Was Mediendeutschland braucht, ist Perspective Daily

by Thomas Knüwer on 18. Januar 2016

Gestern platzierte die Falcon-Rakete aus dem Projekt Space X (das von Tesla-Gründer Elon Musk finanziert wird) einen Satelliten im All. Nicht erfolgreich war der zweite Teil der Mission: Die Landung auf einem Drohnenschiff, damit die Rakete wiederverwendet werden kann: Sie kippte um und explodierte.

Mashable packt diese beiden Informationen in die Schlagzeile:

SpaceX Mashable

Im Artikel erläutert Mashable, welchen Zweck der Satellit erfüllt und dass es SpaceX bereits gelungen ist, eine Rakete sicher zu landen. Diesmal habe man höheren Wellengang, doch das hätte eigentlich kein Problem sein dürfen. Das alles ist sachlicher und erklärender Journalismus, wie man ihn von einer oft boulevardesk arbeitenden Medienmarke vielleicht gar nicht erwarten würden, sondern – imagetechnisch – vielleicht eher von der “Welt”.

Doch Welt Online geht das Thema ganz anders an:

SpaceX Welt Online

Der Vorspann kotzt Häme. Wieder ist es nicht gelungen zu landen, schreibt Gerhard Hegmann und vermittelt so natürlich den Eindruck, dass dies noch nie gelungen sei (im Text wird die erfolgreiche Landung erwähnt). Und dann “blamiert” die Ingenieure ein “Klapper-Teil”, was insofern bemerkenswert ist, als dass der Leser ja nicht damit rechnet, dass in eine Rakete überhaupt Klapper-Teile verbaut werden.

Tatsächlich ist der Artikel dann ein ähnlich sachliches Stück Text wie bei Mashable. Niemand ist dort blamiert, vielmehr merkt Hegmann an: “In der Technikszene gilt das Zurückholen der Raketenstufe aus dem All auf die Plattform zwar schon als technische Glanzleistung. Doch erst mit dem sanften, senkrechten Aufsetzen lässt sich das Konzept einer kostengünstigen Recyclingrakete umsetzen. Mit jedem Landeversuch steigt aber auch die Erfahrung der erst 2002 gegründeten Firma, heißt es in der Branche.”

Und das “Klapper-Teil”? Taucht nie wieder auf. War ja auch keines, die Rakete kam vermutlich nicht ganz gerade auf. Mutmaßlich hat hier boulevardfanatischer Redakteur vom Dienst den guten Artikel von Gerhard Hegmann versaut.

Wer nun allein Überschrift und Vorspann konsumiert, weil er sich nur einen Überblick über die Nachrichtenlage verschaffen will, verpasst diese sachliche Berichterstattung. Er bekommt den Eindruck, SpaceX sei eine Lachnummer.

Dabei handelt es sich hier um einen Glücksfall, schließlich ist der Artikel ja von guter Qualität. Ich habe dieses Beispiel nur deshalb herausgehoben, weil mir am selben Tag begegnete, an dem ich Ihnen ein Projekt vorstellen möchte, dem ich in den vergangenen Wochen versucht habe, ein wenig zu helfen: Perspective Daily.

Perspective Daily Team Foto: Marvin Kronsbein

Bei der wunderbaren TEDx Münster hörte ich den Vortrag von Mit-Gründerin Maren Urner, den Sie unter diesem Link nachgucken können. Sie übertrug Erkenntnisse der Neurowissenschaften, der Disziplin, in der sie promoviert hat, auf unseren Nachrichtenkonsum. Und um es kurz zu machen: Wenn wir ständig News mit überkritischem, zynischen oder hämischen Ton konsumieren, wirkt sich das auf die Wahrnehmung von Nachrichten aus, die nicht so überkritisch, zynisch oder hämisch sind – wir glauben ihnen nicht oder suchen überkritische, zynische oder hämische Ansatzpunkte.

Und deshalb brauche es eben jenen Konstruktiven Journalismus, über den die journalistische Branche im vergangenen Jahr schon ein wenig debattierte. Dabei geht es nicht darum, nur positive News zu berichten, sondern an Themen unvoreingenommener und faktengetriebener heranzugehen, vielleicht gar mit einer tendenziell positiven Grundhaltung. Nun bin kein Neurowissenschaftler, aber dieser gefühlte Zusammenhang war der Grund, warum damals bei der “Wired Deutschland” die Parole ausgab, sie müsse fortschrittsoptimistisch sein.

Urner belässt es aber nicht bei der Theorie. Gemeinsam mit Bernhard Eikenberg (promovierter Physikochemiker) und dem Niederländer Han Langeslag (Wirtschaftswissenschaftler) startet sie Perspective Daily, ein Ort für Konstruktiven Journalismus, finanziert durch Crowdfunding.

Diese Idee begeisterte auch zwei bekannte Namen: Nora Tschirner und Klaas Heufer-Umlauf, die beim Vorstellungs-Video mithalfen:

42 Euro im Jahr kostet die Mitgliedschaft und ich ahne, was die Schar der Medienjournalisten anstellen wird: Vergleiche mit Krautreporter. Doch sehe ich hier zwei unterschiedliche Herangehensweisen, sowohl inhaltlich wie in der Tonalität. Während die Krautreporter mit einer großen Bugwelle in den Hafen rauschten, gibt sich Perspective Daily deutlich zurückgenommener. Und wirkt nicht auch jenes Video oben ganz anders, als die grauwändigen Inszenierungen mit den großen Sprüchen, die wir vor dem Krautreporter-Start sahen?

Ich glaube, das eine nicht-journalistische Herangehensweise dem Journalismus helfen könnte. Weil es eben gut ist, einen Blick von außen zu bekommen, wenn man in einer Sackgasse oder Krise steckt. Und deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Perspective Daily eine Chance geben und die 42 Euro investieren. Dies können Sie unter diesem Link tun. 

Vielleicht aber sind Sie noch nicht überzeugt. Dann kommen Sie einfach bei der Crowdfunding-Tour vorbei, die Perspective Daily am Freitag gestartet hat. Vom Hauptstandort Münster geht es raus in 14 weitere Städte, immer gibt es Diskussionen zur Lage und Zukunft des Journalismus. Beim Abschluss am 16. Februar in Bochum werde auch ich auf dem Podium sein. Die vollständige Liste der Orte finden Sie hier. 

Bitte erwägen Sie also, dieses Projekt zu unterstützen. Denn mein Gefühl ist: Genau diese Herangehensweise brauchen wir in Deutschland – gerade in diesen Tagen.

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