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Die Sehnsucht nach palliativer Medienkritik

Vorgestern kritisierte ich hart Spiegel Daily, jenes Angebot des Spiegel-Verlags, das behauptet, eine „smarte Abendzeitung“ sein zu wollen. Nun existiert dieses Blog seit 12 Jahren und deshalb wusste ich, was passieren würde: eine ordentlich hohe Zahl von Menschen, würde kritisieren, dass ich kritisierte – weshalb ich schon an den Artikel ein PS setzte.

Denn es vergehen nur Minuten von der Veröffentlichung eines medienproduktkritischen Beitrags bis zu den ersten, immer gleichen Reaktionen mit den immer gleichen Argumenten:

  • Jetzt hau doch nicht direkt drauf – so was Neues braucht auch Zeit!“
  • „Nur wenn man etwas Zeit gibt, kann Innovation entstehen.“ 
  • „Das ist nicht für uns Digitalmedien-Filterblase gedacht – die Menschen da draußen ticken anders.“

Und damit ich künftig immer auf diesen Artikel verlinken kann, wenn solche Diskussionen aufkommen, hier eine ausführlichere Diskussion dieser Argumente.

Neue Medienangebote nicht sofort kritisieren

  • Hier fordern Medienmenschen etwas ein, das sie anderen selbst nicht gewähren: Welpenschutz.
  • Welches Medium beackert nicht jede Aktion eines neu ins Amt gewählten Politikers ohne Rücksicht auf irgendwelche 100-Tage-Fristen? Facebook kann sich Änderungen seines Dienstes um die Ohren hauen lassen, obwohl sie noch im Beta-Stadium für eine kleine Menge Nutzer getestet werden. Theateraufführungen werden bei der Premiere besprochen – obwohl die schauspielerische Leistung steigt, wenn das Stück häufiger gezeigt wird.
  • Sobald ein Produkt der Öffentlichkeit gezeigt wird, hat diese das Recht zur Kritik. Und das erst recht wenn zwei Bedingungen gelten:

a) Das Produkt rollt mit großer Bugwelle heran

Tageszeitungen wolle man Konkurrenz machen, donnerte der inzwischen gegangen wordende Spiegel Online-Chefredakteur Florian Harms vor einigen Monaten, gefragt nach Spiegel Daily. „Spiegel“-Geschäftsführer Thomas Hass sagte gegenüber „Horizont“: „“Spiegel Daily“ ist ein starkes neues Produkt, mit dem wir unser Bezahlangebot auf Spiegel Online entscheidend weiterentwickeln.“ Und gestartet wurde die erste Ausgabe natürlich mit einem Countdown.

Dies ist Zeugnis einer branchenweiten Denk-Deformation der Print-Industrie: Ein neues Produkt kann nicht mit Understatement gestartet werden, mit einem „Guckt es euch an und sagt uns, was euch gefällt“. Es muss donnernde Wichtigkeit her, vielleicht um Entscheider-Egos zu befriedigen, man weiß es nicht. Würden Print-Verlage die Bundesjugendspiele Kattenvenne ausrichten, wäre das offizielle Motto: „Am schnellsten, am höchsten, am weitesten“.

Wer so kommuniziert, der muss sich daran messen lassen.

b) Das Produkt kostet Geld

Von Kunden bekommt man nur eines: Geld ODER Mitleid – aber nicht beides. Sobald ein Preis gefordert wird, darf Leistung erwartet werden.

Natürlich kann man trotzdem um Verständnis bitten, wenn etwas nicht richtig funktioniert. Wir kennen das von neuen Restaurants, bei denen Service und Küche sich erst eingrooven müssen. Nur: Wenn man in einem solchen Fall auf Defizite hinweist, wird die Rechnung reduziert oder es gibt wenigstens einen Digestif auf’s Haus.

