Shitstorm Warnung: Merck vs. Facebook (und was Facebook lernen muss)

by Thomas Knüwer on 28. November 2011

Nachtrag vom 30.11. vorweg: Die bewusste Merck-Seite ist aktuell offline geschaltet – was die Geschichte noch interessanter macht.

Zu den besonderen Absurditäten der globalen Wirtschaft zählen die beiden Pharmahersteller mit Namen Merck. Der eine sitzt in Darmstadt, der andere in Whitehouse, New Jersey – und beide sind unabhängig voneinander. Tatsächlich war die US-Merck einst die Nordamerika-Tochter der Hessen. Während des ersten Weltkriegs jedoch kam es zu einer Enteignung, deren Hintergründe Wikipedia so erklärt:

“Die Ermittler kamen zu dem Ergebnis, das Merck & Co. sehr „deutsch“ organisiert war. Finanzierung, Organisation und Hierarchie seien sehr konservativ. Diese „deutschen“ Charakterzüge verleiteten die von der zuständigen Behörde betrauten Wirtschaftsprüfer zu dem Schluss, dass „die Entwicklung einer derart vertrauenswürdigen Organisation konnte nicht Schritt halten mit dem Wachstum des Geschäfts.“ Des Weiteren wurde festgestellt, dass sämtliche Gewinne nach Deutschland abgeführt wurden, was im Widerspruch zu den nach außen dargestellten Besitzverhältnissen stand.”

Folge: Enteignung wegen zu viel Deutschsein. Also das Gegenteil von dem, was sich mancher für Griechenland vorstellt.

Wollte man große Worte schwingen, so könnte man nun von einer neuen Enteignung sprechen, passend zum Zeitalter von einer digitalen Enteignung um genau zu sein.

Denn die BBC berichtet von einem Prozess, den die deutsche Merck gegen Facebook anstrengt. Streitgrund: die Facebook-Seite www.facebook.com/merck.

Die deutsche Merck behauptet, sie habe mit Facebook im März 2010 bereits ein Abkommen über die Nutzung geschlossen. Möglicherweise hat sie aber auch schlicht die Seite eröffnet und ihre Anwälte formulieren dies nun großzügig (Merck war bisher nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.). Doch dann waren mit einem Mal die Administratoren-Rechte weg - an die US-Merck:

“Welcome to Merck’s official Facebook page! We would like for you to use this page to learn more about us and what we’re all about. We look forward to hearing from you, learning from you and using this as a launch pad for greater dialogue within the community.”

In den Kommentaren dann wird es interessant. Denn offensichtlich haben die Amerikaner Nachfragen über den plötzlichen Wandel gelöscht. Nun wagen sie dies vielleicht nicht mehr:

So langsam braut sich ein Sturm zusammen. Ob die Winde dafür stark genug werden, ist offen – denn es handelt sich nicht um ein so massenwirksames Thema wie sterbende Orang-Utans, gequälte Hunde oder Sackbahnhöfe. Da es Nutzern nicht möglich ist, direkt auf die Merck-Pinnwand zu schreiben, machen sie ihrem Ärger unter den Artikel des Pharma-Konzerns Luft:

Interessant ist dabei, wie oft der Bericht der BBC verlinkt wird. Möglicherweise emotionalisiert der Bericht über den Missbrauch des Facebook-Ökosystems heutzutage schon ausreichend, um sich auf einer Seite zu tummeln, die ansonsten nicht interessant wäre?

Dabei muss natürlich eines mit Vorsicht genossen werden. Die Pharma-Industrie ist geübt darin, mit gefälschten Digital-Identitäten und Verbraucherstimmen zu arbeiten wie keine andere Branche. Damit behaupte ich nicht, dass Merck Deutschland dies tut, doch gehört das Unternehmen eben so einem Wirtschaftsbereich, in dem solches Vorgehen Alltag ist.

Interessant sind die Schilderungen von Mercks Anwalt beim Versuch, Kontakt mit Facebook aufzunehmen:

“Merck KGaA’s lawyer, Robert Horowitz said he had sent a letter and a series of emails to various Facebook staff asking to discuss what had happened to the webpage.

However, he said the respondents “either did not understand the problem… [or were] intentionally giving unresponsive answers”.

Mr Horowitz said that when he had requested a telephone conversation, one of Facebook’s staff “incredibly replied that ‘no-one is available for a call at this time'”.”

Nun behaupte ich ja immer, der Kontakt mit Facebook ist nicht so schwer. Und vielleicht war es Mercks Fehler, die Zentrale ansprechen zu wollen statt dem deutschen Büro in Hamburg.

Doch immer klarer wird, dass sich bei Facebook etwas ändern muss. Keine Technologie in der Geschichte der Menschheit hat sich schneller verbreitet als das Social Network. Deshalb ist es verständlich, dass die nötigen Strukturen nicht immer aufgebaut sind. Doch hat Facebook in unserer Gesellschaft eine so wichtige Stellung erhalten, dass die Startup-Mentalität als Entschuldigung nicht mehr lange durchgehen wird. Bekommt die deutsche Merck vor Gericht Recht, könnte sie ein Schadenersatzklage anstreben – sowohl gegen Facebook wie gegen die US-Merck. Und wir alle wissen, wie teuer so etwas im Paradies der Anwälte werden kann.

Spätestens dann wird Facebook sich schnell wandeln müssen. Das Unternehmen braucht eine klare Ansprechstelle, eine Art Ombuds-Abteilung für genau solche Streitfälle. Es braucht klare Kommunikations- und Entscheidungswege. Und die so gefällten Entscheidungen werden dokumentiert werden müssen. Da kommt eine verdammte Menge Bürokratie auf das Network zu. Es wäre in seinem eigenen Interesse, es setzte diese Prozesse schnell auf. Denn nach dem Börsengang werden solche Rechtsstreitigkeiten wie jetzt im Fall Merck noch erheblich teurer werden.

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