Pofalla, Postillon und das wichtigste Wort des Jahres 2014: Kontext

by Thomas Knüwer on 3. Januar 2014

Gestern am späten Abend ist etwas passiert von dem ich fürchte, dass es alte Gräben aufreißt – die zwischen den “guten” Journalisten klassischer Medien und den “bösen und dummen” Internetnutzern/Twitterern/Bloggern.

shutterstock pofallaDas Satire-Blog “Der Postillon” – frisch gekürt zum Blog des Jahres – landete seinen, wie ich finde, bisher größten Coup. Es vermeldete schlicht die Agenturnachricht über den Wechsel Ronald Pofallas zur Deutschen Bahn. Und dann: Datierte Macher Stefan Sichermann den Artikel zurück und ergänzte ihn um die Behauptung, schon am Mittwoch von Pofallas neuem Posten gehört zu haben. Nun schien es, als ob die klassischen Redaktionen von der Satire abgeschrieben hätten.

Prompt bracht ein Sturm der Entrüstung los. Nachdem auch die Tagesthemen die Meldung brachten und keine der Online-Nachrichtenseiten die Meldung korrigierte, war für viele die Sache klar: Deutschlands Journalistenschar hat vom Postillon abgeschrieben.

Nun ist es ganz einfach zu sagen – und das passiert gerade -, Twitter-Nutzer seien dummes Retweet- und Aufregungsvieh. Ich bin mir sicher, dass auch einige Medienseiten in diesen platten Kanon einstimmen werden.

Nur: So einfach ist die Sache nicht. Wir sehen hier, wie schwer es ist, in der zersplitterten Medienwelt des Jahres 2014 die Übersicht zu behalten. Und dass wir lernen müssen – Journalisten wie deren Kunden – den Kontext jeder einzelnen Nachricht einzuschätzen, was uns aber gerade die klassischen Medien immer mehr erschweren.

Was der Postillon getan hat, ist die Umkehrung dessen, was er täglich erlebt. Denn selbst offensichtlichste Satiremeldungen ernten bei ihm massenhaft ernsthafte Kommentare von Menschen, die offensichtlich glauben, eine Internet-Seite mit einem Steckenpferd im Logo sein eine ernstzunehmende Nachrichtenquelle. Als Beispiel sei hier die Meldung über die angebliche Ungültigkeit von Felix Baumgartners Stratossphären-Sprung erwähnt. Diese Leser machen sich keine Gedanken um den Kontext, in dem sie etwas lesen. Sie glauben, der Postillon sei einfach eine weitere, hässliche Nachrichtenseite.

Die Pofalla-Meldung ist die Umkehrung dieser Idee: Was passiert, wenn eine Satireseite tatsächlich eine echte Meldung postet?

Das wäre interessant gewesen. Nur musste der Postillon zu einem Hilfsmittel greifen, das dieses Experiment leider entwertet: der Lüge. Durch die Behauptung, schon einen Tag vor der “Saarbrücker Zeitung”, dem eigentlichen Urheber der Meldung, von Pofallas Bahn-Posten erfahren zu haben, spielt der Postillon mit dem wertvollsten Gut des digitalen Zeitalters: seiner Glaubwürdigkeit.

Moment mal: Glaubwürdigkeit bei einer Satire-Seite?

Ja, genau. Und damit sind wir beim Kontext. Der Postillon ist groß geworden, weil die Leser sich darauf verlassen können, bei ihm exzellente Satire zu finden. Wer medienkundig und regelmäßiger Leser der Seite ist, weiß: Wenn ich dort etwas finde, ist es gut gemachte Satire.

Nur deshalb konnte man annehmen, dass die Medien auf einen Witz hereingefallen sind: Der Kontext des Postillons ist Satire. Hätte genau dieselbe Meldung auf der Seite des “Straubinger Tagblatts” gestanden, hätte es niemand gejuckt, dann hätten Redaktionen von Redaktionen abgeschrieben – Alltag.

Sobald ich einen Inhalt seinem anzunehmenden Kontext entreiße, kann ich ihn nicht mehr einschätzen. Und das hat nichts mit dem Internet zu tun.

Mitte der 90er schrieb ich für den Lokalteil Senden der “Westfälischen Nachrichten” und organisierte den jährlichen Aprilscherz. Damals gab es viel Gezänk um den Bau eines neuen Stadions für Preußen Münster. Also lautete der Witz: Das Stadion kommt nach Senden, 20 Kilometer südlich von Münster. Der Verein spielte mit, es gab ein Foto von Spielern mit Senden-Stadtplan.

Nur: Dieser 1. April war ein Karfreitag. Und so erging kurzfristig die Dienstanweisung, keine Scherze zu drucken. Meine Redakteurinnen erbaten – und bekamen – eine Sondergenehmigung, weil ja schon ein wenig Aufwand getrieben worden war. Die Meldung wurde gedruckt, es verging Ostern. Am Dienstag nach dem Fest vermeldete der lokale Sender Radio Kiepenkerl dann: “Das Preußenstadion kommt nach Senden!”

