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6.6.2011 – der Tag an dem Microsoft den Gnadenschuss erhielt

In ein paar Jahren wird sich vielleicht noch mancher an den gestrigen Tag erinnern. Dann, wenn er all die Bücher liest über den Untergang eines Imperiums mit Namen Microsoft. Dann wird er lesen können, dass der IT-Konzern aus Redmond ohnehin schon angeschossen war in jenem Juni 2011. Doch dann präsentierte Apple-Chef Steve Jobs die neuen Versionen der Betriebssysteme Mac OS.X und IOS – und sie waren der Todesstoß für das Reiche Gates.

Sicher: Man darf es verwerflich finden, dass Apple zahlreiche Funktionen, die andere so schon präsent haben, nun auch für sich umsetzt. So ist Marktwirtschaft. Doch hat Apple eben ein Markenzeichen, dass es von der Konkurrenz abhebt: das Versprechen des Funktionierens und der Einfachheit.

Das stimmt so nicht immer. Doch muss ich mich seit meinem Komplettwechsel von Windows zu Mac mit weitaus weniger Computerproblemen herumschlagen, als zu vor. Und das steigert die Produktivität (was für einen Selbstständigen Gold wert ist).

Nun werden zahlreiche Menschen, die eben nicht zur digitalen Avantgarde gehören, sich mit Diensten beschäftigen, von denen sie bestenfalls wussten, dass es so etwas gibt. Virtuelle Festplatten, zum Beispiel. Das Später-lesen von Web-Seiten. Twitter.

Mit der Integration dieser Funktionen versieht Apple sie mit dem Versprechen des Funktionierens. Und weil selbst sehr unkundige Menschen wenig bei einem Apple kaputt machen können, werden sie diese ausprobieren. Und sich ein weiteres Stück von der Möglichkeit der Windows-Nutzung verabschieden.

Als ich im April 2008 aufgrund eines Erlebnisses mit jungen Hamburgern darüber grübelte, ob Apple nicht schon bald Microsoft gefährden könnte, kommentierte Microsoft-Sprecher Thomas Mickeleit:

„…Als Microsoft Mitarbeiter bin ich nicht besorgt. Apple verbindet Consumer Electronic devices sehr ordentlich. Microsofts Ansatz geht darüber weit hinaus. Es geht um die Verbindung der Consumer Welt UND der Business Welt und darum, Nutzern zu helfen, mit der Nutzung der gesamten Bandbreite von Microsoft Produkten produktiver zu werden. Spätestens, wenn die Konfirmandin auch auf SAP Systeme zugreifen will, nahtlos mit mobilen Endgeräten verbunden sein will und Kalender, Aufgaben und Kontakte synchronisieren möchte, komplexe Dokumente austauschen und gleichzeitig bearbeiten will, wird sie erfahren, dass Design nicht alles ist und medialer Hype einen auf die falsche Spur bringen kann.“

Nun, auf SAP trifft das vielleicht noch zu (da bitte ich SAP-Kenner um Kommentar-Meldung). Doch dieses nahtlose, fließende, unkomplizierte Agieren – das liegt nun in den Händen Apples. Schon beim Iphone haben wir gesehen, welche Begehrlichkeiten dies weckt. War das Iphone zunächst ein Telefona non grata in Unternehmen sorgte der Nachfragedruck von Mitarbeitern für ein langsames Einsickern in die Konzerne.

Ähnliches werden wir – wenn auch deutlich langsamer – bei Laptops und stationären Rechnern sehen. Denn die Studenten von heute sind nicht mehr mit Dienstwagen oder Wabenzahl ihres Büros zu locken, wie im vergangenen Jahr eine interessante Studie zeigte. Ihr oberstes Statussymbol ist die Kommunikation. Und das Apfel-Logo ist die öffentliche Demonstration des eigenen Status.

Doch es gibt auch einen wirtschaftlichen Anreiz. Mit den 29 Euro für das neue Betriebssystem pulverisiert Apple Software-Preise: Dies ist künftig der Maßstab, nach dem sich andere richten müssen. Und das bedeutet: Die wichtige Cash-Cow Microsoft Office wird sich nicht entziehen können. Das ist vielleicht gar der härteste Schlag, den MS gestern hinnehmen musste.

Auch weiterhin wird es natürlich Egal-Nutzer geben und Programmierer. Doch so wie einst Apple ein Nischenprodukt war, so wird auf Dauer Windows einen solchen Platz einnehmen. Und dabei ist nicht mal einbezogen, dass die jüngst präsentierten Vorschauen von Windows 8 auf eine tiefe Verwirrung in Redmond hindeuten: Das können die als Betriebssystem für Laptops und stationäre Rechner nicht ernst meinen.

Gestern erhielt eine fundamentale Verschiebung der digitalen Welt einen Anabolika-Schub: Apple ist auf dem Weg, Microsoft zu überholen. Es wird noch ein paar Jahre dauern – aber es wird schneller gehen, als die meisten glauben.

 

Nachtrag vom 9.6.11: Interessant dazu auch Techcrunch: „It just works“.

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