner 1. Oktober 2008 um 14:38

Spannend, dieses Scan-Teil. Aber ob das wirklich massentauglich ist?

Antworten

Klaus Kemper 1. Oktober 2008 um 14:47

vielleicht finden kids das gut? oder pm-leser?

Antworten

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