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Ralf Heimann – „Die tote Kuh kommt morgen rein“

In den Anfangsjahren der Indiskretion schilderte ich wahre PR-Aktionen mit der fiktiven „Kleinen PR-Agentur am Rande der Stadt“. Irgendwann jedoch ging mir die Inspiration aus, beziehungsweise die Erklärungen für den Wahnsinn aus der PR-Branche: Drogen, psychische Störungen – war ja alles schon dabei gewesen.

Immer wieder meinten Leser, ich solle eine neue Serie beginnen: „Die kleine Redaktion am Rande der Stadt“. Schöne Idee – doch davon werde ich die Finger lassen. Denn jemand ist mir zuvorgekommen  und er hat des weitaus besser gemacht, als ich es je könnte. Sein Name: Ralf Heimann.

Ralf Heimann?

die tote kuhVielleicht erinnert sich noch jemand an die Blumenkübel-Debatte. Im August 2010 berichtete die „Münstersche Zeitung“: „Großer Blumenkübel zerstört„. Via Twitter machte die ernst geschriebene Meldung über einen zerdepperten Tontopf die Runde durch Netz-Deutschland – und mutierte zum kleinen Mem. Einer der Auslöser dafür, dass sich diese Meldung herumsprach war ein Tweet von Ralf Heimann, Lokalreporter bei der „MZ“. Und dieser Ralf Heimann ist Autor des Romans „Die tote Kuh kommt morgen rein – Ein Reporter muss auf’s Land“.

Innerhalb weniger Tage habe ich ihn jüngst weggelesen und schon lange hat mich kein Buch mehr so oft haltlos zum Kichern gebracht wie „Die tote Kuh“.

Mit trockenem Humor – wir sprechen hier über das Münsterland – schildert er die einjährige Zwangsverschickung des Wirtschaftsredakteurs Ralf Heimann in eine fiktive Landredaktion nördlich von Münster. Dort ist eine Redakteurin schwanger geworden, Heimann ist der einzige in der Zentrale, der verfügbar UND Besitzer eines Autos ist – also landet er in Borkendorf.

Das dortige Team besteht aus immerhin neun Leuten, ist also keine Winz-Redaktion. Doch sonderlich viel journalistischen Antrieb darf man nicht erwarten. Vieles, ja, das Meiste läuft so, wie es immer gelaufen ist. Der „Borkendorfer Bote“ ist ein willenloses Boot im Strom der Gezeiten, die sich zusammensetzen aus Weihnachten, Karneval und Schützenfest. Das Jahr verläuft in Kurzgeschichten, eben wie eine „Kleine Redaktion im Herzen der Stadt“. Bemerkenswert – und der Realität entsprechend – spielen allerdings Kühe, Landwirte und Felder kaum eine Rolle. Viel präsenter sind die lokalen Vereine und Politiker.

Auch Ralf Heimann (also die Hauptfigur, nicht der Autor) ist keiner, der große Motivation hat, dies zu ändern. Er ist ein Jahr im Ort und spielt das Spiel mit. Spontan und eher zufällig entwickelt er irgendwie so etwas wie eine Veränderung der Konferenz, die tatsächlich eine Zeit lang durchgehalten wird. Dann wirft die Putzfrau den neuen Ablaufplan weg und die Redaktion fällt zurück in ihren alten Trott. 

Ich weiß nicht, wie unterhaltsam „Die tote Kuh“ für Nichtjournalisten ist, glaube aber, dass sie das Zeug für einen schönen Unterhaltungsroman hat, in dem Liebe ausnahmsweise und glücklicherweise keine Rolle spielt.

Für Menschen aus den Medien jedoch ist dieser Roman ein Schlachtfest. So viel ist bekannt, so viel ähnlich erlebt, wenn man mal im Zeitungsjournalismus tätig war. Nehmen wir nur die Schilderung der Blattkritik:

„Meistens hatte der, den es traf, die Zeitung nicht gelesen. Das machte die Kritik schwer, aber nicht unmöglich. Norbert zum Beispiel behalf sich mit Sätzen, die eine Bewertung simulieren konnten…

,Die Eins ist sehr schön. Schöne Bilder. Schöner Aufmacher. Gefällt mir gut. Das Bild hätte ich vielleicht noch etwas größer gemacht. Aber sonst sehr gut. Auf der Zwei: schönes Lesestück. Interessantes Thema. Die Bilder find ich sehr schön. Gut aufbereitet. Die Grafik ist sehr übersichtlich. Leserfreundlich. Das ist sehr ansprechend. Auf der Drei fehlt mir ein bisschen der Halt. Das Bild ist zu klein. Das ist alles sehr bleilastig. Da hätte ich mir im Text auch noch mehr Absätze gewünscht. Aber ansonsten: Gut, dass wir das Thema haben. Sehr schön auch die Vier. Vor allem optisch. Tolle Überschrift. Nicht ganz so gut gefällt mir das Bild. Aber großes Lob an Carsten. Schöne Reporte. Hab ich gern gelesen. Dann noch die Fünf. Ja, was soll ich sagen: Die Fünf ist die Fünf. Gute Themen. Alles übersichtlich. Da fehlt nichts, so weit ich das sehe. Und noch schnell ein Blick in die Konkurrenz. Der Aufmacher auf der Eins. Ja, kann man machen, muss man aber nicht. Ansonsten nichts, was wir nicht auch haben. Alles in allem würde ich sagen: Wir haben eine gute Ausgabe gemacht.'“

Es möge der Zeitungsjournalist die Hand heben, der solche Blattkritiken nicht dutzende, hunderte von Malen gehört hat.

