How I met my Leistungsschutzrecht

by Thomas Knüwer on 27. April 2012

“Papa, erzähl uns, wie Du Mama getroffen hast!“

„Aber das ist eine echt lange Geschichte!“

„Egal! Erzähl!“

„Na gut, ihr habt es so gewollt… Also, Kinder, damals in 2012 sah die Welt wirklich anders aus. Das Internet war bei den meisten Menschen schon Alltag. Aber es gab so viele ungelöste Fragen, vor Gericht zum Beispiel. Denn damals durfte man nicht einfach alles so kopieren, wie ihr das heute macht.“

„Echt? Aber das ist doch erst 18 Jahre her…“

„Siehst Du? Das ging alles so furchtbar schnell. Für ältere Menschen waren Zeitungen damals noch wichtig, sie hatten richtig Einfluss..“

„Papa, was ist Zeitung? AU!“

„Hast Du in Geschichte nicht aufgepasst? Dieses Papierzeugs! AU!“

„HÖRT AUF EUCH ZU KNEIFEN! Also die Zeitungen wurden von Unternehmen gemacht, die nannte man Verlage. Die machten zwar Sachen im Internet, aber sie waren nicht so richtig gut darin. Eben nicht so wie euer Onkel Lars. Und deshalb wollten sie ein Gesetz namens Leistungsschutzrecht durchdrücken. Das sollte dafür sorgen, dass die Verlage  was von den Werbeeinnahmen von Google abhaben.“

„Warum? Das ist doch moonig ungerecht!“

„Die Verlage taten so, als seien die kleinen Schnippsel bei den Google-Suchanfragen von ihnen geklaute Inhalte. Wie gesagt: Damals durfte man noch nicht alles so kopieren.“

„Was hat das mit Mama und dir zu tun?“

„Kommt gleich. Über Monate wurde über so ein Gesetz schon geredet und niemand dachte, dass es kommt. Dann aber gab es den Text des geplanten Gesetzes in einem Blog namens Netzpolitik zu lesen. Das machte der Markus Beckedahl.“

„Der Digital-Minister? Moon!“

„Ja, der war damals schon ziemlich fit. Als das raus kam, gab es einen riesigen Aufschrei. Ich war zu der Zeit Student an der Uni und hatte mein erstes Blog gestartet.“

„Und an der Uni hast Du Mama…“

„Nein, ich hab doch gesagt, es ist eine lange Geschichte! Wir haben damals alle Buttons für unsere Seiten gebastelt, „Nicht meine Pressefreiheit“ und so. Alle bekannten Blogger und Youtuber haben gegen dieses Gesetz geschrieben und argumentiert. Aber diese Verlage waren halt ziemlich verzweifelt.“

„Weil keiner ihr Papier wollte?“

„So in der Art. Zumindest immer weniger“

„Warum sollte man das auch haben wollen?“

„Das ist noch mal eine andere Sache. Auf jeden Fall gab es damals noch so Verbände, das waren Zusammenschlüsse von Unternehmen, die versuchten Politiker zu beeinflussen.“

„Wie die Mafia?“

„Jetzt… nicht ganz so. Also nicht mit Waffen und Beton an den Füßen, eher mit Worten. Und der Chef von dem Zeitungsverband, Heinen hieß der, sagte man lasse sich nicht einschüchtern und außerdem habe man doch auf die Kritik reagiert. Zum Beispiel dürften Blogger ja weiter zitieren und man dürfe auch weiter als kleines Unternehmen Sachen aus dem Internet ausdrucken.“

„Wie jetzt? Die wollten das Ausdrucken verbieten?“

„Sie wollten Geld dafür haben. Diese Äußerung sorgte dann über Wochen für Witzfutter. Der CDU/CSU-Innenminister Friedrich…“

„Was ist CDU/CSU?“

„Das waren die Vorläufer der Konservativ Demokratischen Allianz…. Also der Friedrich sagte, die ganze Kritik sei die Tyrannei der Masse. Puh, das war auch nicht schön. Denn es klang so als sei er gegen die Demokratie. Kurz darauf gab es dann die ersten Demos.“

„Und da hast du Mama….“

„Nein! Sie hat aber auch demonstriert. Und wir waren sogar auf den gleichen Märschen, wie wir später festgestellt haben. Ich war damals total verschossen in eine junge Politikerin namens Alina – aber ich hab sie nur von weitem angehimmelt. Ihr kennt sie vielleicht, die war gestern in der Web-Show von Philipp Riederle als Expertin für Netz-Psychologie…“

„Ach die? Kein Wunder, dass Du da keine…“

„Pass auf, was Du sagst, junger Mann! Eure Mutter ist ja zwei Jahre älter als ich. Damals hatte sie gerade ihren ersten Job und nicht so viel Zeit. Die Politiker und Verleger bekamen also plötzlich Angst. Denn die bekanntesten Youtuber hatten ihre Zuschauer aufgerufen, demonstrieren zu gehen. Und deshalb waren da unheimlich viele Jugendliche auf der Straße.“

„Warum habt ihr denn nicht einfach eine Liquid Petition gestartet und das ins Parlament gebracht?“

„Gabs damals alles noch nicht, Kinder. Also, nach zwei Wochen taten die Politiker dann so, als würden sie etwas ändern. Dieses Leistungsschutzrecht wurde minimal abgeschwächt – aber letztlich ging es immer noch gegen Google. Außerdem hatten die Politiker Angst vor der Piratenpartei – das waren die, aus denen später die Die Liberale wurde.“

„Wieso hatten die Angst? Das sind doch Politiker wie die anderen auch – alles lahme Säcke.“

„Damals nicht. Die waren halt schon irgendwie merkwürdig und unorganisiert – aber sie waren ehrlich. Und das unterschied sie von den anderen Parteien. Mit einem Mal gab es Prognosen, die ihnen 10 Prozent bei der Bundestagswahl vorhersagten, da brach das Zittern bei den anderen Parteien aus. Und deshalb beschlossen sie das Leistungsschutzrecht. Ärger gab es auch, weil das in der letzten Sitzung vor der Parlaments-Sommerpause passierte, irgendwann so gegen 23 Uhr. Da waren viele Abgeordnete schon gar nicht mehr da.“

„Aber was hat das mit diesen Piraten zu tun? Und warum sind die nicht bei dem Namen geblieben? Der ist doch knall moonig.“

„Der klang auf Dauer etwas unseriös. Na ja, die Verlage versuchten mit der Politik so zu tun als sei das Internet vor allem was Kriminelles und Merkwürdiges. Am liebsten hätten sie es wohl verboten.“

„Moonig.“

„Jissa. Fünf Minuten nach dem Beschluss brach der Lanz los. Es gab jede Menge Hack-Attacken auf die Homepages des Bundestags, der Parteien und des Axel-Springer Verlages. Der hatte das Thema besonders getrieben, damals war dieser Christoph Keese da am Werk…“

„Der von der FDP?“

„Genau. Die war ja so um 2018 pleite und nachdem Springer ihn feuerte, hat er die neu gegründet. Immerhin hat er ihren Stimmanteil auf 3 Prozent gesteigert – reden kann er ja.“

„Aber wo ist denn nun Mama?“

„Der ging es damals nicht gut. Ihr Arbeitgeber entließ Leute, aber sie war ja ohnehin so mies bezahlt, dass es sich nicht gelohnt hätte sie zu feuern. Sie musste immer mehr arbeiten und eigentlich wollte sie ja gute Arbeit machen – aber unter diesen Umständen… Doch wir kannten uns ja noch gar nicht. Damals nämlich war sie noch mit eurem Onkel Gronkh zusammen.“

„Stell Dir vor – Gronkh als unser Vater! Das wäre soooo coool!“

„Da habt ihr wohl Pech gehabt. Wieviel werdet ihr am Tag der Eröffnung meines Testaments sehen. Also, damals in 2013 sorgten diese Hack-Attacken dafür, dass die Partei-Seiten über Wochen nicht erreichbar waren. Die Seiten von Springer waren nur nen halben Tag weg, die hatten eine bessere Technik. Vor allem eine unseriöse Seite namens Bild.de wackelte nur kurz, genauso Welt.de – das ist die, die später Johnny Haeusler gekauft hat, als Springer sich auflöste. Am Tag nachdem das Leistungsschutzrecht beschlossen worden war gab es ein Droh-Video von Anonymous. Das war so ein lose Verbindung von Hackern. Und die kündigten an, alle Verlage zu attackieren. Das Video tauchte bei 4Chan auf, das war ne ziemlich wilde Seite auf der vor allem Jugendliche mit Hack-Wissen waren. Und die reagierten auf den Aufruf…“

„Und was passierte?“

„Innerhalb einer Woche wurde jede Verlags-Homepage in Deutschland attackiert. Und ich sagte ja schon: Diese Unternehmen waren ja nicht so gut im Internet. Da hat es einigen alles zerschossen. Und Anonymous ersetzte dann die Inhalte mit dem Satz ,Challenge Accepted’ – das war aus einer Fernsehserie…

„Ach, die in 2D, die Oma immer guckt… irgendwas mit Mother.“

„Genau. Es gab Zeitungen, die danach nie wieder eine Internet-Seite gestartet haben.“

„Lanz, echt lanz.“

„Doch so richtig gut war das eben auch nicht. Denn natürlich war das Hacking gegen das Gesetz. Und außerdem nutzte das vor allem die CDU, die war damals an der Macht, um neue Gesetze zur Überwachung des Internets zu fordern. Das wollten damals ziemlich viele, unter anderem gab es so ein Handelsabkommen namens Acta, durch das Online-Anbieter – die waren damals noch nicht staatlich – jede E-Mail und jedes Datenpaket hätten kontrollieren müssen.“

„Wie jetzt? Online-Anbieter?“

„Das war damals noch so ein richtiger Markt. Es gab die Telekom und 1&1 und… ich weiß schon nicht mehr, wie die hießen. So um 2023 stellte man aber fest, dass die Preise absprachen und Daten von Firmen schneller durchleiteten, wenn die dafür zahlten. Diese Firmen bekamen eine riesige Bestechungsklage an den Hals, Youtube musste irgendwie so was um die hundert Millionen zahlen. Und der Staat enteignete eben die ganzen Netzbesitzer und zahlte ihnen Entschädigungen. Dann gründete er die Deutsche Netz AG, die der Udo Vetter jetzt leitet.“

„Aber was ist denn mit Mama?“

„Der ging es immer dreckiger. Sie saß nur noch im Büro, kam kaum raus und musste nach der Pfeife ihrer Chefs ganz oben tanzen. Ich hab doch gesagt: Es ist eine echt lange Geschichte. Denn als die Regierung diesem Acta-Abkommen zustimmen wollte, ging ja die nächste Welle los. Vielleicht habt ihr im Geschichtsunterricht vom Bloody Monday gehört…“

“Diese Demo in Berlin…“

„Die geriet völlig außer Kontrolle. Das war im Herbst 2013. Totales Chaos… Die Veranstalter und die Polizei hatten nicht mit so viel Beteiligung gerechnet, es waren über hunderttausend Leute. Die Polizei machte die Straßen immer enger, es wurde gedrängelt, es wurde aggressiv, irgendwann fing die Polizei an, Leute rauszugreifen und das wollten dann die anderen Demonstranten nicht, es flogen Steine, dann kam Tränengas… schlimm. Fünf Menschen starben damals, darunter drei Teenager.“

„Weil sie demonstrierten?“

„Genau. Und das zwei Wochen vor der Bundestagswahl. Dann ging die Sache so richtig ab. Die ganzen alten Medien schrieben nur von gewalttätigen Demonstranten. Aber natürlich gab es Videos die zeigten, wie aggressiv die Polizei war. Die haben wir Jüngeren dann unseren Eltern und Großeltern gezeigt, sehr viele indem sie die Links auf der Facebook-Wall der Eltern posteten. Viele der Eltern waren ja auf Facebook um zu gucken, was wir Sprösslinge da so trieben. Spätestens jetzt wollten sie dann mal darüber reden, wie das alles so zusammenhängt, das Urheberrecht und so. Ich hab damals mit eurer Oma auch lang geredet. Danach war sie so sauer auf die Verlage, dass sie ihre Zeitung, die hieß „Hannoversche Allgemeine“ gekündigt hat – und sie nie wieder in die Hand genommen hat.“

„Moonig! Hätte nicht gedacht, dass sie so revoluzzerisch drauf war…“

„War sie auch gar nicht. Aber ihr war das Internet ja auch wichtig geworden. Über Facebook bekam sie ja von meinem Leben und von dem eurer Tante Melanie viel mehr mit, als wenn wir nur telefoniert hätten. 2013 war dann ja Wahl. Und die Piraten sollten so um die 10% kriegen. Doch hatten die ihre Anhänger dazu aufgerufen, nicht bei Meinungsumfragen mitzumachen. Diesen Wahlabend werde ich nie vergessen. Je mehr Stimmen ausgezählt waren, desto mehr Prozente bekamen die Piraten. An dem Wochenende war auch der Webvideo-Award von eurem Onkel Markus. Und der hatte für den Sonntag noch eine Wahlparty organisiert, über 200 Leute waren geblieben. Mit jeder neuen Zahl wurde der Jubel lauter, am Ende hatten die Piraten 16 Prozent. Weil aber CDU und SPD je 25 bekamen, bildeten sie eine große Koalition unter der Führung von Angela Merkel.“

„Wo war Mama da?“

„Sie war im Krankenhaus. Damals hatte sie ihren ersten Hörsturz… Schlimm.“

„Geht das noch lang?“

„Kinder, ich hab gesagt, dass es eine lange Geschichte ist… Damals begann so ein komische, unruhige Zeit. Wegen dieses Leistungsschutzrechtes stellte Google seinen Nachrichtendienst ein. Das ließ die Zugriffszahlen der Zeitungsseiten nach unten krachen. Die meisten wollten jetzt ihre Artikel nur noch verkaufen, das hat aber nie richtig funktioniert. Google klagte also mit den Verbänden der IT-Industrie vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Leistungsschutzrecht. Die Verlage klagten gegen Google, weil das Abschalten des Newsdienstes ein Machtmissbrauch von Google gewesen sein soll.“

„Wie jetzt? Die wollten doch nicht, dass Google überhaupt da war…“

„Und nun merkten sie, dass Google ihnen eigentlich Leser gebracht hatte. Aber solche Prozesse dauern echt lang, zwei Jahre lang sich das hin. In der Zwischenzeit hatten sich viele Blogger zusammengetan und verlinkten keine Nachrichtenseiten mehr. Wenn sie die zitierten dann machten sie sie lächerlich. Welt.de zum Beispiel hieß ,Axels Kampfschrift’ und die Rheinische Post, die war in Düsseldorf, nannten sie ,Dorfpostille’. Es entstanden jede Menge Blogs, die nur Fehler von Zeitungen nachrecherchierten – das war super unterhaltsam. Aber bei Teenagern stellte man fest, dass die überhaupt nichts mehr glaubten, was in Zeitungen stand oder im Fernsehen kam. Sympathischer wurden die Verlage auch nicht, als sie anfingen, kleine Blogs mit ein paar Anzeigen wegen des Leistungsschutzrechtes abzumahnen. Damals gründete dann der Udo Vetter auch seine Initiative zur Sicherung der Publikation im Internet.“

„Du schweifst echt ab…“

„Nein. Denn die Folge von alle dem war, dass viele wichtige Themen untergingen. Die Verlage versteckten die ja jetzt hinter Bezahlschranken im Netz – aber es zahlte keiner. Oder man sollte Zeitungen kaufen – machte auch keiner mehr. Und dazu gab es täglich mehrere Shitstorms zu Fehlrecherchen. Das war eine andere Zeit. Auch eure Mutter hat es mal getroffen als sie nen Fehler machte, da bekam sie einen Nervenzusammenbruch.“

„Das war, als sie im Krankenhaus war?“

„Genau. Sie lag sie in einem Zimmer mit eurer Tante Julia, mit der ich damals zusammen war.“

„Und so habt Ihr Euch kennengelernt?“

„Nein. Ich war damals auf Jobsuche und hatte zu viele Vorstellungsgespräche. Das hat sie mir auch übel genommen, kurz danach war Schluss. Na gut, also damals, 2014, merkten die Verlage, wie sie immer weniger Bedeutung hatten. Selbst wichtige Themen, die in Zeitungen standen, wurden einfach ignoriert. Niemand verlinkte auch noch auf ihre Seiten, so dass die auch immer weniger lasen. Also, die paar Seiten, die noch frei zugänglich waren. Das machte das Google-Ranking noch schlechter. Die Verlage aber glaubten, daran sei Google schuld – und eröffneten eine weitere Klage.“

„Sonst fiel ihnen nichts ein?“

„Nein. War in den 15 Jahren davor ja auch nicht der Fall gewesen. Viele Verlage erlebten aber das Ende dieser Prozesse gar nicht mehr. Allein 2014 wurden über 15 von ihnen verkauft, Axel Springer, die WAZ oder DuMont – die Namen müsst ihr alle nicht mehr kennen – kauften alles, was nicht schnell genug auf dem Baum war. Das konnten sie oft nur mit Bankkrediten. Sie hatten dann soviele Schulden, dass sie ein paar Jahre später in Konkurs gingen. Andere Zeitungen wurden von heute auf morgen eingestellt, darunter wirklich bekannte wie die „Frankfurter Rundschau“. All die Verlagsmitarbeiter und Journalisten landeten dann auf der Straße.“

„Das klingt echt wild…“

„War es so aber nicht. Es war mehr so ein dauerndes Gegrummel, das viele Menschen außerhalb der Verlagsbranche gar nicht mitbekamen – denn sie lasen ja deren Blätter nicht mehr. Stattdessen schoss Rivva nach oben.“

