Wenn die Künstliche Intelligenz auf die Couch muss
18. April 2018
re:publica 2018: grüne und andere Blasen
6. Mai 2018

Wie die Bundeswehr auf der re:publica meinen Respekt verlor

Dieser Text wurde am 8.5.18 aktualisiert. Die aktualisierten Passagen habe ich kursiv gesetzt. 

Ich bin ein Befürworter der Bundeswehr. Nein, ich war ein Befürworter der Bundeswehr.

Bis heute.

Ich hielt sie für gesellschaftlich wichtig, ich befürworte auch Kampfeinsätze und erst recht humanitäre Einsätze in Krisengebieten. Denn auch, wenn wir uns die Welt zu 100 Prozent friedlich wünschen, sie ist eben nicht so. Und hätte es nicht Soldaten gegeben, die in den Krieg zogen, wäre Europa heute vermutlich ein Kontinent unter nationalsozialistischer Herrschaft. Auch weiß ich, was Kriegstraumata auslösen. Meine Mutter und meine Oma flohen aus der „Festung“ Breslau, mein Opa väterlicherseits starb in Stalingrad, der mütterlicherseits wurde von dort ausgeflogen und verreckte im Krankenhaus in Berlin. Sowohl meine Mutter als auch meine Oma litten lebenslang unter diesen Traumata. 

Ich selbst war Wehrdienstleistender und diese Zeit hat mir definitiv nicht geschadet. Bei der Bundeswehr wurde ich zum ersten Mal mit massiv anderen Lebenswirklichkeiten und -entwürfen konfrontiert. Ich bin mir in den 18 Monaten darüber klar geworden, wohin ich möchte.

Vor wenigen Tagen nun hat die Bundeswehr meinen Respekt verloren. Denn sie positionierte sich mit einem Stand und Soldaten im Kampfanzug am Eingang der re:publica und versuchte diese zu trollen. Mitarbeiter verteilten Flugblätter, teils drängten sie diese den Passanten auf. Die Organisatoren von Deutschlands größter Digitalkonferenz baten, von dieser Demonstration Abstand zu nehmen – die Bundeswehr machte weiter.

Im Social Web begab sie sich in die Opferrolle und bediente sich einer Argumentation, die an Verschwörungstheoretiker erinnert. „Angeblich“ war man im vergangenen Jahr zu spät dran. Und nun durften die Soldaten nicht in Uniform auf die Konferenz, weil diese „unbequem“ seien:

„Nachdem die #Bundeswehr im vergangenen Jahr keinen Stand haben durfte, weil die Anmeldung angeblich zu spät erfolgt sei, konnten die Organisatoren diese Begründung in diesem Jahr nicht anführen. Nun verweigern sie unseren #Soldaten aber den Zutritt in #Uniform. Die vorgebliche Toleranz der Konferenz hat also seine Grenzen – Uniformen sind unbequem.
Die Provokation gegen unsere #Parlamentsarmee nehmen wir zum Anlass, die Veranstalter an ihr eigenes Motto zu erinnern.
Wir stellen uns der Diskussion! Wir kämpfen auch dafür, dass die #rp18 gegen uns sein kann. Denn wir finden: Zu bunt gehört auch grün!“

Die Bundeswehr erhielt dafür auch Lob in den Kommentaren auf Facebook und Twitter. Wer sich diese Lobenden allerdings betrachtete, konnte eine signifikante Zahl von ihnen dem sehr rechten Spektrum zuordnen.

Nun ist der Begriff der „Provokation“ ja schon bemerkenswert. Die re:publica sagt nach etlichen Diskussionen begründet einen Stand ab, bietet aber an, dass die Bundeswehr auf Podien sitzt – und das ist eine Provokation? Wenn die Soldaten so leicht zu provozieren sind, wie verhalten sie sich in Krisengebieten? 

Wer immer die Bundeswehr berät, in Sachen re:publica ist er minderkompetent und ebenso in der Frage, wie die digitale Gesellschaft tickt. Die re:publica ist natürlich eine Konferenz mit liberaler bis linker und pazifistischer Grundhaltung. Im Gegensatz zu Karrieremessen oder Business-Konferenzen ist sie aber für viele Besucher eine happy place, ein sicherer Ort.

Uniformen aber dienen dazu, Angst zu erzeugen, sie sind eine Machtbekundung (habe ich übrigens im Wehrunterricht so gelernt). Auf einer Konferenz mit der Ausrichtung der re:publica haben Uniformen nichts verloren (erst recht keine Kampfuniformen), denn sie setzen ihre Träger vom Rest der Besucher ab. Uniformen sind nicht bunt, sie sind das Gegenteil. Sie sind keine Individualität, sondern sollen diese verdecken.