Was war passiert? Weil ansonsten keine Aprilscherze in der “WN”-Ausgabe zu finden waren, wähnte sich der Morgendienst des Senders im gewohnten Kontext – und übernahm, vertrauend auf die Medienmarke der Zeitung, die Meldung ohne jede weitere Recherche.

Nicht anders die Geschichte von Justine Sacco. Die Pressesprecherin der Internet-Holding IAC tweetete vor dem Abflug in den Südafrika-Urlaub: “Reise nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. War nen Scherz: Ich bin weiß.” Während sie im Flugzeug saß, verbreitete sich der Tweet weltweit, widerlichste Anfeindungen liefen auf, die afrikanischen Medien stürzten sich auf die scheinbare  Rassistin. Die gesamte Story gibt es bei Mobile Geeks. 

Tatsächlich wollte Sacco nur witzig sein. Doch verließ sie damit eben ihren gewohnten Kontext. Zuvor liefen über den Account (der inzwischen gelöscht wurde) nette Kommunikation und Hinweise auf Verlautbarungen ihres Arbeitgebers – aber keine bösen Witze.

Genau deshalb haben sich Smileys und ironische Hashtags im Netz ja so verbreitet: Weil sie es erlauben, den gewohnten Kontext zu verlassen und dies kenntlich zu machen. Das nimmt zwar manchmal den Witz, schützt den Autoren aber vor Misinterpretation. Und auch das hat nichts mit dem Internet zu tun: Solche Gesten gab es schon immer, sei es ein Augenzwinkern nach dem ironischen Spruch oder das ausdrucklose Gesicht des Comedian auf der Bühne, der zu vor ständig Grimassen gezogen hat.

Der Postillon hat diese Geste unterlassen. Er ist wie die neue Bekanntschaft auf einer Party, die einfach so einwirft,  in Afrika Urlaub zu machen, aber keine Angst vor Aids zu haben, weil man ja weiß sei. Dann hat er sich noch ein Bier genommen und gefragt: “Selbst so?”

Die einzige Chance ihm bei der Pofalla-Meldung auf die Spur zu kommen war, ihre Witzlosigkeit zu erkennen. Nicht einmal der offensichtlichster Gag fand Verwendung: “Die Bahn erklärte, nun seien alle Verspätungsprobleme erledigt.”

Falscher Kontext, gepaart mit einer Lüge – ich habe Verständnis für jeden, der darauf hereingefallen ist.

Und die Medien? Sind nicht schuldlos daran, dass dieses Affärchen so munter lief. Denn die Geschichte erzählt uns auch sehr viel vom sinkenden Niveau des deutschen Journalismus und der Neuordnung der Medienwelt.

Worauf waren denn die angewiesen, die recherchieren wollten, ob Tagesschau oder Spiegel Online auf eine Satire hereingefallen sind? Praktisch alle nannten als Quelle Reuters und die “Saarbrücker Zeitung” als Urheber der Meldung.

Dabei war Reuters nur der Nach-Rechercheur. Die Agentur beruft sich auf die “Saarbrücker” und ergänzt deren Meldung um eine Bestätigung aus dem Aufsichtrat: “Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla soll nach Angaben aus dem Bahn-Aufsichtsrat als Chef-Lobbyist in den Vorstand des Staatskonzerns einziehen.”

Das ist sauberer und guter Agenturjournalismus. Nur: Wenn die “Saarbrücker” tatsächlich vom Postillon abgeschrieben haben sollte – dann wäre all dies Makulatur. Also auf zur Quelle der Nachricht….

Allein: Die gibt es zunächst mal nicht. Auch in Saarbrücken regiert der Paid Content. Und deshalb ist die eigentliche Zeitungsmeldung nur gegen Geld zu erhalten, mindestens 99 Cent müssen in ein E-Paper investiert werden. Auf der Homepage der Zeitung wird die Meldung zwar auch gespielt – jedoch mit einer Pluralis Majetatis-Quelle: Die “Saarbrücker Zeitung” berichtet über den Pofalla-Wechsel mit der Quelle “Saarbrücker Zeitung”.

Selbst wer 99 Cent wegwarf zahlte, blieb eher ratlos. Das mit Chrome-Browser praktisch nicht zu verwendende E-Paper enthält zwar zwei Artikel und einen Kommentar zum Thema. Doch als Quelle führt die “Saarbrücker” allein “gut unterrichtete Kreise” auf (setzen Sie hier den Witz Ihrer Wahl über sprechende, geometrische Formen ein).

Kreise sind eine Krebsgeschwür des Journalismus. Sie sind genauso konkret wie “Quelle: Internet”. Meistens sollen sie in ihrem Plural verschleiern, dass es nur eine Quelle gibt. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der es beim “Handelsblatt” die Dienstanweisung gab, jede Quelle müsse zumindest grob umschrieben werden mit Worten wie “aus einer unternehmensinterne Quelle”. Einfach, weil dies einen groben Kontext liefert. Und genauso musste jede Meldung von mindestens zwei Quellen bestätigt werden. Beides scheint heute in der Masse der Medien nicht mehr nötig zu sein.

