Google+: nicht Fisch, nicht Fleisch

by Thomas Knüwer on 8. Juli 2011

Seit einer Woche frage ich mich, ob ich zum Sonderling mutiere. Denn seit dieser Zeit versuche ich die an Rosenmontage im Rheinland erinnernde Begeisterung vieler Menschen aus meinem Umfeld für Google+ zu verstehen. Und gedanklich bastele ich seit dieser Zeit auch an dem Blog-Artikel, den sie gerade lesen. Damit Sie am Ende nicht tief enttäuscht und orientierungslos den Browser-Tab wechseln, warne ich Sie lieber schon mal vor: Am Ende dieses Textes werden Sie keine eindeutige Einordnung des neuen Social-Plattform-Versuchs aus dem Hause Großes G bekommen.

Mehrfach am Tag schaue ich bei G+ vorbei. Und immer denke ich: „Nicht viel los hier“. Knapp über 100 Menschen habe ich bislang in Circles gekreist, über 1000 Menschen haben dies bei mir getan. Diese Differenz erinnert an Twitter. Auch hier ist die asynchrone Kommunikationsmechanik ein großer Charme: Ich kann sehen, was viele Menschen so sagen – aber sie müssen mich nicht ertragen. Oder umgekehrt.

Dies macht G+ in der Handhabung unanstrengender als Facebook. Denn bei Facebook muss ich aktive auf jede Anfrage reagieren. Ansonsten bleibt sie in der Anfragerubrik hängen, was psychologisch einen ähnlichen Reflex hervorruft wie die über einem Mail-Programm schwebende Zahl nicht beantworteter Schreiben: Das schlechte Gewissen treibt den Menschen zum Beantworten.

Das Sortieren der eigenen Kontakte in Circles ist zu Beginn so charmant wie ein Baby-Eichhörnchen. Das Aufpoppen der Profil-Fotos beim Verschieben in die Circles – das ist designtechnisch genialisch. Doch solch ein Effekt schleift sich eben auch schnell ab.

Vor allem aber ist das Sortieren von Freunden ja nicht der Hauptzweck eines Social Networks. Das ist die Kommunikation. Die erinnert derzeit sehr stark an die Anfangszeit von Facebook in Deutschland. Über Wochen, ja Monate, waren die Digital-Vielverdrahteten damals die einzigen Kontakte. Sie schrieben viel über Digital-Vielverdrahteten-Themen und kommentierten fleißig. Dann kam der Rest der Menschen – und die Kommentierung nahm Stück für Stück ab.

So ähnlich sieht es jetzt auch aus. Vor allem Digital-Menschen tauchen in egal welchem meiner Kreise auf und sie reden vor allem über Google+ und Facebook. Mit der Freude an Diskussionen und der Anwesenheit vieler Bekannter aus dem Silicon Valley erinnert G+ mich deshalb nicht an Facebook – sondern an die Fragen-Plattform Quora. Sie wird vor allem von Großkopferten genossen, weil sie eine recht stressfreie und gleichzeitig fachspezifische Kommunikation ermöglicht. Wenn G+ irgendeine andere Plattform „killt“ (Medien neigen ja zum verbalen egoshooten), dann sicherlich Quora.

Ganz tolle finden viele der Extrem-Netzer die Möglichkeit, sich in Video-Gruppenkonferenzen zu treffen, den Hangouts. Einen solchen Hangout zu eröffnen ist sensationell einfach. Es gibt viele, viele Möglichkeiten, was man mit Hangouts anstellen könnte: interne Kommunikation in Unternehmen, Wochenendplanung mit Freunden, purer Zeitvertreib. Ach, so viel wäre möglich. Nur nutzt es, zumindest in meinem Umfeld, kein Mensch.

Das könnte mit dem Ansatz als Gruppen-Chat zu tun haben. Natürlich ist das Bild seelenwärmend, das Google da entwirft: Hangouts seien wie die Terrasse nach vorne (wie in US-Nachbarschaften). Wenn jemand dort sitzt, wäre es unhöflich, nicht wenigstens zu grüßen – doch unter Nachbarn geht man auch mal rüber und plaudert ein wenig. Die Realität sieht derzeit anders aus. Schnell werden aus Hangouts nicht nutzbare Durcheinander mit schlechten Sound-Qualitäten.

Wie langweilig scheint da der Facebook-Konter zu sein. Der Instant Messenger wurde ergänzt durch 1:1-Videogespräche mit anderen Nutzern. Tatsächlich aber scheint mir diese Form der Kommunikation viel alltäglicher zu sein als die WG-Party-Atmosphäre bei Hangout.

So bleiben noch die Sparks, eine Art Neuerfindung von Google News. Die lassen derzeit den Funken noch nicht überspringen. Das Ziel scheint absehbar: Sparks liefern die Inhalte, die an andere verteilt werden und so Gesprächsstoff liefern. Wenn jedoch die Welt so ruhig und unspektakulär wäre, wie es die von mir angelegten Sparks erscheinen lassen – dann wäre Suizid aus Langeweile ein Breitensport.

Nun stehen wir in Sachen G+ noch ganz am Anfang. Es dürfte sicher sein, dass zumindest eine Verknüpfung mit Twitter nur eine Frage der Zeit ist. Unternehmens-Präsenzen wurden bereits angekündigt und irgendwann wird es Werbung geben. Wie die Nutzer auf letztere reagieren, wenn die Inhalte der Werbung sich auf das soziale Umfeld beziehen, ist völlig offen.

So, wie G+ derzeit aussieht, wundert es mich, dass Google es so weiträumig frei geschaltet hat. Denn derzeit ist die Plattform nicht Fisch und nicht Fleisch, besser: Sie ist nicht Facebook und nicht Twitter. Klar, sie ist herausragend programmiert. Doch eignet sie sich weder für die schnelle Information, den Puls des Alltags, noch ist sie eine eher ruhige Nachrichtenquelle des sozialen Umfelds: G+ sitzt irgendwo dazwischen.

Mittelpositionen aber sind auf Dauer immer schwer zu halten. Google wird sich entscheiden müssen, was G+ sein soll. Derzeit mache ich keine rechte Vision aus. Das wird sich vielleicht ändern, kommen neue Funktionen hinzu. Doch Stand heute ist meine Reaktion auf den Dienst sehr schulterzuckig und mein Grundgefühl leicht pessimistisch.

Previous post:

Next post: