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Was in der Politik fehlt: kybernetisches Denken

Eines der merkwürdigsten Phänomene dieser Zeit ist für mich folgendes: Obwohl praktisch jeder Mensch behaupten würde, dass unsere Welt komplexer ist als noch vor 20, 50 oder 100 Jahren, sehen sehr viele Entscheider ihr Heil in Lösungen, die simpler sind als die vor 20, 50 oder 100 Jahren.

Auch in meiner Timeline tauchten zum Beispiel Menschen auf, die Facebook für Rechtsradikalismus und körperliche Gewalt verantwortlich machen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die alle Probleme Deutschlands gelöst sähen, wäre Angela Merkel nicht mehr Kanzlerin. Mancher glaubt, der Abstieg des HSV würde die Wende einleiten, denn nun würde ja beim Verein umgedacht. Und natürlich gibt es auch Eltern, die eine Fettleibigkeit des Nachwuchses verhindert glauben, nimmt man ihm nur das Handy weg.

Natürlich ist es menschlich, dass wir nach einfachen Lösungen suchen. Leider aber bringen uns simple und offensichtliche Wege eben nur selten weiter. Und das hat nicht mal unmittelbar etwas mit dem Netz zu tun.

Anfang der 90er wählte ich in meinem BWL-Hauptstudium Umweltmanagement als zweites Hauptfach neben Marketing. Eine der wichtigsten Lehren war, dass wenig so simpel ist, wie es scheint – oder wie wir es gerne hätten. Ökobilanzen, zum Beispiel. Sie klingen nach unbestechlicher Aufrechnung von gut und böse, umweltfreundlich und -feindlich. Tatsächlich aber sind sie hochkomplex, erfordern das Gewichten von Faktoren – und diese Gewichtung ist immer subjektiv geprägt.

Unsere Professoren arbeiteten vor allem an der Frage, wie Ökonomie und Ökologie in ein Gleichgewicht zu bringen sind. Dies sei nur möglich, sagten sie, mit kybernetischem Denken, verkürzt gesagt also dem Denken in Gestalt von Steuerungs- und Regelsystemen. Platt formuliert sollten wir Studierende im Kopf behalten, dass man nicht einfach nur den Ausstoß von Fabriken reduzieren kann, um die Luftverschmutzung zu reduzieren. Im Gegenzug kann es sein, dass der Bedarf an den von der Fabrik produzierten Produkten weiter vorhanden ist, sie nun aber per LKW aus dem Ausland herangefahren werden. Wie gesagt: Das ist nur ein einfaches Beispiel.

Trainiert wurde dieses kybernetische Denken in einem Planspiel namens Öko. Dieses basierte prinzipiell, wenn ich mich recht entsinne, auf einem gleichnamigen Brettspiel, ich meine auch, eine Computerspielversion besessen zu haben.

Das alles ist nun rund 25 Jahre her. Die Welt ist komplexer geworden – doch die Antworten vieler Entscheider einfacher.

Barleys gefährlicher Facebook-Algorithmus

Damit meine ich zum Beispiel ein Panel auf der re:publica, auf dem neben dem FDP-Doyen Gerhart Baum und CCC-Sprecherin Constanz Kurz zwei Vertreter der Politik saßen, die bemerkenswert unkybernetisch dachten: Justizministerin Katarina Barley (SPD) und MdB Thomas Heilmann (CDU).

Erstere verkündete ein Pluralismus-Gebot für das Social Web. Dienste wie Facebook sollten ihren Algorithmus so programmieren, dass Nutzern Nachrichten gezeigt würden, die das gesamte Spektrum der Meinung abbildeten. Wie das dann technisch genau gelöst würde, sei offen, es gebe „mehrere Möglichkeiten“.

Klingt doch logisch: Menschen sind in Filterblasen gefangen, bekommen nur noch Nachrichten mit ihrer politischen Ausrichtung gezeigt, also zeigt man ihnen andere Auslegungen einer Nachrichtenlage und – zack – ändern sie ihre radikale Meinung.

