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Die seltsame Spezies namens Journalist (Versuch einer Beschreibung)

„Ja, ich hab da irgendwo was auf Facebook gesehen…“

Dies ist derzeit bei einigen Menschen in meinem Umfeld, die nicht was mit Medien oder Journalismus machen, die Reaktion auf die Meldungen aus den Redaktionen von „Stern“ und „Spiegel“. Denn seien wir ehrlich: Außerhalb der medialen Filterblase ist das Interesse an diesen Scharmützeln eher begrenzt, es gibt Wichtigeres wie die Ukraine-Krise, die IS, den Bundesligastart oder die Ice Bucket Challenge.

spiegel affäre II(Screenshot aus „Die Spiegel-Affäre“)

Deshalb für die Nicht-so-sehr-Medialen eine kurze Zusammenfassung:

Beim „Stern“ wurde Dominik Wichmann als Chefredakteur gefeuert, obwohl er den Auflagensturz spürbar gemindert hat. Erfahren hat er dies über den Anruf eines Medienjournalisten und nicht von seinem Arbeitgeber. Allerdings war auch mir zu Ohren gekommen, dass bei weitem nicht jeder in der Redaktion von Wichmanns Art begeistert war. Sein Nachfolger ist der bisherige „Gala“-Chefredakteur Christian Krug.

Beim „Spiegel“ dagegen spaltet sich die Redaktion: Vor allem die Print-Leute stellen sich gegen Chefredakteur Wolfgang Büchner, ein Hauptkritikpunkt soll laut Medienberichten sein, dass Büchner ein Redaktionsmanager und kein Autor und Blattmacher sei. Außerdem blickt immer wieder durch, dass es eine Abneigung der Papierbeschreiber gegenüber den Internetfüllern gibt. Büchner und Geschäftsführer Ove Saffe wollen in den kommenden zwei Jahren sämtliche Ressortleiterposten neu ausschreiben lassen und dabei dafür sorgen, dass Ressortleiter künftig Print und Online verantworten. Nun gehört aber der „Spiegel“ mehrheitlich einer Mitarbeiter-KG, an der die Onliner jedoch nicht beteiligt sind.

Heute könnte es deshalb einen Showdown geben, wie die „FAZ“ berichtet: „225 Redakteure des Magazins und eine ganze Reihe von Mitarbeitern aus der Dokumentation und den Sekretariaten fordern die Vertreter der Mitarbeiter KG auf, beim Treffen der Gesellschafter am Freitag den Plan des Chefredakteurs Wolfgang Büchner für einen „Spiegel 3.0“ abzulehnen. Der Gesamtbetriebsrat fordert dies auch.“

Passiert dies, dürften Büchner und Saffe ihren Posten räumen, der „Spiegel“ wäre führungslos. 

Ich kann mir vorstellen, was Sie denken, wenn Sie mit Medienschaffenden selten Berührung haben. Nämlich:

WTF?!?

Weshalb ich versuchen möchte, Ihnen diese seltsame Spezies namens Journalist ein wenig näherzubringen, zumindest so, wie ich sie in den vergangenen 22 Jahren kennengelernt habe.

Dabei muss man wissen: Print-Redaktionen funktionieren nicht wie normale Unternehmen. Das liegt daran, dass über lange Zeit der journalistische Arbeitsmarkt recht erstarrt war. Kündigungen waren eine Ausnahme, das in den 90ern in der restlichen Wirtschaft normale Prinzip unbekannt, nach zwei bis fünf Jahren den Arbeitgeber zu wechseln um so aufzusteigen.

Die Verweildauer war lang, die Jobs sicher, Kündigungen selten. Und wenn jemand gefeuert wurde, hatte er es sich oft mit dem Chefredakteur verdorben. Eine Anekdote aus dem „Spiegel“, die mein Lehr-Herr Ferdinand Simoneit erzählte, ging so: Der langjährige Rom-Korrespondent des Magazins rief eines Tages in der Buchhaltung an, denn sein Gehalt sei nicht gekommen. Antwort: „Hier steht, sie arbeiten nicht mehr für uns.“ Also Anruf bei Rudolf Augstein. Und der erklärt, dem sei auch so, er sei gefeuert. „Lesen Sie das Impressum nicht?“ Da sei der Name jenes Korrespondenten nicht mehr enthalten.

Der Grund für diese Ruhe war lange Zeit die These „Je länger ein Redakteur ein Thema betreut, desto mehr Kontakte und Wissen baut er auf und desto besser ist seine Arbeit“.

