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Heute hat die Bundesregierung eine massive Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten beschlossen. Die Volksvertreter tun dies auch, weil es ihnen geht wie vielen Managern: Sie leben nicht mehr auf dieser Welt. Die Argumentation vieler Kämpfer gegen Fremdenfeindlichkeit hat eine schlichte Reihenfolge: „Wer etwas nicht kennt, hat davor Angst. Mach ihn mit dem Fremden vertraut, und er wird diese Angst verlieren.“

Und hier wären wir bei jener Kaste, die in der Internet-Szene längst den Titel „Stasi 2.0“ weg hat: unserer Bundesregierung.

Ihre Inkompetenz in Sachen Internet ist legendär. Da gibt es den Wirtschafts- und Technologie-Minister Michel Glos, der – „Gott sei Dank“ – Leute hat, die für ihn das Internet „bedienen“.

Oder Innenminster Wolfgang Schäuble, der in einem Interview einerseits zugibt:

„Nein, ich komme in keinen Computer rein, ich weiß auch kaum, wie die Polizei das macht. Ich weiß gerade mal so, was ein Trojaner ist.“

Und folgerichtig weiter schwadroniert:

„Nein, ich öffne grundsätzlich keine Anhänge von E-Mails, die ich nicht genau einschätzen kann. Außerdem bin ich anständig, mir muss das BKA keine Trojaner schicken.“

Klar, wie soll er auch eine E-Mail öffnen, wenn er nicht in einen Computer kommt? Schäubles Mitarbeiter, berichten übrigens Berlin-Korrespondenten, machen sich gerne lustig darüber, dass den Innenminister schon das Telefonieren mit dem Handy überfordert. Kurt Beck dagegen soll des Verschickens von SMS unkundig sein, was vielleicht manche koalitionäre Verstimmung mit der SMS-Fetischistin Angela Merkel erklären würde.

Unsere Volksvertreter haben keinerlei Ahnung von der wichtigsten Technologie unserer Zeit. Von einer Technologie, die unsere Welt so rasant verändert hat, wie keine zuvor in der Geschichte der Menschheit.

In der Wirtschaft ist das nicht anders. Nehmen wir nur RAG-Chef (OK, und Ex-Politiker) Werner Müller. Ein Video wurde von ihm gedreht, ein Interview, für den Tag des Wirtschaftsjournalismus. Arglos gab er zu, er habe keinen Computer, er lasse sich das Wichtigste aus dem Internet „vorlegen“. Ja, hat er so gesagt.

Oder nehmen wir den Vorstand des umkämpften Foto-Unternehmens Cewe Color. Der sieht sich dem Vorwurf der Kursmanipulation ausgesetzt. Warum? Weil der Vorstand zu dumm war, eine Telefonkonferenz zu beenden:

„Um 15.57 Uhr wird der Kontrolleur zum Komplizen. Hubert Rothärmel sitzt im zweiten Obergeschoss des Hauptgebäudes von Cewe Color und atmet durch. Gerade ist eine ungemütliche Telefonkonferenz mit der ?Heuschrecke? vorbei, wie man die ungeliebten Investoren beim Oldenburger Fotokonzern nennt. In New York hat David Marcus, Chef des US-Fonds Marcap, aufgelegt. So auch Sebastian Freitag, der Finanzberater von Marcus und sein Abgesandter im Aufsichtsrat von Cewe Color.

Man ist wieder unter sich. Also bespricht Rothärmel, der Aufsichtsratsvorsitzende des Unternehmens, mit seinem Vorstandschef Rolf Hollander die Abwehrstrategie gegen die Forderungen von David Marcus.

Aber Hubert Rothärmel und Rolf Hollander machen an diesem 24. Januar 2007 einen Fehler: Sie legen den Hörer nicht auf.

Zur gleichen Zeit in Frankfurt am Main: Eine Stunde lang hat der Investmentbanker Jochen Müller* dem Hin- und Her zwischen New York und Oldenburg zugehört. Sein Job war es, die Telefonkonferenz einzuleiten und für seinen Chef Sebastian Freitag Notizen zu machen. Nun scheint das Gespräch vorbei. Müller nimmt den Hörer in die Hand und will auflegen. Da hört er plötzlich etwas Unglaubliches.

