LeFloid trifft die Kanzlerin – kein einziges Mal

by Thomas Knüwer on 14. Juli 2015

“Für mich ist die Ehe das Zusammenleben zwischen Mann und Frau.”

“Absolut.”

lefloid merkel

Nichts beschreibt das Interview von Angela Merkel mit dem Youtuber LeFloid (im Analogen Florian Mundt) besser als dieser Wortwechsel. Wäre LeFloid wenigstens krachend gescheitert. Doch das ist er nicht, er ist lautlos-langweilig gescheitert. LeFloid hat Angela Merkel getroffen, aber er hat sie nicht getroffen. Kein. Einziges. Mal.

Mancher mag das nun achselzuckend hinnehmen, da ist eben ein Youtuber in die PR-Falle gelaufen und hat sich instrumentalisieren lassen. Was soll’s?

Doch im medialen Gesamtkontext wird dieses Gespräch sowohl den Ruf wie auch die Bedeutung von Youtubern (und auch Bloggern) in Deutschland maßgeblich prägen – und leider wohl auch schädigen.

Vor dem Interview war eine erstaunliche Stille in den einschlägigen Blogs zu beobachten. Ich glaube, so mancher dachte, was ich auch dachte: Wenn ein Youtuber solch ein Projekt hinbekommt, dann LeFloid. Schließlich hat er geschafft, woran das öffentlich-rechtliche System seit Jahrzehnten scheitert: eine Nachrichtensendung zu produzieren, die junge Menschen erreicht. Dort ist er reflektiert, aggressiv und doch in seiner Wortwahl intelligent, gern kritisiert er auch Medien-Fehlleistungen. Das Schweigen vieler Blogs im Vorfeld deute ich auch als gewisse Furcht, das Projekt im Vorfeld zu schädigen.

Das zeigt, welche Hoffnungen auf LeFloid lagen – und vielleicht war es auch unmöglich, diesen gerecht zu werden. Was mich aber doch ärgert, ist die Naivität, mit der er in die PR-Maschinerie der Bundesregierung gelaufen ist und wie wenig er versucht hat, Regeln zu brechen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Mundt ist nicht jung und naiv. Er ist 27. Das ist in den Zeiten der Bologna-Reform ein Alter, in dem ein Journalist im Extremfall schon ein paar Jahre im Job unterwegs ist. Es muss die Frage erlaubt sein, ob er selbst sich zu wenig Gedanken gemacht hat. Hat er vielleicht erfahrenere Interviewer gefragt, wie man das Projekt angehen könnte? Sich mit vertrauten Medienkundigen beraten?

Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Schon das Ambiente war die Einleitung zum Scheitern.

Merkel und er sitzen auf Stühlen, die eher für Wartezimmer geeignet sind, vor allem aber als Beiwerk zu Tischen. Auf solchen Stühlen sitzt man nicht entspannt und erst recht nicht elegant. Doch als Interviewer brauche ich einen entspannten Gesprächspartner, nur so besteht die Möglichkeit, dass er die Deckung sinken lässt und er Sätze sagt, die nicht von der PR-Abteilung eintrainiert wurden. An Stelle von LeFloid hätte ich alles versucht (und es vielleicht gar zur Bedingung gemacht), in jener Sitzecke zu drehen, in der Angela Merkel angeblich in ihrem Büro arbeitet. Was in so einem Moment dann passieren kann, wenn sie sich wohl fühlte, zeigte sich als Katharina Borchert einst in einem Videointerview eine völlig lockere Bundeskanzlerin filmen konnte. Leider ist das Video nicht mehr online.

Der nächste Haken ist der Grund, warum Merkel überhaupt reden wollte. Die Bundesregierung simuliert derzeit Kommunikation mit dem Bürger in Gestalt der Aktion “Gut leben”. Sie ist – erwartbar – erfolglos. Wer immer sich diese Konstruktion ausgedacht hat: Digitalkompetenz war nicht im Spiel. Wie in einem Zettelkasten können Bürger Dinge einwerfen. Eine Diskussion entsteht nicht, weder gibt es Moderatoren der Plattform, die reagieren, noch besteht die Option über Social Web-Anbindung andere Menschen in die Debatte zu bringen. Die allerallerallermeisten Beiträge – viele davon natürlich verfasst von den aus Spiegel Forum bekannten Verschwörungsfreunden – erzeugen die gleiche Interaktion: gar keine.