Gleichzeitig verklärten sich Journalisten selbst und ihren Berufsstand. Wer ein Bild davon bekommen möchte, welches Image Journalisten bis in die 90er pflegten, dem sei der ARD-Film „Die Spiegel-Affäre“ empfohlen. Den gibt erstaunlicherweise hier vollständig auf Youtube:

Rudolf Augstein als harter Visionär und Gegner von Franz-Josef Strauß, wütende Debatten in der Redaktion, Sex auf dem Schreibtisch, Zigarrettenqualm und harter Alkohol – so stellte sich der Redakteur sein Leben vor, oder besser: So hätte er es gerne gehabt. An einem meiner ersten Tage beim „Handelsblatt“ seufzte ein alt gedienter Redakteur „Früher wurde hier viel mehr gesoffen“. Dann erzählte er von früher, als am Freitag Mittag ein Fässchen Alt auf den Tisch kam und keiner gehen durfte, bis das nicht leer war.

Diese realitätsferne Sicht auf sich und seinen Beruf sorgte aber auch für Arroganz – nach innen wie nach außen. Nach außen ist das vielleicht gar nicht so schlimm, es kann durchaus nötig sein die Arroganz von Gesprächspartnern in Wirtschaft und Politik mit gleichen Mitteln zu begegnen.

Nach innen aber war und ist diese Arroganz fatal. Quer durch viele, viele Verlage werden die Geschichten von Redakteuren erzählt, die sich Dinge erlaubten, die in anderen Branchen zur sofortigen Kündigung geführt hätten. Das Ignorieren klarer Dienstanweisungen von Ressortleitern ist Normalität. Dies geschieht aus einer Haltung des „Ich bin der Experte, ich mach das länger, ich weiß es besser.“ Und so ist auch ein sehr beliebter Satz: „Unser Leser will das so.“ Unglücklicherweise bedeutet er aus dem Mund eines Redakteurs meist: „Ich will das so, weil es für mich bequemer ist.“

Mit dieser Haltung rutscht dann auch schnell der qualitative Anspruch an die eigene Arbeit ab. Anekdote aus der Redaktion einer nationalen Tageszeitung: Ein Fachredakteur schaut vor einem Interview im Produktionsraum vorbei und erklärt dem Chef vom Dienst, dass jenes Interview, das er nun führen werde schon als Text im Verzeichnis sei – „Ich hab das schon mal vorempfunden.“

Wiwo.de-Chefin Franziska Bluhm bloggte jüngst, wie sich das Bild der Reporterin Karla Kolumna bei Benjamin Blühmchen unterscheidet von der Realität:

„Als “rasende Reporterin” bezeichnet sie sich gerne selbst, findet fast jede Geschichte “sensationell”, “knipst” Fotos. Sie ist oft im “Terminstress”. Und sie nutzt ihre Macht. Um die Eisdiele der Familie Stellini zu retten, setzt sie einen Aufruf in die Zeitung, um Baumaterial zu organisieren. Laut Wikipedia verdreht sie oft auch gerne mal die Fakten, um ihre Geschichten rund zu bekommen, wir haben bisher nur Folgen, in denen sie sauber recherchiert und einen guten Ruf in Neustadt hat. So sagt eine Neustädterin in der Folge “Benjamin und das Geschenk” über ihre Arbeit, dass ja immer alles stimme, was sie schreibe.

Nun sind die Folgen oft allesamt Jahre, wenn nicht Jahrzehnte alt. Gibt es eine Karla Kolumna auch heute noch? Journalisten, die man auch früh am Morgen aus dem Bett klingeln kann und die dann innerhalb einer halben Stunde am Ort des Geschehens sind? Mit Sicherheit. Aber es werden leider immer weniger. Gerade die Lokalredaktionen wurden in den vergangenen Jahren ausgedünnt, oft betreuen Reporter gleich mehrere Dörfer und Städte, so dass die Recherche vor Ort, die Geschichten darüber, was die Menschen wirklich bewegt, seltener werden und ausgetauscht werden gegen schlimmen Terminjournalismus oder Wohlfühlgeschichten, weil die oft schneller geschrieben sind.“

Natürlich sind nicht alle Redakteure so halsstarrig, bei weitem nicht. Aber vor allem jene Print-Journalistengeneration, die noch 20 Jahre oder weniger bis zur Rente benötigt ist durchsetzt von solchen Vertretern des Berufsstandes. Und die färben ab auf – nicht alle – aber eine gewisse Zahl von Jüngeren.