?Die Drohung mit der Gewinnwarnung hat geklappt. Unsere Strategie sollte sein, den Aktienkurs erst mal sacken zu lassen?, klingt es aus dem Telefonlautsprecher. Die Stimme kennt Jochen Müller. Sie gehört Rolf Hollander, dem Vorstandsvorsitzenden von Cewe Color. Müller legt nicht auf.“

Nun ließe sich argumentieren: Manager und Politiker müssen keine Ahnung von den modernen Methoden der Kommunikation haben. Doch das Internet ist eben kein Atomkraftwerk. Innerhalb eines Nachmittags lassen sich selbst älteren Herrschaften ohne Computerkenntnis die Grundlagen beibringen. Doch, ehrlich, habe ich bei meiner Mutter selbst durchexerziert. Und deshalb muss man von einem Politiker erwarten, dass er sich diese Grundlagen aneignet.

Doch die Volksvertreter leben in ihrer eigenen Welt. Einer Welt der Bodyguards und Referenten, ohne E-Mails und Computer und Blackberrys. Handys werden ihnen vom Assistenten telefonbereit gereicht. Deshalb auch demonstriert Angela Merkel nicht gegen eine Beschneidung der Bürgerrechte durch ihren Innenminister – sondern gegen eine Kürzung der „Tagesthemen“ wenn zuvor „Hart aber fair“ läuft. Also maximal einmal pro Woche.

Die Politiker haben Angst vor dem Internet. Sie halten Videos für eine Professionalisierung des Terrorismus obwohl damit die Staatsfeinde nur das tun, was die Bürger längst machen. Aber wie sollen sie es wissen, die Volksvertreter. Sie leben auf einem anderen Planeten. Das Internet ist fremd. Und was fremd ist macht Angst. Psychologisch gesehen bewegen sich Schäuble und Co. somit auf der intellektuellen Selbsterkenntnis von Ausländerhassern. Man sollte von ihnen Höheres erwarten.


Kommentare


björn 18. April 2007 um 12:42

bitter.

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lupe 18. April 2007 um 12:42

Wenn die Politiker auf einem anderen Planeten leben, ist ihnen auch das Volk fremd und sie müssten Angst vor den Bürgern haben. Haben sie wohl auch.

Doch dann frage ich mich, wie es möglich ist, dass diese Politiker eine Entscheidung nach der anderen gegen dieses Volk treffen können? Sie müssten doch Angst haben, davongejagt zu werden. Oder kennen sie ihr Volk doch besser als ich vermute?

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hape 18. April 2007 um 12:57

Sicher sind die Politiker im Allgemeinen mit dem Thema Internet überfordert. Das ist aber grundsätzlich im derzeitigen parlamentarischen System verankert. Jeder Parlamentarier müsste theoretisch über alle Sachgebiete hinweg kundig sein, um verantwortungsvoll abzustimmen. In der Realität verlässt er sich darauf, was die jeweiligen \“Fachkollegen\“ bzw. Fraktionspitzen vorgeben. Vielleicht sollte es nicht nur Länderparlamente geben, die regional zuständig sind, sondern auch Sachparlamente, die für einzelne Sachgebiete Gesetzgebungsbefugnis haben.

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Hanno Zulla 18. April 2007 um 12:58

Sie sollten nicht vergessen, dass immer noch der größere Teil der Bevölkerung ebenso keine bis wenig Ahnung von Technologie und Internet hat.

\“Wir\“, die wir Ahnung haben, merken kaum noch, wie sehr die Bevölkerung bereits in Leute mit und Leute ohne Ahnung aufgeteilt ist.

Neue Technologien machen erst einmal Angst. Deshalb fürchte ich, dass die ahnungslosen Politiker bei der Mehrheit der Bevölkerung sehr zufriedene Wähler findet – weil die ja ebenso ahnungslos sind.

Es ist ein Generationskonflikt. Die nächste bis übernächste Politikergeneration wird mit Internet aufgewachsen sein.

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amazeman 18. April 2007 um 13:08

Die letzten Sätze sind wirklich ein Hammer. Aber wenn man darüber nachdenkt trifft es absolut zu.

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Andreas 18. April 2007 um 13:27

Generationenkonflikt? Nein, im Bundestag sitzen doch genug Menschen unter 50 – oder wo immer man eine derartige Generationengrenze setzen will. Mehr als die halbe Nation ist online, sind unsere Volksvertreter nicht repräsentativ? Natürlich nicht, das wissen wir schon lange, zu lange wird schon über den zu hohen Lehrer- und Beamtenanteil in den Parlamenten gelacht.

