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Wo ist das Problem mit den Kommentaren im Netz? (Und was man tun könnte.)

In diesen Tagen schreiben und debattieren die Nachrichtenseiten klassischer Medien ganz viel über die Kommentarkultur im Netz. Und ich frage mich zwei Dinge:

1. Wo ist das Problem mit den Kommentaren?

2. Warum gibt es kein branchenweites Kommentarmanagementsystem?

Beispiel Sueddeutsche.de. Dort dürfen Leser nur noch unter einigen Artikeln kommentieren, ein Rückfall in jene Zeit, da Kommentarspalten des Angebots Öffnungszeiten analog der Lebensmittelläden Münchens hatten (und, nein, hier gibt es keine Büdchen oder ähnliches). Dabei wäre diese Beschränkung gar nicht nötig gewesen, denn anhand eines mit Fehlern überhäuften Artikels, unter dem Leser sich beschwerten und auf die Makel hinwiesen, zeigte sich ja: Die Kommentare wurden überhaupt nicht gelesen. 

Nachtrag vom 6.10.14: Wie ich erst jetzt gemerkt habe, setzt das „Handelsblatt“ genau dieses überkommene Instrument seit einiger Zeit ebenfalls ein. Kommentiert werden kann zwischen 7 und 21 Uhr, genau wie bei Sueddeutsche.de vor 6 Jahren. 

Oder das „Handelsblatt“. Es ist ein wenig krude und nicht ganz nachvollziehbar, was uns mein Ex-Arbeitgeber sagen möchte. Auf jeden Fall ist von einer „Themenwoche“ die Rede, die heißt wahlweise „Wider den rauen Ton im Netz“ oder „Mach das Social Web sozialer“. Es gibt zwar eine Unterseite, die zu finden ist angesichts des Klicki-Bunti-Aufbaus der Seite aber ein veritables Suchspiel. Auch das Schwesterangebot Meedia scheint verwirrt: Es berichtet zwar kurz, setzt aber keinen Link.

Die Sammlung nicht von intensiver, externer Recherche getrübter Artikel lässt sich recht schnell mit einem Bild zusammenfassen:

mimimi

Da gibt es zum Beispiel ein Video, das von der Idee her aus US-Late-Night-Shows und vom Web-Format Disslike aus dem Hause Hyperbole TV bekannt ist: Es werden böse Internet-Kommentare von Betroffenen verlesen. Hier das schöne Beispiel Jürgen von der Lippe:

Wer das „Handelsblatt“-Video betrachtet fragt sich dagegen, welches Problem die HB.com-Redaktion eigentlich hat. Einige ihrer Mitglieder lesen in dem Filmchen Kommentare vor, der Text daneben behauptet: „Man wird beschimpft, muss sich allerhand Vorwürfen und absurden Theorien aussetzen.“

Mag sein. Das Video aber zeigt nichts davon. Oder ist es eine absurde Theorie, dass Verlage versuchen, ihre Leser in Abo-Fallen zu locken? Man gewinnt den Eindruck, die HB.com-Mannschaft begreift es als Majestätsbeleidigung, dass ihr Gratisangebot vom potenziellen Kunden hinterfragt wird. Dabei muss auch bei ihrem Angebot der Interessent erst Zahlungsdaten eingeben, bis er irgendwann die Vertragebedingungen einsehen kann. Oder ist es der Vorwurf der Zensur? Vorgetragen in direktem, aber keines falls beleidigendem Tonfall? „Bullshit – ich geh murken“, schreibt ein anderer. Nun ja.

Das trifft auch für einen anderen Artikel dieser Themenwoche zu. Da gibt es zum Beispiel ein Interview mit Alexander Möthe, der als freier Autor für HB.com arbeitet. Er habe sich „im Auge“ eines Shitstorms befunden, nachdem er den Gaucho-Tanz der deutschen Fußball-Weltmeister kritisiert hatte. Nun darf man das ganze wohl bestenfalls als Shitstürmchen werten:

„Auf Facebook fanden sich bald Hunderte Kommentare zum Post. Der Artikel selbst wurde in der Zwischenzeit über 2000 Mal bei Facebook empfohlen. Der Großteil der Reaktionen war negativ, was kein Problem darstellt.“