Das machte Redaktionen schon immer schwer führbar. Über lange Zeit war das relativ egal. Bevor das Internet alles veränderte, konnte man alles gelassen sehen. Noch Mitte der 90er galt zum Beispiel, dass die „FAZ“ gern mal aktuelle Unternehmensmeldungen mit ein, zwei, drei Tagen Verspätung brachte. Eben dann, wenn Platz war. Man konnte sich Schrullen, Eigenheiten, Debatten, all das also, was die Abläufe langsamer macht, leisten.

Deshalb auch entwickelten Redaktionen einen systemimmanenten Defekt: Der beste Schreiber wurde Chef. Zum Ergebnis hatte das einerseits, dass er weniger schrieb. Zum anderen aber ist ein guter, gar ein hervorragender Journalist ja nicht automatisch ein guter Chef. Häufig genau verhält es sich ja genau entgegengesetzt. Die mit den Schrullen und Eigenheiten, die sich Anweisungen widersetzen, vielleicht gar eigenbrötlerisch vor sich hin wirken, die sind ja exakt nicht jene, die führen können. Ein gutes Beispiel dafür war Herbert Riehl-Heyse, einer der besten Journalisten in der Geschichte der Bundesrepublik – doch als Chef völlig unbrauchbar, weshalb er nach vier Monaten als „Stern“-Chefredakteur den Posten wieder abgab.

Und dann, Mitte der 90er, kam das Internet.

Zunächst verlangsamte sich der Auflagenverfall der Zeitungen, während gleichzeitig die Anzeigenbuchungen rasant nach oben gingen. In jenen naturbekoksten Tagen regnete es Konfetti in jedes Hirn, es war eine Stimmung, die heute nicht mehr vorstellbar und warscheinlich auch nicht nachvollziehbar ist.

Mit einem Mal füllten sich die Redaktionen mit jungen Leuten, die „Internet-Portale“ fütterten. So recht ernst nahmen die Print-Leute sie in der Regel nicht.

Diese Phase aber hielt nur zwei Jahre, dann wurde es brutal. Mit einem Mal geisterten zum ersten Mal durch Medienhäuser Begriffe wie „Sozialplan“, es gab zum ersten Mal deftige Entlassungswellen. Sozialpläne waren ein Grund, warum es zu einer Schieflage in Redaktionen kam, die teils bis heute anhält. Denn grob gesagt bedeuten sie, dass zuerst die gehen müssen, die noch nicht so lange im Unternehmen sind und/oder die keine Familie zu versorgen haben. Sprich: die jungen Leute waren dran. Teilweise wurde die Sache dann noch unkomplizierter geregelt: Die Online-Redaktion wurde einfach weitgehend abgestellt.

Der andere Grund für die Schieflage war die Ressortleiterebene. Sie war häufig zuständig für die Auswahl derjenigen, die bleiben durften. War der Ressortleiter intern aufgestiegen, wagte er oft nicht, sich gegen jemand zu entscheiden, mit dem er Jahre zusammen gearbeitet hatte.

Das Ergebnis: Redaktionen vergreisten und waren gleichzeitig traumatisiert. Denn die Entlassungswellen wurden häufig dilettantisch umgesetzt. So wird in einer renommierten Redaktionsstube heute noch von der Mitarbeiterversammlung am Morgen eines ganz normalen Redaktionstages erzählt. Eine gehörige Zahl von Stellen würde gestrichen, erklärten Geschäftsführung und Chefredaktion. Wen es erschwische, der bekomme im Laufe des Tages einen Anruf. Wer diesen bis 17 Uhr nicht erhalten habe, bleibe dabei. Psychoterror galore, nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Inkompetenz: Man hatte so was noch nie zuvor gemacht. Psychoterror auch, weil der Chefredakteur in dieser Zeit auch ganz normale Alltagsarbeitsanrufe machte. Jedes Telefonklingeln sorgte selbst bei gestandenen Leuten für zittrige Hände. Und natürlich: Auch nach 17 Uhr gab es Anrufe, einfach weil die Menge der Entlassungen nicht so schnell abgearbeitet werden konnte.

