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5 Dinge, die Journalisten vom Dschungelcamp lernen können

Gerade unter meinen journalistisch tätigen Bekannten gibt es eine ausgeprägte Abneigung gegen „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Gern fällt dann der Satz „Wer guckt denn so was“, auf den ich dann auch gern mal antworte „Deine Leser“.

Warum ich selbst großer Fan der Show bin, habe ich unter dem Titel „Ich bin ein Star, der weiß, dass alle wissen, dass er kein Star mehr ist, der aber nun so tun muss, als wäre er ein Star, der weiß, dass er kein Star mehr ist“ aufgeschrieben. Aufgrund der verschiedenen Meta-Ebenen des Dschungelcamps halte ich es für ein Pflichtprogramm Medieninteressierter. Schließlich sehen sie am Abstimmungsverhalten auch eine Art Schwarmintelligenz oder Schwarmmeinung der breiten Masse der Bevölkerung. Denn nirgends einigen sich Akademiker und Arbeiter derart auf ein Programm.

Foto: RTL / Gregorowius

Foto: RTL / Gregorowius

Deshalb hier 5 Dinge, die Journalisten vom Dschungelcamp lernen können:

1. Überforderung statt Unterforderung

„The customer is not a moron, she is your wife“, sagte einst schon David Ogilvy. Das wird gern vergessen, gerade im Journalismus. Leserbriefschreiber wurden immer schon gern abgetan, Onlinekommentare mag keiner lesen – sind doch alles Idioten da draußen. Die Berichterstattung dagegen orientiert sich zu oft an denen, die am wenigsten über ein Thema wissen, weshalb es ja so einfach ist, Medien für dumm und unwissend zu erklären.

Auch im Marketing versuchen Verlagskonzerne ihre Kunden für dumm zu verkaufen: So verschickt „Die Zeit“ Briefe, die den Anschein erwecken, sie benötige Hilfe bei einer Umfrage. Wer dann teilnimmt, bekommt ein Probe-Abo, das er selbstverständlich selbst kündigen muss. Früher wäre so was in der Sendung „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ gelandet.

„Ich bin ein Star“ betreibt ein gewisses Maß an bewusster Überforderung seiner Zuschauer. Nur wer sowohl Nachrichten als auch Klatsch verfolgt, kann sämtliche Moderationen von Sonja Zietlow und Daniel Hartwich verstehen. Gefühlt haben diese Bezüge zur Außenwelt in den vergangenen Jahren zugenommen, was mich fragen lässt, ob bewusst damit kalkuliert wird, dass Zuschauer eine Information parallel ergooglen können und wollen.

Genau dieses Kalkül fehlt vielen klassischen Medien. Im Radio glauben Moderatoren, „es versendet sich“, wenn sie mit holprigen Worten ein Thema ankündigen, von dem sie keine Ahnung haben. Print-Autoren rechnen offensichtlich nicht damit, dass ihre Leser jede einzelne Information nicht nur hinterfragen, sondern hintergooglen können. Und längst sind Talkshow-Gucker schneller darüber informiert, ob eine Gast eine wahre Information gestreut hat, oder eine falsche.

Die Menschen des Jahres 2016 sind vielleicht nicht intellektueller als die des Jahres 1986 – das darf jeder selbst entscheiden. Sie sind aber, sagen wir (um das Wort intelligenter zu vermeiden), smarter: Sie wissen, woher sie Informationen bekommen. Der Journalismus muss sie endlich systematisch überfordern.

2. Der erste Eindruck ist nicht immer der beste

Wer hätte nach Betrachten der ersten Folge erwartet, dass Menderes Bagci Dschungelkönig werden würde? Langweilig, tapsig, piepsig wirkte er, eher ein Kandidat für eine Dschungelprüfungs-Serie nach deren Ende er rausgewählt würde. Doch Stück für Stück wuchs er an der Aufgabe, entpuppte sich als sensibler Sympath mit trauriger Vergangenheit und ebenso trauriger Gegenwart.

Selbst eine Entwicklung in so kurzer Zeit passt nicht in die Medienwelt. Der Alltag für deutsche Medien ist die Lichtgeschwindigkeitsbeurteilung: Kommentare werden flott verfasst, Portraits rasant zusammengepinnt. Nur noch selten liest man eine abwägende Beurteilung einer Situation, heute muss alles direkt zugespitzt werden.

Das führt dann auch dazu, dass Fehler gemacht werden – und die kehrt man dann unter den Teppich. Heute vor vier Jahren zum Beispiel schrieb ich über die von Medien herbeigeschriebene Internet-Blase, vor allem festgemacht an Facebook. Seitdem hat sich der Aktienkurs des Networks verdreifacht und dass es keine Blasenbildung gibt, war klar absehbar. Ich habe kein Medium gesehen, dass schlich zugegeben hat: Wir lagen da dramatisch falsch.

Der Journalismus muss wieder abwägender werden, weniger zwangsmeinungsgetrieben. Meinungen und Kommentare sind wichtig – aber nur, wenn sie wohl durchdacht sind.

3. Wenn es ernst wird, will niemand Streithähne sehen

Wir alle lieben es, eine satte Käbbelei zu beobachten, deshalb sind Seifenopern und Talkshows erfolgreich. Deshalb auch genossen so viele Zuschauer den immer heftiger anschwellenden Streit zwischen Helena Fürst und Thorsten Legat.

