Die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” empfiehlt Raubkopierer-Seite

by Thomas Knüwer on 20. November 2011

Stellen Sie sich, liebe Leserinnen und Leser, folgende Situation vor: Jemand erzählt ihnen, dass es die frischen Ausgaben einer neuen, viel gelobten TV-Serie, die gerade in den USA läuft, im Internet zu sehen gibt. Gratis. Für Umme.

Würden Sie dies glauben?

Oder käme Ihnen der Gedanke, dass da etwas nicht mit urheber-rechten Dingen zugeht?

Sollte zweiteres passiert sein, so unterscheidet sich ihr Medieninstinkt deutlich von dem der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”-Redaktion. Die berichtet heute in ihrem Reise-Teil über die die nostalgische Aura der untergegangenen Fluglinie Pan Am. Geschrieben hat das Stück Andreas Spaeth, ein freier Journalist, der für viele große Blätter Luftfahrtgeschichten schreibt.

Nun wissen wir nicht, ob die am Ende des Textes aufgeführten Link auch von ihm stammen. Sie enthalten einen bemerkenswerten Fernseh-Tipp:

Jeder einigermaßen web-kompetente Mensch wird sich über die URL jener Seite wundern. Spätestens beim Besuch der Site aber wird ihm klar sein, dass die Sache rechtlich stinkt:

Bei diesem Angebot handelt es sich um eines von vielen, die Filme und Serien sammelt, die anderenorts illegal dargeboten werden.

Womit sich die Frage stellt: Ist dies der “FAS” nicht klar? Oder ist es ihr egal?

Da dieser Text von einem freien Mitarbeiter stammt, dürfen wir davon ausgehen, dass ihn mindestens ein weiterer Redakteur gelesen hat. Angesichts des Magazin-Charakters einer Sonntagszeitung würde ich zumindest einen weiteren Mit-Redigator erwarten. Keinem von ihnen kam die Idee, dass jenes Angebot ein merkwürdiges ist.

Es wäre ein leichtes, nun über die Deppen bei der “FAS” zu schimpfen. Stattdessen aber legt die Episode nur offen, wie unbedarft viele Menschen Urheberrechts-Verletzungen begehen. Vielen ist überhaupt nicht klar, dass die mal eben für Kumpels kopierten CDs ein Rechtsverstoß sein können. Dass jene Seite, auf der sie die coolen, neuen Filme sehen, ebenfalls nicht rechtens ist. Dieses Unrechtsgefühl stellt sich bei vielen nicht ein, weil das Thema Urheberrechtsverletzungen von den Medien fast immer in Zusammenhang mit Teenager gestellt wird. Sie kommen nicht auf die Idee, dass jene Plattform auf der sie selbst “Mad Men” schauen vergleichbar mit jener Kino.to ist, die jüngst zugemacht wurde (archetypisch dafür der Schweizer Rundfunk).

Mit ihrer Darstellung des Internets als Hort der Jugendlichen und Durchgeknallten haben die klassischen Medien das Web als zweite Welt abseits des Lebensalltags ihrer Leser stilisiert. Statt ihnen die Pfade durch das digitale Zeitalter freizuschlagen, haben sie ihnen vorgegaukelt, diese Online-Zone habe nichts mit ihnen zu tun. Doch nicht nur jene Art des Schlauermachens wäre angebracht, genauso könnte natürlich eine Debatte losgestoßen werden, welche Änderungen im Urheberrecht nötig wären. Das passiert aber genausowenig.

Dank dieser Ignoranz spielt auch die Weiterbildung der digitalen Kompetenz in den Redaktionen keine große Rolle. Wer platteste Vorurteile gegenüber Web-Diensten hören möchte, muss nur mit einem großen Teil der Zeitungsredaktionen ein Schwätzchen halten.

Die Folge können dann sogar rechtliche Komplikationen sein. Denn die Verlinkung auf illegale Inhalte ist ja nicht so ganz einfach freigegeben. Dr. Ulrich Luckhaus von Greyhills Rechtsanwälte, der Anwalt meines Vertrauens, sieht das so:

“Nach dem „Schöner Wetten”-Urteil des BGH aus 2004 sollen ja Presseorgane nicht für Hyperlinks auf rechtswidrige Angebote haften, soweit diese als Ergänzung eines redaktionellen Artikels ohne Wettbewerbsabsicht gesetzt werden und der Inhalt der verlinkten Seite nicht eindeutig als strafbar zu erkennen ist.

In der “AnyDVD”-Entscheidung (Heise) beschreibt der BGH in 2010 (entgegen der Vorinstanz OLG München), dass unter den Schutz der Pressefreiheit auch der Link auf rechtswidrige
Angebote gehört. Ein Link sei nicht nur „eine bloß technische Erleichterung für den Aufruf der betreffenden Internetseite”. Er sei „vielmehr in die Beiträge und in die in ihn enthaltenen Stellungnahmen als Belege und ergänzende Angaben eingebettet” und damit sowohl von der Pressefreiheit wie von der Meinungsfreiheit geschützt. Das ganze gilt jedoch nur, wenn ein überwiegendes Informationsinteresse besteht und der Verbreiter sich die Äußerung nicht zu Eigen macht. Der Presse sei zugute zu halten, dass gerade die Schwere eines Rechtsverstoßes ein solch besonderes Informationsinteresse begründen könne. Im Übrigen hatte sich ja Heise den Linkinhalt auch nicht zu Eigen gemacht, sondern deutlich auf die Rechtswidrigkeit des Angebots hingewiesen.

In diesem Beispiel wird ja weder auf die Rechtswidrigkeit hingewiesen noch distanziert man sich von dem Angebot.”

Ich gehe mal davon aus, dass der Abdruck und damit die Förderung eines illegalen Dienstes einfach eine Ausgeburt brachialer Medien-Inkompetenz ist. Doch wie heißt es noch? “Wer schreibt, der bleibt.” Die “FAS” muss sich mit anderen Maßstäben messen lassen, als ein dahin plappernder Backfisch.

Die “Frankfurter Allgemeine” gehört zu jenen Verlagen, die derzeit um staatliche Subventionen in Form des Leistungsschutzrechtes betteln. Angela Merkel will dies auch noch umsetzen, was nur zeigt, dass Deutschland nichts von der jahrzehntelangen und fruchtlosen Förderung der Kohleindustrie gelernt hat. Einerseits also will die “FAZ” bitte, bitte, dass wir alle sie finanziell am Leben erhalten, weil sie angeblich nicht in der Lage ist, angebliche Raubkopierereien ihrer Texte zu unterbinden. Andererseits schickt sie ihre Leser zu Seiten, wo sie raubkopierte Inhalte anderer Branchen finden.

Ich nenne dies das “St. Florian Biedermann-Prinzip”: Dieses wenden Personen an, die einerseits den heiligen Florian um Hilfe bitten, damit er ihr Haus vor dem Feuer verschonen, während sie beim Nachbarn Brandstiftung betreiben oder arglos ein Streichholz in dessen trockenen Busch werfen.

Sie, liebe Leser, dürfen nun selbst entscheiden ob hinter einer “FAZ” oder einer “FAS” ein inkompetenter Kopf steckt – oder ein heuchlerischer.

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