Aus dem Trauma entsprang ein Mythos: Die Onliner sind schuld, dass Kollege X oder Kollegin Y nicht mehr hier sind. Die Onliner sind schuld, dass wir nur noch ein halbes Weihnachtsgeld erhalten oder keinen Ausgleich für Sonntagsdienste.

spiegel affäre I

Waren Redaktionen vorher schon praktisch unführbar, nun waren sie (so sich dies steigern lässt) noch unführbarer. Die Kluft zwischen Online und Print wurde nie wieder zugeschüttet. Natürlich gibt es in jeder Redaktion multimediale Vorreiter. Doch ein wirkliche Gleichwertigkeit im Ansehen und der täglichen Arbeit erreichten Digital-Redaktionen niemals.

Die Krise aber ging nicht weg, sie wurde zum Medienwandel. Und so verschoben sich auch die Aufgaben von Chefredakteuren und Ressortleiter. Sie müssen heute erheblich mehr Bürokratie, Kooperationen und Führungsaufgaben übernehmen als vor 20 Jahren. Digitale Produkte werden von den Geschäftsführungen gesucht und eigentlich müssten diese aus den Redaktionen maßgeblich mit erdacht werden. Doch wer soll das tun?

Und somit wären wir bei der aktuellen Situation von „Spiegel“ und „Stern“. Denn Veränderung ist bei beiden nicht zu entdecken. Der „Stern“ hat sich optisch ein wenig modernisiert. Er hat auch gelegentlich mal Titelgeschichten, bei denen man denkt: „Ja, doch, Nerv getroffen.“ Doch immer, wenn ich ihn durchblättere, habe ich das Gefühl, es ist der „Stern“, den meine Eltern gelesen haben – nur in schlechter. Veränderung? Null.

Und obwohl Stern.de mit Anita Zielina eine höchst kundige Chefin hat, sehe ich überhaupt keine Anlass, die Seite aktiv zu besuchen. Beispiel von gerade eben: Mir wird die Haselnuss-Krisen-Geschichte und ihre Auswirkung auf Nutella angepriesen, über die ich vor zwei Tagen schon anderswo gelesen habe – nur flacher geschrieben und ohne Marktpreise, genaue Gründe oder die spannende Zahl, dass Ferrero angeblich ein Viertel der weltweiten Haselnussproduktion benötigt.

Der „Spiegel“ lebt heute von einer wichtigen, strategischen Entscheidung: Er hat seine Online-Redaktion nicht so stark eingedampft wie andere. Gleichzeitig war sie immer ein Satellit, die meiste Zeit sogar in einem anderen Gebäude. Spiegel Online stieg auf zur wichtigsten, deutschen Nachrichtenseite. Allein: Der Schwung ist raus und auch der Anspruch an Seriosität. Musik- und Filmstreaming sind neue Initiativen, genauso wie Multimedia-Reportagen. Doch sie entdeckt nur, wer genauer hinschaut.

Und in Print? Das beschreibt Christian Jakubetz sehr treffend:

„Könntet ihr mich in Zukunft wieder etwas weniger langweilen, etwas weniger ritualisiert daherkommen, ein bisschen was von eurer Attitüde ablegen und möglicherweise öfter wieder solchen Lesestoff bieten, dass ich mein iPad nicht mehr aus der Hand legen will? Es ist nämlich so, dass ich euch schon ziemlich lange lese und deswegen inzwischen einige Dinge, nun ja, quasi antizipieren kann.

Mit tödlicher Sicherheit habt ihr in einer Ausgabe eine Geschichte über einen Politiker/Funtionär/Manager drin, der kurz vor dem Fall steht. Und mit ebenso tödlicher Sicherheit raunt ihr dann was im Sinne von “Schon formieren sich die ersten Kritiker…”.

Ein “Spiegel” ist nicht ein “Spiegel”, wenn nicht mindestens irgendeine Gesetzesvorlage zur künftigen Mindestgröße von Regenabflussrohren als wenigstens dilettantisch beschrieben wird. Beliebte Formulierung bei diesem Thema: “Jetzt rächt sich, dass…”

Einmal pro Jahr beglückt ihr mich mit der Feststellung, dass die CDU/SPD/sonstige künftige Regierungspartei zum Kanzlerwahlverein verkommen ist. Das habe ich gelesen über: Kohl. Schröder. Merkel. Verbunden ist meistens die Feststellung, dass es der CDU/SPD/allen anderen Parteien spürbar an geeignetem Nachwuchs fehlt.