Hinzu kommt, dass auf der re:publica Menschen sprechen, die Krieg und Vertreibung erlebt haben. Und die sollen sich mit werblich auftretenden Soldaten – denn die ganze Aktion kommt aus den Reihen des Bundeswehr-Personalmarketing – wohlfühlen?

Selbst Sascha Stoltenow – Ex-Soldat und einer der wichtigsten Wehrthemenblogger in Deutschland – fasste sein Erstaunen in das erste Listicle seiner Blogger-Zeit und mehrere Tweets:

Manchen Medien lieferte die ablehnende Haltung der re:publica wieder mal einen Vorwand auf die Konferenz einzudreschen. Tatsächlich aber haben die Organisatoren richtig reagiert, sensibel und empathisch – und sie haben (wieder einmal) demonstriert, dass die re:publica ein Ort der Haltung ist.

Heute nun hat die re:publica ein langes Statement mit dem Ablauf der Ereignisse veröffentlicht. Es wirft ein erschreckendes Bild auf die Bundeswehr. Klar wird, dass die angebliche Debatte nur eine sekundäre Priorität für die Bundeswehr besaß. Vornehmlich ging es um einen Rekrutierungsstand – schließlich braucht die BW Programmierer. Dann log eine Sprecherin der Bundeswehr gegenüber der „taz“, dass es die Zusage für einen solchen Stand gegeben habe. Und schließlich setzte ein PR-Angriff ein, bei dem beispielsweise freie Journalisten eingesetzt wurden, die bereits für die Bundeswehr gearbeitet hatten. 

Erschreckend auch, dass re:publica-Gründer Johnny Haeusler via Twitter bat, von Beleidigungen und Beschimpfungen gegen die Bundeswehr Abstand zu nehmen – ein ähnlicher Aufruf von Seiten der Bundeswehr aber ausblieb. 

Die ganze Sache erreicht den Rand des skandalösen angesichts eines Artikels von Daniel Lücking, der nicht nur Journalist ist, sondern auch Bundeswehr-Veteran. Sein Artikel muss die Frage erlauben, ob die Bundeswehr hier nicht eine Konferenz attackiert, die aus bürgerschaftlichem Engagement entstand und die in anderen Ländern als lobenswertes Modell für Social Entrepreneurship gelobt würde. 

Die Bundeswehr hätte ja auf Podien sprechen dürfen – nur eben nicht in Uniform. Das wollte sie dann nicht. „Soldaten sind immer im Dienst“, wahrscheinlich gibt es da irgendwo eine Vorschrift. Doch müssen die Menschen, die ja auch rekrutiert werden sollen, diese kennen? Und ist solche ein Vorgabe (so sie existiert) noch zeitgemäß, wenn Millennials und Mitglieder der Generation Z angesprochen werden sollen? Wirkt solch ein Uniformzwang nicht eher schwach und hilflos und die Bundeswehr als Institution, die glaubt, keine Argumente mehr zu haben, wenn sie den optischen Insignien ihrer Macht beraubt wird? Wäre es nicht gerade beeindruckend gewesen, Soldaten in der Kleidung der Bürger kluge Sätze sprechen zu hören?

Denn dass auf der re:publica Personen Respekt ernten können, obwohl ihre Meinung sich von der der meisten maßgeblich Besucher unterscheidet, das zeigten bei vergangenen Ausgaben zum Beispiel Thomas de Maizière oder Andrea Nahles: Sie stellten sich der Kritik, hielten sie aus und punkteten mit Argumenten.

Dazu war die Bundeswehr nicht bereit. Ihr Auftreten vor dem Tor des Konferenzgeländes war unsensibel und übergriffig. Eigentlich schloss dieser Artikel mit dem Satz: „Und deshalb traue ich der Bundeswehr nicht mehr zu, in einem fremden Kulturraum sensibel zu agieren, wenn ihr das nicht mal in der Heimat gelingt.“ Nach den Erkenntnissen  der letzten Tage muss ich ihn leider umformulieren: „Deshalb traue ich der Bundeswehr nicht mehr zu, in einem fremden Kulturraum sensibel zu agieren, wenn sie sich derart schnell provoziert fühlt. Und ich frage mich, ob sie unsere Freiheit wirklich am Hindukusch verteidigt, wenn sie diese in der Heimat angreift.“

 

Teile diesen Beitrag