„Das Unternehmen von Onkel Holger?“

„Genau. Der war damals gerade freier Journalist nachdem sein Arbeitgeber, ein Magazin namens ,Focus’ Ende 2014 eingestellt worden war. Erst später wurde er dann CEO von Rivva. Eigentlich war das ein automatisierter Dienst. Aber BMW gab das Geld um eine Redaktion aufzubauen. Und die schrieb aus vielen Nachrichtenquellen Artikel zusammen.“

“War das damals denn nicht verboten?“

„Na ja. Sie machten das geschickt und schrieben jedes Wort um. Aus Ablehnung der Zeitungen schrieben sie immer von ,wie in Zeitungen zu lesen ist’. Den Verlagen war das natürlich ein Dorn im Auge – und sie klagten. Aber sie verloren ziemlich schnell nachdem Rivva eine lange Liste von Zeitungsartikeln vorlegte, die ,wie im Internet zu sehen ist’ oder ,Blogs schreiben’ als Quelle nannte.“

„Moonig!“

„Das war damals echt schräg, was da ablief. Rivva wurde jedenfalls immer größer, weil es Artikel nicht auf mehrere Seiten verteilte und auch nur eine Anzeige pro Artikel zeigte. Anfang 2015 hat Rivva erstmals Gewinne gemacht. Und das löste eine Welle von neuen Blogs aus, gerade im lokalen Bereich. Zu der Zeit hab ich dann auch unser Stadtblog gegründet…“

„Unser?“

„Kinder, irgendwann gehört Euch das mal. So wie Johnny Haeusler seinen Kindern die Anteile an der re:publica übergeben hat – und ihr könnte euch vorstellen, dass so ein weltweites Netz von Konferenzen ein gutes Geschäft ist. Ihr werdet vielleicht mal unser Blog-Netz übernehme – also, wenn ihr nicht ständig eure Zeit mit diesen Dronenflug-Wettbewerben vertut…“

„Wann triffst du denn endlich Mama?“

„Bin gleich da. Das Zeitungssterben lief dann immer schneller. Denn auch die Anzeigenkunden merkten ja, was los war. Zudem erreichten sie über gedruckte Anzeigen nicht mehr so viele Menschen. Zum anderen liefen bei jeder schlechten Nachricht über sie, also auch Entlassungen oder Produktfehlschläge, Leute auf ihren Facebook-Profilen auf mit so Sprüchen wie ,Wer noch in Zeitungen wirbt muss ja sterben’. So in der Art halt. Wann immer so jemand so etwas postete, bekam er sofort Likes und Zustimmung. Deshalb zogen sich immer mehr Unternehmen aus der Print-Werbung zurück.“

„Mama war das Stichwort…“

„Gleich. 2016 kippte dann die Große Koalition. Bei den Neuwahlen Anfang 2017 wurden dann die Grünen und die Piraten gewählt. So richtig funktioniert hat das nicht, aber es war zumindest unterhaltsamer. Und Kanzlerin Borchert hielt Internet-Unternehmen und Blogs und so den Rücken frei. Die Prozesse verloren die Verlage dann Stück für Stück, die meisten hörten auf, Zeitungen und überhaupt Journalismus zu machen. Gut war das nicht, denn fünf, sechs Jahre lang waren die Nachrichten von ARD und ZDF noch das beste, was man so bekommen konnte – und die hatten nach dem Werbeverbot ja auch weniger Geld. 2021 wurde dann die letzte Tageszeitung eingestellt, es war die ,Frankfurter Allgemeine’.“

“PAPA!“

„Da hat ja eure Mutter als Redakteurin gearbeitet…“

„ENDLICH!“

„Als die Zeitung dichtmachte bin ich sofort nach Frankfurt um da einen Ableger unseres Blogs zu starten. Nachdem ich mir den ganzen Tag Büros angesehen habe, stand ich völlig platt am Main. Dann hörte ich ein Schluchzen und sah diese wunderschöne Frau am Geländer lehnen…

„Das war Mama!“

„Genau. Ich fragte, was los sei. Und sie erzählte mir, dass sie an dem Tag ihren Job losgeworden sei. Und dass sie nichts neues finden würde, denn sie habe halt nur Zeitungsjournalistin gelernt und nie etwas mit dem Internet gemacht habe. Jetzt könne sie sich wohl auf den Steinbrück VII-Satz einrichten. Ich nahm sie in den Arm, sagte ihr dass alles gut würde und dann sind wir etwas trinken gegangen. Und so habe ich eure Mutter getroffen.”

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