Irgendeine Straße/Bahntrasse/Bauwerk ist nicht rechtzeitig fertig geworden/wird nicht rechtzeitig fertig. Beliebtes Einsprengsel in ungefähr jeder dritten Ausgabe.“

Was Wolfgang Büchner nun plant, scheint (aus der Distanz betrachtet) der einzige, logische Schritt. Online und Print sitzen endlich in einem Gebäude, nun müssten sie auch zusammen arbeiten. Dagegen werden sich die Onliner kaum wehren, die Printler schon. Denn sie fürchten, dass Online-Redakteure künftig mehr zu sagen haben und mehr verdienen, was an der Ausschüttung der KG knabbern würde. Vielleicht käme es sogar zum Schlimmsten: Würden die Onliner in die KG aufgenommen, würde die individuelle Ausschüttung eines jeden drastisch sinken.

Schon 2012 schrieb er Mediendienst Meedia über den „Spiegel“ unter Büchners Vorgänger Georg Mascolo:

„Redet man mit Onlinern beim Spiegel Verlag, dann geht die Läster-Arie über Print-Chef Mascolo und den “arroganten Alt-Männerverein” vom Print-Spiegel schon nach wenigen Minuten los. “Ich bin froh, nicht bei denen arbeiten zu müssen, ganz egal wieviel die verdienen”, sagt jemand aus der SpOn-Redaktion im Gespräch mit MEEDIA. Seit dem Zusammenzug von Print und Online (Spiegel Online sitzt im neuen Gebäude symbolträchtig im höchsten Stockwerk – über der Print-Redaktion) sei der Graben zwischen den beiden Redaktionen noch deutlich tiefer geworden. Die Print-Troika Mascolo und seine Stellvertreter Martin Doerry und Klaus Brinkbäumer sei vor kurzem zum Gut-Wetter-machen bei den Onlinern aufgelaufen. Bei dieser Gelegenheit fühlte Mascolo auch vor, wie es mit der Bereitschaft der Onliner für eine Paywall bestellt ist (nicht gut). Bei SpOn-Leuten, die dabei waren, wurde der Auftritt als arrogant und weltfremd wahrgenommen. Mascolos Aussage, man sei doch “eine Familie”, empfanden einige als hohle Phrase.“

Daran hat sich anscheinend nichts geändert. Vor zwei Jahren bloggte ich schon einmal über den damaligen Machtkampf zwischen Saffe und Mascolo. Zwei Jahre der Erstarrung. Und wie wir jetzt von außen wohl urteilen können: Das liegt maßgeblich an der geistig vergreisten Print-Redaktion, die sich beharrlich weigert, trotz disruptiver Krise irgend etwas zu verändern – erst recht nicht sich.

So wehren sie sich dann und das mit hanebüchenen Vorstellungen. Büchner sei kein Autor und kein Blattmacher, so angeblich der Vorwurf. Gerade so, als ob heute ein Herbert Riehl-Heyse besser als Chefredakteur geeignet wäre als 1989. Damit sie nicht ganz so verstaubt wirken, befürworten sie sogar eine irgendwie geartete Kooperation von Print und Online, jedoch „in vertrauensvoller Zusammenarbeit“. Was sie in den vergangenen 15 Jahren daran gehindert hat, erklärt vielleicht mein obiger Sermon. Zu übersetzen ist „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit: „Lasst uns in Frieden mit Eurem Internet-Scheiß.“ Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet Doerry und Brinkbäumer nun als neue Chefs gehandelt werden. Zwei Printjournalisten ohne jegliche Meriten oder Erfahrungen im Digitalbereich.

Noch einmal Christian Jakubetz:

„Ob der Chefredakteur nächste Woche noch Büchner oder vielleicht ganz anderes heißen wird, spielt allerdings auch nicht die entscheidende Rolle. Der “Spiegel” muss über kurz oder lang zu einem digitalen Gesamtpaket werden, das ist alles, was zählt. Bevor jetzt aber jemand von FAZ, Funke und all den anderen auf die Idee kommt “Ja, genau” zu sagen – das gilt uneingeschränkt auch für alle anderen.

Spannende Tage also. Für den “Spiegel”. Und die ganze Branche.“

Niemand weiß, was der von der Print-Redaktion glorifizierte Rudolf Augstein in der Situation Büchners getan hätte. Doch ich glaube, er hätte sich solch einen Aufstand nicht bieten lassen. Allerdings hätte er es auch einfacher gehaubt, ihn niederzuschlagen: Er hätte die Beteiligten einfach aus dem Impressum entfernt.

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