Thomas Gottschalk – der Mann, dem wir Hypervernetzten einmal danken werden

by Thomas Knüwer on 23. Januar 2012

Bekennenderweise gehöre ich einerseits zur Blase der Digital-Verrückten und bin andererseits der festen Meinung, dass Deutschland verdammt nochmal endlich begreifen muss, dass Wissen um Online und Medien und Technik künftig zur Grundausstattung gehören muss. Und dass die Ex-Technologienation da gewaltig zurückhängt.

Wann immer klassische Medien über diese Formen von Technik berichten, sind zwei Dinge absehbar:

1. Es ist von Gefahren und Risiken die Rede.
2. Jene, die eher Chancen als Risiken sehen, sind Wahnsinnige, Unheilsbringer, Nerds, Freaks, auf jeden Fall aber um Gottes Willen nicht ernstzunehmen.

Vor allem aber vermeiden sie es seit einem Jahrzehnt, die Medienkompetenz der Bürger anzuheben. Entweder sie tun so, als sei der gemeine Deutsche ein Internet-Analphabet. Dann wird gern mal wieder erklärt, Blogs seien Online-Tagebücher und als Quellen für ein Video wird “Internet” genannt. Oder sie ergehen sich in Angstmacherei.

Viel zu selten einmal aber versuchen deutsche Journalisten ganz unaufgeregt zu erklären, was sich da im Netz so tut, wie neue Dienste funktionieren und warum sich Menschen für sie begeistern (die großartige “Sendung mit dem Internet” ist ja leider nur im Düsseldorfer Lokalfunk zu hören).

Und nun: Gottschalk.

Seine erste “Gottschalk Live” war keine Offenbarung, keine Neuerfindung des Fernsehens, keine Revolution. Aber genau deshalb hat er das Zeug, mehr für die Medienkompetenz der Deutschen zu tun als der Großteil der Restmedien im vergangenen Jahrzehnt.

Seine Early-Night-Show besteht zunächst aus alt bekannten Elementen: eine Einleitung mit aktuellen Nachrichten leicht verwitzt, danach ein Studiogast. Bewusst will er die bedeutungschweren Themen umgehen, es soll leicht und locker bleiben, aber nicht komplett flach.

Vor allem aber versucht er sich in Interaktivität: Facebook wird eingebaut, es wird getwittert und gechattet. Nun ist Gottschalk ja schon ein paar Jahre im Geschäft und kennt sein Publikum. Er weiß: Mutmaßlich sind die Zuschauer einer ARD-Sendung um 19.20… nun ja… im graumelierten Alter. Und so integriert er Social Media nicht so selbstverständlich, wie es “The Voice of Germany” tut. Aber er hält das, was an Ich-erkläre-Euch-das-Netz nötig ist, auf einem erträglichen Niveau. Zitat: “Was ein Hashtag ist, erklär ich Ihnen später mal.”

Dahinter steckt, so scheint es, ein größerer Plan: Gottschalk will Medienkompetenz schaffen. Seine Zuschauer sollen lernen – und zwar mit ihm. Denn natürlich ist er selbst kein großer Web-Kenner. Das war in den vergangenen Wochen zu beobachten, wenn er auf Facebook und Twitter mit den Zusehern-in-spe kommuniziert. Die Freude darüber, dass er da was ins Internet schreibt und Menschen reagieren erinnerte mich an meine Mutter, als sie zum ersten Mal eine E-Mail schrieb – und eine Antwort bekam.

War diese erste Sendung also perfekt? Nein. Im Gegenteil. Für ein öffentlich-rechtliches Programm wirkte sie fast improvisiert. So gibt es bei “Gottschalk Live” keine langen Werbeblöcke, sondern Einzel-Spots. Das treiben dann vielleicht den Preis für einen 30-Sekünder nach oben und senkt die gesamte Werbezeit. Gleichzeitig zerhackt dies aber die Sendung. Und Gottschalk selbst hat es doch wirklich nicht nötig zu betonen, dass er die Stars kennt, dass Heidi Klum in seiner Sendung entdeckt wurde, dass er Nicolas Cage erst ein- und dann wieder auslädt. Das wirkt recht egomanisch.

Doch dies ist ja erstmal ein Anfang. Und er war nicht schlecht. Vielleicht werden wir Viel-Nutzer einmal Gottschalk danken, weil er einen Gegenpol geschaffen hat zu den Anfeindungen der Totholz-Redakteure. Weil es normal ist, das Internet gut zu finden, wenn Thomas Gottschalk es klasse findet.

Allein ein Hindernis sehe ich noch: Wird die Einschaltquote reichen um die Entscheidungsgremien der öffentlich-rechtlichen subventionierten Privatsenderanstalt ARD ruhig zu halten? Oder werden sie “Gottschalk Live” den Saft abdrehen, weil mit einer weiteren Daily Soap, einer Zoo-Reality-Show oder einem weiteren “Wer wird Millionär?”-Abklatsch mehr Werbegeld zu verdienen ist? Mindestens ein Jahr sollte man ihm geben – dann könnte etwas entstehen, das Deutschland tatsächlich bisher fehlt.

Previous post:

Next post: