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Deutschland auf der SXSW: ein Trauerspiel

„Deutschland ist das coolste Land der Welt“
Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler auf dem FDP-Bundesparteitag

Bitten werfen Sie ein Blick auf dieses Bild:

flagge sxsw

Nehmen wir an, jemand drückte Ihnen solch eine Devotionalie in die Hand, vielleicht gar im Ausland. Imaginieren wir weiter, Sie seien kein Deutscher sondern entweder Amerikaner ohne jeden Bezug zu Germany, oder ihr Pass wiese eine ganz andere Nationalität aus.

Ehrlich: Würden Sie sich über diesen Anstecker freuen? Ihn vielleicht tragen? Finden Sie ihn cool oder so was in der Art?

Wir kommen später auf diese Frage zurück.

Die vergangene Woche verbrachte ich ja auf der SXSW (sprich South by South-West), der größten Digitalkonferenz der Welt in Austin, Texas. Neben dem Interactive-Part gibt es auch ein großes Film- sowie ein riesiges Musikbranchenfest, auch hier bilden Kongresse und eine Ausstellung einen wichtigen Bestandteil neben Filmvorführungen und Konzerten.

Vor Ort sind auch zahlreiche Wirtschaftsförderer. Sie versuchen Startups zu locken, Kontakte in der Musikbranche herzustellen oder Filmproduzenten in ihre Region zu locken. Dies passiert einerseits mit Diskussionsrunden, andererseits mit der Standpräsenz auf der Expo, der Ausstellungshalle.

Dort ist es ordentlich voll, Laufkundschaft gibt es reichlich. Während der SXSW Interactive, über die allein ich hier schreiben kann, schauten viele Kongressbesucher vorbei, weil es hier technisches Spielzeug zu kaufen gab, genauso konnte der Internet Afficionado hier Testzugänge für neue Dienste erhalten.

Es ist Montag, 11. März, 15 Uhr 27. Auf dem Stand der chilenischen Wirtschaftsförderung sieht es so aus:

sxsw chile 2sxsw chile 1

Hier präsentieren sich einzelne Startups, es gibt ein warmes Essen gratis, zeitgemäß designtes Info-Material liegt auf den Tischen. Junge Menschen in türkisen T-Shirts, die Standbesatzung, sind komplett im Gespräch mit Interessierten vertieft.

Nur zur Sicherheit: Es handelt sich hier um Chile, eine Nation die, bei allem Respekt, nicht im Verdacht steht, das nächste Silicon Valley zu werden.

Vielleicht entdecken Sie im Hintergrund des zweiten Bildes einen Schriftzug, Weiß auf Schwarz: „Germany @ SXSW 2013“. Dort ist der Stand der deutschen Wirtschaftsförderung. Wie mag es wohl zeitgleich dort aussehen, wenn schon bei Chile die Hölle los ist?

Nun… Das sich bietende Bild ist marginal anders:

deutschland sxsw 1Immerhin die Bundesregierung ist vertreten, wenn auch optisch so sympathisch wie ein Politbüro:

IMG_2880Das Informationsmaterial ist liebevoll von der Kopiermaschine zusammengetackert worden:

sxsw deutschland papierAllen Ernstes werden die Ansteckfähnchen verteilt, die oben zu sehen sind.

Startups soll es auch geben, ihre Logos sind an der Wand zu sehen. Zu treffen sind sie anscheinend nicht. Ohnehin aber sind es wenige, deren Signets verschwinden zwischen der geballten Macht von Arte, dem WDR, der Stadt Köln oder BBDO.

sxsw deutschland logosEin unglücklicher Moment? Nein. An drei Tagen sieht der deutsche Stand im Convention Center so aus. Nur ganz selten beugt sich jemand runter auf die niedrigen Sitzhocker, die vielleicht von einer Google-Party übrig geblieben sind.

Hier der 10. März, 13.42 Uhr:

sxsw deutschland stand 3Warum sollte der Besucher hier auch verweilen? Es gibt einfach keinen Grund hier zu bleiben und zu schauen.

„Wir repräsentieren hier“, sagt der junge Mitarbeiter auf die Frage, was denn auf dem Stand passiere und verweist auf die Wand mit den Logos. Ja, aber jetzt so, wie das Herrmannsdenkmal, das ja den Sieg der Germanen in der Varusschlacht repräsentiert.