Umso wichtiger sind Kontext und Glaubwürdigkeit. Dabei bringen große Medienmarken eigentlich einen Vertrauensvorsprung mit. Besser: Sie brachten. Denn selbst angesehen Verlagskonzerne verwandelten sich im Netz in Klickhuren auf dem Boulevard der Austauschbarkeit. Mit einem Mal standen sie online für ganz andere Werte, einen ganz anderen Journalismus als in der Print-Welt.

Dabei war es der Fehlglaube, Internet-Leser überschnitten sich nicht mit Print-Lesern, der sie in die Falle lockte. Heute lesen mehr Menschen die Netz-Auftritte der Verlage als deren gedruckte Produkte. Der Online-Auftritt wird somit zum bestimmenden Imagefaktor.

Dort aber arbeiten häufig genug schlechter bezahlte und deutlich jüngere Redakteure mit weniger Zeit- und Geldressourcen. Entsprechend ist die Fehlerquote höher, teilweise ist richtiger Journalismus mit Reisen, Recherchen und der dauerhaften Pflege guter Kontakte überhaupt nicht mehr möglich. Zweite Quelle? Keine Zeit dafür.

Viel von dem sehen wir auch im Fall Pofalla: Denn neben einer auch nur leicht detaillierteren Quellenangabe (Reuters ist die große Ausnahme), fehlt ja noch etwas bei absolut allen Berichten über den Wechsel (die mir untergekommen sind) – Ronald Pofalla.

Es würde zum journalistischen Handwerk gehören, ihn zu kontaktieren – und dies zu vermerken. Ich habe einst gelernt, dass es Pflichtbestandteil eines Artikel ist, etwas aufzuschreiben wie: “Ronald Pofalla war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.” Das bedeutete nichts anderes als “Fuck, da war nur die Mailbox dran”. Dass nun die eine oder andere Redaktion diesen wichtigen Standard nicht erwähnt – gut. Aber alle? Kann es sein, dass niemand der Hauptstadtkorrespondenten die Handynummer von Pofalla hat? Ohne diesen Kontaktversuch wäre zumindest in meiner journalistischen Frühausbildung ein Artikel nicht veröffentlicht worden. Doch genau das hat sich massiv geändert.

Durch solche Veränderungen haben die klassischen Medien viel von ihrer Glaubwürdigkeit verspielt. Und genau deshalb vertrauen viele Menschen eher dem Postillon als Spiegel Online – ich kann ihnen das nicht übel nehmen. Und der geschätzte Markus Hündgen anscheinend auch nicht:

 

Doch tut sich eine andere Art der digitalen Spaltung auf: Denn Medien sind darauf angewiesen, anderen Medien zu vertrauen. Das ist nicht neu: Redaktionen hatten noch nie eine andere Wahl, als Nachrichtenagenturen Glauben zu schenken. Das Nachrecherchieren jeder zum Abdruck in Frage stehenden Agenturmeldung war zu keiner Zeit in der Geschichte realistisch. Wenn nun auch Agenturen blind Falschmeldungen der “Bild” übernehmen, dann gibt es ein systemimmanentes Problem im Journalismus.

Hinzu kommt ein Mangel an Fehlerkultur: Ist man der Falschmeldung eines anderen Mediums aufgesessen, korrigieren die wenigsten Redaktionen dies.

Wenn nun die Medienseiten der Republik absehbar über die dummen Twitter-Nutzer herziehen werden und sich dabei selbst zum Hort der Qualität machen, so ist dies reichlich bigott. Schon lese ich Journalisten, die gegen “Besserwisser” im Netz hetzen, die eine Täuschung jener ominösen “Netzgemeinde” sehen. Wer das liest, ahnt: Der Hass der fest angestellten Journalisten auf das Internet ist in Deutschland noch längst nicht beerdigt.

Aber dies ist ein wunderbarer Anlass, um wieder einmal von der wichtigeren und für Redaktionen schmerzvolleren Debatte abzulenken: Warum glauben die Menschen eher einem Satire-Blog als der “Saarbrücker Zeitung”? Sind die alle dumm (woran die Redakteure der Nation schon länger glauben)? Oder ist dieses Verhalten nicht eine gelernte Schlussfolgerung aus dem Medienkonsum der vergangenen 15 Jahre? Haben sie sich vielleicht gemerkt, dass die Medien, die nun Pofalla zur Bahn schieben ihn vor einigen Wochen als definitives Mitglied der neuen Regierung auswiesen?

Und ganz nebenbei. Leider droht eine weitere Debatte ebenfalls unterzugehen, wie Martin Hammerl richtig tweetet:

 Foto: Shutterstock

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