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SXSW 2015: Was man so Spaß nennt

Es gehört zu den journalistischen Floskeln, dass ein Treffen von Menschen, die sich mit einem speziellen Thema besonders intensiv auseinandersetzen wirkt „wie eine andere Welt“. Solches ließe sich auch von der SXSW schreiben, der mit über 30.000 Teilnehmern größten Digitalkonferenz der Welt in Austin.

sxsw plakate

Am vergangenen Donnerstag kehrte ich von meine vierten Besuch dort zurück, doch würde ich das „wie eine andere Welt“ für nicht richtig halten. Spätestens am Freitag war klar, dass das, was in Texas diskutiert wurde nicht „wie“ eine andere Welt ist – es ist eine andere Welt.

Denn nur einen Tag nach meiner Rückkehr wurden in Deutschland Schüler in Klassenräumen mit zugezogenen Gardinen eingesperrt, Energieunternehmen warnten vor Stromlosigkeit und hysterische Medien vor zerstörten Handykameras. Hier das Schreiben der Mauritzschule in Münster an Eltern:

mauritzschule sonnenfinsternis(Bitte lesen Sie dazu auch den fantastischen Facebook-Post von Ranga Yogeshwar unten.)

Auf der SXSW hörte ich Diskussionen und Vorträge über das Ende körperlicher Behinderung, den Ansprüchen der jungen Teenager (Generation Z genannt), den Moonshot-Projekten von Google, vernetzten Autos oder Netzpolitik.

Die Welt der SXSW diskutiert die Zukunft und macht Lust auf Technik und Wissenschaft. In Deutschland dagegen macht man Angst – vor der Natur. Und währenddessen will Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes das Internet aus dem Unterricht halten: Man schütze unsere Kinder vor solchen Figuren.

Das ist nicht „wie eine andere Welt“ – das ist ein anderer Planet.

Genau deshalb halte ich es für so wichtig, jedes Jahr zur SXSW zu fahren. Dort klammert man sich nicht an die Vergangenheit, sondern denkt über die Zukunft nach. Wer so etwas schreibt, sieht sich Gegenwind ausgesetzt. Denn über die SXSW gibt es in Deutschland ein paar Fehlwahrnehmungen:

1. „Hier bejubeln sich nur Euphoriker gegenseitig – die Bedenkenträger fehlen“

„Im Programm finden sich nur noch vereinzelt Vorträge, die sich mit der Sicherheit und den Gefahren einer vernetzten Welt befassen“, schrieb Spiegel Online. Ich kann das nicht bestätigen. So gab es diesmal eine ganze Diskussionsserie zum Thema Digitalpolitik, eine ganze Reihe von Vorträgen zu IT-Security oder auch Vorträge wie den von Bill Binney, einem NSA-Whistleblower, dessen Leben gerade von Oliver Stone verfilmt wird, wobei Nicholas Cage die Hauptrolle spielt. Doch auch bei vielen anderen Vorträgen und Diskussionen spielten Themen wie Sicherheit und Datenschutz eine Rolle, so zum Beispiel bei den Keynotes und Kamingesprächen auf der riesigen Hauptbühne.

Doch das war ja nicht die einzige Ernsthaftigkeit. Auch andere Themen werden erheblich bodenständiger und selbstkritischer besprochen als ich das von deutschen Konferenzen kenne. Dies liegt im Marketing-Bereich zum Beispiel daran, dass deutsche Unternehmens- und Dienstleistervertreter zum Vertriebsvortrag neigen: Sie tun nichts anderes, als ihre eigene Leistung unkritisch darzustellen. Das tun einige Amerikaner auch – aber es sind eben weniger. Viel eleganter gelingt es den meisten in Übersee ihre eigenen Leistungen mit einem übergeordneten Thema zu verknüpfen. Und in Gruppendiskussionen hörte ich ohnehin erheblich mehr Offenheit, über Herausforderungen und Probleme zu diskutieren.

Das ist ein Gegenentwurf zur Cebit. Eigentlich sollten SXSW und Cebit zusammengehören – hier die Hardcore-IT, dort das Web. Doch wie weit die beiden Mentalitäten auseinander liegen, zeigt das krampfhafte Bemühen der Hannoveraner, mit neuen Buzzwords cool zu wirken. „d!conomy“ nennt die Deutsche Messe also die digitale Wirtschaft. Wer immer sich dieses Unwort ausgedacht hat, vom Web hat keine Ahnung: Weder ist der Begriff URL-fähig, noch kann man ihn als Hashtag verwenden – 6, setzen. Und ansonsten zeigt den Unterschied zwischen Austin – wo Wlan ubiquitär und kostenfrei ist – und Niedersachsen sehr hübsch dieses Schild:

Natürlich ist die Grundhaltung eine fortschrittsoptimistische, natürlich hat praktisch jeder die Vorstellung, dass Technologie hilft, Probleme zu lösen. Alles andere wäre aber genauso absurd wie ein Onkologen-Kongress, bei dem jeder Vortrag davon handelt, dass die Menschheit den Kampf gegen Krebs verloren hat.

2. „Die SXSW ist reiner Spaß“

Es ist verständlich, wenn Menschen ohne SXSW-Erfahrung das Treffen in Texas für eine komplette Party-Veranstaltung halten. Denn bildet der Großteil der Fotos aus Austin die abendlichen Belustigungen ab. Das jedoch ist eher Höflichkeit gegenüber den eigenen Followern. Denn die halbdunkle Traurigkeit amerikanischer Hotel-Konferenzräume mag man nun wirklich nicht ständig jenen zumuten, die sich für einen interessieren. Rund sechs bis acht Stunden eines SXSW-Tages sehen nämlich so aus:

sxsw politik panel

Oder so:

sxsw hall 5

Schön ist anders.