Moment? 2.000 Likes gegen hunderte Kommentare, von denen der „Großteil“ negativ war. Likes zählen in der journalistischen Welt nicht. Tatsächlich aber sind sie meist positiv gemeint, denn Nutzer wissen ja, dass ein solcher Like den Artikel weiterempfiehlt. Ich habe gerade mal die letzten 10 Prozent der 829 Kommentare auf Facebook unter diesem Artikel durchgeschaut. Das Ergebnis wirft ein ganz anderes Blick auf den angeblichen Shitstorm. Zwar waren tatsächlich nur 3,6 Prozent der Nutzer der Meinung des Autors. 80,7 Prozent kritisierten den Artikel allerdings teils nüchtern, teil ironisch, jedoch nicht beleidigend. Nur 10 von 83 Kommentaren überschritten die hinnehmbare Grenze. Der größere Teil der Kommentare wurde übrigens mit Klarnamen abgegeben.

Dieses Blog hier existiert fast 10 Jahre und das, was HB.com „Beschimpfung“ oder „absurde Theorien“ nennt, ist ein Kindergeburtstag gegen das, was sich früher in der Indiskretion abspielte. Also, bevor ich mich selbständig machte und endlich auf eine ordentliche Technik wechseln konnte, die mir das „Handelsblatt“ immer verweigert hatte.

Nein, die etwas hilflos vorgetragene Aktion von HB.com zeigt vor allem eines: Nicht die Kommentare oder Kommentatoren sind das Problem im Web – sondern mangelnde Kritikfähigkeit, zu geringe Ressourcen und unzureichende Technik bei den Anbietern von Nachrichtenseiten.

Über den ersten Punkte habe ich über die Jahre schon genug geschrieben, zum Beispiel hier. 

Reden wir also lieber über Ressourcen. Natürlich laufen bei vielen Verlagsangeboten erhebliche Kommentarmengen auf. Das bedeutet aber nicht, dass diese nicht handhabbar wären. Erstaunlicherweise sind die zuständigen Moderatoren oft aber anonym unterwegs und bauen sich so keine Kontakte auf. Dass es auch anders ging – und das im hoch emotionellen Bereich des Fußballs – zeigte einst Westline, ein Angebot von „Ruhr Nachrichten“ und „Westfälischen Nachrichten“. Der Moderator des sehr aktiven Preußen-Münster-Forums hatte zwar auch Arbeit, war aber sehr gut in der Lage, ein gutes Diskussionsklima zu wahren. Wie es so ist, in deutschen Verlagen wurde er dafür nicht befördert – er arbeitet inzwischen in der digitalen Unternehmenskommunikation.

Community Manager sind halt wie gute Türsteher: Sie kennen und erkennen ihre Pappenheimer und sind in der Lage klarzumachen, was noch geht und was nicht. Eigentlich ist dies sogar ein eigener Berufsstand geworden. Doch geht es hier ja um Journalismus. Eigentlich also müssten die Autoren der Texte (oder die Macher der Videos) sich um die Kommentare kümmern, sie lesen und darauf reagieren. So würden sie auch zusätzliche Informationen bekommen und auf Fehler hingewiesen. Sie müssten also eine Community-Management-Schulung bekommen. Gehört habe ich davon bisher nicht, eher schon von Online-Redakteuren im Kommentar-Schichtdienst.

Egal, was zutrifft: Beide Varianten leiden unter unzureichenden, technischen Lösungen. Das „Handelsblatt“, zum Beispiel, macht es Kommentatoren sehr, sehr schwer. Man braucht ein Login. Dieses Login ist jedoch eigentlich gedacht für den Digitalpass, also den kostenpflichtigen Zugang zu allen Produkten der Verlagsgruppe. Im Prozess der Anmeldung – beim ersten Mal über 5 Stationen – ist deutlich zu spüren, dass es hier vor allem um den Verkauf digitaler Inhalte geht und nicht um Kommentare. So ist in der Bestätigungs-Mail von der Anmeldung für „alle digitalen Produkten der Verlagsgruppe Handelsblatt“ die Rede. Wer bestätigt und sich einloggt landet aber nicht mehr bei dem Artikel, den er kommentieren wollte – sondern auf der Mutterseite jenes Digitalpasses. Das Ergebnis zeigt sich auch unter jenem Gaucho-Kommentar, der ja angeblich einen Shitstorm ausgelöst haben soll: Unter ihm finden sich magere 21 Kommentare.