Diese Denkweise ist sehr linear: Ich befinde mich an Punkt A und möchte zu Punkt B – also ziehe ich eine direkte Linie um dorthin zu gelangen. Vielleicht gab es tatsächlich Zeiten, in denen zumindest in der Politik solch ein Vorgehen wirkte.

Heute aber trifft dieses Denken schon heute auf die Herausforderung, dass für den ersten Schritt von Punkt A aus Vorarbeiten nötig sind. Denn ein Algorithmus kann ohne zu verarbeitende Daten nicht arbeiten. Um also einem konservativ denkenden Menschen, liberale oder sozialdemokratische Artikel anzuzeigen, müssten diese Artikel (oder die sie veröffentlichenden Medienmarken) politisch eingeordnet werden. Ein Algorithmus kann das Stand heute nicht, semantische Fähigkeiten sind noch zu begrenzt. Somit müssen dies Menschen tun. Damit Barley ihren Plan umsetzen kann, müsste sie also entweder Facebook auffordern, eine Abteilung zu gründen, die Medienartikel politisch einordnet – oder sie müsste eine staatliche Stelle dafür gründen. Beide Vorstellungen erscheinen eher begrenzt wünschenswert im Sinne der Demokratie.

Doch auch der anschließende, scheinbar gerade Weg ist gespickt mit Landminen:

  • Wie viele Meinungen pro Thema soll einem Nutzer gezeigt werden?
  • Zu einem Thema das volle Spektrum?
  • Wieviel Platz bleibt dann noch im Newsfeed für zwischenmenschliche Postings?
  • Und wird das nicht die Menschen aus der Nutzung des Social Web vertreiben?
  • Was in der Folge dazu führt, dass Facebook beispielsweise gar keine Nachrichten mehr zeigen würde?
  • Und überhaupt: Müsste das nicht überall gelten? Müsste also eine konservative Zeitung Meinungen einer eher linken Konkurrentin abdrucken?

Sie merken schon: Das wird ganz schön verzwickt.

Erst recht, weil Menschen ja vielleicht gar nicht so rational und faktenbasiert reagieren, wie wir es gerne hätten. Bekannt ist das Phänomen des Confirmation Bias: Wir Menschen suchen verstärkt nach Informationen, die unsere Meinung bestärken. Hinzu kommt der – vielen Dank für die Hinweise nach meinem re:publica-Vortrag – umstrittene Backfire Effect: Er besagt, dass wenn Menschen mit Fakten konfrontiert werden, sie dies in ihrer Haltung noch bestärkt statt sie im Kopf umparken zu lassen.

Derzeit wird diskutiert, ob es diesen Effekt tatsächlich gibt (mehr dazu bei Mashable). Nicht einmal das aber scheint Barley zu wissen. Es solle solche Studien geben, sagt sie – doch sie könne sich nicht vorstellen, dass diese repräsentativ sind.

Die eigene Vorstellungskraft als Grenze des Möglichen zu definieren war noch nie eine gute Idee. Denn gäbe es diesen Backfire-Effekt, würde Barley mit ihrer Forderung nach jenem meinungsmultiplen Algorithmus ja exakt das Gegenteil von dem erreichen, was sie will. Wäre es dann nicht zwingend geboten, sich die wissenschaftliche Untermauerung nicht nur vorzustellen – sondern sie zu recherchieren, bevor man mit solchen Plänen an die Öffentlichkeit geht?

Mit kybernetischem Denken also wäre Barley also mit signifikanter Wahrscheinlichkeit zu einem anderen Ergebnis gekommen, denn der Weg zwischen dem Status Quo und dem Ziel ist weithaus hügeliger, geschwungener und stärker mit Landminen und Hundehaufen gespickt, als auf den ersten Blick gedacht.

Einwurf: Nun ließe sich sagen, Barleys Offensive ist nur die PR-Maßnahme einer frisch im Amt befindlichen Ministerin. Und in einer Zeit, da Facebook eine mexikanische Piñate aussehen lässt wie einen umkuschelten Fluffteddy, scheint eine nur für die mediale Breitenwirkung vorgetragenen Forderung durchaus zeitgeistig. Doch wenn wir bei jeder Äußerung eines Politikers, gar einer Ministerin, zuvor abschätzen müssen, ob diese nur der Schlagzeilenschinderei geschuldet ist, wie viel Achtung haben wir dann noch vor dem Amt?

DSGVO als Facebook-Subvention

Auch Thomas Heilmann lieferte bei jenem Panel ein Beispiel für mangelndes, kybernetisches Denken. Er mokierte sich über Facebook, genauer über die Print-Anzeigen des Social Networks anlässlich der Datenschutzgrundverordnung. Facebook freue sich keineswegs über die DSGVO, meinte der Ex-Werber. Schließlich müsste das Unternehmen jetzt so viel in den Datenschutz investieren.

Das ist linear gedacht: Wir sind an Punkt A, der Zeitverlauf bringt uns vor eine Hürde namens DSGVO, und da muss man drüber. Dazu sind Kosten nötig. Nach Überwinden der Hürde geht das Leben in gerader Linie weiter.

Doch was wird passieren, wenn die DSGVO im Bereich Onlinemarketing durch die E-Privace-Verordnung (EPVO) präzisiert wird? Nach den derzeitigen Plänen werden Nutzer wesentlich häufiger gefragt, für welche werblichen Maßnahmen sie ihre Zustimmung geben. Einerseits werden sie diese häufig verweigern, andererseits werden sie noch genervter sein als jetzt, was die Nutzung von Adblockern weiter nach oben treiben dürfte. Schon jetzt ist diese ja beträchtlich, laut einer Yougov-Studie nutzt selbst ein Drittel aller über 55-Jährigen ein solches Programm.

Jenen, die Adblocker nicht nutzen, wird verstärkt ungezielte Werbung angezeigt und das bedeutet mutmaßlich auch: für sie weniger interessante. Somit werden die entsprechenden Erfolgsmessgrößen weiter zurückgehen, Displaywerbung wird quantitativ billiger aber qualitativ ineffizienter.

Von beiden Entwicklungen – Adblocker und Sinken der Display-Ausspielungsqualität – profitieren vor allem geschlossene Plattformen wie Facebook oder das Google. Das realisierte auch die EU-Rechtskommisarin Věra Jourová bei einem Besuch in Kalifornien, wie das „Wall Street Journal“ berichtete:

„“They were more relaxed, and I became more nervous,” said the EU official, Věra Jourová. “They have the money, an army of lawyers, an army of technicians and so on.”…

In the meantime, Google and Facebook are building on their powerful positions in the digital ad market. They have reams of information on hundred of millions of people who use their websites and apps in Europe. They also use “share” buttons and ad tools on millions of websites to collect data on how people use the internet. That is important information for determining consumers’ interests before showing them ads.“

Sprich: Das Gesetz, das auch darauf zielte, die Vormachtstellung der US-Techkonzerne zurechtzustutzen, entpuppt sich als EU-Subvention derselbigen. Und wer sich derzeit bei Nachrichtenseiten deutscher Medienhäuser umhört, der bekommt zu hören, dass diese ab Eintreten der EPVO mit 15 bis 30 Prozent weniger Einnahmen aus dem Displaybereich rechnen.

Warum werden solche absehbaren Folgen im Prozess nicht erkannt? Und selbst nach Abschluss des selbigen ignoriert?

Ich kenne die politischen Abläufe nicht ausreichend, um mir Gründe auszumalen. Werden keine Experten hinzugezogen? Schenkt die Politik diesen Experten keinen Glauben? Es ist mir ein Rätsel. Über Lösungsansätze freue ich mich in den Kommentaren.

 

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