Bei Spiegel Daily wird nicht mal gefragt, ob es geschmeckt hat. Selbst die Facebook-Seite (bei der kein redaktionelles Konzept erkennbar ist) wird als schüchternes, kleines f am Ende der Homepage versteckt. Wer dort Kritik äußert, darf nicht auf Reaktion hoffen – hier ein Beispiel, das zwei Tage unbeantwortet blieb:

Wer sich nicht mal um die Kritik seiner Kunden kümmert, den wird externe Kritik ohnehin nicht interessieren.

Innovation entsteht nur, wenn man ihr Zeit lässt

Wie. Kommt. Man. Auf. So. Ein. Schmales. Brett?

Durch ein floral geprägtes Weltbild? Innovationen sind dann Hortensien, die man hegt und pflegt und dann blühen sie.

Das ist vielleicht auf dem Ponyhof so, anderenorts gilt das Gegenteil. Nehmen wir nur einen, der ohne Frage zu den Innovativeren gehörte – Steve Jobs:

“Sometimes when you innovate, you make mistakes. It is best to admit them quickly, and get on with improving your other innovations.”

Und wer Walter Isaacsons Buch „Jobs“ gelesen hat, der weiß spätestens hinterher, dass Jobs sich über diese Idee der Blümchen-Innovation amüsiert hätte – im besseren Fall.

Nirgends entsteht Innovation durch Ruhenlassen. Startups müssen ihre Produkte vor Investoren rechtfertigen, Entwicklungsabteilungen in Konzernen werden von Vorgesetzten unter Druck gesetzt. Und überall redet letztlich auch der Kunde mit – wenn er nicht kauft, wird der Stecker gezogen (auch beim „Spiegel“, der sein Seniorenmagazin „Spiegel Classic“ nach nur einer Ausgabe vom Markt genommen hat).

Wie soll denn auch ein Produktverantwortlicher wissen, ob er in die richtige Richtung läuft? Wird er etwas ändern, wenn es heißt „Ach, noch nicht so dolle, aber das wird schon?“ Was wird er dann ändern? Ich behaupte: wenig bis gar nichts.

Außerhalb der Medien-Filterblase wird anders gedacht

Das ist vollkommen richtig. Doch wird dieser Satz als Argument gegen Kritiker verwendet und enthält immer den Vorwurf: DU weißt nicht, was andere Leute wollen, DU bist nicht fähig außerhalb Deiner Filterblase zu denken.

Das ist insofern bemerkenswert, als dass dieser Satz oft von Menschen vorgebracht wird, die selbst digital und medial tätig sind. Fühlen sie sich nicht fähig zu erkennen, was weniger digital-mediale Menschen wünschen und tun?

Auch schwingt da ja immer ein gewisses Avantgarde-Gefühl mit: „Wir sind anders“. Das stimmt irgendwie und irgendwie auch nicht. Denn längst ist eben ein der größte Großteil der Menschen auch in Deutschland alltäglich im Internet. Nur mal als Beispiel: Es gibt 25 Millionen aktive Facebook-Nutzer in Deutschland. Nehmen wir von den 81 Millionen Bundesbürgern mal die rund 10 Millionen unter 13 und die rund 5 über 80 raus, dann sind dies 40 Prozent der Menschen zwischen Teenager und Ende 70.

Sprich: Die Möchtegern-Avantgarde ist gar nicht mehr so avantgardistisch. Vor allem aber ist sie definitiv in der Lage, Nutzungssituationen zu analysieren. Erst recht bei jenen, die sich mit entsprechenden Themen beschäftigten. Ja, das betrifft auch mich: ich behaupte durchaus, dass ich eine gewisse K0mpetenz nach 20 Jahren Beschäftigung mit dem Thema erworben habe.

Wollt ihr wirklich Palliativ-Medienkritik?

