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Journalismus aus der Filterblase

spiegel die journalistenIm Jahr 1995 gab es noch die Reihe „Special“ aus dem Hause „Spiegel“. Dies waren monthematische Hefte die in mehrmonatigem Abstand (welche, weiß ich nicht mehr) erschienen. Das erste jenes Jahres vor 18 Jahren trug den Titel „Die Journalisten“.

Damals hatte ich frisch mein Studium beendet und wollte genau das werden. Journalist. Dann las ich in diesem Magazin eine Studie des Münsteraner Publizistik-Professors Siegfried Weischenberg und beschloss, dass ich Journalist werden möchte – aber nicht so, wie er dies aus den Ergebnissen seiner Studie „Journalismus in Deutschland“ heraus beschrieb:

„Deutschlands Journalistinnen und Journalisten sehen den Wochenanfang mit anderen Augen. Der Montag meint es gut mit ihnen, dann dann gibt es Anregungen für die eigene Arbeit – und die beziehen nach eigenen Angaben zwei Drittel aus dem SPIEGEL. Hallo Deutschland: In seinen Redaktionsstuben sitzen die SPIEGEL-Fechter.

Doch auch viele andere Printmedien dienen als Themenquell: vor allem die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine, aber auch – jeweils bei rund einem Drittel – Stern, Zeit und der Newcomer Focus; gut jeder Fünfte greift auf Bild zurück, um sich beruflich inspirieren zu lassen.

Schließlich werden dann noch TV-Sendungen in einem solchen Ausmaß von den Journalistinnen und Journalisten genutzt, daß sich alle Kritiker bestätigt fühlen können, die behaupten: Bis zu einem gewissen Grade bezieht sich der Journalismus – auf den Journalismus.

Bei den Nachrichtenprogrammen des Fernsehens gibt es dabei (noch) eine deutliche Präferenz für die Öffentlich-Rechtlichen: An der Spitze liegen „Tagesthemen“ und „Tagesschau“ (ARD) vor „Heute-Journal“ und „Heute“ (ZDF). Die Ergebnisse stammen aus der repräsentativen Journalisten-Studie „Journalismus in Deutschland“, die von der Münsteraner Forschungsgruppe Journalistik erarbeitet wurde.

Doch der Journalismus, so zeigen die Befunde weiter, bezieht sich nicht nur durch Medienbeobachtung und Themenklau auf sich selbst. Da gibt es vor allem den Einfluß der Kollegen als Bezugspersonen. Keine Frage: Die Journalistinnen und Journalisten bilden eine ziemlich abgeschottete Gruppe; sie schmoren im eigenen Saft – sogar nach Redaktionsschluß.

Auch ihre Freunde fürs Leben suchen die Journalisten vor allem im Medienbereich. Gewerkschafter, zum Beispiel, zählt hingegen nur jeder zehnte Journalist zu den engeren Bekannten.“

Und irgendwo in dieser Studie war noch vermerkt, dass JournalistInnen sehr gerne JournalistInnen heiraten.

Mich hat Weischenbergs Text ernsthaft an der Berufswahl zweifeln lassen, denn die Vorstellung sich auch privat mit Menschen des gleichen Tätigkeitsbereichs zu umgeben und so mit hoher Wahrscheinlichkeit nur noch über den Job zu reden, stieß mich ab.

Dieser Artikel – in seiner Gänze im Spiegel-Onlinearchiv nachlesbar – könnte in weiten Teilen heute noch genauso geschrieben werden. Das erleben wir in dieser Woche praktisch auf einer Meta-Ebene.

Denn Ole Reißmann, Redakteur bei Spiegel Online, schrieb über die Twitter-Nutzung während des TV-Duells Merkel vs. Steinbrück in seinem Blog einen Artikel mit der Überschrift: „Wir sind die 0,01 Prozent: Die Second-Screen-Twitter-Blase“.

A little girl blowing bubbles with her grandmother.

Twitter hat aus seiner Sicht keinerlei Breitenwirkung und sei nur eine Filterblase von Medienmenschen. 173.000 Tweets habe es während des TV-Duells gegeben: „Nur mal angenommen, ein paar eifrige Nutzer haben das #tvduell kommentiert und alle paar Minuten einen Tweet geschrieben. Vielleicht 25 in 90 Minuten. Dann reichen schon rund 7000 Twitter-Nutzer aus, um auf 173.000 zu kommen.“

Das ist schon mal eine etwas kühne Rechnung. Denn was die Zahl außen vor lässt, dürften die generischen Retweets sein, also jene Zitierungen, die bei Twitter mit einem Klick ausgelöst werden. Sie werden bei der Suche nach einem Hashtag via Twitter meines Wissens nach nicht mitgezählt, besitzen aber gerade bei der Begleitung von TV-Sendungen eine hohe Wichtigkeit. Dann ist da noch die Annahme, 25 Tweets in 90 Minuten seien Normalität: Ich selbst habe die Sendung auch via Twitter verfolgt – 25 Nachrichten pro Person waren weit überdurchschnittlich (ich glaube nicht, dass ich überhaupt jemand gesehen habe, der so viel schrieb). Ohne mich als Maßstab zu nehmen: Ich schrieb 8 Tweets und machte 25 Retweets.

Reißmann folgert also, es gebe 7.000 deutsche Twitter-Nutzer die sich für das TV-Duell interessierten – und dies seien vor allem Journalisten.

Und ich behaupte: Das stimmt nicht.

Zunächst einmal hat das junge Messinstrument Tame.it schon mal 36.000 verschiedene, twitternde Duell-Beobachter errechnet:

Faktisch dürften es noch mehr gewesen sein, denn viele deutsche Nutzer verwenden überhaupt keine gängigen Hashtags.

Was Reißmann vermutlich gesehen hat, und was ihn zu seiner Aussage verleitete, waren die Tweets aus seiner persönlichen Timeline und dann vielleicht noch die von Twitter vorgeschlagenen Top-Tweets. Doch selbst wer heute noch nach #tvduell sucht, findet Personen, die nicht Journalisten sind und nicht Politiker (die man bei diesem Thema auch nicht vergessen darf). Drei Beispiele:

Lutz Hartmann, Anwalt mit Spezialgebiet Investments in Afrika:

Monika Möhring, Professorin an der TH Mittelhessen:

Pascal, Podcaster mit Behinderung:

Natürlich gib es viele Journalisten auf Twitter – und mit jeder Entlassungsrunde bei klassischen Medien werden es mehr. So fanden viele Ex-Redakteure der „FTD“ nach der letzten Ausgabe des Blattes den Weg Richtung Social Media (Warum nicht vorher?, darf gefragt werden).

Reißmann macht nun dunkle Machenschaften aus, sieht eine Mafia, die sich gegenseitig hochschaukelt: „Was aber nicht schaden kann, ist ein bewussterer Umgang mit Twitter. Dazu braucht es Nutzerzahlen und einen kritischen Blick auf Retweet-Kartelle, Fav-Zirkel und Follower-Supernodes. Das wäre mal ein schönes Stück Datenjournalismus.“

Dies spricht vor allem für eines: Er selbst bewegt sich in einer Filterblase. Twitter hatte schon immer einen weitaus höheren Anteil von Nutzern außerhalb der Medien-Politik-Blase als diese Blase selbst realisierte. 2010 und 2012 führten wir bei kpunktnull mal eine interne Zählung und Auflistung deutscher Tweets durch um festzustellen, wie stark über Marken gesprochen wird. Von 16.000 (2010) bzw. 18.000 (2012) Nachrichten enthielten 29% bzw. 21% Markennenungen. Medien tauchten in beiden Jahren nur in 3% der Tweets auf. Würde sich dieses Journalisten-Kartell nicht viel häufiger selbst verlinken und loben?

Viel interessanter aber waren die Teenager, auf die wir stießen. Eine substanzielle Zahl (und leider haben wir diese nicht festgehalten) junger Leute nutzte Twitter wie einen öffentlichen Chat: Sie kommunizierten 1:1 miteinander. Worüber? Teenagerthemen. Oder erinnern wir uns an die Love Parade. Auch hier spielten die jungen Nutzer eine Rolle, die Katastrophe ließ sich an Tweets nacherzählen und verzweifelte Eltern suchten nach den ersten Meldungen via Twitter nach Informationen über ihre Kinder.

