Ray Cokes – so könnte Fernsehen sein

by Thomas Knüwer on 23. Mai 2012

Und dann sitzen wir auf der Bühne.

Bei

Ray

Cokes.

Den Jüngeren unter den Lesern muss man diesen Namen vielleicht erklären. In den Zeiten, da MTV das Fernsehen und die Ästhetik des Bewegtbildes längst verändert hatte, war Cokes mit seiner abendlichen Live-Talkshow „Most Wanted“ von 1992 bis 1996 die Hoffnung, dass dieses veränderte Fernsehen noch einmal mutiert, mutiger wird und schräger, mit wackelnder Kamera deren Bediener „Rob the camera man“ ganz selbstverständlich ein handelnde Person war. Zwischenzeitlich war Cokes dann noch auf Arte zu finden – das war’s.

Vor einigen Wochen war er aber Gast bei Harald Schmidt und es sollte eine der wunderbarsten Schmidt-Shows der vergangenen Jahre werden: ein Gaga-Gespräch wie es einst bei MTV hätte stattfinden können. Cokes kündigte an in Deutschland mit einem neuen Format auf Tour zu gehen: Rays Guesthouse. Bands würden kommen und spielen, er würde sie interviewen, es sei alles sehr improvisiert – am nächsten Tag bestellte ich Karten, „um den noch mal zu sehen“, wie man ja dann entschuldigend Freunden erklärt, die glauben jeder Bühnenkünstler über 40 sei keine monetäre Investition mehr wert.

Gestern Abend also, Köln, E-Werk.

Keiner der im Saal Sitzenden weiß, was ihn genau erwartet. Keiner ahnt, dass er einen unfassbar unterhaltsamen Abend erleben wird, der ermahnt, dass MTV vor 20 Jahren schon wilder und innovativer war als all die Versuche der Sender im Jahr 2012 wild und innovativ zu sein.

Die Alterssequenzierung ist bunt: Wir alten Säcke kommen wegen Cokes, Jüngere wegen der Bands – es ist voll. Ein Clip mit Szenen aus der guten, alten Zeit eröffnet die Show, Cokes kommt – und dann wird alles schnell. Eine junge Dame wird gesucht für die Bar auf der Bühne, Hanna heißt sie und sitzt in Reihe 1, Single ist sie – sehr gut, sie darf sich einen männlichen Mitstreiter suchen, findet keinen, Ray aber, und so stehen da zwei Zuschauer hinter dem Tresen und mixen und zapfen für die Musiker. Die verstecken sich nicht in der Garderobe sondern sitzen mitten im Publikum. Natürlich darf das Barpersonal trinken bis zum Anschlag, „free drinks is not a good idea“ wird Hanna bald darauf ins Mikro sagen, woraufhin sie die belgische Band Triggerfinger interviewen darf und ohnehin zum Star des Abends wird, ebenso wie ihre Mutter in der ersten Reihe.

Paare sollen aufstehen, wir tun es auch, der aus dem Publikum erwählte Kameramann Marvin, den Cokes Rob nennt (in seinem Alter mag man sich nicht mehr umstellen), richtet das Objektiv auf uns, mit einem Mal lümmeln wir uns in der Couple-Lounge, einem Sitzsack am Rand der Bühne, das Barpersonal hat Anweisung uns Sekt nachzuschenken. Blöd: Zum Ende der ersten Hälfte des Guesthouse müssen wir das Glücksrad des Todes drehen, die Fortentwicklung der „Bingo Wall of Death“. Details dieses Wahrheit-oder-Pflicht-Spiels lasse ich mal weg. Die Newcomer Combat Singers singen, Jupiter Jones werden ihn ihrer Sympathigkeit noch von den Donots übertroffen, die wieder bezeichnen den Geschmack der von Hanna kredenzten Cocktails (Wodka-Red Bull mit Ahoi-Brause oder Jägermeister-Schorle) als „Schrapnell-Bombe auf einem Kindergeburtstag“, Cokes tobt durch den Saal wie einst bei MTV, die Zahl der Pointen, die nur in diesem Moment wirken, werden Legion.

Hier ein Best-of-Video:


Wenn das alles wild und schnell und ungeplant klingt – genau das war es. Und deshalb war es ganz, ganz groß.

Derzeit gibt es vor allem im öffentlich-rechtlichen System viele Versuche innovative TV-Formate auszuprobieren. Während sich der Kontrollverlust bei ZDF Neo auf das Lästern über Talkshow-Gäste im Anschluss an den Talk beschränkt bedeutet er für Cokes die Übergabe eines Interviews an zufällig ausgewählte Zuschauer. Verglichen mit der augesetzten Pseudo-Coolness der ZDF Neon-Magazinen, bei denen Tiltshift- und andere Filter mangelnde Inhalte regelmäßig überdecken, verglichen mit der demonstrativen Wurschtigkeit von “Roche und Böhmermann“ gegenüber ihren Gästen – da wirkt Ray Cokes noch immer wie der personifizierte Antichrist mit den vier Kameramännern der Apokalypse, die über das Land kommen um zu zeigen, wie fantastisch unterhaltend Fernsehen sein kann.

Fernsehen? Ja. Fernsehen.

Denn Cokes durch Deutschland tourende Show wird aufgezeichnet. Entstehen soll ein Werbevideo mit dem Ziel das Konzept von „Rays Guesthouse“ an Sender zu verkaufen. Es wäre eine Wohltat für das deutsche TV, schlüge jemand ein. Erinnern wir uns nur an die Selbsbejubelung des ZDF, als auf einem seiner Spartensender die – ohne Frage tolle – britische Musiksendung „Later with Jools Holland“ lief. „Rays Guesthouse“ ist „Later with Jools“ für das 21. Jahrhundert und eine gewaltige Chance, junge Musik außerhalb der Charts wieder im Fernsehen stattfinden zu lassen. Mehr zu seiner Idee verriet er im Interview mit Digitalfernsehen.de.

Und sollten Sie, liebe Leser, heute Abend in Hamburg, morgen in Berlin oder übermorgen in München sein – prügeln Sie sich um Karten!

Hinter mir saß in Köln eine Viva-Moderatorin. Je länger der Abend wurde, desto trauriger wirkte sie. Fast hatte ich den Eindruck, sie erkannte: So gut wie Ray Cokes wird sie nie werden.

Previous post:

Next post: