Neue Narrative
15. Mai 2012
Der Facebook-Börsengang ist der Gegenbeweis für eine neue Dotcom-Blase
18. Mai 2012

Das Internet sorgt für mehr Künstler, mehr Musik und mehr Filme

Heute Morgen war ich Gesprächsgast bei der Aufzeichnung des „Dossiers Politik“, dass BR2 am heutigen Abend ab 21.05 Uhr senden wird. Das Thema: „Gratis in die Armut? Das Urheberrecht im Web-Zeitalter“.

Puh.

Im Vorgespräch gab es einen Moment, in dem wir über den letzten Part jener Sendung sprachen. Und in dem geht es um Lösungen. Für mich aber stellt sich vielmehr die Frage: Wie lautet eigentlich das Problem in Sachen Urheberrecht? Derzeit gibt es eine Kampagne von Verlagen – allen voran Axel Springer und die DVH Medienholding („Die Zeit“, „Handelsblatt“) – mit dem Ziel das bestehende Urheberrecht abzuschaffen – durch eine massive Verschärfung. Dabei ist den Medienkonzernen jedes Mittel recht, wie das „Handelsblatt“ jüngst demonstrierte.

Die Argumentationskette der Urheberrechts-Gegner lautet: Raubkopien sorgen für weniger Umsatz, weniger Umsatz sorgt für darbende Medienunternehmen, darbende Medienunternehmen sorgen für darbende Künstler, darbende Künstler sorgen dafür, dass weniger Musik, weniger Filme und weniger Bücher entstehen – und das bedeutet ein Austrocknen unserer Kultur.

Nur: Das wird durch Fakten nicht gedeckt. Vielmehr zeigt sich an handfesten Zahlen das genaue Gegenteil: Das Internet sorgt für mehr Kultur und mehr bezahlte Kulturschaffende.

Nehmen wir nur einmal die Zahl der selbstständigen bildenden Künstler in Deutschland:

Dazu muss gesagt werden: Die Sache mit den Raubkopien ist nicht brandneu. Napster ging 1998 an den Start und erlebte seinen Höhepunkt im Jahr 2001 – das ist mehr als zehn Jahre her. Doch bis zum Jahr 2009 war offensichtlich keine Wirkung bei den Künstlern zu bemerken – ihre Zahl stieg in der oben gezeigten Rubrik sogar um 28 Prozent. Auch die Zahl der Versicherten in der Künstlersozialkasse steigt munter weiter, von 2000 bis 2010 ebenfalls um sagenhafte 55%:

Wenn es also Künstlern in Deutschland so schlecht geht – warum entscheiden sich immer mehr Menschen für diesen Beruf? Und noch wichtiger: Warum geben nicht mehr auf? Sind dies alles Masochisten? Oder alles Irre?

Tatsächlich gibt es natürlich eine erhebliche Ungleichverteilung, wie diese Statistik der Bühnenkünstler zeigt (sollte jemand aber diese Einkommensklassen-Verteilung im Zeitablauf haben, würde ich mich über eine Meldung freuen):

Doch ist dies wirklich neu? Tatsächlich war es schon immer so, und da nehme ich mal die Gespräche mit Schauspielern und Musikern, die ich in den 90ern beim Uniradio Münster führte, dass ein großer Teil dieser Künstler „für die Kunst lebte“. Sprich: Sie kamen so irgendwie über die Runden und hofften auf den Durchbruch. Dabei waren sie nicht mal unglücklich: Wer sich für diesen Beruf entscheidet weiß, dass es ein harter Weg ist.

Das zeigt auch eine Untersuchung des Pew Instituts aus dem Jahr 2004 unter 2.755 US-Musikern. Schon damals gaben über drei Viertel an, einen Nebenjob für den Lebenserhalt zu benötigen. Immer gab es eben Künstler, die nicht ausreichend den Massengeschmack trafen um mit allein durch ihre Werke überleben zu können. Das ist natürlich schade – aber eben keine Folge des Internets, erinnern wir uns nur an diesen Herrn aus dem 19. Jahrhundert, den sie ganz oben sehen.

Nun ist die Zahl der Künstler, Schauspieler, Musiker und Autoren die eine Sache. Was aber ist mit deren Produktion? Die müsste doch, glauben wir den derzeit so hektischen Urhebern und Verwertern, doch zurückgegangen sein seit Napster 1998 das Licht der Welt erblickte? Zumindest aber dürfte sie nicht großartig gewachsen sein. Denn das ist ja die angebliche Grundangst, die durch die Kampagne getrieben wird: Ohne Verschärfung des Urheberrechts entstünde irgendwann keine Kultur mehr.

Nun hat sich genau das im Januar 2010 Felix Oberholzer-Glee von der Uni Harvard und Koleman Strumpf von der Uni Kansas angesehen. Sie untersuchten die Entwicklung der Musik- und Filmproduktion in den USA, dem Land dessen Kulturprodukte sicherlich als die meist raubkopierten weltweit angesehen werden dürfen. Ihre Zahlen zeigen ein diametral entgegengesetztes Bild. Während in den 90ern durchschnittlich 472 Filme pro Jahr in den amerikanischen Kinos kamen, waren es zwischen 2005 und 2009 578 – ein Plus von 22%. Noch dramatischer fällt die Statistik in Sachen Musik aus. Die Zahl der Musikalben steigt von 35.516 im Jahr 2000 auf 106.000 in 2008 – ein Zuwachs von 298%.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt Professor Robert Hammond von der Uni North Carolina bei einem Vergleich von File-Sharing-Börsen und Verkaufszahlen: „I find that one additional download is associated with 2.6 additional sales.“

Wer behauptet, das Internet habe eine Auswirkung auf die Zahl der Künstler und ihrer Werke, der muss sich sagen lassen: Ja – das Internet sorgt für mehr Kunst, mehr Künstler, mehr Musik und mehr Filme.

Teile diesen Beitrag