Wer sich einen Überblick über die tatsächliche Nutzung von Twitter verschaffen will, der muss raus aus seiner eigenen Filterblase und dahin, wo es weh tun kann. Zum Beispiel zu den deutschsprachigen Tweets über Justin Bieber:

 

Oder den Nachrichten über „Berlin – Tag und Nacht“:

Genau das bestätigt dann auch – zeitlich perfekt passend – die jüngste ARD/ZDF-Onlinestudie. Mit einem Mal schießt der Anteil twitternder Jugendlicher nach oben: Nutzten 2012 nur 5% der Onliner zwischen 14 und 29 den Dienst, sind es ein Jahr später schon 22%.

Natürlich gibt es eine journalistische Filterblase auf Twitter. Und es gibt eine Blogger-Blase. Eine Youtuber-Blase. Eine Bieber-Blase. Und das ist nur logisch, denn die Journalisten wollen nicht alles über Justin Bieber wissen und die „Berlin – Tag und Nacht“-Fans fänden eher unterdurchschnittlich interessant, was Stefan Niggemeier oder Udo Vetter so schreiben. Genau dafür aber ist Twitter ja geschaffen worden: Der Nutzer muss nicht alles lesen – sondern nur, was ihn interessiert.

Gänzlich falsch halte ich Reißmanns Heranziehung einer, in der „New York Times“ zitierten Twitter-Studie zum US-Wahlkampf in der es heißt:

„In a study he did while at the Shorenstein Center at Harvard last spring, Peter Hamby, a political reporter at CNN, writes about the extent to which reporters in the bubble — on the bus, on the plane, at the rope line — have become “one giant, tweeting blob.”

Das vermittelt im Zusammenhang des Blog-Artikels den Eindruck: Die reden nur mit sich selbst. Doch darum geht es ja gar nicht, sondern um die Hektik der Berichterstattung, die Beschränkung auf 140 Zeichen als Ersatz für tiefe Analysen. Und warum sollten erfahrene Wahlkampfberichterstatter sich auch nur auf einander konzentieren? Tatsächlich liefern sie ihre Kurznachrichten natürlich an eine noch viel breitere Öffentlichkeit als ihre deutschen Kollegen: Denn ihre Followerzahlen sind dank der Twitter-Verbreitung erheblich höher. Mal abgesehen davon, dass selbst „SZ“-Mann Thorsten Denkler Twitter vor allem privat nutzt. Immer hin – er nutzt es. Wir erinnern uns ja immer wieder mit Schaudern an jene Bundespressekonferenz-Peinlichkeit von vor zwei Jahren.

Ausgerechnet Ole Reißmanns Blog-Artikel liefert eine Demonstration dafür, wie sehr Journalisten in einer Filterblase stecken, in der sie nichts anderes wahrnehmen als andere Journalisten. Denn zwei Tage nach seinem Text erschien in der bei der „Süddeutschen“ zumindest online ein Text, der nichts anderes machte, als Reißmann weiträumig zu kopieren. Außer einer halbsätzigen Erwähnung eines „Wired“-Artikels gibt es keine neuen Quellen. Brutal gesagt: Dieser Artikel ist eine Raubkopie.

Doch der Urtext Reißmanns stammt von einem Journalisten. Und deshalb glaubt der andere Journalist ihm und macht aus Reißmanns – mit Verlaub – aus den Fingern gesogenen Nutzer-Kalkulation „deutliche Zahlen“. Das steht da so: „deutliche Zahlen“. Ganz so, als stünden sie unumstößlich fest.

Natürlich sollten Journalisten Social Media-Dienste intensiver untersuchen. Aber doch bitte nicht nur innerhalb ihrer eigenen Filterblase und mit besseren Instrumenten als der Suche des jeweiligen Dienstes – wie viele Redaktionen in Deutschland haben eigentlich Zugang zu einem Social Media Monitoring Dienst?

Vor allem aber sollten sie nicht glauben, dass etwas vollkommen neu ist, nur weil es im Internet stattfindet. So wie es heute eben Twitter-Nutzer mit mehr Followern und mehr Einfluss gibt, als andere – so war es eben früher der „Spiegel“, der mehr Leser und mehr Einfluss hatte als die „Syker Kreisanzeitung“. Und das lag nicht daran, dass der „Spiegel“ sich irgendwelcher mafiöser Tricks bediente – sondern dass seine Inhalte mehr Relevanz besaßen.

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