ICE 546 Berlin – Köln/Bonn-Flughafen Eine Medienbeobachtung aus der 1. Klasse

by Thomas Knüwer on 20. Oktober 2011

In der Reihe vor mir ein Paar. Sie schaut auf einem aufgeklappten iPad einen Film, gelegentlich tippt sie auf ihr iPhone. Er arbeitet an einer Excel-Tabelle auf einem Macbook Pro.

Hinter mir zwei Anzugträger, einer weggenickt, der andere arbeitend an einem Dell-Laptop. Gerade legt er es weg und greift zu einem E-Reader von Arcos.

Schräg hinter mir ein weiterer Anzügler, angestrengt auf sein IBM-Laptop eintippend, neben ihm ein iPad. Sein Blick wandert hin und her, anscheinend hat er auf dem iPad Informationen, die er für die Arbeit auf dem Laptop verwendet.

Links wieder ein Anzug, graumeliertes Haar, Lesebrille, ein iPhone 3 in der Hand, Mails beantwortend.

Nur schräg vor mir ein etwas Gedrucktens: Ein Herr im Rentenalter liest in einem Buch.

Der Schaffner geht durch und bietet Zeitungen an, die „Süddeutsche“, die „Welt Aktuell“ und die „FAZ“ sind im Angebot – nur ein paar Reihen weiter hinten finden diese Absatz: bei einer älteren Dame.

Ich selbst sitze vor meinem Macbook Air, das iPhone versorgt mich tethernd mit einer mageren Datenleitung. Ich lese Ruhrbarone. Ulrich Reitz, Chefredakteur der „Waz“, erklärt auf den Medientagen München, das Portal Der Westen werde erneuert, was wie eingestellt klingt und per Pressemeldung schön geschrieben wird. Vielleicht entsteht das, was in einem Unternehmensberatungsentwurf vorgeschlagen wurde und hier zu lesen war: Die Eigenauftritte der Zeitungen betreiben Lokaljournalismus, Der Westen wird zur Boulevardplattform, nackte Haut nicht ausgeschlossen. Die Ankündigung größerer Fotos entspricht meinen früheren Informationen, nach denen die Optik näher an Bild.de rücken soll. Die Waz-Gruppe hat dies damals öffentlich heftig bestritten. Wir dürfen deshalb annehmen, dass die Berichte im Pottblog und hier über jene Änderungen die Geschäftsführung und Herrn Reitz auf die Idee gebracht haben. Bitte, gern geschehen, da nich für.

Vielleicht hat sich die Medienwelt nirgends so schnell und radikal verändert wie in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Denn in Flugzeugen sieht es nicht viel anders aus als hier im ICE 546. Flugreisen sind der einzige Ort, an dem ich selbst noch Zeitungen lese – aus nostalgischen Gründen. Damit aber bin ich zumindest bei den innerdeutschen Flügen der Lufthansa eine Ausnahme. Auch dort ist die Zahl der Tablets angestiegen. Viele offensichtlich Geschäftsreisende benutzen sie zum E-Mail-Lesen, Dokumente-Bearbeiten und Lesen – doch auch bemerkenswert häufig zum Spielen. Und fast immer lautet der Zeitvertrieb „Angry Birds“.

Meedia meldet, dass die Zeitungsauflagen Anlass zur Hoffnung geben. Hoffnung bedeutet: Sie fallen nicht mehr so schnell. Ein Blatt meldet sogar Zuwächse: mein alter Arbeitgeber „Handelsblatt“. Dort sinken zwar weiter die Abo-Absätze, der Einzelverkauf am Kiosk aber schießt nach oben. Glückwunsch. Allerdings: 35% Plus im Jahresvergleich, nachdem es über Jahre hinweg nicht geglückt ist, den Einzelverkauf anzuheben? Und als Erklärung vielleicht die Finanzkrise, die gleichzeitig keine positiven Auswirkungen auf die Verkäufe der „Financial Times Deutschland“ hat? Sorry, da hab ich gewaltige Zweifel. Dieser Anstieg hat einen Hintergrund, den herauszufinden für Medienjournalisten interessant sein könnte.