Das LeFloid-Interview ist anscheinend der Versuch, diese Totgeburt künstlich zu beatmen. Ich habe Zweifel, ob das funktioniert.

Die Konstruktion von “Gut leben” aber hätte Warnung sein können. Es geht der Bundesregierung nicht um Kommunikation – es geht ihr um Vortäuschung derselben. Nicht umsonst dürfen die Bürger ja nicht frei schreiben, was sie umtreibt. Sie dürfen auf die wolkig formulierten Fragen der Bundesregierung “antworten”. Antworten, das schließt dann schon mal Diskussionen aus, was so zeitgemäß ist wie ein mit Dampf betriebenes Auto.

In genau diesen Duktus fügt sich LeFloid zunächst ein. Auf Twitter durften Fragen gestellt werden, er kündigte an, sie weiterzugeben. Das kann man so machen – und es wäre vielleicht besser gewesen, hätte er sich an diese Rolle gehalten. Dann wäre es nicht möglich gewesen, Nachfragen zu stellen, doch hätte sich das eben mit seiner klaren Position als Übermittler erklären lassen.

LeFloids versuchte jedoch ein Mittelding zwischen Fragen-Steller und Interviewer. Und Mitteldinger sind ja selten eine gute Idee. Er nahm die Tweets nur als Sprungbrett zu Gesprächsthemen. Und das ging furchtbar schief. Das Ergebnis ist schlecht gemachtes Fernsehen im Internet.

Wobei man ihm zwei Dinge vorwerfen muss. Einerseits: Er war offensichtlich nervös. Deshalb verfiel er in einen Fehler, den viele nervöse Interviewer begehen: Er dachte zu früh an die nächste Frage und hörte deshalb nicht zu. Zum Thema Whistleblower sagte Merkel beispielsweise: “Es gibt sie. Und damit muss man leben… Wir brauchen einen guten Datenschutz.” Unwidersprochen durfte die Kanzlerin Whistleblower zu einem Sicherheitsschaden der Gesellschaft erklären, die Widerständler des Dritten Reichs mutieren zum Fall für die Firewall. Aus diesem Nichtzuhören entstehen dann als Übersprungshandlung jene unzähligen “absolut”, die Ausdruck sind des Lauerns auf die nächste Fragelücke. Denn bei einer geübten Interviewten wie Merkel gilt es auch, sie nicht zu lang reden zu lassen wenn nur ein vorgegebenes Zeitfenster offen ist.

Sein zweiter Fehler ist gravierender: Er hatte die Fakten nicht parat. Kein einziges Mal versuchte er Merkel mit Daten und harten Informationen zu konfrontieren. Beispiel TTIP: “Es wird ja nicht sooo im Verborgenen verhandelt.” Widerspruch? Fehlanzeige. Stattdessen war da viel Bauchgefühl und eigene Beobachtung, gern gepaart mit der längst nicht mehr ironischen Tüttelchen-Geste.

lefloid

Besser wäre es vielleicht gewesen, er hätte versucht, seine Komfortzone weniger stark zu verlassen. Ich habe mir gestern extra nochmal das Interview mit Barrack Obama und dem Podcaster Marc Maron angehört. Maron hat sich bewusst entschieden, Obama nicht anders zu behandeln als andere Interviewpartner: Das Gespräch fand in seiner Garage statt und er stellte die gleichen, persönlichen Fragen, wie allen anderen. Trotzdem kam die Politik ins Spiel – und genauso Präsidenten-PR. Und doch wirkt dieses Interview so unendlich viel runder und interessanter als das kalte Gegenübersitzen von LeFloid und Angela Merkel.

Vielleicht verherrlichen wir LeFloid-Gelegenheitsgucker ihn auch zu sehr, weil wir nicht jede Folge seiner Nachrichtenshow sehen. Schließlich warnte das Bildblog schon einmal vor einer ziemliche Abstrusität seinerseits. Und natürlich sieht seine Show ansonsten anders aus. Doch sagte er in einem Interview mit Vice“Ich habe keine Lust, für ein Format zu arbeiten, was ein reines Konsumgut darstellt—ohne die Möglichkeit, irgendeinen Eingriff oder eine vernünftige Interaktion mit Zuschauern zu haben.” Daran muss er sich messen lassen: Sein Kanzlerinneninterview aber ist nichts anders. Ein Konsumgut, ein PR-Gut, wie es Angela Merkel nicht besser hätte kaufen können.