Palliativmedizin meint laut Wikipedia „die aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten mit einer progredienten (voranschreitenden), weit fortgeschrittenen Erkrankung und einer begrenzten Lebenserwartung zu der Zeit, in der die Erkrankung nicht mehr auf eine kurative Behandlung anspricht und die Beherrschung von Schmerzen, anderen Krankheitsbeschwerden, psychologischen, sozialen und spirituellen Problemen höchste Priorität besitzt“.

Ich habe den Eindruck, viele wünschen sich eine palliative Medienkritik. Es geht ihnen nur noch darum, den sterbenden Patienten nicht zu sehr aufzuregen, die unaufhaltsame Entwicklung möglichst schmerzfrei zu begleiten.

Dazu gehöre ich nicht.

Medien sind zu wichtig für unsere Gesellschaft, als dass wir ihnen beim Betreten falscher Wege still zuschauen dürfen. Denn zu viele gute Journalisten drohen ihren Job zu verlieren, weil sie einerseits selbst zu blind waren, sich digital zu schulen – und sie andererseits in Häusern arbeiten, die grob missgemanaged werden.

Kritik ist Liebe

„Kritik ist Liebe“ sagte mein journalistischer Lehr-Herr Ferdinand Simoneit einst. Zu viele in den Medien begreifen Kritik jedoch als Majestätsbeleidigung.

Medien müssen eine andere Form von Innovationsprozess finden. Sie bewegen sich tatsächlich zu sehr in einer Filterblase, die schon damit sich beginnt aufzublasen, dass JournalistInnen gerne JournalistInnen heiraten und ihr Freundeskreis sich verstärkt aus JournalistInnen zusammensetzt. Und das nicht erst seit gestern: Schon Mitte der 90er Jahre war dies Ergebnis einer Studie des Publizistik-Professors Siegfried Weischenberg (mehr zu diesem Thema habe ich 2013 mal aufgeschrieben).

In anderen Branchen wird auf Kritik ganz anders reagiert: Ein negativer Kommentar auf der Facebook-Seite einer Marke kann eine Krise auslösen. Ja, sogar bei Unternehmen, über die man gerne schimpft: Solche Kritik kommt an und ändert vielleicht nicht von heute auf morgen etwas, aber ich habe in den 8 Jahren meiner Selbständigkeit kein Unternehmen erlebt, bei dem solch eine Kritik nicht schweres Unbehagen bis hin zur Krise ausgelöst hätte.

Außer natürlich bei Medienhäusern. Da wird Kritik bevorzugt ausgeblendet. Das muss sich ändern.

Vorschlag für einen neuen Innovationsprozess

Innovationen gehen auch anders. Und mich verwundert, dass bisher kein klassisches Medienhaus (zumindest kenne ich keines) einen offenen Innovationsprozess angegangen ist.

Der könnte so aussehen:

  1. Beta-Test: Unter bestehenden Lesern werden Tester gesucht
  2. Deren Feedback wird eingearbeitet.
  3. Open Beta: Jeder darf das Produkt testen, es wird offen um Feedback gebeten. Dabei wird klar kommuniziert: Irgendwann wird das Produkt kostenpflichtig.
  4. Auch hier wird Feedback eingearbeitet
  5. Erst nach Monaten wird die Bezahlschranke eingeführt.

Nun bin ich ja generell skeptisch bei Paid Content außerhalb von Fachinformationen – doch das ist eine andere Geschichte. Was würden die Menschen tun, die über Wochen diesen Prozess begleitet haben, wenn Geld verlangt wird? Meine Prognose: Viele von ihnen werden zahlen – denn es ist „ihr“ Produkt.

Dieses Vorgehen ist nicht neu, man nennt es Crowdsourcing. Und selbst die Wurstindustrie kann damit arbeiten, wie Rügenwalder Mühle schon 2011 demonstrierte.

Und vielleicht wird es irgendwann ein deutsches Medienunternehmen geben, das sich an diesem Weg versucht.

Vielleicht.

Irgendwann.

Bevor es zu spät ist.

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