Huch, die haben meine Daten: ein neues Facebook PR-Risiko
16. August 2016
Bücher 2016: „Der Herausgeber“ von Irma Nelles
25. August 2016

Die merkwürdige Quittungsphobie bei Blendle

Wer mit einem Taxi fährt, bekommt auf Wunsch eine krakelig erstellte Quittung (oder automatisierte eine via E-Mail, wenn er MyTaxi nutzt). Wer im Restaurant eine Mahlzeit einnimmt, erhält einen Bewirtungsbeleg. Wer eine Pro-Version für die Präsentationssoftware Prezi erwirbt, bekommt eine Rechnung.

Einen solchen Beleg zu erstellen, ist heute keine große Sache mehr. Denn was auf solch einer steuerabzugsfähigen oder bei einem Unternehmen einzureichenden Quittung oder Rechnung zu stehen hat, ist kein Hexenwerk. Im weitesten Sinne reichen Leistung, Adresse, Datum, Bruttopreis sowie Ausweis der Umsatzsteuer. Und da die Buchhaltung in einem modernen Unternehmen in vielen Punkten digitalisiert ist, kann vieles automatisch generiert werden.

Doch dann begegnet einem ein Unternehmen, das sich nicht in der Lage sieht, eine solche Rechnung oder Quittung auszustellen, ja, sich vehement weigert. Was die Sache so bemerkens- und bloggenswert macht: Dieses Unternehmen ist ein Internetstartup mit digitalem Produkt – und es ist hoch gerühmter Kooperationspartner renommierter Medienmarken wie „Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel“ oder „Wirtschaftswoche“.

Die Rede ist von – Blendle.

Eigentlich ein guter Dienst. Das niederländische Startup verkauft Artikel (oder auch ganze Ausgaben) bekannter Print-Objekte zu hinnehmbaren Preisen. Der Verkaufsprozess ist simpel und klar, die Seite einigermaßen gut bedienbar.

Nur eines kann Blendle nicht – und will es offensichtlich auch nicht können: Rechnungen ausstellen.

Das war zu Beginn vielleicht noch irgendwie hinnehmbar, Startup und so, Sie verstehen. Nur ist der Dienst über zwei Jahre online. Und meine jüngste Bitte nach einer Quittung löste einen Mailwechsel mit dem Support aus, der bemerkenswert ist – weil hier entweder Unwahrheit oder Inkompetenz die Kommunikation bestimmen.

Denn der Support antwortete:

„Offiziell sind wir noch nicht zugänglich für den Geschäftsmarkt, deswegen verschicken wir zur Zeit noch keine Rechnungen.“

Äh – Dienste, die sich an Privatleute richten, stellen keine Rechnungen aus? Das sollte mal jemand diesen Handwerkern sagen. Oder Taxifahrern. Oder der Deutschen Telekom. Oder – eigentlich jedem Unternehmen.

„Wir arbeiten daran das irgendwie möglich zu machen, aber können leider nicht sagen wann es soweit sein wird.“

Noch mal geschrieben: Ein Internetstartup mit rein digitalem Produkt sieht sich nicht in der Lage digitale Rechnungen zu erzeugen? Ernsthaft?

„Nach jeder Aufladung bekommst du aber eine Mail von uns mit einer kleinen Art von Rechnung :)“

Die „kleine Art Rechnung“ ist nur leider eine Kategorie, die keine Buchhaltung und vor allem kein Finanzamt interessiert – da ändert auch die Lachfresse nix. Doch es kommt ja noch erstaunlicher:

„Du kannst auch ein Screenshot machen von der Übersicht deiner Transaktionen auf Blendle und diese bei deiner Steuererklärung hinzufügen.“

Ja, solch einen Screenshot kann man der Steuererklärung beifügen. Man kann der Steuererklärung auch rosa Schleifchen, Katzenbilder oder holländischen Käse beifügen – nur ändert das wenig an der Steuerlast, weder in Deutschland noch in den Niederlanden. Denn auf der bewussten Seite sind ja jene oben angeführten Angaben wie Firmenadresse oder Steuerausweis nicht vorhanden. Diese Auskunft ist entweder eine Lüge, um Kunden zu beruhigen, oder geprägt von einem Hirn, das durch eine große Luftblase im Kopf an seiner Arbeit gehindert wird.

