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Christian Stöcker: „Nerd Attack“

Eigentlich würde jetzt ein vorbehaltloses Lob für das Buch von Spiegel-Online-Redakteur Christian Stöcker folgen. Wenn da nicht der Titel des Werkes wäre – doch dazu später.

Christian gehört zu einer Minderheit unter den deutschen Journalisten. Denn er geht mit Grundoptimismus an technische, vor allem Internet-Themen heran ohne unkritisch zu werden. Doch ist seine Kritik ist eben im Gegensatz zu den Panikmachern im gedruckten „Spiegel“ oder der Beleidigungsrotzern bei RTL fundiert mit Wissen.

In diesen Tagen erscheint sein erstes Buch (Nachtrag: Ups, es gab ein anderes Buch über Second Life). Er reiht sich ein in eine Hand voll Autoren, die vom Ansatz her versuchen eine Art „Generation Golf“ für die Generation Commdore 64 zu schreiben: Sie erzählen die Geschichte digitaler Medien anhand ihrer eigenen medialen Erwachsenwerdung. Dabei überschneiden sich jene Golfer und C64er in gehörigen Teilen. Nur scheint es, die Generation Golf steht heute auf der Offliner Seite – und die Ex-Commodore-Besitzer sind die Onliner.

Den Einfluss dieser ersten Homecomputer-Nutzer auf praktisch alles, was heute digital und vernetzt ist schildert Stöcker schlüssig und schwungvoll – schon lange habe ich kein deutsches Sachbuch mehr gelesen, dass mir sprachlich so viel Spaß gemacht hat (übrigens scheint es mir da immer größere Defizite zu geben). Und, klar, auch ich habe mich wiedererkannt. Erinnerte mich an die Spielenachmittage daheim mit meinem besten Freund, alle dem Raubkopieren und tauschen von Spielen.

Allerdings: Viel Neues gibt es für jene Generation C64 nicht zu lesen. Wer ein wenig im Thema drin geblieben ist, wird die grundlegenden Zusammenhänge kennen. Dann bleibt neben dem Gefühl, nett die Seiten überfliegen zu können nur die Nostalgie: An Namen und Begriffe wie „German Cracking Service“ oder „Dynamic Duo“ habe ich sicherlich 20 Jahre nicht mehr gedacht.

So ist das Buch eher etwas für Non-Digitale, die verstehen wollen, was da passiert. Sie erhalten einen schön geschriebenen und keineswegs euphorischen Überblick über die Zusammenhänge im digitalen Zeitalter. Weshalb dieses Buch zum Kauf empfohlen sei, vor allem für jene, die Eltern oder Freunde davon überzeugen wollen, dass die Beschäftigung mit digitalen Endgeräten nicht automatisch in die soziale Isolation führt.

Womit wir beim einzigen großen Manko des Werks wären: dem Titel.

„Nerd Attack“.

Geht’s noch? Nerd ist in der angelsächsischen Welt auch weiterhin eine Beleidigung.. Wenn schon, dann bitte doch Geek Attack. Aber warum überhaupt „Attack“?

Ein Blick auf den Verlag macht klar, dass es nicht anders kommen konnte. Es ist das Haus von Christians Arbeitgeber. Und in einem chronisch fortschrittshassenden Verlag wie dem „Spiegel“ darf kein alles in allem positives Buch über Internet und Co. erscheinen mit einem möglicherweise augenzwinkernden Titel.

Nein, passend zu all den scheuklappigen, mies recherchierten Anti-Internet-Titeln des „Spiegel“ passt eben nur „Nerd Attack“. Auf dass die Deutschen auch weiterhin furchtbar zittern vor allem, was da neu und innovativ ist. Das wirklich gute Buch von Christian Stöcker hat diesen hirnentleerten, auf dem geistigen Boden des Billig-Boulevards geborenen Titel wirklich nicht verdient.

Nachtrag: OK, OK, zugegeben. Der Titel von Stöckers Buch ist nicht der Tiefpunkt. Den erreicht die „Zeit“, deren Boulevardisierung ja schleichend voran schreitet. Denn deren Redakteure Thomas Fischermann und Götz Hamann haben sich erblödet, ihr Werk unter dem Titel „Zeitbombe Internet“ zu veröffentlichen. Es gab mal Zeiten, da galt die „Zeit“ als Intellektuellenblatt. Tja, damals halt.

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