Happy Birthday, Commodore 64

by Thomas Knüwer on 3. Januar 2012

Es gibt Momente in meiner Kindheit und Jugend, die ich komplett vergessen habe, von denen ich heute aber gerne wüsste, was sich genau zugetragen hat. Zum Beispiel jener Tag, an dem ich einen Commodore 64 bekam. Mutmaßlich war dies ein Weihnachtsfest, denn zu Weihnachten gab es immer größere Geschenke als an Geburtstagen.

Und auch wenn ich heute gerne schreiben würde, dass sich von da an meine Welt von Grund auf veränderte, so ist doch höchst wahrscheinlich, dass sie es nicht tat. Denn Videospiele – und das war nun mal der Hauptanreiz in jenen jungen Teenagerjahren – spielte ich auch schon vorher auf dem Atari VCS. Und das Programmieren in Basic – Reiz Nummer zwei – hatte ich schon auf dem Sinclair ZX1 gelernt, der dem Vater meines einst besten Freundes gehörte.

Also war der C64 nur eine Evolution. Immerhin aber eine, die den sozialen Status eines moppeligen Strebers in neue Höhen brachte. Oder besser: in eine andere Sphäre. Denn tatsächlich gab es in meiner Jahrgangsstufe vergleichsweise wenige Commodore-Besitzer. Wer aber den Brotkasten besaß, der war auf Droge – Spieledroge. Ein Tag ohne neues, natürlich raubkopiertes Spiel war kein guter Tag. Es war der Moment, da sich mein Umfeld teilte in C64 und Nicht-C64. Erstere waren vermehrt in der Jahrgangsstufe über und der unter mir zu finden. So tat sich etwas für die damalige Zeit Erstaunliches: Meine besten Freunde waren mit einem Mal entweder älter oder jünger als ich. Dies war zumindest auf dem Münsterländischen Lande höchst Ungewöhnlich.

Der kleine Computer erzeugte ein neues Netzwerk. Und dieses bestand entgegen langläufigen Vorurteilen nicht nur (wenn auch vor allem) aus Männern. Und es setzte sich nicht zusammen aus überernährten Außenseitern. Als Beispiel fällt mir da sofort Rainer ein, eine Stufe über mir (oder waren es sogar zwei?), der einerseits die besten Kontakte zu den Cracker-Kreisen besaß, andererseits aber selbst Rap-Musik mixte. Schlank war er, sah gut aus, war witzig und extrovertiert, versuchte seine Leidenschaft für diesen merkwürdigen Sprechgesang auf uns zu übertragen.

Wenn heute die Rede ist von der “Generation C64″, so ist dieser Begriff ein wenig mit Vorsicht zu genießen. Denn es war eben nicht eine ganze Generation, die jenen Computer besaß. Doch wer ihn hatte, der wurde im Extremfall für immer verändert. Was rund um das Gerät passierte, sollte das digitale Zeitalter prägen, wie Christan Stöcker in seinem sehr lesenswerten Buch (mit dem immer noch doofen Titel) “Nerd Attack” beschreibt.

Und selbst bei jenen, die das nicht so stark empfanden, ist ein tief sitzendes Gefühl der Nostalgie geblieben, das sich regt, wann immer sie einen C64 erblicken. Ein solches Foto ist bei meinen Vorträgen häufig zu sehen und es löst bei vielen im Publikum ein merkwürdig entrücktes Lächeln aus, ein Nachbar-Anstupsen mit den geflüsterten Worten “Den hatte ich auch”.

In dieser Woche wird der Commodore 64 30 Jahre alt. Erstaunlicherweise kann man eine modernisierte Version noch immer kaufen. Vielleicht kommen ja noch ein paar feuilletonistische Betrachtungen und vielleicht gar Lobeshymnen auf jenes erstaunliche Produkt. Derzeit aber finde ich diese nur in einigen Tech-Diensten, die vermutlich (wie ich) aufgrund dieser Techcrunch-Geschichte auf das Jubiläum aufmerksam wurden.

(Dies könnte nebenbei darauf hindeuten, dass eben die allermeisten Journalisten zu jenen Nicht-C64igern gehörten. Zu jenem Teil der deutschen Bevölkerung, der sich fünf Jahre nach der Geburt des Commodore 64 so unfassbar schwer mit Computern tat, wie die Bundestags-Abgeordneten der Grünen.)

Dabei wäre es dringend nötig, einem der erstaunlichsten elektronischen Geräte in der Geschichte der Menschheit Happy Birthday zu wünschen – und einfach mal Danke zu sagen. Also: Happy Birthday, alter Brotkasten. Und danke!

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