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Google Streetview: eine Fallstudie für die Folgen der deutschen Technophobie

Erinnern Sie sich noch an das Jahr 2010?

Manches aus diesem Jahr erinnert uns an das, was fünf Jahre später in Deutschland so los ist. So stellte die EU den griechischen Staatshaushalt unter ihre Kontrolle und spannt später den Rettungsschirm auf, die Demokraten verlieren in den USA die Mehrheit im Repräsentantenhaus und das Verfassungsgericht kippt die Vorratsdatenspeicherung.

Vor allem aber: Google führt Streetview in Deutschland ein. Besser: will es einführen.

Heute ist fast vergessen, was damals los war. Und der Dienst – ist längst Web-Allgemeingut. Doch die Bilder, die wir in Deutschland heute nutzen, sind alt. Das fällt auch in meinem Umfeld immer mehr Menschen auf, die nicht so digital-irre sind wie ich. „Google sollte mal wieder aktuelle Fotos machen“, sagte mir jüngst ein Freund. So sehen das laut einer repräsentativen Studie des Branchenverbandes Bitkom viele Deutsche: 80% der hiesigen Web-Verwender nutzen Google Streetview, zwei Drittel hätten gern aktuelle Bilder.

hofgarten streetview

Verständlich. Die Rampe, von der Google das Bild oben machte, existiert in Düsseldorf nicht mehr. Heute sähe das Bild so aus, wie auf dieser Illustration der Developer, der Firma, die dort den Kö-Bogen baute:

kö-bogen

„w&v“ schreibt nun sogar, dass Kommunen vielseitige Einsatzbereiche von Straßenpanoramaaufnahmen erkennen würden, unter anderem bei Feuerwehr, Polizei, Verkehr, Mobilität und Touristik, und zitiert Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund: „Wir sehen hier große Potenziale unsere Arbeit effizienter zu machen.“

Nur: Die wird es nicht geben – und ich kann das Google nicht verdenken.

Was war los, in diesem Jahr 2010?

Eine Medien- und Politik-Hysterie. Die Berichterstattung war so nüchtern analysierend und ausgewogen wie die Bevölkerung von Springfield in dieser Szene der „Simpsons“:

simpsons fackelzug

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner betätigte sich als Teufel-Wandmalerin, sah eine „millionenfache Verletzung der Privatsphäre“ und bot auf ihrer Homepage konnte man ein Standard-Anschreiben für den Einspruch bei Google. Der Grüne-Senior Christian Ströbele fand Streetview „ungeheuerlich„,  die damalige FDP-Datenschutzbeauftragte Gisela Piltz sagte „Ich widerspreche, weil ich Bilder meiner Privatwohnung nicht im Internet sehen will. Soweit es sich um private Liegenschaften handelt, empfehle ich das auch jedem anderen – uneingeschränkt.“ Und CDU-Hinterbänkler Peter Bleser kündigte gleich mal härtere Maßnamen an: „Wenn der Rechtsrahmen nicht ausreicht, müssen wir dafür Sorge tragen, dass die Privatsphäre bei dieser Technologie gewahrt bleibt.“

Und natürlich hatte auch die Digital-Nostradamusse Landesdatenschützer Thilo Weichert und Johannes Caspar ihre wöchentlichen 15 Minuten Ruhm: „Die Leute wissen gar nicht, was sie da erwartet“, panikte Caspar und Weichert präsentiert – selbstverständlich restriktive – Gesetzesvorschläge. Der Ex-Vize des Bundesverfassungsgerichtes, Winfried Hassemer, orakelte sogar über ein Verbot durch das Verfassungsgericht.

Die Medien nahmen all das gierig auf, nichts konnte abwegig genug sein, so lang es kontra Streetview ging. So organisierten drei Düsseldorfer Senioren einen Mini-Protest, der bereitwillig von der „Rheinischen Post“ in Szene gesetzt wurde: Mit einem Foto der drei vor ihrem Haus, das noch heute im Internet abrufbar ist. Die Redaktion der Düsseldorfer Lokalzeitung entdeckte damals auch Satellitenfotos bei Google und forderte ein Einspruchsrecht. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb Friederike Haupt „Hiermit widerspreche ich“ und später: „Die Frist ist zu kurz„. Selbstverständlich beschäftigte sich die Frankfurter Lokalzeitung nicht mit positiven Auswirkungen des Dienstes, mehrfach aber mit den Möglichkeiten, Einspruch einzulegen.

Wie desinformiert die Bürger dann letztlich waren, demonstrierte eine „Bild“-Straßenumfrage: Es entstand der Eindruck, Google-Drohnen flögen dauerhaft umher und übertrügen live aus deutschen Wohnzimmern.

Und nun haben wir den Salat. Könnte ja alles nicht so doof sein mit Streetview. Könnte Kosten sparen, Sicherheit schaffen, im Alltag praktisch sein. Faktisch aber sieht die Streetview-Abdeckung in Europa (Stand 2013) so aus (Foto CC-BY Michael Kreil – OpenDataCity – danke an Michael Kreil!):

Google Streetview Abdeckung

Die Chance ist vertan und wir dürfen uns bei Politikern, Datenschützern und Medien bedanken. Sie haben getan, was sie bei praktisch allen digitalen Themen in Deutschland tun: rumhysterisieren, Schlimmstfalls-Szenarien erschaffen, Gesetze und Verbote fordern.

Am Beispiel Streetview sehen wir sehr unschön, was dann passiert. Die Chancen einer neuen Technologie interessieren niemand, erst recht nicht, wenn sie von einem der großen Digital-Unternehmen kommen (oder wie der „Spiegel“ sie nennt: der Weltregierung). Wie schon einmal gebloggt: Hass macht blind, Google-Hass macht blöd. 

Jeff Jarvis schrieb sehr gut im vergangenen Jahr:

„I worry about Germany and technology. I fear that protectionism from institutions that have been threatened by the internet — mainly media giants and government — and the perception of a rising tide of technopanic in the culture will lead to bad law, unnecessary regulation, dangerous precedents, and a hostile environment that will make technologists, investors, and partners wary of investing and working in Germany.“

Was wir bräuchten wäre eine unvoreingenommene Berichterstattung, eine die Bürger über Chancen wie Risiken informiert; Politiker, die sich erst ein kundiges Bild machen und dann laut werden; Datenschützer, die zwar Daten schützen, aber nicht Technologie verhindern wollen. Eigentlich also, bräuchten wir das, was selbstverständlich scheint.

Doch das ist schon zu viel erwartet in Deutschland, anno 2015.

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