Im medialen Gesamtkontext erhielt LeFloid – wahrscheinlich ungewollt, aber damit muss man in der Medienwelt leben – eine Sonderstellung übereignet. Er war der Youtuber der hätte beweisen können, dass dieses junge Medienformat nicht nur aus Schminktipps und Videotagebüchern besteht. Denn so lautet ja das Vorurteil. Doch was er geliefert hat, ist ein schlechteres, weil optisch noch langweiligeres “Sommerinterview”, wie es die Öffentlich-Rechtlichen seit Jahrzehnten produzieren. Die kommen damit durch. Doch wegen jener Sonderrolle hätte LeFloid besser oder anders sein müssen als die Fernseher.

Was nun passieren wird, ist ein Jahre anhaltendes Fingerzeigen der klassischen Medien: “Youtuber können uns nicht ersetzen”, werden die Redaktionen schreiben und senden und “Youtuber” impliziert dabei eben auch Blogger und Podcaster (differenzierte Betrachtungen dürfen nicht erwartet werden in einem Medien-Ökosystem, das keinen sprachlichen Unterschied zwischen Blog und Blogartikel macht). Einen Vorgeschmack liefert bereits “Handelsblatt”-Chefredakteur Gabor Steingart. In seiner morgendlichen Anschreibe an das Volk ist heute zu lesen:

“Der lässige”

Echt. Steht da so. “Lässig”.

“Youtube-Star LeFloid, alias Florian Mundt, hat mit der Bundeskanzlerin über Homo-Ehe, TTIP, Ausländerfeindlichkeit, NSA-Spähaffäre und ihre Vorstellung von gutem Leben gesprochen – und das kommunikative Gemeinschaftswerk am Montagabend ins Netz gestellt. Die teils ätzende Kritik der klassischen Medien an dem Erstling war absehbar. Der erst 27-jährige LeFloid sollte sie nicht persönlich nehmen. Keiner seiner Kritiker hat in so jungen Jahren einem Bundeskanzler auch nur die Hand geschüttelt.”

Schlimmer kann man LeFloid nicht demütigen als sein Interview auf eine Stufe stellen mit einer Handschlag-Audienz. Wobei es natürlich auch interessant ist, wenn der Chefredakteur eines nationalen Mediums das Handschütteln als erstrebenswertes Gut ansieht. Auf mich wirkt das recht demütig für jemand, der ein Korrektiv in der Gesellschaft und in einem Staat darstellen sollte. Übrigens: 27-Jährige werden im Fall der Regelstudienzeit in Steingarts Redaktion das 3. Redakteursjahr erreichen.

Für die kommenden Jahre liefert dieses Kanzlerinnen-Gespräch klassischen Medien die Rechtfertigung, um all jene erneut zu marginalisieren, die mit ihnen um die Medienkonsum-Zeit konkurrieren, egal ob sie Texte ins Internet schreiben, Videos hochladen oder Gespräche podcasten. Wir kennen das Spiel, denn genauso lief es vor 10 Jahren bei Bloggern. Die “FAZ” legt schon mal vor:

“Es reicht schon die Unkenntnis journalistischer Standards, um die schönsten PR-Geschichten zu publizieren. Um nichts anderes handelte es sich in dieser Fragestunde von Mundt, die man beim besten Willen nicht Interview nennen kann.”

Oder Zeit Online:

“Merkel konnte kaum verbergen, dass sie sich nicht einem Vertreter einer kritischen digitalen Öffentlichkeit von Habermas’scher Prägung gegenüber sah, sondern dem lustigen Florian aus dem Kinderfernsehen. Und sie hatte auch zu keiner Sekunde einen Grund, etwas anderes anzunehmen.”

Und das ist schade. Denn jene, die sich mehr oder weniger jung ausprobieren in Sachen Medien (wenn auch mal mit leichteren Themen), sind die Hoffnung des Journalismus – und das waren sie schon immer. Denn die wenigsten der heutigen Granden begannen ihre Karriere mit Leitartikeln über den Ost-West-Konflikt, eher schon mit Schützenfestartikeln aus dem Sauerland, Wanderausflugsreportagen aus dem Nordsee-Watt oder Kreisliga-Artikeln in Niederbayern.

Deshalb war das Interview von LeFloid mehr als ein LeFloid-Interview. Und leider werden wir uns mit den Folgen unterschwellig noch länger beschäftigen.

Nachtrag: Zur politischen Dimension des Interviews empfehle ich ein Hinüberwechseln zum Spreeblick. 

Sehenswert auch Richard Gutjahrs Kommentar. 

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