Am Abend aber wird dann eben auch gern mal einer getrunken – genauso wie auf Ärztekongressen oder Medientreffs. Dabei ist der Begriff „Party“ allerdings amerikanisch zu sehen. Die meisten Partys sind rumstehen mit Gratis-Getränk und klar formuliertem Ende: 18 bis 21 Uhr bedeutet 18 bis 21 Uhr. Denn um 21 Uhr ist die Location schon wieder für die nächste „Party“ vergeben. Die jüngste Ausgabe war meine vierte SXSW und immer weniger gehe ich zu solchen Partys, immer mehr formieren sich Treffen rund um unsere Airbnb-WG, und dann geht es eher zur schrägen Hoeks Death Metal Pizza oder in die Pete’s Duelling Piano Bar.

Leider gibt es in der deutschen Berichterstattung (noch immer fahren viel zu wenige German journalists nach Austin) eine Tendenz, alles als „Spaß“ zu bezeichnen, was nicht mit Überwachung und Datenschutz zu tun hat. Stellvertretend dafür die deutsche „Wired“, die es so formulierte: „Im Vergleich zum SXSW 2014, als alle über die Keynote von Edward Snowden redeten und das Festival einen ernsteren Ton anschlug, scheint in diesem Jahr der Spaß wieder im Vordergrund zu stehen.“

Am Abend, da dies erschien, traf ich den Autor Thorsten Schröder zufällig und er sagte mir, das habe er so nicht gemeint. Nur: Der Leser wird dies aus meiner Sicht die SXSW mit diesem Satz als nicht weiter beachtenswerte Lust-Veranstaltung interpretieren.

Tatsächlich ist die Zahl der Fun-Panels marginal. Stattdessen gibt es ernsthafte Diskussionen über Themen, die allerdings manche Journalisten eben nicht ernst nehmen wollen: Marketing, zum Beispiel, die Refinanzierung der Arbeit als Youtuber, Sport-Management oder der Aufschwung kleiner, lokaler Lebensmittelhersteller.

3. „Es geht nur um die nächste App“

Auf der SXSW suchen alle nach dem nächsten heißen Dienst – diese Floskel fehlt in kaum einem deutschen Vorbericht auf die Tage in Austin. 2007 schaffte Twitter tatsächlich hier den Durchbruch, ein paar Jahre später dann Foursquare. Daran hängen sich deutsche Journalisten (und auch einige Amerikaner) noch immer auf. Nun sind aber  solche Apps oder Services, von denen mit einem mal viele reden, die absolute, winzige Ausnahme.

Tatsächlich gab es 2015 natürlich das vielleicht dritte Beispiel einer App, die eine solche Relevanz erreichte: der Livestreaming-Dienst Meerkat. Spannendes Ding: Als wir in unserer Airbnb-WG spontan ein Frühstücksfernsehen starteten, hatten wir mit einem Mal rund 100 Zuschauer. Dabei ist die Idee nicht neu, sondern eine Neuauflage von Qik und Flixwagon (deren Videos inzwischen leider nicht mehr online sind) von vor sechs, sieben Jahren. Nur, war die Bild- und Tonqualität damals erheblich schlechter, wie eines der wenigen, übriggebliebenen Relikte zeigt:

Was also wird aus Meerkat? Der Hype dürfte noch nicht vorbei sein. Denn wenn die Gründungsgeschichte wahrhaft ist, dann kloppten ein paar Israeli den Dienst in aller Schnelle zusammen. Gerüchte behaupten, sie seien auf die Idee gekommen, weil es andere Gerüchte um einen ähnlichen Dienst namens Periscope gab, den Twitter übernehmen wollte (und das inzwischen auch getan hat). Hier dürften wieder einige Anbieter um einen Markt ringen, dessen Größe nicht vorhersehbar ist. Der Reiz eines solchen, unkomplizierten Livestreams mit Rein-Chat-Möglichkeit ist aber da. Was ich nicht verstehe? Warum deutsche Medien nicht sofort mit solch einem Dienst experimentieren – für Journalisten ist Meerkat eigentlich ein Traum.

Was noch gesagt werden muss: der deutsche Auftritt

Vor zwei Jahren rantete ich gegen das, was sich deutscher Auftritt nannte. Dieser Artikel schlug ein paar Wellen und erzeugte böse Worte – das sollte er auch. Und es hat sich viel getan. Wie sich Deutschland 2015 auf der SXSW präsentierte, das war respektabel. Nach außen hin scheint dabei das Reeperbahnfestival (das digital ohnehin steigende Bedeutung erlangt) die treibende Kraft zu sein – Respekt, gute Arbeit!

Stattdessen sah in diesem Jahr Spanien aus, wie ein Land in der Krise so aussieht:

sxsw spanien

SXSW 2016 – I’m in

So wie um die Jahrtausendwende die Cebit zum festen Bestandteil des Jahre gehört, ist dies inzwischen die SXSW. Unser Airbnb-Haus für 2016 war noch am Tag unseres Abflugs wieder reserviert und gefüllt, noch bevor ich alle Evernote-Notizen vollständig ausgewertet hatte. 

Sehen wir uns in Austin?

Nachtrag: Hier der Facebook-Post von Yogeshwar…

 

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