Meine These ist: Damit verschlechtert das „Handelsblatt“ seine Kommentarkultur gewaltig und fördert jene Trolle, die man eigentlich raushaben will. Denn wer wirklich ein Troll ist, der lässt sich ja nicht von solch einer Anmeldung abschrecken. Wer trollen will, der hat Spaß daran, sich genau von solchen Schranken nicht bremsen zu lassen. Wer also bleibt außen vor: Jene, die niveauvoll kommentieren wollen. Sie sind weniger emotional unterwegs und geben deshalb schneller auf. Das hat nichts mit dem Internet zu tun: Wer sich über die Deutsche Bahn beschweren will, hat mehr Energie, sein Anliegen vorzutragen, als jemand, der einen pünktlichen Zug loben möchte.

Dabei gibt es auch technische Lösungen, die aus meiner Sicht Negativ-Kommentatoren bremsen können. Seit meinem Wechsel auf WordPress gibt es hier in der Indiskretion zum Beispiel die Regel, dass ein neuer Kommentator freigeschaltet werden muss. Ist er einmal freigeschaltet, werden seine Kommentare danach direkt online gestellt (wobei ich natürlich trotzdem moderieren kann). Seitdem sind wütende Beschimpfungen und trolliges Auftreten deutlich gesunken.

Eine andere Option sind Social Logins, also das Anmelden in der Kommentarspalte über die Einbindung von Facebook, Twitter oder Google. Auch sie können Trolle nicht grundsätzlich verhindern und natürlich gibt es auch auf diesen Plattformen viele, die sich pseudonym bewegen. Allerdings macht der Einbau von Social Logins das Trollen in der Regel ein klein wenig unbequemer. Biete ich ein eigenes Login an, so wie im Fall des „Handelsblatt“, greift ein Troll über die gesetzten Cookies direkt auf sein Troll-Profil zu. Will er sich über Facebook einloggen, nutzt das Network aber privat auch ernsthaft, müsste er sich zunächst ausloggen und mit seinem Troll-Profil einloggen. Tut er das nicht, kommentiert er mit einem Profil, mit dem er Kontakt zu anderen pflegt, vor denen er vielleicht als Troll dastehen will.

Obwohl Social Media die Nummer-eins-Tätigkeit im Web geworden ist, gibt es natürlich Online-Leser, die diese Dienste nicht nutzen. Für sie wurde einst Disqus entworfen. Die US-Plattform ermöglicht Kommentare einerseits über Social Logins, andererseits über direkte Anmeldung bei ihr selbst. Allein: Die Funktionalität ist grauenhaft und fehlerbehaftet.

Und jetzt kommt der Punkt, den ich nicht verstehe: Warum gab es (zumindest meines Wissens nach) nie den Versucht der Verlage, ein solches Kommentar-Management-System zu gründen, das ihren Bedürfnissen entspricht?

Würden sich die großen Nachrichtenseiten zusammenschließen, würden sie es Kommentatoren einfach machen: Wer Social Logins, die natürlich ebenfalls in dem System möglich sein sollten, nicht nutzen will, der bräuchte nur ein Login für alle Sites. Trollt er, könnte er für alle Angebote gesperrt werden. Wollen sich einzene Seiten nicht auf diese Zentralsteuerung verlassen, könnten sie die Entloggung nur über ihr Angebot steuern. Dies scheint mir als Gesamtkonzept nicht nur technisch realisierbar, es würde auch Kosten sparen. Denn natürlich müsste ein solches System auch in Sachen Datenschutz immer auf dem letzten Stand sein. Sich darum zu kümmern, wäre aber Aufgabe des Anbieters – und die Verlagsjuristen würden entlastet.

Tja, warum gibt es das nicht? Vielleicht, weil es einfacher ist, über die bösen Kommentatoren zu jammern als darüber nachzudenken, wie eine positive Debattenkultur gefördert werden könnte.

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