Der ICE erreicht Hamm. Was hier im Wagen 26 passiert, kann den Zeitungen nicht schmecken. Einige werden hier gratis verteilt. Dies bringt ihnen ein paar Cent, die Exemplare fallen in den von der Auflagenprüfung separat ausgeworfenen Bereich der „Bordexemplare“.

Viel Geld hängt direkt nicht an den Zeitungen, die im Ständer bleiben – aber indirekt. Viele Blätter nutzen die Bordexemplare um ihre Auflage über gewissen Marken zu halten. Einige dieser Marken sind Anzeigenkunden garantiert, andere haben für jene Werbeschalter rein psychologischen Charakter. So hievte die „FTD“ ihre Auflage mit solchen Instrumenten über die 100.000er-Linie.

Wie sehr die Anzeigenpreise durch Auflagendruck leiden, demonstrierte jüngst das „Wall Street Journal Europe“: Offensichtlich schönte das Blatt seine Zahlen mit der Finanzierung von Verkäufen über eine Zwischenorganisation. Folge: Der Geschäftsführer trat ab.

Je mehr Zeitungen jedoch liegen bleiben, desto weniger werden Bahn und Fluglinien abnehmen. Sicherlich wird diese Zahl erstmal nicht auf Null stürzen – aber sie sinkt.

18.31 Uhr, Bochum Hauptbahnhof naht. Im Zeitungsständer liegen noch mindestens 5 „FAZ“ und noch mehr„Süddeutsche“. Auf dem Boden liegt ein blauer Plastiksack, darin noch mehr Zeitungen. Die Zugbegleiterin stopft einen Stapel “Welt Aktuell” in die Ablage.

Die Herren dieser Blätter treffen sich derzeit in München auf dem Medientagen. Es ist ein jährliches Ritual und ebenso ritualisiert sind die Zitate, die aus den Messehallen hinüber klingen. Es gibt dort kein freies Wlan und keine Livestreams. Man ist weitestgehend unter sich, das macht das Leben angenehmer, wenigstens für ein paar Tage.

Werden die Chefredakteure und Geschäftsführer auf der Rückreise im Flugzeug oder der Bahn zur Zeitung greifen? Wird ihnen auffallen, dass sie damit zu einer Minderheit zählen? Oder werden sie selbst Laptops aufklappen und iPads streicheln?

Vielleicht wird ihnen dann klar, dass der Medienwandel auf der Schiene und in der Luft auch eine Chance sein kann. Dass ihre Zielgruppe ja gerne informiert wäre, auch gerne unterhalten. Nur eben nicht mit Stunden alten Nachrichten auf Papier gedruckt. Ghaddafi ist tot, natürlich steht das in keiner Zeitung.

Information und Unterhaltung, das ist eigentlich das Kerngeschäft der Medientage-Besuchern. Nur müssen sie dieses nun übertragen auf neue Endgeräte, aufbereitet in neuen Formen. Oder sie gehen ganz neue Wege: Warum bieten Wirtschaftszeitungen keine Apps für Geschäftsreisende? Warum fesseln sie nicht mit mobilen Wirtschaftsspielen? Und Lokalzeitungen könnten auch mobil so unendlich mehr bieten als Fußball-Bundesliga-Zeugs, das es an jeder App-Store-Ecke gibt. Die Medientage München haben den Gedruckt-Treff ihrer Veranstaltung von Print- in Publishing-Gipfel umbenannt. Vielleicht ist das ein Anlass zur Hoffnung.

Wahrscheinlich aber werden die aus München Abreisenden sich hinter großen Papierseiten verschanzen, abgeschottet von der Umwelt, von den Menschen um sie herum, von der Realität.

In Essen hat die Dame, die als einzige eine Zeitung nahm, diese weggelegt. Sie tippt auf einen Blackberry ein.

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