Nur durch den Gang getrennt repräsentiert nebenan Berlin, die angeblich coole Startup-Stadt. Hier ist ein wenig mehr los, denn es gibt eine Discokugel zu gewinnen. Wenig mehr bedeutet: Gelegentlich stehen auch mal drei Leute in der Schlange, um sich am Glitzerballgewinnspiel zu beteiligen.

sxsw berlinSogar ein deutsches Haus gibt es, ein ganzes Stück vom Convention Center entfernt. Es strahlt, nun ja, germanische Nüchternheit aus:

sxsw deutsches haus außenHier finden auch Empfänge statt, gerade so, als sei hier nicht die SXSW sondern die Jahrestagung der Tageszeitungsverlegerjuristenvereinigung. Während im Haus der Turner-Gruppe ständig Halligalli in Tüten gastiert und die Käsetoasts von Groupme lange Schlangen auslösen, ist hier eine fast selige Ruhe. Vielleicht sind alle ständig essen, denn hier wird deutsch gekocht:

sxsw deutsches hausBei aller Lästerei: Dies ist ein Armutszeugnis für Deutschland.

Die Repräsentanz auf der SXSW könnte gerade im Digital-Bereich wichtig sein. Man könnte Startups die Chance geben, sich zu zeigen und Kontakte zu knüpfen. Auslandsarbeit suchende Programmierer könnten begeistert werden (gut, das mit der Aufenthaltsgenehmigung könnte schwierig werden), Investoren dürften auch interessiert sein. Und schließlich entscheidet sich vielleicht der eine oder andere Gründungswillige Ausländern nach Berlin zu gehen – so wie eine ganze Reihe vor ihm.

Doch anscheinend hat keiner der Verantwortlichen ein Gefühl für die SXSW oder die digitale Branche. Deutschland sei das coolste Land der Welt, hat Wirtschaftsminister Philipp Rösler jüngst beim FDP-Parteitag ins Mikro geschrien. Abgesehen davon, dass der Digitalstandort D natürlich weit hinter anderen Ländern zurückhängt – man könnte bei solch einem Anlass wenigstens so tun, als sei das wahr.

keep calmSolch ein Stand ließe sich bespielen mit Talkshows international bekannter Startup-Gründer wie dem Soundcloud-Team , tatsächlich auffällige Geschenkchen (wie jener Anstecker der britischen Wirtschaftsförderer) ließen sich entwickeln, vielleicht gäbe es gar einen Hangout mit Angela Merkel. Und statt das Silicon Valley zu bereisen, könnte ein Wirtschaftsminister hier ebenfalls vorstellig werden.

Ob ein eigenes Haus überhaupt sinnvoll ist, darf gefragt werden. Auffällig war der Trend zur Popup-Präsenz in Austin: Google, Mashable, Spotify – sie setzten auf eintägige Häuser oder Gärten, die dafür aber richtig rockten.

Wenn sich die Geschichte richtig erschließt, so war all dies gedacht für das Musiksegment der SXSW. Ob die Stand und Haus gewordene Dürftigkeit dort besser ankommt, wage ich zu bezweifeln. Dann aber hat das Bundeswirtschaftsministerium auch noch die Präsenz im Digital-Bereich verordnet. Herausgekommen ist ein Stand, für den wir Deutsche in Austin uns schämten. Und es waren ja nicht wenige aus Dschörmenie vor Ort: Im Konferenz-internen Social Network war Deutschland die stärkste nicht-englischsprechende Nation.

Vielleicht liest ja einer der Entscheider im Wirtschaftsministerium mit. Dann sei ihm versichert: Es gibt viele, die beim Anblick dieses Trauerspiels sagten: Lasst es uns besser machen. Ideen gibt es reichlich. Die Frage ist nur, ob man den Auftritt des Wirtschaftsstandortes weiterhin Vertretern der Analog-Generation überlassen möchte – oder jenen, die auf der SXSW wirklich etwas bewegen wollen.

Danke für die Fotoergänzungen an Felicitas Hackmann und Björn Ognibeni.

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