Ein spannender Tag für den Lokaljournalismus

by Thomas Knüwer on 1. Februar 2013

Vielleicht wird der 1. Februar irgendwann so etwas wie historisch zu nennen sein. Denn heute ist ein journalistisches Angebot online gegangen, dass eine Art Lakmus-Test werden könnte für die Frage, ob sich digitaler Lokaljournalismus refinanzieren lässt.

Heute morgen starteten die Ruhrbarone, das mit viel Anspruch betriebene Ruhrgebiets-Blog, einen expliziten Bereich für Dortmund. Die ersten Stunden sind bunt gemischt, quanti- wie qualitativ aber ansprechend. Da geht es um die Folgen des Steag-Kaufs durch die Stadtwerke, den Wohnungsmangel und die Verletzungsserie von BVB-Verteidiger Patrick Owomoyla. Letzteres ist dann noch der schwächste der Artikel, hier könnten die Autoren sicher noch zulegen.

shutterstock ruhrgebiet

Damit werden die Barone For-Profit-Projekt, wie sie selbst schreiben: “Bislang waren die Ruhrbarone ein Blog, der kein Geld verdient hat. Wir haben aus Spaß gebloggt. In Zukunft werden wir ein wenig Geld verdienen müssen, um professioneller zu werden und die Berichterstattung, die wir unseren Lesern bieten wollen, auch stemmen zu können.”

Dass es nun ausgerechnet die Heimat der Borussia wurde, ist natürlich kein Zufall: Denn gestern starb faktisch eine der beiden Lokalzeitungen der Stadt, die “Westfälische Rundschau”. Sie wird künftig als seelentleerte Papiermarke ihr Dasein fristen, den Lokalteil liefert die Konkurrenz von den “Ruhr Nachrichten”, der Rest kommt vom Rabenmutterhaus “Waz”.

So könnte die DO-Seite zum Testfall für die Möglichkeiten des digitalen Lokaljournalismus in Deutschland werden. Bisher gibt es nur wenige verlagsunabhängige Lokal-Seiten mit Anspruch in Deutschland. Das Heddesheim-Blog ist der Vorreiter, Altona.info ein weiterer Vertreter in diesem Feld. Interessant, aber mir erst seit heute bekannt (deshalb schwer zu beurteilen), ist Meine Südstadt aus Köln.

Nachtrag: Mea maxima culpa – ich habe Regensburg Digital vergessen. 

Inhaltlich ist ein Bedarf an recherchiertem und kritischem Lokaljournalismus absehbar vorhanden. Die meisten Lokalzeitungen betreiben Leser- und Honoratiorenbeschmusung, für Recherchen bleibt wenig Zeit, Termin- und Verlautbarungsjournalismus dominiert die papierenen Seiten. Martin Balle, der Verleger des “Straubinger Tagblatts” formulierte dies im vergangenen November so: “Wir wissen viel mehr, als wir schreiben.” Und: “Wir müssen ja auch dafür sorgen, dass die Menschen friedlich miteinander leben.” Journalismus als Doping für’s Gruppenkuscheln – so stellt der Leser sich das wohl eher weniger vor.

Wollen die Ruhrbarone erfolgreich sein, brauchen sie das Gegenteil: tief recherchierten, kritischen Journalismus. Dabei würde ich es für einen Fehler halten, eine Komplettabdeckung der Nachrichtenlage in Dortmund erreichen zu wollen. Vielmehr dürfte es reichen, eine richtig gute Geschichte pro Tag zu liefern – denn dann gibt es für den Leser einen Grund, das Blog in seinen täglichen Nachrichtenkonsum aufzunehmen.

Würde das gelingen, wird es spannend sein, die Reaktion der “Ruhr Nachrichten” zu beobachten. Die Optionen:

  1. Das Blatt ignoriert die Ruhrbarone – dann werden sich die Leser fragen, ob sie noch eine Zeitung brauchen.
  2. Die Zeitung referenziert das Blog – was ihm mehr Leser bringen würde.
  3. Die Zeitung wird investigativer und kritischer arbeiten.

Mein persönliches Wahrscheinlichkeitsranking dieser Optionen: Erst 1, dann 2, dann 3.

Während die Redaktionsseite recht logisch klingt, dürfte die Frage der Refinanzierung schwieriger werden. Es gibt zwar genügend Onlinewerbe-Dienste, die sich problemlos integrieren lassen. Doch die spielen vor allem Inhalte ab, für die es nur wenig Geld gibt. Der Vermarkter der Ruhrbarone muss lokale Anzeigenkunden neu erschließen, und das wahrscheinlich im Dutzend. So recht ist das bisher niemand gelungen – was nicht heißen soll, dass es unmöglich wäre.

Ein sehr spannendes Projekt ist es also, dieses Dortmund-Blog der Ruhrbarone. Im Sinne der tatsächlichen Medienvielfalt, nicht dem was die Führungskräfte des Waz-Konzerns dafür halten, wäre ein Erfolg wünschenswert.

Nachtrag: Oliver Koch von den “Ruhr Nachrichten” weist mich via Twitter darauf hin, dass das Online-Angebot der Zeitung keine Probleme habe, auf die Ruhrbarone zu verlinken:

 

Wir sind gespannt, ob die Blattmacher das ähnlich handhaben werden, steigt der Produktionstakt der Ruhrbarone.

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