Doch die Menschen da draußen ahnen intuitiv, wann eine Lage den Punkt erreicht, da ein Streit seinen Unterhaltungshöhepunkt überschritten hat. Oder kurz: Irgendwann ist Schluss mit lustig. Deshalb auch war Helena Fürst noch vor dem Finale raus. Wenn es ernst wird, will niemand mehr Zankereien sehen.

Das gilt genauso im Polit-Alltag und keiner begreift das besser als Christian Lindner. Wieder einmal kursiert in diesen Tagen eine seiner Reden durch die Timelines. Im NRW-Landtag sagt er „Schluss mit lustig“, weil ein SPD-Abgeordneter der CDU „Rechtspopulismus“ vorgeworfen hatte.

WOW! Das ist die beste Rede zur Flüchtlingskrise, der AfD und zum Chaos der Bundesregierung, die ich bisher gehört habe….

Posted by Tobias Huch on Thursday, January 28, 2016

Der Erfolg des Videos demonstriert, dass sehr viele Menschen das Gefühl teilen, dass irgendwann mal Schluss mit Kabale sein muss. Und Journalisten müssen wieder lernen, wenn dieser Moment erreicht ist.

4. Kasalla ist gefragt

Eigentlich hätte Thorsten Legat nicht bis ins Ibes-Finale schaffen dürfen. Übertrieben war sein Auftreten am Anfang, markige Sprüche kamen von ihm, gern gespickt mit Hinweisen auf die Unterstützung eines eher traditionellen Frauenbildes.

Doch was ihn auszeichnete, war diese „Ich schaffe das“-Mentalität, personifiziert in seinem Motivationsruf KASALLA! Und dass er es trotzdem bis ins Finale schaffte, lag vielleicht auch an seiner Lebenseinstellung: Ich schaffe das, ich will das mehr, ich versuche immer alles – Menschen mit einer solchen Haltung erobern unsere Herzen, so dass wir bereit sind, über gewisse Schwächen hinwegzusehen.

Das heißt für Medien natürlich nicht, dass sie nur noch positive Nachrichten bringen sollen. Aber es würde ihnen helfen, eine optimistische Einstellung zu vermitteln. Derzeit ist die Grundausrichtung der allermeisten Redaktionen aber – negativ. Überall wird nur Schlechtes gesehen, unsere Welt besteht aus Krieg, Terror und Furcht, obwohl wir objektiv in wesentlich sichereren Zeiten leben als unser Vorgängergenerationen.

Gerade deshalb glaube ich an Modelle wie Perspective Daily: Unvoreingenommener Journalismus mit einer optimistischen Herangehensweise birgt das Potential zu einer wesentlich höheren Leser-/Zuhörer-/Zuschauerbindung als das hysterische Alarm-Geschreie der klassischen Medien.

5. Authentizität und Bescheidenheit siegen

Und dann gewann am Ende Menderes. Einer, der nie laut wurde. Der sich in Dschungelprüfungen bei den Tieren und Moderatoren bedankte. Der das Camp am letzten Tag aufräumte, während Legat auf der Liege lag. Der sich entschuldigte.

Was wäre, wenn sich Journalisten daran orientierten? Wenn zum Beispiel Chefredakteure wie Giovanni di Lorenzo nicht mehr ständig behaupteten, die deutschen Medien seien „die besten der Welt“? Wenn das Eingestehen von Fehlern nicht mehr im Rande versteckt stattfände, sondern offen? Man Leserkommentare, egal ob im Social Web, als Brief oder in Foren, nicht mehr als Angriff ansähe, sondern als Ansporn, besser zu werden – und man sich deshalb für Korrekturen bedankte?

Es wäre ein weiter Weg bis dahin. Wie weit, das zeigte in dieser Woche zum Beispiel „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Im Editorial der aktuellen Ausgabe schreibt er:

„Die Vorfälle der Kölner Silvesternacht wirken wie ein Brandbeschleuniger: Rund 40 Prozent der Deutschen vertrauen den Medien nicht mehr. Neben und wegen der Hysterisierung und Spaltung der Gesellschaft, die wenig mit Fakten und viel mit Gefühlen zu tun hat, gibt es inzwischen darum ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem für die Medien.

Wir müssen uns Zeit nehmen, um Zusammenhänge tatsächlich verstehen und erklären zu können, und wir sollten im Ton moderat bleiben, nicht wahllos mitbrüllen…“

Wahre Worte, die wir hören. Allein, es fehlt der Glaube, dass Brinkbäumer sie ernst meint, blickt man auf die Titelseiten seines Magazins:

Spiegel Putin Spiegel Kontrollverlust Spiegel IS Spiegel Patientenkarte Spiegel Polizei Spiegel Trump

Ausnahmezustand. Wahnsinn. Krieg in Europa. Totale Vermessung. Staatsohnmacht. Wenn so die Moderation von Klaus Brinkbäumer aussieht, dann dürfte sein „wahlloses Herumbrüllen“ Gernot Hassknecht aussehen lassen wie einen stillen Eckensitzer.

Es ist auch weiterhin überhaupt nicht in den Köpfen der Medienmacher eingesickert, wo ihr Problem ist. Immerhin: Das eint sie dann wieder mit den Einsitzern des Dschungelcamps. Denn auch denen ist nicht klar, warum sie so eigentlich bei dieser Show mitmachen müssen. Nur: Im Dschungel wirkt das meist sympathisch – im Journalismus arrogant.

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