Pinterest and the City

by Thomas Knüwer on 8. Februar 2012

Ein Gespenst geht um in Deutschland (na gut, in dessen Web-interessiertem Bevölkerungsteil) – und es heißt Pinterest. Im März 2010 gegründet wächst der Dienst derzeit exponentiell. Ob dies nachhaltig ist? Lässt sich noch nicht sagen. Für all jene, die den Dienst noch nicht kennen: Pinterest ist eine Art bildorientierte Empfehlungs-Plattform.

Nutzer eröffnen Pinnwände (heißen auch so) und kleben dort Bilder von interessanten Dingen an. Hinter den meisten Fotos verstecken sich aber – und das wird später noch wichtig – Links zu Seiten auf denen diese Fotos zu sehen sind. Die anderen Nutzer können die digitalen Zettel dann mögen und selbst auf ihre Wand montieren. Somit können Nutzer, ganz im Trend der Kuration, zu Nachrichtenfiltern in ihrem Lieblings-Themengebieten werden.

Wieder einmal also haben wir hier einen Dienst dessen Beschreibung zur verständlichen Reaktion “Braucht kein Mensch” führt. Tatsächlich aber schauen wir Menschen sehr gerne auf Fotos. Das ist keine Entwicklung des Web, wie zum Beispiel Zeitungsdesigner wissen: Der erste Blick eines Lesers fällt auf Fotos.

Pinterest scheint Nutzer in beeindruckenden Mengen zu erreichen.  Der Google Ad Planner sieht 13 Millionen Unique Visitor im Monat (90 Prozent davon aus den USA), Comscore bescheinigt ihnen über 11 Millionen monatliche Nutzer in den USA, Compete listet über 7 Millionen. Beide aber sehen die Pinterest im Hockeystick angekommen:

Laut Comscore bleiben die Nutzer durchschnittlich 98 Minuten pro Monat, Facebook kommt auf 7 Stunden. Nur: Pinterest hat eben keine Chat-Funktion, bei der es sich lohnen würde, sie ständig im Hintergrund laufen zu lassen. Beim Weiterreichen von Nutzern ist Pinterest laut Shareoholic schon in der Größenordnung von Twitter gelandet, schon vor Google+.

Vor allem aber ist Pinterest eine Frauen-Seite.

In bestimmten Teilen des Web haben Bilder eben eine herausragende Bedeutung: bei Produkten, bei Kochen und Essen, im Bereich Lebensstil. Diese Felder sind vornehmlich weiblich dominiert (sorry, kein Sexismus – das ist nun mal so). Wir sprechen über die Freunde von Handwerks-Plattformen wie Etsy, von Mama- und Modeblogs, von Schönheitsforen. Dort läuft heute schon ein weiter Teil der digitalen Kommunikation bildorientiert ab.

Faktisch ist Pinterest ein digitaler Samstags-Trip in die Stadt mit ein paar Freundinnen: Hier guckt man in einen Laden rein, dann schaut man auf dem Markt, was man für das Abendessen machen könnte, schließlich geht man einen Kaffee trinken. Und jede er Begleiterinnen kann nach Interessen Informationen teilen: “Das steht Dir super”, “Für den Salat brauchst Du Wildkräuter”, “Hast Du den lustigen Cupcake gesehen?”

Laut Google Ad Planner sind 80% der Pinterest-Nutzer weiblich, im Alter zwischen 25 und 44, gebildet mit mittlerem Einkommen. Besonders überraschend ist die lokale Verteilung der Nutzer. Während digitale Neulinge in den USA für gewöhnlich an der Ost- und Westküste ihren Durchbruch erleben ist bei Pinterest die Mitte der USA vorne. Und so entsteht ganz schnell ein Bild der Nutzerinnen: Junge Mütter und Studentinnen, mit Lust an Kochen und Haushalt – eine Traum-Zielgruppe für viele Werbetreibende.

Wie Unternehmen den Dienst nutzen können, das ist noch offen. Gap zum Beispiel versucht Stimmungsbilder für seine Mode zu vermitteln, die Bio-Supermarktkette Whole Foods liefert Kochinspirationen, der Möbelproduzent West Elm versucht es mit dem gesamten Bereich Inneneinrichtung.

All dies ist noch ein sehr frühes Stadium. Sicher ist: Pinterest entwickelt sich aktuell rasant schnell. Doch es gibt zwei weitere Gründe, warum der Dienst spannend ist: die Monetarisierung und die Bildrechte.

Gemeinhin lassen sich Startups im Bereich Social Media Zeit mit den Einnahmen. Erst eine Nutzermasse generieren, dann den Umsatzschalter umlegen – so die allgemeine Auffassung. Pinterest aber hat heimlich, still und leise etwas eingebaut, das noch gewaltige Wellen schlagen könnte.

Pinterest verwendet einen Dienst namens Skimlinks.Dieser verwandelt automatisch Links auf Produkte in Affiliate-Links. Klickt jemand darauf, landet er beim entsprechenden Angebot eines Online-Shops. Kauft der Nutzer, erhält Pinterest ein paar Prozent vom Umsatz. Das dies einfach so passiert, dürfte manchen Nutzern nicht recht sein, noch dazu da ihre Kontakte vielleicht auf einen Online-Shop gelenkt werden, den sie für nicht empfehlenswert halten. Die Skimlinks-Technologie klingt allerdings sehr interessant.

Und dann ist da noch der zweite Punkt, der vor allem in Deutschland heiß diskutiert wird. Spiegel Online schreibt in bekannter Ausblendung komplizierterer Erwägungen: ”Ein Klick – zack, Hunderte Euros weg“.

Die These: Nutzer laden Fotos bei Pinterest hoch, für die sie nicht die Rechte haben. Spiegel Online schreibt es in boulevardesker Verknappung so:

“Das Anpinnen der Bilder ist eine Urheberrechtsverletzung, wenn der Fotograf dieser Nutzung nicht ausdrücklich zugestimmt hat. Stellt man solche Bilder auf Pinterest, in sein Blog oder ein anderes soziales Netzwerk, macht man sie “öffentlich zugänglich”. Kann der Rechteinhaber herausfinden, wer da sein Bild illegal nutzt – etwa, weil man unter richtigen Namen auftritt – kann er eine Rechnung schicken oder gleich einen Anwalt beauftragen.”

Ähm… Nun ja. So einfach ist das nicht. Zunächst einmal ist nicht das mit dem Fotografen-Fragen relevant, sondern die Rechtelage. Und schließlich gibt es ja Bilder, die rechtefrei sind. Ob ein Foto unter Creative Commons genutzt werden darf, wird dann schon wieder interessanter.

Vor allem aber nutzen nur die kleine Minderheit Pinterest so, wie es Spiegel Online beschreibt. Die Nutzer laden die Fotos nicht im klassischen Sinne hoch, so wie sie es bei Flickr tun. Die meisten pinnen Links an ihre Wand – und aus den Seiten hinter den Links zieht sich Pinterest dann Bilder. Der Nutzer kann dann eben auch entscheiden, welches Bild auf einer Web-Seite er verwenden möchte. Hier ein Beispiel aus einem Spiegel-Online-Artikel:

Und nun beginnt das rechtliche Problem. Die meisten Nutzer dürften davon ausgehen, nichts Böses zu tun. Denn Pinterest hat in Sachen Bilder eine ähnliche Anmutung wie Facebook: Es scheint, der Dienst zieht die Fotos von einer anderen Plattform jedes Mal, wenn ein Pin angezeigt wird. Wäre dem so, und würden die Bildern nicht in der vollen Auflösung gezeigt, so entspräche dies auch der Google-Bildersuche – und die ist rechtens, das hat sogar der BGH geklärt.

Doch das stimmt eben nicht. Pinterest kopiert handfest diese Bilder in sein Reich. Somit werden sie nicht gelöscht, wenn der dahinter liegende Link nicht mehr existiert oder der Betreiber jener Seite ein Foto runternimmt.

Private Nutzer muss das vielleicht nicht so sehr interessieren. Es ist nicht wirklich wahrscheinlich, dass es hier zu Abmahnwellen kommt. Aber Unternehmen betrifft dies: Denn ihnen könnte man vorwerfen, sie müssten wissen, was sie tun. Deshalb sollten sie wohl nur Bilder einstellen, an denen sie tatsächlich die kompletten und dauerhaften Rechte besitzen.

Doch dies ist nur eine grobe Einschätzung. Wieder einmal stellt uns ein Dienst vor neue, große Fragen. Und das ist ja auch das spannende an diesem wilden Dschungel namens Internet.

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