Darauf hingewiesen – natürlich mit freundlicheren Worten – meldet sich eine andere Mitarbeiterin des Kundendienstes mit diesen Worten:

„Wir würden Schwierigkeiten bekommen, wenn wir für Geschäftskunden taugliche Rechnungen ausstellen würden, da wir für den Geschäftsmarkt nicht zugelassen sind, sondern die Artikel für die „persönliche Leseumgebung“ unserer Nutzer gekauft werden.“

Man muss in den Niederlanden also „zugelassen“ werden, um Dienstleistungen an Geschäftskunden zu verkaufen? Vielleicht weiß ein kundiger Leser mehr über dieses Zulassungsverfahren, das ja in merkwürdigem Konflikt stünde zu EU-Gegebenheiten, so ich das richtig sehe.

Doch vor allem geht es ja nicht nur um Geschäftskunden. Auch Privatleute könnten ja Blendle-Ausgaben von der Steuer absetzen, schließlich gilt manch angebotener Text als Fachliteratur.

Geradezu putzig mutet es an, wenn die Blendelistin dann schreibt:

„In den Emails welche du erhältst, wenn du dein Guthaben auflädst, ist die MwSt zumindest mit ausgewiesen.“

Ähm – ja. Aber. Über diese E-Mail lacht jeder Steuerbeamte aus vollem Hals:

blendle rechnung

Sie zeigt aber auch, weshalb mir das Thema diesen Blogbeitrag wert ist. Es wäre ja vollkommen problemlos alle für eine steuerabzugsfähige Quittung nötigen Angaben zu integrieren: Firmenadresse, Datum, Steuernummer – geht alles vollkommen problemlos.  Sogar in Holland: Das deutlich kleinere Startup Prezzip (Sitz: Groningen) schickte mir selbstverständlich eine entsprechende Quittung, als ich dort ein Template für die Präsentationssoftware Prezi orderte.

Warum unterlässt Blendle das?

Die Frage ist umso drängender, weil Blendle nicht profitabel ist, es sich beim Markt für Geschäftskunden aber um einen lukrativen handelt. Egal ob Researchabteilungen in der Finanzwelt, Vorstandsassistenten auf der Suche nach knackigen Zitaten oder PR-Abteilungen: Diese Zielgruppe ist bereit, weit mehr für Medieninhalte auszugeben, als der gemeine Privatmensch.

Wenn aber die Niederländer diesen Markt meiden, weil es ihnen nicht gelingt, digitale Quittungen auszustellen, muss die Frage erlaubt sein, wie es im Rest der Buchführung und des Controlling so aussieht. Fast wirkt Blendle wie das Restaurant, das keine Kreditkarten akzeptiert und sich so mit dem Ruch der Steuer…ersparnis umgibt.

Ich könnte mir vorstellen, dass ich für die Frage, ob die internen Abrechnungsstrukturen von Blendle sauber aufgesetzt sind, nicht nur die zahlreichen Verlage interessieren könnten, die mit den Holländern kooperieren – sondern genauso das niederländische Finanzamt.

Nachtrag: Wenn man ein gern gelesenes Blog hat, macht Blendle Quittungen doch möglich. Zitat aus den Kommentaren unten:

„Wir schicken dir natürlich eine ordentliche Quittung. Sorry auch für die Erfahrung im Kontakt mit uns, da ist einiges durcheinander geraten. Wir sind tatsächlich stark auf den Consumer-Markt fokussiert. Aber mit deiner Quittung hat das natürlich nichts zu tun. Wir arbeiten daran, dass es für alle Leser*innen auf Blendle ganz einfach möglich wird, Belege herunterzuladen. Bisher gab es nicht viele Anfragen, die konnten wir gut manuell bearbeiten. Der Vorteil an diesem manuellen Prozess ist, dass wir für dich eine Quittung mit einem rosa Schleifchen und einem Katzenbildchen gestalten können. Wir hoffen, dass das ein wenig Farbe in den womöglich grauen Alltag des Mannes im Finanzamt bringt. (Außerdem schreibe ich deinem Konto € 2.50 für die Umstände gut). Wir freuen uns, dass Blendle solch prominente Nutzer hat.“

Teile diesen Beitrag