Ich selbst konnte vor nicht allzu langer Zeit die Erfahrung mit einer Volksvertreterin unter 50 machen, die sich die Entwürfe für ihre eigene Homepage von ihren Referenten ausdrucken liess und diese auf dem Papier beurteilen wollte. Mal abgesehen davon, was ein durchschnittlicher Billigtintenstrahldrucker mit Farben anrichtet, war dies der symbolhafte Ausdruck des Unwillens, sich funktional mit dem eigenen Webauftritt auseinanderzusetzen. Barrierefreiheit? Unbekannt. Kommunikationsdesign? Kein Interesse, es geht nur um Selbstdarstellung, Verkündigung statt Kommunikation. Nicht zu vergessen, dass der gesamte Bundestag bis vor kurzem noch auf dem Stand von Netscape 4 verharrte!

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Hanno Zulla 18. April 2007 um 13:58

\“mehr als die halbe Nation ist online\“

…aber wie gehen die mit dieser Technologie um? Begreifen sie sie? Haben sie Medienkompetenz? Ich fürchte nein.

Die Mehrheit der Bevölkerung versteht Computer und Internet nicht wirklich. Mit den richtigen Suggestivfragen konfrontiert wird sie ablehenend oder ängstlich entscheiden.

Mehr als die halbe Nation hat Mobiltelefone, trotzdem hat die Mehrheit Angst vor Handystrahlung, wenn man sie zum Thema befragt.

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Andreas 18. April 2007 um 14:09

Ich weiss auch nicht, wie der Dieselmotor meines Autos funktioniert, bin aber seit 28 Jahren erfolgreicher Autofahrer. Ich weiss nur sehr ungenau, wie die Bilder auf den Fernseher kommen usf. Ich stimme allerdings zu, dass die Informationstechnologien nach wie vor unangemessen benutzerunfreundlich gestaltet sind. Wie im übrigen Geräte der Haushalts- und Unterhaltungselektronik zunehmend unverständlich werden. Das gleiche gilt für die Assistenzsysteme (Audio, Navi etc.) in Autos.

Trotzdem schafft es die besagte halbe Nation, Mails zu lesen und zu verschicken und auf einem Browser eine Homepage anzusteuern. Damit sind sie weiter als die genannten Volksvertreter.

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Alexander. H. 18. April 2007 um 17:18

Hervorragender Text! Das bringt es exakt auf den Punkt.

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Bücherwurm 18. April 2007 um 17:50

Was hat die Bundesregierung bitteschön mit \“Stasi 2.0\“ zu tun???

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Markus 19. April 2007 um 9:41

Ich wünschte, Ihr Kommentar heute auf Seite 1 hätte auch nur annähernd so bissig ausfallen dürfen, wie dieser Blog-Eintrag. So bleibt das große Schmunzeln der \“Internet-Elite\“ vorbehalten.

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Thomas Knüwer 19. April 2007 um 10:10

Ich gebe Ihnen Recht. Leider findet unsere Kommentar-Redaktion meine Schärfe häufig überscharf. Thematisch gab es aber auch noch ein Problem: Eventuell erscheint am kommenden Dienstag ein Essay von mir, das in die gleiche Richtung geht wie der Artikel hier. Und ich wollte mir selbst nicht diese raumgreifende Variante wegnehmen 😉

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Hanno Zulla 20. April 2007 um 11:48

Herr Knüwer, werden Sie den Artikel von Thomas Sigmund in ihrer Redaktion ansprechen?

Wäre großartig.

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Thomas Knüwer 20. April 2007 um 13:41

Werde ich. Allerdings bin ich heute nicht in der Redaktion.

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Marc 21. April 2007 um 15:03

Eigentlich müsste einem das kokettieren mit Unwissenheit in Sachen Handy und Internet von der Presse um die Ohren geschlagen werden. Aber wir Deutschen sind da wohl etwas zu verständnisvoll. Schließlich kann man ja auch zugeben von Mathe keine Ahnung zu haben und alle nicken. Besonders wenn sowas Fernsehmoderatoren von sich geben. Eigentlich peinlich für ein Hochtechnologieland – sind wir doch, oder?

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Boje 22. April 2007 um 14:02

Wer glaubt, das Führungskräfte führen können, der glaubt auch, daß Zitronenfalter Zitronen falten.

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Markus 24. April 2007 um 9:07

Glückwunsch zu Ihrem Artikel in der heutigen Ausgabe! Ich glaube, es war der erste dieser Länge im Handelsblatt, den ich bis zu Ende gelesen habe. Was sagt das über mich aus? Oder über das Handelsblatt?

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Ralf 28. Oktober 2007 um 22:15

Mich langweilt die Diskussion. Zum einen ist dass in der Wirtschaft auch noch Gang und Gäbe, zum anderen ist was ändern und nicht immer nur rumnölen die Devise.

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intthing 21. Januar 2008 um 2:31

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