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Der Wahlsieg der alten Menschen

Rund sieben Millionen Menschen, die gestern zur Wahl gingen, werden nicht im Bundestag repräsentiert. Hat es das schon einmal gegeben in der deutschen Geschichte?

Das allein ist schon schlimm genug. Ich glaube jedoch, wir sprechen hier über noch schlimmere Konsequenzen. Für mich ist das Ergebnis der Bundestagswahl ein Sieg der alten Menschen. Und für sie, so ist weiter zu befürchten, wird künftig Politik gemacht.

An old couple together yet far apart walking down an old village street.

Es wurde reichlich gegrummelt, als ich dies heute beim Digitalen Quartett einwarf. Es war eine spannende Runde zur Wahl-Nachbetrachtung, zu der uns die Bayerische Landesvertretung in Berlin eingeladen hatte. Leider war ich nicht in der Hauptstadt und konnte deshalb nur gelegentlich etwas einwerfen – aus akustischen Gründen lässt sich ein Hangout nicht ständig in einem Raum auf den Lautsprecher schalten.

Doch tatsächlich ist die Wahl in Deutschland faktisch eine Wahl der Älteren bis Alten: Über 50 Prozent der Wahlberechtigten sind über 50 Jahre alt. Und für mich ist dies einer der Hauptgründe für das Ergebnis. Denn ab diesem Alter sinkt die Risikofreude, die Alterssicherung ist wichtig, erst recht, wenn neben einem rechts und links die Einschläge näher kommen (oder einen selbst treffen): Freunde sterben oder werden krank, Burnout wird zum Massenbrand, Arbeitslosigkeit bedeutet Beschäftigungslosigkeit bis zur Rente (die entsprechend karg wird). Und wenn man sie schon erhält, die Rente, möchte niemand etwas davon abgeben – was hätte er oder sie davon?

Da ist es verständlich, dass kurzfristige Politik wichtiger ist als langfristige. Kurzfristige Politik bedeutet: Die Euro-Krise muss irgendwie sicher überstanden werden, die Spareinlagen dürfen nicht angekratzt werden, Steuern nicht steigen. Für all das stehen Angela Merkel und die CDU. Beim Digitalen Quartett hieß es von Seiten der CSU-MdB Doro Bär dann auch schnell, dass sich natürlich auch ältere Menschen für digitale Themen interessieren. Das stimmt. Aber das Feld besitzt eine deutlich geringere Priorität als die Sicherung des Lebensstandards.

Ich glaube sogar, dass die Bedeutung der Überwachungsaffaire für die deutsche Bevölkerung unterschätzt wird. Vor einigen Wochen gab es eine Umfrage, und leider habe ich sie mir nicht gebookmarked (hat jemand den Link?), in der es hieß 47% der Deutschen hätten sich in den zwei Wochen zuvor über das Thema Überwachung unterhalten. Das ist eine verdammte Menge, erst recht wenn gleichzeitig 70% angeben, über das Wetter gesprochen zu haben. Doch wer hat in diesem Sommer nicht ständig irgendwann mal über das Wetter mit anderen geredet –  und sei es als Smalltalk?

Die Überwachung ist ein wichtiges Thema – aber kein wahlwichtiges. Denn wahlwichtig sind nur Themen, bei denen ich als Konsequenz meiner Wahl unterschiedliche Szenarien erwarte. Das einzige Szenario, dass die SPD bot war: „Wir sagen dem Obama aber mal richtig die Meinung.“ Kein Wähler glaubt, dass so etwas Wirkung zeigt. Es gelang den Sozialdemokraten nicht, eine andere, mögliche Wirklichkeit aufzuzeige, also war die Überwachung unwichtig für die Wahlentscheidung.

Wer jünger ist, setzt andere Schwerpunkte – erst recht als Zögling des digitalen Wandels. Während Gerda Hasselfeldt, CSU-Landesgruppenvorsitzende, am Sonntag von Infrastruktur sprach und allein Straßen meinte, fragen sich jüngere Wähler: „Wozu der ganze Bohai mit den Autobahnen?“ Für sie sind Autos kein Statussymbol mehr, ihnen ist es wichtiger, gute Datenleitung und surffähige Handys zu haben.

Wer hat diese jungen Wähler denn versucht anzusprechen mit den Gesellschaftsfeldern, die sie interessieren? Ich sehe keine Partei außer den Piraten – und die haben sich mit ihrem wirren Auftreten selbst einen Kopfschuss versetzt.

Das wichtigste Lebensumfeld im Alltag junger Menschen wurde nicht abgebildet. Wundert es da, dass 1,1 Millionen Erstwähler nicht wählten? Mit 18 interessiert die Euro-Krise deutlich weniger als mit 60. Ausbildungsplätze sind interessant – doch gab es signifikante Unterschiede zwischen den großen Parteien in diesem Bereich? Studium interessiert – doch spielte es eine große Rolle im Wahlkampf? Und wer schon seine ersten Schritte im Berufsleben macht, der fand vielleicht auch gar keine Themen, die ihn ansprachen – erst recht, wenn die Parteien das wichtige Kommunikationsmittel dieser Generation, das Internet, so lustlos und geringfügig nutzen wie im Wahlkampf 2013.

Dieses Sache mit den jungen Wählern wird umso unwohler, je weiter man ins Detail schaut. Denn welche Parteien haben laut der Forschungsgruppe Wahlen mehr Prozentpunkte in der Altersgruppe 18 – 29 als in der Sektion über 60 Jahren?

Die Grünen. OK.

Die FDP. Ups.

Die AFD. Ups.

Nicht erfasst wurden die Piraten – wir dürfen aber davon ausgehen, dass es dort ebenfalls so aussieht. Sprich: Überdurchschnittlich viele junge Wähler, die ihre Stimme abgaben, sehen diese nicht im Bundestag repräsentiert. Gab es das so schon einmal in der Geschichte der Bundesrepublik?

Es besteht wenig Hoffnung, dass in den kommenden vier Jahren – wobei ich keine Wette eingehen würde, ob wir nicht früher Neuwahlen bekommen  – die Themen der jungen Generation eine wichtige Rolle spielen. Dazu fehlt einfach der nötige Leidensdruck. Ich sehe die ernsthafte Gefahr, dass sich jüngere Menschen noch weiter von der Politik entfernen – und diese sich von ihr. Was im schlimmsten Fall dabei herauskommt, zeigten in den vergangenen zwei Jahren die Straßenkämpfe in England, Südeuropa und Schweden.

Heute gab es eine Reihe von Menschen in meinen digitalen Kanälen, die aufgrund der hohen Menge von Nichtrepräsentierten die Senkung der 5-Prozent-Hürde forderten. Ein bedenkenswerter Vorschlag. I

ch hätte aber noch einen: Wie wäre es, das Wahlalter zu senken? Schließlich machen heute mit 17 viele schon Abitur und beginnen zu studieren. Spätestens den Erstsemestern sollte man doch zutrauen, politische Entscheidungen zu treffen, oder?

 

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