Auf den Punkt schildert Heimann (der Autor) auch die Haltung der Leser gegenüber der Zeitung. Oder besser: die Haltung der Interessensgruppen: Die Zeitung hat zu drucken, was man ihr gibt. Der Bürgermeister versieht eine Mitteilung schon mal mit dem Hinweis, sie dürfe nicht verändert werden, die Kleintiervereine gehen auf die Barrikaden, wenn sie nicht genug Papierplatz erhalten.

Mit Journalismus im eigentlich Sinn hat das wenig zu tun. Und ohne die Moralkeule zu schwingen thematisiert Heimann das grundlegende Problem deutscher Lokalzeitungen: Sie tun brav, was Interessensgruppen wie Schützen oder Karnevalisten von ihnen verlangen. Das erfreut zwar diese, doch gilt das auch für die Masse der Leser? Als ich 2012 einmal darüber schrieb, waren einige auf Twitter sehr, sehr wütend. Und auch die Chefredakteure von Lokalzeitungen behaupten ja gern, sie würden Qualitätsjournalismus betreiben. Fakt aber ist: Der größere Teil dessen, was Lokalzeitungen drucken, hat wenig bis gar nichts mit der Vorstellung sauber recherchierten Journalismus zu tun – erst recht nicht auf dem Land. Und: Was das Gros der Leser wirklich will, davon haben die Redaktionen wenig Ahnung. Denn sie bekommen vor allem die Reaktion der Lautsprecher. Was Nicht-Leser gerne hätten, darüber wird nicht einmal gesprochen.

Irgendwann gegen Mitte des Buchs stößt es auch Nicht-Medienbloggern auf: Und wo zur Hölle ist das Internet? Auftritt Christoph Röhrbein. Der ist Volontär und soll den Borkendorfern einerseits das neue Redaktionssystem beibringen – und andererseits das Team für das Netz begeistern:#

„Gab es ein Problem, stand Röhrbein auf und fragte, ob es ein Problem gebe. So gelang es ihm, noch im Verlauf des Vormittags zum Feindbild zu werden. Vor allem für Karl. Röhrbein war ein Klugscheißer. Und Klugscheißer konnte Karl nicht leiden.

,Haste denn auch schon mal was anderes geschrieben, als Computerprogramme?‘, fragte er.

,Kannst mich ja mal googeln‘, sagte Röhrbein und verwies auf Praktika bei Spiegel Online, der Bild-Zeitung, dem Stern und einem Jugendmagazin, dessen Namen ich noch nie gehört hatte. Außerdem sei er bei Twitter, Facebook und noch ein paar anderen Netzwerken zu finden. Und er habe ein Blog. Karl googelte Röhrbein nicht.“

Röhrbein ist der Wellenbrecher, der die Gezeiten zumindest temporär verändert. Den Borkendorfer Redakteuren geht auf, dass da vielleicht etwas gegen sie läuft. „Wir machen eine Zeitung für alte Menschen“, klagt da mal einer der Kollegen. Ein anderer fragt Heimann, ob dieser ihm rate, einen Posten außerhalb von Borkendorf zu finden. Als Röhrbein fragt, warum kein Artikel aus der Zeitung online steht, sagt Karl, die Leute sollten ja die Zeitung kaufen.

„,Keine Zeitung wird auf Dauer ohne Online auskommen‘, sagte Röhrbein.

,Aber noch machen wir hier Zeitung‘, sagte Karl.

,Noch“, sagte Röhrbein.“

Ausgerechnet der Behäbigste der Redaktion begeistert sich auf einmal für das Web. Und prompt gibt es einen Live-Ticker, als der Redakteur in einem liegen gebliebenen Bus steckt. Auszug:

„Es regnet. Nach wie vor tut sich nichts. Unser Reporter berichtet, ein Kind bekomme langsam Hunger. Eine alte Frau hat Schmerzen im Bein.“

Heimann macht dabei nicht den Fehler, sich auf eine Seite zu stellen. Seine Figur Heimann bleibt der leicht lethargische Beobachter, nur zwischen den Zeilen wird klar, dass der „Borkendorfer Bote“, so wie er arbeitet, keine Zukunft haben wird.

Diese Erkenntnis aber bleibt dem Leser überlassen. Das ist elegant und unaufdringlich, vor allem aber entsteht das Sittenbild eines aussterbenden Berufsstands. Doch während Tom Rachman in „Die Unperfekten“ nostalgische Melancholie als Stilmittel wählte, entschied sich Heimann für Humor. Weshalb ich glaube, dass „Die tote Kuh kommt morgen rein“ für Nicht-Journalisten erheblich lesenswerter ist als „Die Unperfekten“.

Die Geschichte um den „Borkendorfer Boten“ endet mit einer Art Cliffhanger. Das macht Hoffnung auf einen Nachfolger. Noch viel schöner aber wäre es, regelmäßig Geschichten aus dem nördlichen Münsterland zu lesen, und das Format der kleinen Geschichten böte dies ja an. Und deshalb rufe ich aus: „Ralf Heimann! Ich will ein Blog von Dir!“

(Hinweis: Dieser Blogartikel entstand auf Basis eine kostenlos zugesandten Rezensionsexemplars.)

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